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Leseprobe:

Selbstbestimmt für die Kammermusik

Ensemble MidtVest

Von: Carsten Dürer

Wenn man an die Kammermusik in Europa denkt, dann denkt man zuerst einmal – neben Deutschland – an Länder wie Italien, Spanien, Osteuropa, ja selbst eher an Russland als an Skandinavien. Haben sich Länder wie Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark mittlerweile gerade in den Gefilden des Jazz erfolgreich etabliert und mittlerweile zahllose und weltweit erfolgreiche Formationen hervorgebracht, ist die Kammermusik in diesen Ländern immer noch im Entwicklungsstadium – denkt man jedenfalls … Aber wenn man genauer hinschaut, gibt es gerade in diesen Ländern schon seit langem zahlreiche erfolgreiche Kammermusikfestivals. Zumindest in Norwegen und Finnland. Aber wie sieht es eigentlich im kleinen Nachbarland Dänemark aus, was passiert dort? Nun, auch dort gibt es Kammermusikaktivitäten. Nur hört man von ihnen vergleichsweise wenig. Eines der aktiven und sicherlich schillerndsten Kammermusikensembles mit variabler Besetzung ist das Ensemble MidtVest, das seit 2002 besteht und im westjütländischen Herning eine Heimat gefunden hat. Wir fuhren nach Herning, um uns einen Eindruck von der Arbeit dieses Ensembles zu verschaffen.
Es ist eine sehr spezielle Geschichte, wie es dazu kam, dass das Ensemble MidtVest heute in Herning seinen Sitz hat. Herning, eine Stadt mit mehr als 45.000 Einwohnern, war ehemals inmitten des weiten Westens des Landes Dänemark ein wichtiger Knotenpunkt für den Handel, dies schon allein aufgrund der dort zusammenlaufenden Eisenbahnstränge. Zudem war die Textilindustrie dort immer ein wichtiger Arbeitgeber und machte die Stadt wohlhabend. Doch was hat dies mit Kammermusik zu tun?
Es ist etwas schwierig und ein wenig einzigartig, was sich da die Regierung in Dänemark ausgedacht hat. Normalerweise konzentriert sich das musikalische Leben auf Kopenhagen, die Hauptstadt im Osten des Landes. Zentralisierung auf die Hauptstadt ist auch in Dänemark allgegenwärtig, vergleichbar mit Paris in Frankreich. Allerdings weiß die Regierung, dass man die kulturelle Unterstützung auch in den restlichen Teilen des Landes bedenken muss. Und da dort nur wenig Raum für ganze Orchester zur Verfügung steht, gibt es fünf Kammermusikensembles, die mit Hilfe staatlicher Unterstützung gegründet wurden. Allerdings könnten die Ensembles von der Unterstützung des Staates alleine nicht leben, und so müssen die Gemeinden und Städte, in denen sie sich ansiedeln und die sie bespielen sollen, auch finanziell aktiv werden. Als 2002 die Region inmitten des Westens ein neues Ensemble erhalten sollte, bewarben sich tatsächlich gleich vier Städte darum, fester Standort für das neue Ensemble zu werden. Herning hatte dann neben den Gemeinden Holstenbro, Ikast-Brande (damals noch nur Ikast, mittlerweile aber ein Gemeindezusammenschluss) und Struer, die sich ebenfalls um den Sitz bewarben, die Nase vorn. Man wollte dem Ensemble, wenn es sich für Herning entscheidet, einen eigenen Saal mit allen dazugehörigen Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Dies war möglich, da zum selben Zeitpunkt ein Museum für moderne Kunst in der Planung war, in das man das Ensemble und seine Spielstätte integrieren konnte. So kam es, dass das Ensemble sich für den Standort Herning entschied und seit der Eröffnung im Jahre 2009 dort im sogenannten Museum „Heart“ seine Arbeits- und Hauptspielstätte gefunden hat.
Da es sich allerdings um feste Planstellen für ein Ensemble handelt, mussten diese erst einmal öffentlich ausgeschrieben werden. Gleich zwei Vorspielstufen wurden eingerichtet: für bestehende Ensembles und für Einzelmusiker. Das zu diesem Zeitpunkt extrem erfolgreiche und vielfach ausgezeichnete Trio Ondine, ein 1999 gegründetes Klaviertrio aus Dänemark, bewarb sich und erhielt als Erstes den Zuschlag. Zudem die Bratscherin Sanna Ripatti. Doch von Anbeginn war klar, dass man auf lange Sicht nicht allein mit dieser Besetzung genügend Bandbreite abdecken könnte, und so wollte man ein Quintett mit Klavier engagieren und fand einen weiteren Geiger und zudem ein Bläserquintett, das aus einzeln engagierten Musikern bestand. Seit 2002 also sitzt das seither unter dem Namen Ensemble MidtVest agierende Kammermusikensemble mit mittlerweile insgesamt 11 Musikern in Herning. Natürlich sind nicht mehr alle Gründungsmitglieder mit von der Partie, es gibt eine Fluktuation, die sich auf jährlich ein Mitglied beschränkt, wie uns der aus Deutschland stammende und seit mehreren Jahren als Geschäftsführer des Ensembles agierende Oliver Quast erklärt. So erneuert sich das Ensemble automatisch immer wieder und behält auch eine junge Altersstruktur bei, was nicht unwichtig ist, wenn man die notwendige Flexibilität dieses Ensembles bedenkt. Allerdings bemerkt Oliver Quast: „Ich hoffe, dass die Fluktuation etwas nachlässt, da ich gerade jetzt den Eindruck habe, dass wir mit den Musikern, die momentan im Ensemble spielen, bestens zusammenpassen. Es sind Musiker, die in jeder Hinsicht zur Programmatik stehen, also auch das improvisatorische Element mittragen.“

