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Leseprobe:

Interview

Quatuor Modigliani

Von: Carsten Dürer

Es scheint so, dass es eine fruchtbare Zeit für junge Streichquartette in Frankreich ist. Immer häufiger trifft man auf Ensembles, die sich erst vor einigen Jahren gründeten, aber durch eine gute Ausbildung, die mittlerweile deutlich internationaler stattfindet als noch vor etlichen Jahren, ein immens hohes Niveau in kürzester Zeit erreichen konnten. Eines dieser Streichquartette, die seit etlichen Jahren von sich reden machen, ist das Quatuor Modigliani. Die vier jungen Streicher gründeten ihr Quartett bereits 2003. Mittlerweile haben sie eine große Karriere vor sich, schon vieles aufzuweisen, was ihr Fortkommen fast schon zu garantieren scheint. Die vier in Paris lebenden jungen Männer treffe ich zum Mittagessen in einer guten und für Paris typischen Brasserie.
Ensemble: Sind Sie alle vier in Paris geboren?

Loïc Rio: Keiner von uns! In Paris trifft man eh mehr Menschen, die nicht in dieser Stadt geboren sind.

Philippe Bernhard: Zwei von uns kommen aus Toulouse im Süden, Francois ist aus Limoge und Loïc ist aus Roumont.

Ensemble: So kamen Sie alle nach Paris, um hier zu studieren, oder schon zuvor?

Philippe Bernhard: Nein, wirklich, um die Instrumente zu studieren.

Loïc Rio: Wir haben uns im Conservatoire getroffen ...

Laurent Marfaing: Ja, das Conservatoire National Superieur ist nun einmal der Ort für die letzte Ausbildungsphase und dort haben wir uns getroffen.

Ensemble: Aber es gibt ja noch andere Konservatorien in Paris ...

Laurent Marfaing: Ja, es gibt noch das Conservatoire de Musique Paris.

Philippe Bernhard: Tatsächlich waren wir auf beiden Konservatorien. Denn zuerst waren wir auf dem Conser-vatoire de Musique und trafen uns dort. Als Quartett wechselten wir dann ans Conservatoire Superieur, da das Ysaye Quartett dort unterrichtete.

Ensemble: Wer war es, der Sie dazu brachte, Kammermusik zu spielen?

Loïc Rio: Jeder von uns hatte schon vor der Quartettzeit viel Erfahrung mit Kammermusik. Wir haben in Trios und Quartetten gespielt.

Ensemble: Wer von Ihnen hatte schon ein anderes Quartett zuvor?

Laurent Marfaing: Ich denke, jeder von uns hatte schon im Quartett gespielt.

Philippe Bernhard: Im Konservatorium hat man für die notwendig zu absolvierenden Kammermusikkurse immer schon die Option gehabt, Streichquartett zu spielen. Und so haben wir alle diese Kurse für Streichquartett besucht. Als wir dann begonnen haben, war aber alles vollkommen anders.

Laurent Marfaing: Als wir uns erstmals zusammensetzten, erkannten wir direkt, dass da etwas Besonderes ist, etwas, was man nicht wirklich beschreiben kann, es ist ein Gefühl, dass es gut läuft. Ab den ersten Noten – mögen die nun gut oder schlecht geklungen haben – fühlten wir uns gut.

Loïc Rio: Es war sofort eine Art von Chemie zwischen uns.

Ensemble: Aber wie kam es letztendlich dazu, dass ausgerechnet Sie vier miteinander zusammensaßen, um zu spielen? Hat da einer, vielleicht ein Lehrer, gesagt, Sie sollten es mal versuchen?

Philippe Bernhard: Tatsächlich waren wir alle vier schon miteinander befreundet. Laurent und ich sind aus derselben Stadt, spielten schon in einem Quintett zusammen. Francois und Loïc hatten auch schon eine Kammermusikgruppe. Als wir uns im Conservatoire trafen, wurden wir Freunde, unternahmen viel außerhalb des Conservatoire miteinander. Und so dachten wir irgendwann, warum wir es nicht als Quartett miteinander versuchen sollten.

