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Leseprobe:

Man wird nur einmal 30

Aufnahmesitzung des Hagen Quartetts

Von: Carsten Dürer

Es ist tiefster Winter in Deutschland. Seit einigen Tagen liegt auch Berlin unter einer Schneedecke bei tagsüber -6 Grad Celsius. Es ist Anfang Dezember vergangenen Jahres. Das Hagen Quartett hat sich in der Siemens-Villa zusammengefunden, um Mozarts Streichquartett KV 428 aufzunehmen. Schon im Mai desselben Jahres hatte man einige Tage in der Villa verbracht, um für das 30-jährige Bestehen des Quartetts eine Einspielung für das junge Klassik-Label Myrios Classics anzufertigen. Ein Mischprogramm, das sich das Quartett gewünscht hat, soll es werden. Im Mai hatte man bereits Beethovens Op. 59, 2 und Weberns Op. 5 aufgenommen. Nun also in Eiseskälte das übersprudelnde Quartett Mozarts.
Am Vorabend ist das Quartett – bestehend aus Lukas Hagen (1. Violine), Rainer Schmidt (2. Violine), Veronika Hagen (Bratsche) und Clemens Hagen (Cello) – im Kammermusiksaal der Philharmonie Berlin aufgetreten. Nun also die Studiosituation. Am Vormittag hat man vor allem die Mikro- und Toneinstellungen vorgenommen. Dann, am Nachmittag geht es wirklich los. 3. Satz des Mozart-Quartetts, der mit dem aufsteigend-punktierten Thema. Erster Take: eine recht langsame Version, die vor allem in der Wiederholung langatmig erscheint. Pause nach dem Durchlauf des Satzes – lange Pause, keiner sagt etwas. Das Quartett denkt nach, überhaupt sind diese vier Musiker eher zurück-haltend mit Äußerungen, man diskutiert hier in der Aufnahmesituation nicht mehr, man bespricht kurz, ob man das Tempo drosselt oder nicht, und ob es dem Werk förderlich sein wird. Also ein nächster Take, flotter, eher dem Allegro entsprechend. Dann das Abhören beider Versionen, komplett still. Dann die Kritik, nicht aneinander, sondern nur an der Klangbalance. Dann geht es zurück in den Saal: Hier wird dann doch noch einmal diskutiert, wie man den Auftakt zu spielen hat, wie man den Witz stärker herausarbeiten könnte: Veronika Hagen stört, dass es zu breit klingt. Und dann urplötzlich spielen die vier wieder los. Es gibt keine Sichtkontrolle, also muss Stephan Cahen immens auf der Hut sein, um im richtigen Moment den Knopf zu drücken, um das Take „mitzunehmen“. Es erstaunt, dass das Hagen Quartett, das dieses Werk eigentlich schon seit 30 Jahren im Repertoire hat, wie beim ersten Mal an den Feinheiten arbeitet, austariert.
Dann Rainer Schmidt: „Fandet ihr, dass es genug Cello gab?“ Stephan Cahen: „An dieser Stelle in jedem Fall.“ „Ich meinte nicht die Stelle, sondern insgesamt. Und nicht in der Lautstärke, sondern im Engagement.“ Typisch für Rainer Schmidt, der zwischen allen Tönen zu hören versteht. Nachdenken aller und dann wieder ein Take. Man nähert sich langsam einem gemeinsamen Optimum an. Dabei bleibt die Lebendigkeit niemals auf der Strecke. Das ist wichtig, das weiß das Quartett. Man ist schon bald zufriedener, aber immer noch wird zwischendurch immer wieder einmal über grundsätzliche Kleinigkeiten gesprochen. Irgendwie scheint es fast so, als würden alle vier nach und nach tiefer in die Materie eintauchen, auftauen und enthusiastischer arbeiten. Dann kommt auch das erste Eigenlob: „Ich glaube, dieser Schluss war richtig gut.“ Es fehlt nicht an Drive und Willen. Aber man spricht nur leise miteinander, sehr ruhig und fast ängstlich – aber auch eindringlich. Alles bewegt sich auf einem immens hohen professionellen Niveau, sehr konzentriert und auf die Musik eingestellt. Dies liegt sicherlich auch an der langen Zeit, die man sich kennt und zusammenarbeitet. Zwei Stunden lang arbeitet man an einer für alle einleuchtenden Version dieses doch recht kurzen Satzes, der aber doch so filigran und schwierig im Detail ist. Mozart ist Schwerstarbeit – darf aber nicht so klingen.