Sitz und Repertoire

Das „Heart“ ist ein beachtlicher Museumsbau, der am Rande von Herning liegt und eingebettet ist in eine Ansammlung von unterschiedlichen Bildungs- und Museumseinrichtungen. Das Gebäude ist typisch für moderne Museumsarchitektur, offen, hell, weiträumig. Dort also hat das Ensemble MidtVest auch einen wunderbaren Konzertsaal mit 150 Plätzen erhalten. Neben diesem Saal, der dem Ensemble als Probe- und Konzertraum dient, gibt es einen Bürotrakt, der dem Geschäftsführer, der Pressestelle sowie dem künstlerischen Betriebsbüro Arbeitsplätze bietet. Insgesamt arbeiten dort allein vier Personen fest, um das Ensemble in jedem Bereich nach vorne zu bringen. Doch bei aller Organisation und den Aufführungen im „Heart“ werden selbstverständlich auch die anderen Gemeinden bespielt, die ursprünglich den Sitz des Ensembles haben wollten. Die Musiker sind fest angestellt, haben feste Probenzeiten und Konzerte. Allerdings sind sie in der Besetzung vollkommen flexibel. Das ist auch gut so und so wollen es die 11 jungen Musiker auch, das reizt sie, in das Ensemble MidtVest zu kommen – natürlich neben der Möglichkeit, eine Festanstellung als Kammermusiker zu erhalten. Der Schwerpunkt liegt auf dem klassisch-romantischen Repertoire, in allen Genres, beginnend bei Sonaten für einzelne Instrumente mit Klavier, über Streichquartett, Klaviertrio, -quartett und -quintett, über Bläserquintett bis zu etwas ungewöhnlicheren Besetzungen. Die meisten der Musiker haben längst Erfahrungen mit Kammermusik gemacht, hatten vor ihrem Eintritt zum Teil eigene Kammermusikformationen. Wenn sich dann aber die ehemalige Gruppierung auflöste, sich die Lebenswege trennten, suchten die erfahrenen Musiker nach neuen Herausforderungen. Und die können sie durchaus im Ensemble MidtVest finden.
So erging es auch der jungen Geigerin Ana Feitosa, die erst kürzlich zum Ensemble MidtVest hinzustieß. Zuvor spielte sie im Trio Monte, das 2008 noch beim 1. Internationalen Commerzbank Wettbewerb den zweiten Preis erhalten hatte. „Als man mich damals eingeladen hat vorzuspielen, konnte ich auf keinen Fall eine Vollzeitstelle antreten. Und überhaupt, denke ich, ist es sehr schwierig, einen Musiker mittels eines Probespiels für die Kammermusik zu finden. Es ist zu persönlich, um das mittels eines Probespiels herauszufinden.“ Das ist anders als bei anderen festen Ensembles, die privat finanziert sind. Da probiert man ein neues Mitglied aus und weiß nach manchmal bereits ein paar Takten, ob es passt oder nicht. In Herning gibt es tatsächlich mehrere Runden, bei denen ein Geiger beispielsweise ein Mozart-Konzert und eine Brahms-Sonate spielen muss. Erst danach kommt es zum Zusammenspiel mit dem Ensemble. „Ich wurde eingeladen für ein Projekt“, erzählt Ana Feitosa, „doch auch da wusste ich und das Ensemble noch nicht, ob es gemeinsam klappen könnte. Also wurde ich für noch ein Projekt eingeladen und dann noch einmal – erst danach habe ich einen Vertrag bekommen. Und dann hat man noch ein Jahr Probezeit.“ Seit 2010 ist sie erst festangestellt, obwohl sie schon seit 2008 mit dem Ensemble MidtVest zusammenarbeitet. Wie zu Beginn, so weiß die „Neue“ zu erzählen, will man nun auch wieder verstärkt feste Kernbesetzungen innerhalb des Ensembles etablieren: „Ein Klavierquartett, ein Streichquartett und ein Bläserquintett“, sagt sie und meint, „wenn man dann nämlich in den größeren Besetzungen zusammenkommt, läuft alles viel einfacher.“ Mit den größeren Besetzungen sind meistens höchstens Nonett-Besetzungen gemeint. Aber zum Teil werden es mit einigen Gästen auch schon einmal mehr. Ana Feitosa stammt aus Rio in Brasilien, kam zum Studieren nach Frankfurt und wurde von dort empfohlen nach Dänemark. „Es ist spannend zu sehen, was passiert, wenn die Mitglieder eines solchen Ensembles hier aus unterschiedlichen Ensemble-Erfahrungen kommen. Am Anfang dachte ich, dass dies nicht funktionieren kann, da ja jedes Ensemble eine eigene Dynamik hat. Aber es ist genau das Gegenteil der Fall, die unterschiedlichen Einflüsse sind befruchtend für alle.“ Auch sie fühlt sich privilegiert durch den Job im Ensemble MidtVest.