Ensemble: Es war also wirklich nur ein Ausprobieren?

Laurent Marfaing: Ja, genau das war es.

Philippe Bernhard: Wir versuchten uns an einem Brahms-Quartett, was sehr sehr schwierig war ... [er grinst] So entschieden wir, die Periode zu ändern, und gingen über zu einem Mozart-Quartett. Doch plötzlich hatten wir ein anderes Gefühl als in den Ensembles, in denen wir zuvor spielten – es ist schwierig zu beschreiben ... Ganz am Anfang war es so, dass man spürte, wir alle vier sind dieser Gruppierung vollkommen zugetan, noch bevor sie wirklich geboren wurde.

Ensemble: Und das war 2003?

Laurent Marfaing: Ja, 2003. Es war einfach auch so, dass wir uns plötzlich alle auf demselben Niveau befanden.

Ensemble: Sie suchten damals schon Partner, mit denen Sie langfristig Kammermusik spielen wollten?

Philippe Bernhard: Vielleicht waren sich Francois und Loïc schon dessen bewusst, da sie mehr Erfahrung im Streichquartett hatten, im Gegensatz zu mir. Ich war mir nicht bewusst. Es war mehr die Freundschaft, die wichtig war. Zudem hatte ich meine Studien als Geiger abgeschlossen und so war es eine gute Option, etwas anderes zu tun, und das mit Freunden. Aber ernsthaft wusste ich nicht, dass es der Beginn eines wichtigen Teils meines Lebens sein würde.

Ensemble: Heißt das, dass Sie alle zur gleichen Zeit Ihre Studien abgeschlossen hatten?

Loïc Rio: Nein, wir haben alle andere Studienzeiten.

Laurent Marfaing: Philippe war bereits seit zwei Jahren fertig, ich habe im Jahr der Gründung abgeschlossen, Loïc studierte noch ein Jahr und zwei Jahre waren es noch für Francois. Das war ziemlich hart für ihn, da er noch im Orchester spielte und sich bei uns alles ziemlich schnell entwickelte. Wir haben den Wettbewerb der Jeunesses Musicale in Frankreich gewonnen, und daher spielten wir bereits sehr viel in den ersten Jahren. Das war gut für das Quartett, auf die Bühne zu gehen und beständig zu spielen.

Ensemble: War dies auch einer der Gründe, warum Sie sich als Ensemble so schnell entwickeln konnten?

Loïc Rio: Sicherlich einer der Gründe. Wir erkannten plötzlich, dass wir vielleicht ein professionelles Quartett werden können. Mit diesen Konzerten konnten wir die anderen Aktivitäten einstellen. Wir hatten genügend Geld, um uns das Quartettspiel leisten zu können.

Ensemble: Nur ein Jahr nach der Gründung gewannen Sie den Tromp-Streichquartett-Wettbewerb in Eindhoven. Also muss die Entwicklung recht schnell gegangen sein.

Loïc Rio: Die erste Idee war es, das Repertoire für diesen Wettbewerb einzustudieren. Es gab da eine Menge an Werken, die wir zuvor niemals gespielt hatten. Und als wir nach Eindhoven gingen, war es vor allem deshalb, um zu sehen, wie unser Niveau im Vergleich zu anderen Quartetten ist.

Ensemble: Welches andere, heute noch spielende Quartett war noch im Wettbewerb?

Laurent Marfaing: Da waren das Rubens Quartett und das Abraxas Quartett, die die anderen Preise erhielten.

Ensemble: So war es ein insgesamt gutes Niveau, richtig?

Philippe Bernhard: Wissen Sie, wir spielten 2004 noch nicht so, wie wir heute spielen. Aber das Besondere in der Zeit dieses Wettbewerbs war, dass wir nicht zum Gewinnen dorthin gefahren waren, sondern vollkommen entspannt spielten, einfach nur um zu spielen. Es war einfach …

Ensemble: Aber danach haben Sie nie wieder einen der anderen großen Wettbewerbe gespielt?

