2 / 2012 PDF Drucken E-Mail

Image Ausgabe 2 / 2012

  Inhalt

 

bestellen  


ePaper

 

 

Leseprobe:

„Ich bin rauschhaft eingeschworen auf das Natürliche!“

Reto Bieri

Von: Diether Steppuhn

Wir sprachen sehr lange miteinander. Ich merkte gleich, es wird keines der üblichen Interviews. Reto Bieri nennt zwar Namen von Lehrern und Freunden, denen er seine Musikliebe verdankt. Details aber kann man auf seiner Homepage nachlesen. Ich hatte von ihm einige CDs bekommen; nur eine davon enthält Klassik, Bearbeitungen von Schuberts Violinsonaten, die anderen sind ausschließlich Neuer Musik gewidmet. Das führte zu einem Dialog über Musik, über Töne, über Schall und Geräusch, über Unbestimmtes und doch Erkennbares hinter den Noten, über die Bedeutung von Stille und Klang für den Menschen und die Menschheit und oft zu erstaunlichen und bewegenden Antworten, die Philosophisches und Spirituelles berühren.

Es war Gidon Kremer, der Reto Bieri auf die Idee mit den Schubert-Sonaten brachte. Für eine CD-Produktion bat man ihn um Vorschläge, etwas Seltenes. „Ich will Schubert singen!" Da gibt's doch nichts für Klarinette! „Dann arrangiere ich mir die Geigenstücke!" So geschah es. Ist er mit der Aufnahme zufrieden? „Nein, nicht im Geringsten!" Weshalb nicht? „Weil's nicht für Klarinette geschrieben ist! Es ist nur meine Annäherung!"...

Wie begann solches Musikmachen? Jost Ribary, sein Musiklehrer in der Innerschweiz, im Kanton Zug, wo er aufwuchs, zündete das Feuer. „Seine Klarinette hat mich angesprungen!" Der hatte mit Klarinette, Akkordeon, Klavier und Kontrabass eine Ländlerkapelle und spielte regelmäßig in Wirtshäusern zum Tanz auf. Der junge Bieri sah Leute nach dieser Musik tanzen, das faszinierte ihn, „das Sich-Bewegen von Menschen nach Tönen". Das wollte er auch. Er bekam eine Klarinette und brachte sich selber bei, wie man sie spielt. Bald hatte er seine eigene Gruppe, spielte Volks- und Tanzmusik und schrieb auch selbst solche Tänzchen. Er wurde mutiger, schrieb komplizierter in ungeradem Takt, im 5/8- oder 7/8-Rhythmus. Das weckte Interesse für andere Volksmusiken, die so etwas kennen, in Griechenland etwa, im Nahen Osten, seine Musik wurde komplexer.

Musikgeschichte en miniature

Mit einem Lächeln fährt er fort: „Ich habe die ganze Musikgeschichte im Kleinen nacherlebt, vom ganz Einfachen zum immer Komplexeren. Ich wurde süchtig nach Raffiniertem. Erst war's der einfache Rhythmus, das harmonisch Einfache mit Tonika, Dominante und Subdominante - das wurde schnell langweilig. Ich suchte und stieß auf Bartók und seine ungarische Musik, auf Enescu, Strawinsky - eine ganz neue Welt öffnete sich. Mich packte das Volkstümliche bei ihnen. Klassik sagte mir nichts, ich kannte kein Konzert, keine Oper, kein Ballett. Ich wollte Volksmusik machen! Jede Woche Tanz im Dorfkrug, vom Abend bis morgens früh, ich war 15, 16, meine Eltern mussten mich begleiten. Das wollte ich weitermachen." Wie ging's weiter? „Mein Lehrer sagte irgendwann, ich sei jetzt reif fürs Konservatorium. Das war für mich eine Katastrophe: Ich wollte doch keine Klassik spielen! Dennoch stellte ich mich Giambattista Sissini vor, einem Luzerner Klarinettenlehrer, und musste sofort mit dem Lernen beginnen. Nach anfänglichem Widerstand packte mich der Ehrgeiz - ich wollte genauso gut sein wie die anderen! Bis heute ist das so: Ich stelle Bewährtes schnell in Frage, auch wenn es mir zunächst einmal einleuchtet."

