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Leseprobe:

Verschmelzung von Intuition und Reflexion

BENNEWITZ QUARTETT

Von: Robert Nemecek

Das 1998 gegründete Prager Bennewitz Quartett (Jirí Nemecek, 1. Violine, Stepán Jezek, 2. Violine, Jirí Pinkas, Viola, Stepán Dolezal, Cello) hat sich innerhalb weniger Jahre zu einer der gefragtesten jüngeren Streichquartettformationen der Gegenwart entwickelt. Erste Preise bei so bedeutenden Wettbewerben wie dem Internationalen Kammermusik-Wettbewerb in Osaka (2005) und dem im italienischen Reggio Emilia ansässigen Premio Borciani (2008) mögen zu diesem Erfolg ebenso beigetragen haben wie die Verbindung von Tugenden der tschechischen und deutschen Streichquartett-Tradition. In einem Gespräch vor ihrem Debüt in der Essener Philharmonie erfuhren wir von den sympathischen Musikern, wie man beides zusammenbringt.
Ensemble: Vielleicht sollten wir mit dem Namen Ihres Quartetts beginnen, denn es ist schon ungewöhnlich, dass ein tschechisches Quartett einen deutschen Namen trägt. Anton Bennewitz ist hierzulande auch viel weniger bekannt als bei Ihnen, weil er ja fast sein ganzes Leben in Prag verbracht hat.

Jirí Nemecek: Wir haben uns nach ihm benannt, weil Anton Bennewitz, der mit Dvorák und Smetana befreundet war, die tschechische Streichquartett-Tradition mitbegründet hat. Zunächst hatte er selbst ein Quartett, später haben dann drei seiner Schüler, Josef Suk, Oskar Nedbal und Karl Hoffmann, das berühmte Tschechische Quartett gegründet.

Ensemble: Es ist dann also auch ein Bekenntnis zu dieser Tradition?

Jirí Nemecek: Sicher. Auf der anderen Seite stammte Bennewitz, der übrigens im selben Jahr wie Brahms geboren wurde, aus einer deutschen Familie und sprach Deutsch. Er hat sich dann aber am Prager Konservatorium, dessen Direktor er eine Zeitlang war, sehr für tschechische Studenten eingesetzt. Diese Mittlerfunktion finden wir sehr sympathisch.

Ensemble: Sie haben alle an der Prager Akademie der musischen Künste studiert und sich dort auch kennengelernt. Gibt es dort eigentlich einen Lehrstuhl für Kammermusik wie an einigen Hochschulen bei uns?

Stepán Jezek: Nein, gibt es nicht, und das, obwohl die tschechische Kammermusik international einen so guten Ruf hat. Das Studium ist ganz auf Solisten ausgerichtet. Kammermusik ist Nebensache. Viele machen es nur, um ein bestimmtes Pensum zu erfüllen. Wir haben das aber von Anfang an sehr ernst genommen.

Ensemble: Was heißt das genau?

Jirí Nemecek: Das heißt, dass wir von Anfang an – damals noch in etwas anderer Besetzung – sehr konsequent daran gearbeitet haben, ein professionelles Streichquartett zu werden.
 
Ensemble: Waren die Bedingungen dafür in Tschechien zehn Jahre nach dem Umsturz gut oder weniger gut?

Jirí Pinkas: Sie waren eigentlich ganz gut, hatten aber auch ihre Grenzen. In Prag hatten wir einige Unterrichtsstunden bei dem Cellisten Antonín Kohout vom Smetana Quartett und dann ein ganzes Jahr lang beim Skampa-Quartett. Darüber hinaus nahmen wir Privatunterricht bei Bretislav Novotný vom Prager Streichquartett. Ich denke, dass uns das am weitesten vorangebracht hat.

Stepán Dolezal: Wir wollten allerdings schon früh ins Ausland und hatten das Glück, ein Jahr später ein Stipendium der privaten Madrider Hochschule Reina Sofia zu bekommen, wo man gerade einen Lehrstuhl für Kammermusik eingerichtet hatte. Wir gehörten zu den Ersten, die davon profitierten, und wir hatten die Möglichkeit, mit Rainer Schmidt vom Hagen Quartett zusammenzuarbeiten. Das war wirklich großes Glück!

Jirí Pinkas: Daraus ergab sich dann gleich der Kontakt zu Walter Levin, zu dem Schmidt einen guten Draht hatte. Diese Gelegenheit haben wir natürlich gleich beim Schopfe gepackt und sind nach Basel gegangen, wo wir zwei Jahre lang bei Levin die Schulbank gedrückt haben.

Jirí Nemecek: Das sind natürlich total gegensätzliche Charaktere. Schmidt vermittelte vor allem die Ideen und Vorstellungen, die einer Komposition zugrunde lagen. Levin konzentrierte sich dagegen auf das Fundament. Er wollte einfach, dass man erst einmal alles spielt, was in der Partitur steht. So gesehen wäre es vielleicht besser gewesen, wenn wir zuerst bei Levin und anschließend bei Schmidt studiert hätten.  

Ensemble: Sehen Sie eigentlich zwischen der deutschen und der tschechischen Herangehensweise deutliche Unterschiede, oder ist die Differenz nur minimal?

Stepán Jezek: Da gibt es schon große Unterschiede. Die tschechische Schule hat natürlich einen guten Ruf, aber der beschränkt sich eigentlich auf das tschechische Repertoire. Sobald man im Ausland mit Mozart oder Schubert ankommt, sind die Reaktionen gleich gespalten.

Jirí Nemecek: Wenn man auf internationalem Parkett erfolgreich sein will, muss man sich anderswo umsehen. Die Ausbildung in Tschechien ist immer noch an der alten Schule, also dem rein instrumentalen und eher intuitiven Spiel ausgerichtet. Aspekte wie historischer Kontext oder Harmonik usw. werden dagegen weniger reflektiert. Dazu ein Beispiel. Ich habe im Rahmen eines Wettbewerbs in Brünn Janáceks Violinsonate bei einer Frau Kolman vom Brünner Konservatorium einstudiert. Frau Kolman hatte bei dem Geiger Frantisek Kudlácek studiert, der die Sonate noch mit dem Komponisten einstudiert hatte. Frau Kolman versuchte uns dann zu vermitteln, was Kudlácek ihr gesagt hatte, weil das auf Janáceks Ansicht beruhte. Bis heute spielt man die Sonate in Brünn so, wie Kudlácek und Janácek es vorgegeben haben. Eine andere Sicht wird gar nicht erst zugelassen. Dabei ist es doch eine universale Musik, die ganz gewiss nicht nur einen Interpretationsansatz zulässt.

Das gesamte Interview lesen Sie in Ausgabe 6-2012 von Ensemble.
 
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