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Leseprobe: 

Mehr als ein geschichtsträchtiger Saal

WIGMORE HALL

Von: Carsten Dürer

Es gibt nicht viele Kammermusiksäle in der Welt, die den Ruf und das Renommee haben wie dieser Saal: Wigmore Hall. Wenn Kammermusiker den Namen dieses Saales im Zentrum von London in ihre Biografie schreiben können, dann bedeutet dies, dass man es bereits geschafft hat, geschafft hat, dort aufzutreten, wo die größten Künstler seit 105 Jahren auftreten. Lange Zeit galt dieser Saal als historisch verstaubt, im Programm und in seiner Art der Promotion nach außen. Doch das hat sich gewaltig geändert, denn seit 2005 weht ein neuer Wind in diesem Konzertsaal, nachdem der gebürtige Ire John Gilhooley die Leitung von Wigmore Hall innehat. Wir fuhren nach London, um zu sehen, wie sich alles geändert hat, und mit Gilhooley zu sprechen.

In der Wigmore Street, im Zentrum von London, liegt sie, fast versteckt, muss man zugeben, denn es ist schließlich ein Kammermusiksaal, keine Halle, die nach außen hin wirkt, auch wenn sie bereits 105 Jahre alt ist. Aufgebaut im Jahre 1901 von der Firma Bechstein (s. Information zur Geschichte im Kasten auf Seite 14), wurde sie nach dem Ersten Weltkrieg von Engländern im Jahre 1917 wiedereröffnet. Und alle kamen, alle großen Künstler. Denn es gab nicht so viele Säle, in denen solch eine wunderbare Akustik herrschte, und die so enge Kontakte zu den Künstlern hielten. Man muss nicht beginnen Namen aufzuzählen, denn es waren alle, wie heute noch in fast allen Räumen der Wigmore Hall zahlreiche Fotografien mit Widmungen dokumentieren. Doch mit den Jahrzehnten wurde es wohl „normal“ für die Londoner Musikfreunde, dass dieser Konzertsaal die besten und namhaftesten Konzerte veranstaltete – und die britische Presse ist gnadenlos. Schnell wurde Wigmore Hall ein Ruf des zwar Traditionellen, aber auch Verstaubten angedichtet. Man sagte, dort würden immer wieder dieselben Künstler auftreten und immer wieder dieselben Werke aus Barock, Klassik und Romantik spielen. Wahr oder unwahr? Nun, schaut man sich die Geschichte genauer an, bemerkt man schnell, dass dieses Urteil nicht nur hinkt, sondern einfach falsch ist.

Die Konzertprogramme

Nimmt man das Saisonprogramm von Wigmore Hall in die Hand, das die Veranstaltungen von September bis Juni verzeichnet, so scheint man erst ein wenig erstaunt, wie dünn und unscheinbar dieses daherkommt. Doch blättert man es durch, erkennt man schnell, dass hier eine Anzahl von Konzerten gegeben wird, wie es kaum in einem anderen Saal für Kammermusik der Fall ist. Nicht weniger als 240 Konzerte werden hier selbsttätig organisiert, weitere 160 Konzerte kommen als sogenannte Fremdveranstaltungen hinzu. Mit 400 Veranstaltungen und einer immensen Auslastung an Zuhörern scheint hier die Kammermusikwelt in Ordnung zu sein wie kaum an einem anderen Ort dieser Welt in einer Großstadt. Und die Namensliste liest sich schnell wie das Who’s who von Solisten, Ensembles, Sängern und so fort der Weltelite. Immer auch mit einem Blick auf die jungen Interpreten, die sich gerade auf dem Weg zur Weltelite befinden.
Dass bei dieser Anzahl an Veranstaltungen oftmals mehrere an einem Tag stattfinden, versteht sich von selbst. Das verlangt eine extreme Struktur und ein durchdachtes Prinzip an unterschiedlichen Ausrichtungen. Eigentlich gibt es nichts, was hier nicht verwirklicht wird, seien es lange Konzerteinführungen zu den großen Abendkonzerten mit namhaften Wissenschaftlern und Journalisten, Konzerte für Kinder und Jugendliche, Matinee-Konzerte am Sonntag mit einer Stunde Dauer und einem freien Kaffee-, Tee- und Sherry-Ausschank. Oder aber die berühmt gewordenen BBC Radio 3-Kooperationskonzerte am Montagmittag, die live aufgezeichnet und übertragen werden.