Wir sprechen über Kindheitserfahrungen und stellen fest, dass wir beide mit dem katholischen Messritus aufgewachsen sind, mit Weihrauch im Hochamt. „Gerüche sind wichtig, überhaupt Gefühle, weil sie jenseits der Ratio entstehen. Wir sprechen vom Geruch und spüren ihn in der Nase, auch wenn das reale Geschehnis weit zurückliegt. Vergangenheit wird jetzt, in der Gegenwart, reflektiert, beides wird gleichzeitig. Das ist hochdramatisch! Wir werden mit immer neuen Geschehnissen konfrontiert und wissen doch, dass die Schöpfung in sich ruht, in einer gewaltigen Stille, unaufgeregt, dahinfließend - eine stille Dramatik!" Wie wichtig ist die Stille in der Musik? „Musik entsteht aus der Stille, braucht sie, nicht nur in den Pausen. Ich empfinde Musik als ein Auszittern, als etwas Hinfälliges. Wichtiger ist das Nachklingen, Resonanz ist für mich die eigentliche Musik, sie geschieht im Danach, nicht im Jetzt. Erklingt sie, ist das Danach im Jetzt auch schon enthalten." Wie meint er das? „Die Kunst hat uns keine Illusion zu vermitteln, sondern umgekehrt: Die Kunst hat uns die Illusion zu nehmen. Wirklich real sind die Dinge, die man nicht anfassen kann, die unbegreiflichen Dinge. Das umgibt uns real. Die Kunst soll uns nicht in diese schönen Welten hineinlassen, sondern umgekehrt, sie nimmt uns heraus: Schau, es ist doch schon alles da! Du bist umgeben von diesen Dingen, aber du musst dich befreien! Die Kunst gilt als Flucht in die Ästhetik, als Weltflucht schlechthin, und wird ein Mittel, das uns in Scheinwelten entrückt! Vielleicht soll die Kunst uns befreien von vermeintlichen Realitäten. Kunst hat nichts mit Flucht und Weltfremdheit zu tun, sondern damit, uns aus dieser weltfremden Realität in die eigentliche hinüberzuführen. Unsere Zeit scheint sich ohnehin immer mehr vom Geheimnisvollen und Phantastischen zu entfernen. Haben wir Angst vor dem Unerklärbaren? Ich denke, Kunst soll uns ins Hier und Jetzt holen, uns zum Staunen bringen ..."

Wissen, Staunen und das Jetzt erleben

„Wissen Sie, Staunen ist wichtiger als Sehen und Erkennen. Für mich ist Staunen eine Form, Dinge zu verstehen, die eigentlich unverständlich sind." Was genau meint er mit dieser Äußerung? „Virtuosität bringt mich zum Staunen, auch Eleganz, auch Raffinesse und Gleichzeitigkeiten, wenn sich Dinge überlagern, wenn sie parallel laufen, wenn ich etwa an einer Brahms-Sonate arbeite und mir ganz andere Gedanken durch den Kopf gehen, wenn sich Wissen einstellt und Gefühl dazukommt, sogar Geruch, obwohl es doch um Musik geht. Wenn sich alle diese Ebenen überschneiden ... Es ist schwierig zu beschreiben, ich weiß. Ich lebe in einer Realität wie wir alle und doch ist sie für mich nur eine Annäherung - Annäherung an die Wirklichkeit, die uns umgibt, an das Unscheinbare, das wir nicht fassen können. Wie das Gespräch, das wir gerade führen. Es ist etwas, das sich artikuliert. Wir nehmen einen Odem [er gebraucht wirklich dieses archaische Wort!] und aus ihm entsteht das Gespräch. Dann gibt's ein Atemholen, einen Schnitt. Würden wir verstummen, dann wäre das Gesprochene verschwunden. Aber bis dahin ist etwas geschehen, man kann's nicht anfassen, aber wir haben es als wirklich erlebt, und das ist das Wesentliche. Alles andere ist ein Drumherum und eine Banalität - wenn auch, zugegeben, oft eine schöne, wunderbare; aber die Wirklichkeit ist nur das, was dazwischen passiert ist!"

Das gesamte Gespärch lesen Sie in ENSEMBLE 2-2012

 
< zurück   weiter >
JSN ImageShow - Joomla 1.5 extension (component, module) by JoomlaShine.com
JSN ImageShow - Joomla 1.5 extension (component, module) by JoomlaShine.com
JSN ImageShow - Joomla 1.5 extension (component, module) by JoomlaShine.com
JSN ImageShow - Joomla 1.5 extension (component, module) by JoomlaShine.com
JSN ImageShow - Joomla 1.5 extension (component, module) by JoomlaShine.com
JSN ImageShow - Joomla 1.5 extension (component, module) by JoomlaShine.com