Philippe Bernhard: Doch, den Premio Borciani haben wir gleich im Anschluss gespielt und sind bis in die zweite Runde gekommen. Ich erinnere mich so gut daran, da wir dort das Artemis Quartett getroffen haben. Aber wir waren sehr jung, um solch einen Wettbewerb zu spielen. Wir hatten Stücke, die wir noch nicht so richtig konnten, wir waren als Quartett gerade einmal zwei Jahre alt. Das Problem, das wir mit anderen großen Wettbewerben hatten, war die Zeitebene. Der ARD-Wettbewerb war zu früh. Und danach hätten wir wieder sehr lange warten müssen. Zum Borciani-Wettbewerb gingen wir, da wir das Artemis Quartett treffen wollten. Wir hatten das Quartett in Paris gehört und es war eines der besten Quartett-Konzerte, die wir je gehört haben … Aber neben diesen Wettbewerben haben wir dann den Young Concert Competition in den USA gespielt und gewonnen, was eine wunderbare Eintrittskarte in den US-Markt war. Das war 2006.

Ensemble: Wie lange haben Sie dann beim Artemis Quartett in Berlin studiert?

Laurent Marfaing: Es war ja kein wirkliches Studium, wir fuhren immer wieder für einen Tag nach Berlin, um bei ihnen Unterricht zu haben, übernachteten und fuhren wieder zurück nach Paris. Das ging zwei Jahre lang so. Allerdings war das noch die alte Mannschaft mit Volker Jacobsen und Heime Müller.

Philippe Bernhard: Danach hatten wir immer wieder auch Unterricht bei Volker Jacobsen in Hannover, nachdem er schon das Quartett verlassen hatte, da wir ein sehr gutes Gefühl mit ihm hatten. Wir haben so beispielsweise unsere erste CD mit ihm vorbereitet, die Haydn-Einspielung.

Ensemble: War es ein Vorschlag des Artemis Quartetts, zu Walter Levin zu gehen, um auch von ihm zu lernen?

Laurent Marfaing: Nein, Walter Levin haben wir bei ProQuartet in Port Royal getroffen.

Philippe Bernhard: Und wir haben dann auch Unterricht bei György Kurtág und bei Cristophe Coin in Fiesole gehabt. Danach haben wir nochmals mit Kurtág in Paris gearbeitet.

Ensemble: Wann kam dann Ihre erste CD heraus?

Loïc Rio: Ich denke, das war 2006.

Ensemble: Wie kam der Kontakt mit Mirare zustande?

Loïc Rio: Die erste CD war nicht auf Mirare, es war eine Einspielung für ein neues Label des Ysaye Quartetts, das von Harmonia Mundi vertrieben wurde. Wir spielten da Schumanns 1. Streichquartett, Wolfs „Serenade Italienne“ und Mendelssohns 1. Streichquartett ein.

Philippe Bernhard: Die erste CD auf Mirare war dann die Haydn-CD.

Ensemble: War es Ihre Wahl, Haydn einzuspielen, da doch so viele junge Streichquartette im selben Zeitraum ihre Debüt-Einspielung mit Haydn machten?

Philippe Bernhard: Ja, Mirare lässt uns vollkommen freie Hand in der Wahl.

Laurent Marfaing: Ich denke, dass es normal ist, dass man mit Haydn beginnt, da es ja die Grundlage für das Quartettspiel darstellt. Wir hatten viele Haydn-Quartette in Konzerten gespielt.

Philippe Bernhard: Wir hatten eine interessante Diskussion darüber mit dem Artemis Quartett. Sie dachten, dass wir besser in den Mozart-Quartetten wären als bei den Haydn-Werken. Wir fühlten genau andersherum. Sie sagten, dass wir viel länger warten müssten, um bei einem dieser Komponisten wirklich etwas sagen zu können. Aber da wir uns so wohl bei Haydn fühlten, mussten wir es einfach tun. Und das war gut für uns.

Ensemble: Diese CD bei Mirare scheint Ihnen einen Karriere-Kick gegeben zu haben, da weitaus mehr Menschen auf Sie als Quartett aufmerksam wurden, oder?