Die Räume

Wigmore Hall wurde 2005 vollständig renoviert. Zum einen, da der Bau eine Patina angesetzt hatte, die nicht mehr dem zeitgemäßen Geschmack entsprach; zum anderen aber auch, um einige zeitgemäß notwendige Veränderungen vorzunehmen. So wurde aufwendig eine Klimaanlage installiert, die aus der erneuerten Dachkonstruktion von oben frische Luft in den Saal leitet. Zuvor hatte es nicht einmal eine Umluftanlage gegeben. Und dies führte vor allem in den stickigen Sommern in London zu schweißtreibenden Konzertbesuchen. Vor allem, da das mittige Giebeldach im Saal verglast zwar wunderbar das Tageslicht einfallen lässt, aber auch für eine Aufwärmung des Raumes sorgt. Zudem hat man auch die Stuhlreihen erneuert.
Dass man schon beim ursprünglichen Bau nicht gespart hatte, kann man auch heute noch beim Eintreten in das Foyer erkennen: Marmor ist fast überall erkennbar, ebenso wie edles Holz an Applikationen und Türen. Tritt man in den Saal, so ist man im ersten Moment erstaunt, dass tatsächlich – inklusive der recht kleinen Empore am Ende des Saales – 552 Sitzplätze in diesem Raum zur Verfügung stehen. Es ist konstruktionsartig ein recht einfach gestalteter Raum: rechteckig mit einer kleinen Bühne, auf der nicht mehr als acht Künstler wirklich ausreichenden Platz finden, die von einer halbrunden Rückseite umrahmt wird und einer bogenförmigen Aussparung in der Decke, ähnlich einer Kirchenapsis. Hier, in diesem Bogen befindet sich die wunderbar reich verzierte Darstellung von Gerald Moira, die die Seele der Musik als zentrale Figur im Jugendstil darstellt. Warum dennoch 552 Zuhörer Platz finden? Nun, es ist nicht viel Beinfreiheit in den Stuhlreihen zu finden. Aber es reicht aus ...
Hinter der Bühne geht es nicht so eng zu, wie in den Stuhlreihen. Im „Grünen Zimmer“ können die Künstler sich vor den Konzerten und in den Pausen sehr entspannt aufhalten. Zudem sind es nur wenige Stufen abwärts und zwei Türen, die man durchschreiten muss, um auf die Bühne zu gelangen – keine langen Wege, wie dies heutzutage in modernen Konzertsälen oftmals der Fall ist. Ebenso stehen mit dem Gerald Moore-Raum und anderen kleineren Räumen Übezimmer und Einspielräume zur Verfügung.
Natürlich befindet sich auch ein kleines Studio mit Aufnahme-Equipment in einem der oberen Stockwerke hinter der Bühne. Schließlich muss auf diese Weise BBC Radio 3 nicht jedes Mal seine technischen Apparaturen aufbauen, um die Übertragung vorzunehmen. Im Keller sind dann das Bechstein-Zimmer als Raum für die Konzerteinführungen mit gastronomischer Einrichtung sowie ein modern gestaltetes Restaurant zu finden, das auch über Tag viele Gäste aus den umliegenden Bürogebäuden empfängt.

