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Monothematisierung in Festivals
Betreff: Monothematisierung in Festivals
Sendungsdatum: 2014-08-11 16:50:28
Ausgabe #: 29
Inhalt:
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Lieber Kammermusikfreundinnn und -freunde,

die Kammermusik ist per se eine so weit gefächerte Musikrichtung, dass man sich kaum darauf festlegen möchte, ob es eine wichtigere oder weniger wichtigere Besetzung innerhalb dieser breiten Vielfalt gibt. Gerade moderne Komponisten greifen heutzutage immer wieder zu ungewöhnlichen Besetzungen – auch um Neues zu schaffen. Die Harfe wird da schon einmal mit einer Klarinette plus Saxophon kombiniert, oder die Trompete mit Streichern plus Holzblasinstrument. Das kommt uns deshalb so ungewöhnlich vor, da die Komponisten der vergangenen Jahrhunderte diese Instrumente gar nicht erst zur Verfügung hatten, sie wahrscheinlich aber auch nicht kombiniert hätten, da sie zum Teil nicht als adäquate solistisch einsetzbare Instrumente galten.

Das bedeutet, dass wir immer noch auf die wunderbaren Kerngruppen der Kammermusik blicken, und sie auch hören wollen: Die Streichquartette, die Klaviertrios und die zahllosen Streicher-Klavier-Duo-Besetzungen. Das ist verständlich, wurden doch die großartigsten Werke für diese Kerngattungen geschrieben, spätestens seit dem Ende der Barockzeit. Dennoch ist die Monothematisierung in Festivals für eine dieser Gattungen schon ein bisschen eigenwillig. Auf der einen Seite wollten die Festivals jahrelang aufzeigen wie vibrierend und lebendig die Gattung Kammermusik ist, und wie viele Facetten sie zu bieten hat. Auf der anderen Seite stellt man mehr und mehr fest, dass die Konzerte in vielen Kammermusik-Festivals, die eine der soeben genannten Gattungen thematisiert, besser besucht sind, als andere. Und die lexikalische Erarbeitung einzelner Genres tut das ihrige: Den gesamten Zyklus der Beethoven-Quartette, alle Klaviertrios von Haydn etc. Auch die Schallplattenindustrie geht seit langem diesen Weg: Es muss etwas irgendwann komplett eingespielt sein, um einen langfristigen Bestand zu haben. Seitens der Künstler ist die Erarbeitung gesamter Zyklen eine spannende Aufgabe, für das Publikum ist es ebenfalls ein Traum, einmal alle Werke eines Komponisten gehört zu haben. Aber was hat dies für Auswirkungen? Mehr und mehr Festivals schießen aus dem Boden, die sich einem Instrument, einer Gattung oder Besetzung hingeben. Und da nun einmal die genannten drei Sparten die publikumsträchtigsten sind, werden das Streichquartett, das Klaviertrio oder die Duo-Besetzungen mit Streicher-Klavier favorisiert. Die Bläser haben fast immer das Nachsehen …

Zudem: Führt dies nicht zu einem wirklichen Ungleichgewicht der Bedeutung der Kammermusik-Besetzungen? Wo gibt es denn ein Festival für Bläserquintett oder die Klarinette in der Kammermusik? Das ist die Gefahr, die diese – wenn auch noch so spannenden – monothematischen Festivals nach sich ziehen. Man sollte aufpassen, dass man nicht davon überfahren wird, denn letztendlich verfügt die Kammermusik über ein so breites Spektrum, mit großartigen Werken in jeder Besetzung, dass man auch diese Musik ebenso schätzen sollte wie die Kern-Genres. Obacht ist da geboten.

 

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