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Leseprobe:

Im Vertrauen zueinander

Danish String Quartet

Von: Hans-Dieter Grünefeld

Durch souveräne Sicherheit im Habitus des Interpretationsstils und eine spontan sympathische Bühnenpräsenz konnte das junge Danish String Quartet innerhalb weniger Jahre viele internationale Wettbewerbsjurys und das Publikum bei Festivals überzeugen. Wir sprachen mit Rune Sørensen (Violine), Frederik Øland (Violine), Asbjørn Nørgaard (Viola) und Frederik Sjølin (Violoncello) über diese Erfolge und ihr Engagement fürs Repertoire von Komponisten ihres Heimatlandes, dessen bedeutendste Auszeichnung im Kulturbereich, der „Carl Nielsen Preis“, im November 2011 an das Ensemble verliehen wird.
Ensemble: Sie nennen sich das Danish String Quartet. Sind Sie nun die offiziellen Repräsentanten der Kammermusik in Dänemark?

Frederik Øland: Sind wir nicht. Das ist eine längere Geschichte. Denn es gab schon zuvor mehrere dänische Quartette mit diesem Namen, und in einem davon war unser Lehrer Professor Tim Frederiksen, wie auch sein Vater und Großvater, gewesen. Diese biographischen Verbindungen wurden für ihn zu einem Generationenproblem, weil er keine Kinder hatte, die ein Streichinstrument spielten. Somit wäre die Traditionslinie unterbrochen worden. Deshalb erschien es legitim, dass wir als seine musikalischen Ziehkinder diesen Namen angenommen haben, um die Tradition fortzusetzen. Wir starteten aber als The Young Danish String Quartet, damit wir nicht unmittelbar mit unseren renommierten Vorgängern verglichen wurden.

Rune Sørensen: Ich würde nicht sagen, dass wir exponierte Repräsentanten der Kammermusik Dänemarks sind. Natürlich, der Name könnte darauf hinweisen, aber da gibt es noch viele andere großartige Ensembles in Dänemark. Wir sind vielleicht etwas privilegiert und auch glücklich darüber, dass wir öfter im Ausland präsent sein können. Wir spielen viel von Carl Nielsen. Nur wenige kennen seine Musik, sodass wir sozusagen Botschafter seines Repertoires sind und daher Referenzen zu unserem Land entstehen. Vielleicht könnte man sagen, dass wir dadurch die Affinität des internationalen Publikums zu diesem Repertoire fördern, indem wir eine außerhalb Dänemarks kaum bekannte Musik auch mit CD-Produktionen vorstellen.

Ensemble: Sie kommen alle aus Dänemark, bis auf Frederik Sjølin aus Norwegen. Wie haben Sie sich als Streichquartett gefunden?

Asbjørn Nørgaard: Wir drei aus Dänemark kommen nicht aus einer Region oder Stadt, sondern haben uns bei verschiedenen Sommercamps kennengelernt, wo junge klassische Musiker in Orchestern und kleinen Ensembles proben. Nachdem wir mehrmals aus Freude zusammen Musik gemacht hatten, ist aus diesen Erfahrungen eigentlich unbeabsichtigt dieses Streichquartett entstanden. Eine Karriere war nicht geplant, sondern sie entwickelte sich irgendwie aus der Praxis. Auch über den Namen hatten wir uns keine Gedanken gemacht, wir waren zu der Zeit erst 15 Jahre alt. Musik machen war für uns das Wichtigste.

Ensemble: Warum interessieren Sie sich besonders für die Musik von Carl Nielsen?

Rune Sørensen: Es ist sehr natürlich für klassische Ensembles in Dänemark, seine Musik zu spielen. Er komponierte vier Streichquartette und die sind alle wirklich gut. Im Jahr 2006 haben wir die Chance bekommen, diese Streichquartette für das dänische Label Dacapo aufzunehmen. Ein solches Angebot kann man nicht ablehnen. Seit diesen, unseren ersten CD-Aufnahmen, ist uns seine Musik sehr nahe. Die Streichquartette sind zudem sehr unterschiedlich, sodass man, da sie in erheblichem zeitlichem Abstand komponiert wurden, die Entwicklung seines Stils erkennen kann. Das erste ist noch sehr romantisch und das letzte schon in ziemlich moderner Tonalität geschrieben.