Programmstrukturen und die Leitung durch John Gilhooley

Auch wenn Gilhooley erst 34 Jahre alt ist, arbeitet er bereits seit sieben Jahren in Wigmore Hall. Zu Beginn wurde er engagiert, da eine starke strukturelle Veränderung die Vision des Komitees von Wigmore Hall war. Das Gebäude gehörte nicht Wigmore Hall selbst, sondern wurde beständig gemietet. Es war also notwendig, Gelder zu sammeln, um einen Kauf des Saales anzustreben, da man richtig vermutete, dass die Mietpreise in London ins Utopische schießen würden. Da aber der damalige Direktor, William Lyne, der immerhin insgesamt die Geschicke des Saales alleine über 39 Jahre in seinen Händen hielt, mit der Programmplanung genug zu tun hatte, wollte man einen Finanzdirektor zusätzlich einstellen. Man fand Gilhooley. Als seine Aufgabe erledigt war und man 2005 den Kauf abschließen konnte, er also genug Geld in einem Fonds gesammelt hatte, und als William Lyne aus Altersgründen seinen Rücktritt anstrebte, ernannte man kurzerhand John Gilhooley zum alleinigen Direktor des Saales, mit nur 32 Jahren.
Was versteht Gilhooley darunter, heutzutage in einer der wichtigsten Metropolen der Welt einen Konzertsaal zu betreiben? „London ist eine der größten musikalischen Orte der Welt, das meint aber auch, dass es einer der am dichtesten mit Konzertsälen ausgestatteten ist und stark von Konkurrenzdenken geprägt wird. Das, was also das Wichtigste ist, uns auf die Qualität zu fokussieren. Ich habe einen sehr strikten Anspruch, was das angeht. Das heißt, es gibt Künstler, die ich hier nicht nennen will, denen ich nicht erlauben würde, auf diesem Podium zu konzertieren. Das macht den Job sehr kompliziert und man muss sehr diplomatisch vorgehen. Auch Künstler, die schon lange im Geschäft sind, müssen unter Umständen langsam und vorsichtig daran gewöhnt werden, dass sie nicht mehr eingeladen werden. Es gab Künstler, die hier auf der Höhe ihrer Schaffenskraft vier oder fünf Mal pro Jahr aufgetreten sind. Das muss sich ändern, daher treten sie dann nur noch drei, dann zwei oder nur noch einmal auf, bis sie selbst in einem Stadium sind, wo sie sich entscheiden, Abschied von der Bühne zu nehmen. Aber nochmals: Das muss alles sehr diplomatisch geschehen. Wir veranstalten 400 Konzerte im Jahr, ich denke, dass dies kein anderer Saal in der Welt für Kammermusik tut. Das heißt aber auch, bevor wir eine einzige Karte verkaufen, müssen wir 1,1 Millionen englische Pfund aus Sponsorengeldern einnehmen. Und dann müssen wir noch 300.000 in kommerzieller Ausrichtung einnehmen, bevor wird die erste Karte verkaufen. Und dann muss fast jedes Konzert mehr oder weniger ausverkauft sein, sonst können wir nicht lukrativ arbeiten.“ Nur 10 Prozent der Gelder für Wigmore Hall kommen von der britischen Regierung, die restlichen 90 Prozent muss die Halle selbst erwirtschaften. So muss man also aus eigener Initiative 800.000 Pfund einnehmen. Insgesamt verfügt Wigmore Hall allerdings auch über eine treue Zuhörerschaft und gebefreudige Freunde. Immerhin 4000 Mitglieder zählt der Club, der für Wigmore Hall Gelder gibt, um den aufgebauten Unterstützungsfonds, zu unterhalten. Sie geben 2500 oder 1000 Pfund. Es gibt auch eine Anzahl von Mitgliedern, die weit mehr geben und dann besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. Diese sind im ‚Rubinstein Circle’ organisiert. Bedeutet dies nicht auch die Gefahr, dass einige der Mitglieder im Freundeskreis gerne Einfluss nehmen wollen auf die Gestaltung der Programme? Gilhooley winkt ab: „Nein, denn darauf hat keiner Einfluss. Die engsten Freunde werden vor Beginn der Saison eingeladen. Dann stelle ich ihnen die Programme der Saison vor, noch bevor etwas an die Öffentlichkeit geht. Und am Ende dieses Mittagessens sagen mir bestimmte Leute, welche Veranstaltung konkret sie sponsern wollen.“ So geben einige Geld, das sie ausschließlich dem Saal zur Verfügung stellen, andere wiederum wollen ihr Geld gezielt für eine Veranstaltung genutzt sehen. Gilhooley weiß um die Wichtigkeit dieses Mittagessens mit den größten Sponsoren: „Wenn man irgendeinen Fehler in seiner Vorstellung macht, bekommt man vielleicht nur 50.000, wenn alles richtig läuft, erhält man 100.000“, grinst der smarte Direktor, der die Fäden stark in seinen Händen hält.
