6 / 2010 PDF Drucken E-Mail

Image Ausgabe 6 / 2010

  Inhalt

 

bestellen  


ePaper

 

 

Leseprobe:

Emerson String Quartet

Von: Carsten Dürer

Mehr als 36 Jahre Zusammenspiel, eine internationale Karriere, wie es sie nur selten im Kammermusikbereich gibt. Das Emerson String Quartet hat es als eines der wenigen heute noch aktiven Ensembles geschafft, beständig international tätig zu sein. Mehr als 25 Jahre Schallplatten-Aufnahmegeschichte für die Deutsche Grammophon kommen hinzu. Eugene Drucker, Philip Setzer (Violinen), Lawrence Dutton (Viola) und David Finckel (Cello) sind auf allen Podien dieser Welt aufgetreten. Als sie 2010 bei AlpenKLASSIK in Bad Reichenhall auftreten, bitten wir um ein Interview. Und die vier Streicher, die gute Freunde geblieben sind, haben Spaß miteinander, nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Interview – das spürt man in den vielen Randbemerkungen.

Genese und Entwicklung

Ensemble: Sind Sie alle Gründungsmitglieder des Quar-tetts?

Eugene Drucker: Nein, Philip und ich sind Gründungsmitglieder.

Philip Setzer: Wir trafen uns tatsächlich 1969 an der Juilliard School und begannen 1970 in einem Studenten-Streichquartett zu spielen. Aber erst nach Abschluss unseres Studiums begannen wir professionell Streichquartett zu spielen – für ein Jahr. Lawrence kam 1977 zu uns und David 1979. So spielen wir schon über 30 Jahre zusammen.
Ensemble: Aber Sie studierten alle an der Juilliard School?

David Finckel: [lachend] Nein, ich nicht, ich fürchtete mich vor der Juilliard School. Ich bin in New Jersey aufgewachsen und so war die Juilliard School für mich vollkommen beängstigend. Ich hatte gehört, dass man dort einem immensen Wettbewerb ausgeliefert ist.

Eugene Drucker: ... oh, das war so ...

David Finckel: Und ich war nie eine Person, die den Wettbewerb mochte, vor allem nicht, wenn es um Musik geht. So habe ich meine Ausbildung an anderen Orten gefunden. Ich war auf einer anderen Schule, die ich aber dann verlassen habe. Zudem hatte ich schon Konzerte zu spielen, Auftrittsjobs zu absolvieren. So dachte ich, dass ich erst einmal spiele und dann später meine Ausbildung erhalte. Und das dauert bis heute an, ich habe immer noch nicht abgeschlossen. [die anderen lachen]

Ensemble: Wie haben Sie sich dann getroffen?

David Finckel: Wir trafen uns durch den Lehrer von Eugene und Philip, Oscar Shumsky. Er kam mit einem kleinen Orchester nach New Jersey, genau in die Kleinstadt, in der ich lebte. Und ich sollte mit diesem Orchester spielen, da ich ein lokales Talent war. Natürlich brachte Shumsky seine talentierten Studenten mit sich, um im Orchester zu spielen und Leuten wie mir zu helfen [wieder lachen alle], da ich lokal war. Aber in der Kombination mit den angsteinflößenden Studenten von Juilliard formten wir ein ganz gutes Orchester. Und so wurden wir Freunde und ich stellte fest, dass diese Jungs gar nicht so angsteinflößend sind. Als die Gelegenheit kam, dass sie einen neuen Cellisten für das Emerson Quartet suchten, dachten sie an mich – vielen Dank dafür.

Ensemble: Wie kam es denn überhaupt dazu, dass Sie ein Streichquartett formen wollten, war es ein Lehrer, der Sie dazu brachte, oder kam der Wunsch von Ihnen selbst?

Eugene Drucker: Nun, Kammermusik war ein Teil des Curriculums an Juilliard. Wir mussten auch mit Pianisten spielen. Aber wir hatten auch einen familiären Hintergrund, Philip und ich. Mein Vater spielte für zwei Jahre gleich nach dem 2. Weltkrieg im Busch Quartett und hatte auch danach verschiedene Kammermusik-Ensembles. Philips Vater war Teil des Sinfonia Quartet, eines Ensembles, das sich aus Stimmführern von Orchestern zusammensetzte. So war Kammermusik für uns ein Teil der Ausbildung und uns war klar, dass – gleichgültig in welcher professionellen Richtung wir uns entscheiden würden – Kammermusik wichtig bleiben würde.

Ensemble: Also gab es da niemanden, der sie wirklich unterstützte, sondern der Wunsch kam von Ihnen selbst ...

Philip Setzer: Nun, natürlich hatten wir das Juilliard Quartet als Lehrer an unserer Schule, und Robert Mann unterstützte uns sehr.

