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Leseprobe:

Intellekt und Leidenschaft

Szymanowski Quartett

Von: Hans-Dieter Grünefeld

Der polnische Komponist Karol Szymanowski lebte in der Übergangszeit von der Romantik zur klassischen Moderne. Die Bedeutung der Musik seines Namenspatrons möchte das Szymanowski Quartett im historischen Kontext zu anderen Komponisten darstellen. Über dieses Projekt, Interpretationskonzepte und das eigene Kammermusikfest in Lviv (Lemberg, Ukraine) sprachen wir mit Andrej Bielow (Violine, aus der Ukraine), Grzegorz Kotów (Violine, aus Polen), Vladimir Mykytka (Viola, aus der Ukraine) und Marcin Sieniawski (Cello, aus Polen) in der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, wo sie eine Kammermusikklasse unterrichten.
Ensemble: Warum ist das Quartett nach einem polnischen Komponisten benannt, aber zwei von Ihnen sind aus Polen, und zwei aus der Ukraine?

Grzegorz Kotów: Die binationale Besetzung passt genau zu uns, denn Karol Szymanowski ist in Tymoszówka, früher Gouvernement Kiew, geboren. Damals gehörte diese Region zu Polen. So wie in den Familien von Vladimir und Andrej noch heute sowohl Polnisch als auch Ukrainisch gesprochen wird, verwendete man auch zur Zeit, als Szymanowski lebte, beide Sprachen.  

Ensemble: Wie ist Ihre Formation entstanden und warum sind Sie nach Deutschland gekommen?

Grzegorz Kotów: In Polen hatten wir unser Studium fast abgeschlossen und schon an Solo-Wettbewerben teilgenommen. Vor ungefähr 17 Jahren haben wir uns in Warschau gefunden, dort als Quartett angefangen und dann richtig darauf konzentriert. Da war der Eiserne Vorhang in Europa gerade geöffnet. In Polen hatten wir aber keinen Zugang zu allen wichtigen Quartett-Aufnahmen, es gab nicht alle Noten in kritisch-wissenschaftlichen Editionen, sodass wir nicht wussten, welche Ausgaben maßgeblich sind. Aber wir wollten diese Informationen und uns fundierter ausbilden lassen.
Um wirklich ein akzeptables Niveau zu erreichen, haben wir uns schließlich entschlossen, dahin zu gehen, wo die Quartett-Tradition entstanden ist. Wir dachten, wir gehen entweder nach Österreich, genauer: Wien, oder nach Deutschland. In Polen gab es natürlich Quartette, aber wir wollten nicht nur „von außen lernen“, sondern im Zentrum dieser speziellen Musikkultur und deren Atmosphäre nahe sein. Wir entschieden uns dann für Deutschland, um bei Hatto Beyerle in Hannover zu studieren.

Andrej Bielow: Zwar wird die Quartett-Kultur jetzt in Polen besser gefördert, aber noch nicht in dem Maße wie in Deutschland. In der Ukraine und in Russland ist die Kammermusik eher eine Nische, und deswegen gibt es keine wissenschaftlichen Notentexte. Es stammt alles noch aus der Sowjetzeit. Obwohl das System für die Grundausbildung sehr breit und ganz gut ist, gibt es ein Limit. Das war auch einer der wichtigen Gründe, weshalb wir nach Deutschland gekommen sind und uns in Hannover niedergelassen haben.
Ensemble: Ein Stichwort in Ihren Biographien ist auch „Grenzgänger“. Ist es für Sie deswegen eine Aufgabe, ost- und westeuropäische Traditionen zu vermitteln?

Marcin Sieniawski: Zu Lebzeiten von Karol Szymanowski waren die Nationen ziemlich geschlossen und undurchlässig für Einflüsse von außen. Und so wie er sich auf den Weg machte, um andere europäische Musikkulturen kennenzulernen, sind auch wir gen Westen gezogen. Daraus ergibt sich eine Spannung zwischen Kulturen, sodass wir nicht behaupten können, uns nun vollkommen als Deutsche zu fühlen. Deshalb ist der Begriff „Grenzgänger“ schon richtig, wenn man darunter versteht, dass wir weder ganz von der polnisch-ukrainischen Tradition losgelöst noch ganz im westeuropäischen Milieu angekommen sind. Wir pendeln nicht nur geographisch zwischen den Ländern, sondern das ist auch unser Lebensgefühl und dementsprechend versuchen wir unsere Programme zu gestalten, damit sie zu unseren Charakteren und unserer Situation passen.

Andrej Bielow: Wie bei einem Konzert in Eisenstadt, wo wir das Glück hatten, in dem Saal zu spielen, wo Josef Haydn seine Quartette komponiert hat. Da haben wir Haydn, Beethoven und Penderecki miteinander konfrontiert und versucht, Korrespondenzen aufzuzeigen.

Ensemble: Offenbar haben Sie sich mit solchen Verbindungen intensiv beschäftigt und osteuropäisches Repertoire nach Westen exportiert. Wie haben Sie besonders geeignete Werke gefunden und ausgesucht?