Doch auch wenn der Saal von außen angemietet wird, muss die Qualität gewahrt bleiben, da diese für das Haus an sich steht. „Natürlich rutscht immer mal wieder einer durch unser Qualitätsnetz. Aber einer ist in Ordnung bei der Anzahl von Konzerten, aber 10 schlechte Konzerte kann man sich nicht erlauben“, sagt der Direktor. Eine immense Arbeitsleistung liegt auf seinen Schultern, denn er ist auch selbst für die gesamte Programmgestaltung zuständig. „Ich habe allerdings einen guten Assistenten, der nach meinen ersten Anfragen dann die Verhandlungen mit den Agenturen übernimmt.“ Wie beobachtet er denn den Markt? „Ich habe ein immens gutes Netzwerk, beispielsweise Kollegen bei der BBC, wir haben eine gute Zusammenarbeit mit vielen Schallplattenlabels, besonders mit EMI und wir unterhalten ein gutes Netzwerk mit Konzerthaus-Leitern über ganz Europa. Diesen Menschen vertraue ich sehr stark. Wenn es um junge Ensembles geht, wie beispielsweise das Quatuor Ebène, dann hatten wir sie hier bereits für ein Mittagskonzert. Und dann schaue ich, ob diese jungen Musiker auch einen Abend mit all dem Druck auf der Bühne überstehen würden. So habe ich das Quartett in der kommenden Saison für ein Abendkonzert wieder eingeladen.“ Wenn man für die Mittagskonzerte vielleicht einen Kritiker der Tagespresse in Wigmore Hall sieht, dann sind es bei den Abendkonzerten schon einmal fünf oder sechs, erklärt Gilhooley. Dadurch steigt der Druck zudem immens.
John Gilhooley achtet darauf, dass die Konzerte in Wigmore Hall für Großbritannien, oder zumindest für London, einmalig sind. Das bedeutet aber extrem frühes Erkennen von Talenten, frühes Buchen von Künstlern, die extrem schnell ausgebucht sind. Wenn ein großer Künstler einen Zyklus anbietet und überall spielt, dann nimmt Gilhooley ihn trotzdem, denn auch in Wigmore Hall will man dieses Konzert anbieten können. Doch ansonsten ist es wichtig, dem Haus ein Gesicht unabhängig von den anderen Häusern zu geben. Und der Konkurrenzdruck ist groß: „Es gibt sieben Anbieter für Kammermusik in London. Man hat ‚Sunday Evening Concerts’ in Conway Hall, man hat Konzerte in Southbank, Barbican, LSO St. Lukes, St. Johns Smith Square und Doddington Hall.“ Doch Wigmore Hall hat die Geschichte hinter sich. Ist das eine Last? „Nein, es ist wunderbar. Aber wenn ich nicht heute schon bis 2012 buche, geht alles an andere. Man muss schnell sein, der Erste sein. Momentan weiß ich, dass ich einen vollen Zyklus der Beethoven-Streichquartette für 2010 und für 2011 habe. Warum ich es habe? Nun, ich habe als Erster gefragt und die Streichquartette gefragt, ob sie dies hier aufführen wollen.“ Und wenn er einen Künstler für einen Zyklus anfragt, der vielleicht noch nicht in der Lage ist, diese Art Zyklus im Moment aufzuführen, dann muss man erkennen, dass er vielleicht in ein paar Jahren dazu bereit ist. Gilhooley sitzt auch in Jurys von Wettbewerben, um junge Talente zu sichten, hört dabei aber vielleicht vollkommen anders auf die Teilnehmer als andere Jurymitglieder. Allerdings bleibt dies eher die Ausnahme, da seine Zeit limitiert ist. Immerhin besucht er bis zu 200 Konzerte im eigenen Haus und weitere 50 in anderen Städten der Welt oder geht in London in die Oper.
