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Aufnahme-Wahn?
Betreff: Aufnahme-Wahn?
Sendungsdatum: 2013-08-19 08:36:00
Ausgabe #: 22
Inhalt:
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Liebe Kammermusik-Freunde,

sind wir einmal ehrlich: Wie viele Tonträger hat ein echter Klassik-Fan in seinen vier Wänden? Sind es mehrere Hundert oder mehrere Tausend? Wie auch immer, kaum mehr kann man bei der Veröffentlichungsflut den Überblick behalten. Mit einer immer noch sich verstärkenden Globalisierung und das Internet hat man ja auch Zugang zu jeder Aufnahmen, die es in der Welt gibt. Aber warum gibt es all diese Aufnahmen, und wozu? Kann es sein, dass dieser Sektor der Musik eine Eigendynamik bekommen hat, die mit der Musik an sich nichts mehr zu tun hat, dass dort Industrien am Werke sind, die eigentlich nur den schnöden Mammon im Visier haben? Nein, ganz so ist es nicht, denn hinter jeder Aufnahme stecken ja auch Musiker, die für ihre Musik brennen.

Dennoch scheint die Flut der Aufnahmen zu groß, kaum zu bewältigen. Und genau dies scheint auch die Ursache zu sein, dass – zumindest im Vergleich mit den Top-Verkaufsjahren zu Beginn der 90er – die Verkaufszahlen rückläufig sind. Aber dennoch scheint es immer noch die Musiker umzutreiben, um beständig neue CDs auf den Markt zu werfen? Warum nur? Sind nicht auch Musiker aktiv, die nicht jedes Jahr eine neue CD anbieten? Doch, sind sie. Dennoch ist es gerade für junge Künstler immer noch so, dass sie eine Visitenkarte benötigen, um sich vorzustellen, bei Agenten, bei Veranstaltern und so weiter. Also macht es bei den heutigen Kosten durchaus Sinn auch sofort eine CD daraus werden zu lassen, was früher vielleicht aufgrund von Kostenersparnissen noch ein Demo-Band war. Und ältere Künstler haben oftmals den Anspruch, etwas zu hinterlassen. Wohlwissend, dass sie nicht ewig auf den Bühnen der Welt spielen können, wollen sie der Welt etwas anbieten, was ihre ganz persönliche Sichtweise von Musik ausmacht. Und da Kammermusik in der Regel – und vor allem die ohne Klavier – recht einfach aufzunehmen ist (soll heißen, kostengünstig), werden gerade in diesem Musikbereich umso mehr Einspielungen vorgenommen.

Aber was soll man machen und wie soll man sich für einen Kauf entscheiden, wenn man die Flut an Veröffentlichungen kaum überblicken kann (vor allem, da die Schallplattenfirmen auch im Kammermusikbereich mehr und mehr ihre Archive durchforsten und historische oder nur 20 Jahre alte Aufnahmen wieder auf den Markt bringen)? Nun, man muss einfach einen Mut zur Lücke und den Mut zu einem vielleicht einmal schlechten Kauf haben. Das ist ja nichts Schlimmes. Immerhin kann man anhand von weniger überzeugenden Einspielungen (was ja letztendlich immer auch subjektiv ist) auch die guten weitaus mehr schätzen. Letztendlich hört man diese dann einfach umso häufiger.

Eigentlich sollte man vor allem eines sein: dankbar für die Vielfalt und das breite Angebot an Interpretationen, dankbar dafür, dass die Musiker den Mut aufbringen, immer wieder die großen Meisterwerke und ein auch unbekanntes Repertoire einzuspielen. Dass die Künstler dabei schwitzen und sich schinden, um die möglichst beste Leistung auf Tonträger zu bannen, ist allein schon ein Wort des Dankes wert …

Also ist es kein Wahn, sondern ein Geschenk, das wir mit dem zunehmenden Aufnahme-markt vor uns haben. Das jedenfalls denke ich.

Ihr ENSEMBLE-Team

Carsten Dürer 

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