Lawrence Dutton: Alice Tully unterstützte uns ebenso ...

Philip Setzer: Alle dachten, wir hätten etwas Besonderes – und wir glaubten ihnen. [er schmunzelt]

David Finckel: Als sie mich fragten, ob ich in das Quartett kommen wolle, hatten sie wirklich etwas Besonderes: 60 Konzerte für das kommende Jahr. [alle lachen] Ich schaute mir die Liste an und sagte mir: Wow! Und als ich mich hinsetzte und eine Art Aufnahmeprüfung mit ihnen spielte, war das einfach fantastisch. Wenn man in ein Ensemble kommt, das schon sehr viel zusammengearbeitet hat, dann ist es, als würde man seine Hand in einen gut sitzenden Handschuh stecken, es passt einfach. Es ist so einfach hineinzupassen ...

Philip Setzer: [wieder schmunzelnd] Es war einfach für ihn, aber vielleicht nicht für alle anderen ...

David Finckel: Ich denke, wenn man mit Gastmusikern spricht, die ein Quintett, Klavierquartett oder etwas anderes spielen, bevorzugen die meisten ein festes Streichquartett, da es alles schon zusammenpasst. Und ich erinnere mich immer noch genau daran, die erste Phrase des Ravel-Quartetts, und alles war perfekt intoniert – und ich dachte, das ist großartig. Vielleicht ist heute nicht mehr alles so gut intoniert. [grinst]

Ensemble: Wie viele andere Cellisten haben Sie ausprobiert, bevor Sie sich entschieden?

Eugene Drucker: Einen, ich meine einen anderen ...

Philip Setzer: Ich spielte schon in einem Trio mit David, neben dem Streichquartett. Die anderen hatten das Trio schon gehört und es war recht offensichtlich, dass wir ihn nehmen.

ensemb_le_6_2010_emerson-string-quartet.jpgLawrence Dutton: Ich war immer noch im Studium an Juilliard, als die beiden anderen auf mich zukamen. Bei mir war es vollkommen anders als bei den anderen beiden. Mein Elternhaus hatte nichts mit Musik zu tun. Als ich sehr jung war, war ich in einem dieser Music-Camps im Sommer. Und dort hatte ich mit 13 das erste Mal die Gelegenheit, Streichquartett zu spielen. Und das machte einen immensen Eindruck auf mich. Von diesem Zeitpunkt an – ohne zu wissen, was es bedeuten würde – war dies die Musik, die ich spielen wollte. Und im Studium fand ich die richtigen Menschen, mit denen ich die gesamte Nacht durch Kammermusik las ... so war ich schnell fokussiert auf die Kammermusik. Und ich traf Philip, als wir gemeinsam mit anderen eine Aufnahme spielten. Es war das, was man heute Networking nennt, auch wenn man dies damals noch nicht so bezeichnete. Man traf sich mit Leuten, die genau dasselbe wollten wie man selbst.

Ensemble: Also entwickelte sich alles sehr schnell, wenn Sie schon 60 Konzerte zu spielen hatten, als David Finckel zu Ihnen stieß.

Lawrence Dutton: Ja, es waren bereits 100, als ich dazukam. Und das war nur drei Jahre später.

Philip Setzer: Ja, es entwickelte sich immens schnell.

David Finckel: Nun, Ihr habt den Naumburg-Wettbewerb gewonnen, das war schon etwas.

Philip Setzer: Ja, das ist wahr.

Eugene Drucker: Unser erster Manager sagte: Ich kann euch leicht 20 Konzerte für die kommende Saison besorgen. Ob Ihr dieselbe Anzahl an Konzerten noch einmal bekommt, hängt von euch ab.

Lawrence Dutton: Diese Aussage wäre auch heute noch wahr.

Ensemble: Das war aber der einzige Wettbewerb, an dem Sie teilgenommen haben, richtig? Damals gab es noch nicht so viele Wettbewerbe ...?

Lawrence Dutton: Ich denke, dass es heute zu viele dieser Wettbewerbe gibt, gleichgültig für welches Instrument, für Violine oder für Klavier ...

Ensemble: Das ist wahr, aber auf Streichquartett spezialisierte gibt es ja gar nicht so viele, auch heute nicht.

David Finckel: Nun, lasst uns mal zusammenzählen: Da gibt es Banff, London, ARD, Bordeaux, Borciani, Fisher und ein paar kleinere. Und letztendlich gibt es keinen, der wirklich hervorsticht, wie es früher der Tschaikowsky-Wettbewerb war. Wenn man den gewonnen hatte, dann war das der Start einer Karriere. Dann kamen Leeds und einige der anderen, wie der Queen Elisabeth Competition. Aber für Kammermusik ...

