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Leseprobe:

Musik im Einklang mit dem Cello

Natalia Gutman

Von: Hans-Dieter Grünefeld

Mit geschlossenen Augen horcht Natalia Gutman konzentriert in sich hinein, wenn sie auf dem Konzertpodium sitzt. Ihre stoische Mimik und in sich ruhende Sitzhaltung geben nur vage Hinweise darauf, wie sie die Musik während der Aufführung empfindet. Ihre Gefühle bleiben äußerlich fast unsichtbar, denn sie kommen direkt aus ihrem Cello selbst. Das Spektakuläre bei ihren Konzerten ist eben nicht ihre Kleidung, Frisur oder irgendeine Attitüde, sondern die stille und unwiderstehliche Energie ihrer Persönlichkeit. Und mit zurückhaltendem Lächeln nimmt Natalia Gutman die Ovationen des Publikums entgegen, als ob nicht sie, sondern ihr Cello die Musik gemacht hätte.

Ein Mysterium? Ihre exzeptionellen Fähigkeiten bei der Interpretation klassischen Repertoires wie das Cello-Konzert von Joseph Haydn sind wegen „ihrer Gewandtheit, ihrer organischen Fusion mit dem Instrument und ihrer sehnigen Kraft“, und die Cello-Suiten von Bach, als hätten sie „eine geheime, exklusive Botschaft, die durch ihren Namen geprägt würde“, bewundert worden, so war in der US-amerikanischen Fachpresse zu lesen.
Aufgrund des konstant überragenden Niveaus ihrer Interpretationen nahezu der gesamten Cello-Literatur seit Jahrzehnten ist Natalia Gutman ein gefeierter Weltstar, auch im wörtlichen Sinn durch ihre globale Präsenz bei wichtigen Festivals mit den bedeutendsten Orchestern und Dirigenten und vor allem in der  Kammermusik mit namhaften Duo- und Ensemblepartnern. Passend zu ihrem öffentlichen Habitus ist sie eher wortkarg, meinte, als ich sie um ein Interview beim Internationalen Lübecker Kammermusikfest in diesem Jahr bat, wo sie mit dem Pianisten Vassily Lobanov aufgetreten war, dass sie nicht viel über sich sagen könne. Dennoch versuchte Natalia Gutman zu erklären, welche Prioritäten sie als Interpretin hat und welche Rolle das Cello: „Meine Aufgabe sehe ich darin, mit dem Cello zum Publikum zu sprechen. Auch dafür muss das Cello auch mit mir sprechen, aber leider tut es das nicht immer. Manchmal bin ich böse auf das Cello, manchmal liebe ich es – insbesondere wenn es mich nicht beim musikalischen Aufbau stört, wenn es ohne Widerstand macht, was ich will. Denn das Cello möchte ich nicht technisch, sondern als Medium für Musik hören. Das Cello transportiert für mich die Musik, indem es viele Klangfarben und Nuancen erlaubt. Es ist einfach ein Medium mit verschiedenen Toncharakteren, die man schon nach den ersten Noten als typisch für einen Komponisten identifizieren kann. Die erste Autorität ist deshalb der Notentext des Komponisten. Ich muss also zunächst herausfinden, was er hören möchte, das ist für mich Gesetz. Danach kann man sich in seinen Stil und seine Welt hineinversetzen. Ohne diesen Interpretationsweg bleibt ein großes Minus. Mir gefällt nicht, wenn Interpreten sich wichtiger nehmen als das Werk, indem sie sich exponieren. Meine Auffassung ist, dass der Notentext Priorität hat. Mir geht es nicht um einen abstrakten Schönklang, sondern um individuellen Stil. Mit den Jahren erkenne ich aber, dass es schwieriger wird, denn ich möchte die Musik noch intensiver erfahren und erfahrbar machen.“
Obwohl Natalia Gutman zur Elite der Cello-Solisten der Gegenwart gehört, ist ihre Karriere keine stetige Erfolgsgeschichte, sondern hat mindestens zwei biographische Brüche. Natalia Gutman wurde 1942 in Kazan geboren. Bereits im Alter von fünf Jahren, als die Familie nach Moskau umgezogen war, erhielt sie ersten Cello-Unterricht, und zwar von ihrem Stiefvater, dem Musikpädagogen und Cellisten R. Sapozhnikov, und insbesondere vier Jahre von ihrem Großvater Anisim Berlin, einem ehemaligen Violin-Studenten von Leopold Auer. Ihr Großvater sei ihr wichtigster Lehrer gewesen. Er brachte ihr viele Spieltechniken bei und gab ihr auch eine gewisse Virtuosität. Unter seiner Aufsicht musste sie oft zwei Stunden Skalen mit allen möglichen Bogenstrichen und Fingersätzen üben, um ihre Leichtigkeit zu fördern. In gewisser Hinsicht sei sie wegen ihm von der Auer-Schule beeinflusst. Danach begann Natalia Gutman ein Cello-Studium bei Galina Kozolupova am Konservatorium in Moskau, von der sie fast fünfzehn Jahre ausgebildet wurde. Von 1964 bis 1968 besuchte Natalia Gutman eine Meisterklasse bei Mstislav Rostropowitsch, bei dem sie unvergessliche Stunden gehabt habe. Es sei auch ein Spektakel gewesen und unbeschreiblich genial – er habe alles sagen müssen, was er konnte. Er habe die Schüler frei gemacht. Aber Mstislav Rostropowitsch wurde in der Sowjetunion zur Persona non grata, weil er sich kritisch zum offiziellen politischen Kurs verhielt. 1974 emigrierte er. Natalia Gutman konnte wegen des Kontakts zu ihm über neun Jahre lang das Land nicht verlassen, hatte ein Reiseverbot, sodass ihre internationalen Konzertoptionen verhindert und dadurch ihre Karriere blockiert wurde. Allerdings lockerten sich die politischen Strangulationen, nachdem sie 1967 beim ARD Wettbewerb in München mit ihrem Klavierpartner Alexei Nassedkin die Goldmedaille in der Kategorie Kammermusik erhielt.
Das Thema „Russische Schule“ hat Natalia Gutman allerdings dezidiert ad acta gelegt. Stattdessen ist sie überzeugt, dass der eigene Klang gemäß der Musik, die man spielt, variieren müsse, und nicht davon vorbestimmt sein sollte, aus welchem Land man stamme. Und über ihre Einstellung zur Interpretation der Bach-Suiten meint sie: „Zwar habe ich mir nun ein fünfsaitiges Cello bauen lassen und einen Barockbogen, aber ich habe darauf noch nicht genug geübt. Ich muss die Suiten ganz neu einstudieren. Ich hatte das Gefühl, dass die konventionellen Interpretationen den Stil dieser Suiten nicht so zeigten, wie er nach meiner langjährigen Erfahrung sein sollte. Das war immer zu grandios, weil unsere Lehrer in Moskau gesagt haben, wir sollten die Musik von Bach wie auf einer Orgel spielen. Aber das ist unmöglich auf dem Cello, denn es ist ein prinzipielles, ein anderes Instrument. Die Ausbildung war in Russland ziemlich dogmatisch, die Strichtechnik wurde sehr weit entfernt von der Originalagogik der Werke unterrichtet.“

Das gesamte Porträt lesen Sie in ENSEMBLE 5-2012.

 
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