Organisation

Natürlich ist das Ensemble MidtVest ein sich selbst be-
stimmendes Ensemble, wenn es um die künstlerischen Bereiche geht. Es entscheidet allein über die Programme, über die Tätigkeit neben der festen Anzahl an Konzerten in den Gemeinden, die die Musiker bezahlen. Dabei gibt es zudem noch für alle Bereiche sogenannte Ausschüsse, in denen sich die Musiker zusammensetzen, um über be-stimmte Bereiche zu diskutieren und Entscheidungen zu treffen. Es gibt einen für die Programme, einen für die Karriereentwicklung, einen für die pädagogische Arbeit und einen, der sich mit der Konzertdarstellung beschäftigt. Das allein zeigt schon, dass die momentane Besetzung daran arbeitet, sich beständig mit sich selbst kritisch auseinanderzusetzen, und erkannt hat, dass das Potenzial in Bezug auf die spielerische Qualität größer ist, als man bisher an Bekanntheitsgrad und im Bereich der Außenwirkung erreicht hat.

Nebenwege

Wichtig ist den Ensemblemitgliedern allerdings auch, dass man nicht allein das klassisch-romantische Repertoire über Jahre hinweg immer und immer wieder spielt. Vor allem für die Bläser wäre das Repertoire da ein wenig eingeschränkt. Nun, man probierte vieles aus, arbeitete mit Musikern anderer Kontinente, um deren Spiel- und Musikrichtung zu erlernen und in gemischten Programmen dem Publikum zu präsentieren. Doch bei aller Spannung, die dabei aufkam, bei allem, was man dadurch lernen konnte, so richtig hatte man auch darin seine erweiterte Aufgabe noch nicht gefunden. Dass das klassisch-romantische Kernrepertoire der Mittelpunkt bleiben würde, war klar. Aber dass man den Horizont für beide, Musiker und Publikum, auch erweitern müsste, war eine ebenso ausgemachte Tatsache.

Den kompletten Artikel lesen Sie in ENSEMBLE 3-2011.

 
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