Lawrence Dutton: Nun, als wir dran waren, war dies zumindest für die USA der Naumburg-Wettbewerb. Das hat sich sicherlich geändert ...

David Finckel: Überhaupt ist es doch so bei Wettbewerben, wenn man sich auf ein höheres Niveau begibt, dann spielen alle extrem gut und es ist reine Geschmacksfrage – also kann man jede Art von Jury zusammensetzen, und sie kann sich niemals für einen Gewinner wirklich einstimmig entscheiden. Das klappt nur, wenn alle wirklich schlecht spielen. Beim Streichquartett ist es dann noch zu sehr eine Frage des Spielstils.

Repertoire

Ensemble: Kommen wir auf Repertoire zu sprechen. Sie haben fast jedes wichtige und bekannte Werk der klassischen und der romantischen Periode gespielt. Glauben Sie, dass Sie wirklich schon alle Werke gespielt haben?
Eugene Drucker: Es gibt noch viele Werke, die wir nie gespielt haben, allein etliche Haydn-Quartette.

Lawrence Dutton: Ich weiß nicht, ob ein Leben ausreicht, um alle Werke spielen zu können. Wir haben vielleicht die wirklichen Meisterwerke gespielt – was immer man als solche ansehen mag. Aber es gibt da noch den frühen Schubert, den frühen Mozart – und dann gibt es auch noch diese einzigartigen Wunder im Werkkatalog von Komponisten. So das Kreisler-Quartett oder das Verdi-Quartett, das wir noch nie gespielt haben. Auch wenn sie vielleicht nicht die größten Streichquartettwerke sind, sind es dennoch Werke, die es sich lohnt zu spielen.
Philip Setzer: Es gibt 18 Donizetti-Streichquartette ...

Eugene Drucker: Cherubinis Quartette ... wir haben auch noch nicht das dritte oder vierte Streichquartett von Schönberg gespielt, und das zweite nur einmal und das ist schon eine lange Zeit her und müssen wir erst wieder dahin zurückkehren.

Ensemble: Wie gehen Sie denn zurück zu Werken? Wie proben Sie überhaupt ... regelmäßig?

Lawrence Dutton: Nein, es gibt nichts Regelmäßiges, das ist bei unserem je persönlichen Kalender nicht möglich!

Ensemble: Viele Streichquartette proben ja extrem regelmäßig ...

Lawrence Dutton: Natürlich machen wir das, wenn wir können. Aber das wäre die Ideallösung. Normalerweise haben wir zu unterschiedliche Interessen, sind alle zu beschäftigt mit vielen Dingen. Das Wiedererlernen allerdings ist sehr schwierig. Ich meine, es kommt einem natürlich wieder in den Geist, wenn man sich dransetzt – das ist eigentlich erstaunlich. Aber beispielsweise das Schubert-G-Dur-Quartett scheint, nachdem wir es lange nicht gespielt haben, nicht mehr so leicht wie noch früher. Ich weiß gar nicht: Wann haben wir es das letzte Mal gespielt?

David Finckel: Vor drei Tagen ... [alle lachen auf]

Lawrence Dutton: Ja richtig, das ist großartig ... [lacht auch]

Philip Setzer: [grinsend] Lawrence ist derjenige mit dem Kurzzeitgedächtnis.

Lawrence Dutton: Aber ernsthaft, wenn man zu einem dieser großen Spätwerke zurückkehrt, zu spätem Schubert, spätem Beethoven – ist man wirklich noch beeindruckter, als man schon zuvor war. Ich denke, es ist nun ein sehr guter Zeitpunkt, diese Werke wieder zu spielen, da wir physisch noch in der Lage dazu sind. Aber ehrlich: Wir haben viel mehr seit den früheren Jahren gelernt, haben viel mehr Erfahrungen gesammelt. Natürlich kommen auch die Muskeln wieder hinein, was man da schon mal draufhatte, und man spürt: Wow, das ist richtig schwierig ... aber danach geht es dann wieder.

Das komplette Interview lesen Sie in der Printausgabe von ENSEMBLE 6-2010 oder als E-Paper derselben Ausgabe.
 
< zurück
JSN ImageShow - Joomla 1.5 extension (component, module) by JoomlaShine.com
JSN ImageShow - Joomla 1.5 extension (component, module) by JoomlaShine.com
JSN ImageShow - Joomla 1.5 extension (component, module) by JoomlaShine.com
JSN ImageShow - Joomla 1.5 extension (component, module) by JoomlaShine.com
JSN ImageShow - Joomla 1.5 extension (component, module) by JoomlaShine.com
JSN ImageShow - Joomla 1.5 extension (component, module) by JoomlaShine.com