Ensemble: In Ihrem Repertoire haben Sie einige Werke von Hans Abrahamsen, auch ein dänischer Komponist. Wie haben Sie Kontakt zu ihm und zu seiner Musik bekommen?

Rune Sørensen: Wir haben im Jahr 2004 bei einem Wettbewerb der dänischen Rundfunkanstalt teilgenommen. Da mussten wir uns für ein zeitgenössisches Werk entscheiden und haben uns mit Abrahamsens erstem, sehr kurzem Streichquartett „Zehn Präludien“ auseinandergesetzt. Es ist nicht so schwierig zu spielen, aber dennoch großartig. Ziemlich minimalistisch, würde ich sagen. Es ist in den 1970er Jahren geschrieben worden und hat immer eine positive Wirkung aufs Publikum. Danach hatten wir eine längere Pause mit dieser Musik. Und im Jahr 2008 komponierte er sein drittes Streichquartett. Das ist vollkommen anders als das erste Quartett, denn dazwischen liegt eine kreative Unterbrechung von fast dreißig Jahren. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, weil wir es gerne interpretieren wollten, und in diesem Jahr werden wir es zum ersten Mal aufführen. Wir kennen Hans Abrahamsen außerdem vom Konservatorium in Kopenhagen, wo er unterrichtet, und wir waren auch bei ihm in Seminaren.

Ensemble: Haben Sie mit Hans Abrahamsen seine Werke geprobt? Wenn ja, wie war die Zusammenarbeit?

Frederik Sjølin: Er ist still, und so ist auch seine Musik. Man kann sie kaum missverstehen, sodass unsere Interpretation von ihm prinzipiell akzeptiert wurde. Nur einige Details hat er kommentiert und etwas über den Hintergrund der Komposition erzählt, etwa wie er das Wiegenlied in seinem neuen Streichquartett verwendete, worauf das Werk basiert. Informationen also, die für uns nützlich waren, um die Premiere vorzubereiten.

Ensemble: Die Zusammenarbeit mit einem Komponisten kann von Vorteil sein. Doch wo bleibt Ihre Freiheit als Interpreten?

Frederik Øland: In diesem Kontext hatten wir genügend Freiheit. Hans Abrahamsen ist ein wirklich fast schweigsamer Mensch. Und er ist sehr glücklich, dass wir seine Werke aufführen wollen. Er hat nicht versucht, unseren Interpretationsstil zu beeinflussen, sondern unsere Versionen bestätigt und unterstützt.

Ensemble: Charakteristisch für Ihre Interpretationen ist die Wahrnehmung Ihres Temperaments. Ist das Ihr spezielles Profil und wenn ja, woher resultiert es?

Frederik Sjølin: Wir haben diesen Aspekt der Bühnenpräsenz nicht als für uns genuine Eigenschaft oder Methode diskutiert. Temperament ist bei uns nicht als Effekt kalkuliert, sondern ganz natürlich, so sind wir eben in Konzerten. Das gefällt uns, denn es zeigt, dass wir die gleiche Attitüde zur Musik haben, indem wir spontan untereinander agieren und reagieren.

Asbjørn Nørgaard: Mir scheint dieser Habitus eine Tendenz in Skandinavien zu sein, sich nicht zu strikt an die Rituale klassischer Konzerte zu halten. Während unserer Studien bei Lehrern in Skandinavien und auch in Deutschland haben wir erfahren, dass nicht so sehr auf akademische Akkuratesse geachtet wird, sondern auf die individuelle Freiheit der Interpreten. Es wird ein höherer Risikofaktor akzeptiert, wenn dadurch die Interpretation glaubwürdig bleibt oder sogar erst wird. Die Regeln sind zwar einzuhalten, aber zugleich werden intuitive und spontane Ideen toleriert.

Rune Sørensen: Ja, das ist richtig, denn während eines Konzerts stören uns eventuelle Fehler nicht. Wichtig sind die Stimmung und die Kommunikation untereinander. Und wir wollen das Publikum begeistern.

Ensemble: Das ist überraschend zu hören, denn in Deutschland ist man eher reserviert und erwartet Perfektion. Abgesehen davon, hängt die musikalische Qualität davon ab, welchen Zusammenhalt ein Streichquartett hat. Sind Sie entschlossen, über eine lange Zeitperiode ein unverwechselbares Ensemble-Image zu entwi-ckeln?