Weiter geht es mit dem langsamen Satz. Wieder spielt das Hagen Quartett einen Durchlauf und kommt zum Anhören – und bemerkt erstaunt und selbstkritisch, wie langatmig und gleichlaufend die Erstversion klingt, ohne dynamische Konturen. Das ändert sich sofort nach dem Gang zurück in den etwas zu kühlen Saal der Siemens-Villa. Sforzati werden sofort deutlicher gekennzeichnet, vielleicht auch ein wenig überzeichnet. Aber nach einigen Verständigungen kommt dann eine plastisch-eindeutige Aussagekraft zustande, die man so nur selten erleben kann in diesem Satz. Konsequent spielt das Quartett ihn zudem ohne Wiederholungen. Doch dann ist man sich nicht mehr sicher, ob das Tempo nicht doch – trotz des geforderten „Andante con moto“ – zu langsam sei. Und schon sitzen die vier wieder im Saal und probieren es, im Zweierzählzeit gedacht – also vor allem im Atem schneller; und plötzlich macht dieser Satz komplett mehr Sinn. Lukas Hagen bringt es beim wiederholten Probehören auf den Punkt: „Jetzt macht das alles Sinn, zuvor hörte es sich so an, als wollten wir zwanghaft etwas besonders machen, was nicht überzeugend war.“ Der Fluss dieses Satzes ist nun berauschend ehrlich und direkt. Keine Gefahr des Stillstands mehr. Und dynamisch findet man nun auch zu einer enormen Plastizität, die dem Satz weitaus mehr Konturen verleiht. Dann wird wieder gefeilt, an jeder Kleinigkeit, an jedem scheinbar noch so unwichtigen Element. Immer wieder wird im Faksimile des Autographs, das auf dem Pult liegt, überprüft, was der Komponist im Vergleich mit den Herausgebern der modernen Ausgabe sagt. Um sich dann gegebenenfalls darüber hinwegzusetzen, wenn es sinnvoll erscheint.
Allerdings ist Stephan Cahen auch ein Perfektionist, fordert die Künstler zu immer neuen Versionen von bestimmten Stellen, da der Klang noch nicht perfekt ist, „zu fasrig“, wie er oftmals sagt, oder „wenig lieblich“. Und so spielt das Hagen Quartett ohne lange Widerrede oder Diskussion immer und immer wieder Stellen des langsamen Satzes ein. Das Quartett weiß, dass es bei einer CD, die man heute einspielt, um eine Weitergabe für die Zukunft geht.
Es ist auch bei solch einem Quartett immer wieder die Intonation, die in einigen Details gefunden werden muss – ein niemals endendes Thema bei vier Streichern.

Dann, nach vielen Stunden des Feilens und nochmaligen Überdenkens einzelner Passagen das lang ersehnte Ende des Tages. Man kann zufrieden sein mit diesen beiden Sätzen von KV 428, mit Blick auf die beiden anderen Sätze dieses Werks für den kommenden Tag. Ich gehe mit Stephan Cahen und dem Quartett zum Italiener und endlich an diesem Tag wird allen erstmals so richtig warm. Nun ist es auch die richtige Zeit, den Mitgliedern des Quartetts einige Antworten auf Fragen zu entlocken.
Es ist lange her, dass das Hagen Quartett bei der Deutschen Grammophon seine letzte CD eingespielt hat …

Den gesamten Artikel lesen Sie in ENSEMBLE 1-2011.

 
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