Vladimir Mykytka: Programme kommen nicht einfach so von selbst zustande und wir möchten nicht pro Saison bestimmte Angebote machen. Wir suchen ziemlich lange danach, was zu uns emotional passt. Wir sind nicht auf eine bestimmte Epoche festgelegt, sondern spielen alles von der Renaissance bis zu sehr modernen Werken. Unsere Programme sind meistens aus klassischen und modernen Werken sowie auch Romantik konstruiert.

Grzegorz Kotów: Mit unserer CD-Reihe zu Szymanowski möchten wir zeigen, dass er in konkreten Kontexten gelebt und gearbeitet hat, und nicht strikt in nationalen Grenzen gedacht hat. In seiner Zeit haben die Künstler sich anders bewegt und anders gedacht als heute. Sogar in Polen wird ignoriert oder zumindest verdrängt, dass Szymanowski ein europäischer Komponist war, sein Stil nicht auf ein Land zu fixieren ist. Als junger Mann ist er nach Wien gefahren, und dann hat er Paris entdeckt, und was er da erlebt hat, hat ihn sehr beeindruckt. Seine Biographie passt deshalb auch ins Europa der Gegenwart und ist durchaus aktuell. Künstler damals wie heute haben Offenheit gesucht. Szymanowski war sehr von Wien beeindruckt, dort hat er zum ersten Mal Musik von Richard Strauss und Gustav Mahler gehört. Diese Erfahrungen haben seine Musik sehr beeinflusst. Und das wollen wir zeigen, und nicht einfach, dass ein polnisches Streichquartett polnische Musik spielt. Seine Musik ist durchaus nonkonform, denn die beiden Quartette unterscheiden sich erheblich, eins hat klassisch-spätromantische Attribute, das andere französische und Einflüsse von Folklore, die damals sehr populär war. Doch Szymanowski hat Folklore nicht einfach adaptiert, sondern seinen eigenen Stil entwickelt, und zudem Musik aus Russland kennengelernt und sich zu eigen gemacht.
Andrej Bielow: Die CD mit Quintetten von Schostakowitsch und Weinberg wollten wir eigentlich mit Vladimir Krainev aufnehmen. Er unterrichtete ja auch hier in Hannover, wo er im April 2011 starb. Er hatte direkten Kontakt zu russischen Komponisten wie Alfred Schnittke, der ihm ein Klavierkonzert widmete. Mit ihm hatten wir bereits eine Mozart-CD aufgenommen und wunderbare Konzerte veranstaltet. Für Vladimir Krainev ist dann Matthias Kirschereit gekommen. Das Weinberg-Quintett kannten wir nicht, es war ein Vorschlag der Plattenfirma. Aber schon nach der ersten Probe war klar, dass es ein Juwel ist, genial. Es hat einerseits Parallelen zum Stil von Schostakowitsch, andererseits hat es eine individuelle Klangwelt, die unseren emotionalen und rationalen Neigungen nahe ist. Da haben wir doch eine enge Verbindung zur slawischen Richtung.

Grzegorz Kotów: Wir haben uns erst sehr spät um CD-Aufnahmen gekümmert. Wir hatten damit gewartet, um unsere Quartett-Identität und ein adäquates Konzept zu finden. Und wir haben Glück in der Zusammenarbeit mit der Firma Avi, die uns gestattet, selbst auszuwählen und zu entscheiden, was wir veröffentlichen wollen. Wir müssen nicht alle Beethoven-Streichquartette aufnehmen, das erwartet auch niemand von uns, glaube ich. Deswegen werden wir demnächst eine CD mit romantischer Klavierkammermusik vorbereiten, die nicht eindeutig polnisch ist, sondern auch ein Grenzgebiet.

Ensemble: Erzählen Sie bitte etwas über Ihr Festival in Lviv.

Vladimir Mykytka: Lviv oder deutsch: Lemberg, ist eine Stadt, die im 19. Jahrhundert zu Galizien/Österreich und auch zu Polen und zur Ukraine gehörte und von vielen Religionen und Kulturen geprägt ist. Ein historischer Hintergrund mit direktem Bezug zu unserer transnationalen Quartett-Idee. Das Kammermusik-Festival, das erste in der ganzen Ukraine überhaupt, heißt „Szymanowski Quartet and Friends“. Wir sind 2008 gestartet und hatten 2011 also die vierte Ausgabe. Es gab von Beginn an großes Interesse. Die Stadt ist wunderbar, jeder Gast ist total begeistert, nicht nur vom Publikum, auch von der Architektur, der Atmosphäre und dem Essen. Das Publikum dort ist übrigens sehr hungrig nach Kammermusik, weil in Lviv zuvor keine oder selten Kammermusik aufgeführt wurde. Es ist auch ein Unikum und großes Glück, dass wir so renommierte Künstler wie Oleg Maisenberg, Gidon Kremer und früher Vladimir Krainev einladen konnten. Das Festival hat keine kommerziellen Absichten, es ist wirklich freundschaftlich und nur auf die Musik konzentriert.

Das gesamte Interview können Sie in Ausgabe 1-2012 von ENSEMBLE lesen.

 
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