Rune Sørensen: Bis jetzt hat jeder von uns viele Projekte unabhängig vom Streichquartett gemacht. Das ist in mancher Hinsicht gut. Aber wenn man wirklich eine Existenzgrundlage in der klassischen Musik anstrebt, muss man sich auf diese Konstellation konzentrieren. Wir wollen jedenfalls versuchen, besonders durch Auslandskonzerte eine Reputation aufzubauen. Wir haben da die gleichen Ambitionen, so gut als Streichquartett zu werden, wie wir können. Dazu braucht man viel Zeit. Wir sind nun zehn Jahre zusammen, aber das ist wenig im Vergleich zu anderen Streichquartetten. Das ist eine Lebensaufgabe.

Frederik Sjølin: Wenn man fähig ist, sich als Individuen in einem Kollektiv zu respektieren, dann kann man über eine lange Zeit zusammenbleiben.

Ensemble: Haben Sie dafür Regeln, um diese Perspektive zu entwickeln?

Asbjørn Nørgaard: Wir haben keine expliziten, sondern Common-Sense-Regeln fürs Alltagsleben und respektieren uns als Freunde, kümmern uns gemeinsam um unsere Angelegenheiten.

Ensemble: Diskutieren Sie bei den Proben die Möglichkeiten einer Interpretation? Wie finden Sie zu einem Konsens?

Frederik Øland: Natürlich diskutieren wir, aber nicht zu exzessiv, und wir kämpfen nicht um eine endgültige Auslegung. Gibt es Probleme, spielen wir solche Passagen mehrmals und schauen, was passiert. Sogar bei Konzerten probieren wir verschiedene Versionen, denn diese Situationen sind inspirierend. Deshalb sind Konzerte für uns sehr wichtig, insbesondere weil man sich dabei schneller entwickeln kann.

Asbjørn Nørgaard: Erfahrungsgemäß können wir nach mehreren Konzerten feststellen, dass wir zu über neunzig Prozent bei einer Interpretation übereinstimmen. So müssen wir oft nur noch an Details weiter arbeiten. In der Konzertsituation hat man ganz andere Gefühle als bei einer Probe. Die Öffentlichkeit verändert die Einstellung zu einem Werk und die jeweils angemessene Spieltechnik erheblich und nachhaltig. Deshalb verschwenden wir nicht unsere Zeit, das Gefühl bei Proben dann auf der Bühne wieder hervorzuholen. Proben legen das spieltechnische Fundament, das sich in spontaner Anwendung bei Konzerten bewähren muss.

Frederik Sjølin: Es gibt nach unserer Meinung kein Dogma für „richtig“. Deshalb streben wir nach Aufführungen, die allgemein akzeptabel sind.

Asbjørn Nørgaard: Unsere größte Herausforderung ist, geeignetes Repertoire zu finden und zusammenzubringen, um zu prüfen, wie viel Zeit wir für welches Werk benötigen, um vorausplanen zu können. Gerade wenn wir auf Tour sind, haben wir kaum Gelegenheit, neue Werke zu studieren.

Ensemble: Wie kommunizieren Sie auf der Bühne?

Rune Sørensen: Das ist sehr unterschiedlich. Weil ich im Konzert manchmal nervös bin, entspannt mich Augenkontakt mit meinen Kollegen. So wird vieles einfacher. Augenkontakt ist aber nicht unbedingt notwendig, weil wir uns schon so lange kennen. Intuition und das Gefühl von Zusammengehörigkeit haben eine gleichwertige Bedeutung für die Kommunikation.

Frederik Sjølin: Jedes Konzert, jedes Publikum, jeder Saal ist einzigartig, sodass man nichts genau antizipieren kann. Man muss in der jeweiligen Situation bestmöglich zurechtkommen. Uns ist bewusst, was wir tun, alle anderen Parameter ereignen sich in Echtzeit und im Vertrauen zueinander.

Ensemble: Vielen Dank für das Gespräch.

www.danishquartet.com

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Anmerkung

Carl Nielsen (1865–1931) war ein dänischer Violinist, Dirigent und Komponist mit nationalem Prestige. Er veröffentlichte 6 Sinfonien, 4 Streichquartette und andere Kammermusik, Konzerte, Klaviermusik, Chorwerke und Lieder. Nach ihm ist die Musikakademie in Odense benannt.             
 
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