Philippe Bernhard: Man erreicht natürlich mehr Menschen, die man auf andere Weise nicht erreicht. Das Gute ist, dass Mirare ein Familien-Label ist und sehr stark in Konzerte investiert. Dort hat man verstanden, dass man CDs verkauft, wenn die Künstler auftreten. Daher hatten wir noch mehr Konzerte. Es gibt halt zwei Arten bei Aufnahmen: Man kann entweder viele Konzerte spielen, um das Repertoire der CD zu verkaufen, oder man kann viele Konzerte mit dem Repertoire spielen, um dies dann auf CD einzuspielen. Die Labels mögen sicherlich die erste Variante mehr.

Ensemble: Sie spielten und Sie spielen sicherlich auch heute noch hauptsächlich in Frankreich, richtig?

Philippe Bernhard: Nun, zu Beginn war dies sicherlich so, aber momentan machen die Konzerte in Frankreich vielleicht noch ein Drittel aus.

Ensemble: Wo lag der Knackpunkt für Sie, wirklich auch außerhalb von Frankreich zu spielen? War es der Kontakt zu einer Agentur?

Philippe Bernhard: Ich denke, dass es auch die Wettbewerbe waren. Nach dem Tromp-Wettbewerb spielten wir beispielsweise im Amsterdamer Concertgebouw, das war der erste wunderbare Saal außerhalb von Frankreich, in dem wir auftraten.

Francois Kieffer: Wir spielten auch für René Martin und konnten so in seinen Festivals außerhalb Frankreichs spielen.

Philippe Bernhard: Und der Wettbewerb in den USA war wichtig, denn dadurch spielen wir dort jedes Jahr eine Tour, das war schon wichtig.

Ensemble: Mittlerweile haben Sie mehrere Agenten in unterschiedlichen Ländern, richtig?
Laurent Marfaing: Ja, der Wettbewerb in den USA sorgte vier Jahre lang für die Möglichkeit, Konzerte zu erhalten. Danach haben wir dann einen richtigen Agenten erhalten, auch um das Image zu wandeln, von einem jungen Streichquartett zu einem erwachsenen. Das kam alles aufgrund unseres Agenten in Frankreich, der sich um die Kooperationen mit anderen Agenturen kümmert.

Philippe Bernhard: Es macht einen großen Unterschied, wenn man jemanden im Land hat, der für einen arbeitet. So hatten wir nur drei oder vier Mal in Deutschland gespielt. Aber seit wir bei der Konzertdirektion Schmid sind, ist das viel einfacher geworden.

Ensemble: Warum haben Sie den Namen nach dem Maler Amedeo Modigliani gewählt? Fühlen Sie sich ihm verbunden?

Philippe Bernhard: Nun, als Erstes verbachte dieser Mann die meiste Zeit seines Lebens in Paris, wo auch wir als Quartett arbeiten. Er war ein ganz besonderer Mann im Hinblick auf die Art, seine Kunst zu fühlen und auszudrücken. Er hatte eine eigene Auffassung von seiner Malkunst und dachte, dass er seine Ausrichtung beibehalten sollte. Er hatte eine sehr starke Persönlichkeit, wollte seinen Weg nicht verlassen, da er sich selbst treu bleiben wollte. Es war eine schwierige Situation für diese Art von Maler. Es gab kaum Geld und Unterstützung, wenn man nicht der Mode der Malerei folgte.

Ensemble: Sie fühlen sich als Streichquartett also ähnlich?

Philippe Bernhard: Nein, aber wir denken, dass es wichtig ist, seine Persönlichkeit beizubehalten. Das Leben eines Streichquartetts ist sehr lang. So kann man schnell den eigenen Weg verlassen oder vergessen. Und wir wollen versuchen, dies im Hinterkopf zu behalten, uns als Gruppe nicht aufgrund falscher Motive zu verändern.

Ensemble: Was wären denn diese falschen Motive?

Das gesamte Interview lesen Sie in ENSEMBLE 2-2011
 
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