Etliche Veränderungen, die heute schon fast als „normal“ für Wigmore Hall gelten, hat erst Gilhooley eingeführt. So beispielsweise die gesamte Saison – wie oftmals in Festivals – unter ein Motto zu stellen. „Ja, in der Saison 2008/09 werden wir beispielsweise das Motto ‚Brahms und seine Zeitgenossen und Freunde’ haben. Aber es gibt dann auch noch das Thema ‚Vaughan-Williams’, ‚Elliot Carter’ und ‚Jörg Widmann’. So haben wir auch die Moderne immer wieder mit im Haus.“ Das ist ein wichtiger Faktor. Lange Zeit wurde gesagt, Wigmore Hall würde allein die alte Klassik und Romantik aufführen, nicht die Moderne. Dagegen wehrt sich Gilhooley vehement, auch mit seinen Programmen. „Es war immer Teil der Geschichte von Wigmore Hall, dass moderne, zeitgenössische Komponisten aufgeführt werden. Das kann man sehen, wenn man durch die Programme schaut. Und ich wehre mich einfach gegen den ‚Mythos’, dass Wigmore Hall ein konservativer und verstaubter Ort sei. Und es ärgert mich, weil es immer unser Anliegen war und auch in Zukunft so gehandhabt wird.“ In diesem Jahr gab es eine Tribut-Reihe für Kurtág, die fast immer ausverkauft war, Dutilleux steht in der kommenden Saison – neben anderen Tribut-Reihen – an. „Das vergessen die Journalisten oft“, sagt er. So hat er auch hinbekommen, dass Wigmore Hall momentan auch immer wieder Auftragswerke an bekannte Komponisten vergibt, an Mark-Anthony Turnage beispielsweise. Auch das kostet viel Geld, aber es ist Gilhooley ein starkes Anliegen. Das Publikum weiß dies zu schätzen, wenn es weiß, dass auch viel Schubert, Mozart und Beethoven im Haus gespielt wird, meint der Direktor: „Man muss Neue Musik in einer durchwachsenen und intelligenten Art und Weise anbieten. Und man darf in keinem Fall irgendjemandem sagen: Das musst du hören. Denn genau das ist es, was die Leute von dieser Art Musik fernhält.“
In der abgelaufenen Saison hat man mehr Karten als jemals zuvor in der Geschichte von Wigmore Hall verkauft, mehr als 170.000 Karten. Von diesen sind ungefähr 50 Prozent Abonnements. Das Konzept von Gilhooley scheint aufzugehen. Dabei kommen natürlich viele Touristen hinzu, die kulturelle Highlights in der Metropole erleben wollen. Doch sie müssen schnell reagieren, denn manche Konzerte sind schon sechs Monate im Voraus ausverkauft. Immerhin hat sich aber die Zahl der Erstkäufer vervierfacht. Kein Wunder, da die Kartenpreise – und gerade für London – extrem moderat sind. 40 Prozent der Karten kosten nicht mehr als 10 englische Pfund. „Das jedenfalls entfacht den Puls, der dieses Haus umgibt, den man vor den Konzerten im Foyer erleben kann. Wenn man viele Leute aufgrund des ausverkauften Konzerts wegschicken muss, dann machen wir etwas richtig“, sagt er ernsthaft blickend. „Man muss das heißes-te Ticket in der Stadt haben, auch wenn es für viele Besucher enttäuschend ist, wenn sie nicht hineinkommen, aber das ist Teil des Geschäftes.“
Insgesamt ist das Publikum durchwachsen, von alt bis jung. Aber auch hierin hat Gilhooley eine deutliche Ansicht: „Wenn es ein jüngerer Künstler ist, dann kommen in der Regel auch jüngere Zuhörer.“ Doch auch wenn Wigmore Hall ein starkes Familien- und Kinderprogramm hat, meint Gilhooley: „Sehen Sie, ich bin bereits in meinen Dreißigern. Und ich kenne viele Leute, deren Eltern Musiker waren oder Musik liebten. Sie haben Familie, einen normalen Job, lieben Musik, hören Radio und CDs. Sie kommen aber nur einmal im Jahr in ein Konzert. Aber ich denke, dass die Zuhörer erst dann öfter in ein Konzert gehen, wenn sie mehr Zeit und mehr Geld haben, also wenn sie älter sind. Und besonders Kammermusik benötigt ein wenig mehr Zeit, man muss bis zu ihr gelangen. Wenn man in die Oper geht, ist das Publikum jünger. Und die Menschen werden zur Kammermusik kommen, wenn sie durch die Oper und die Orchesterkonzerte gegangen sind. Man kann es nicht erzwingen.“

Wigmore Hall Live und Zukunftsvisionen

Im Jahre 2005 hat man auch ein eigenes Label gegründet: Wigmore Hall Live (Vertrieb: Codaex), das großartige Auftritte aus dem Saal, aufgezeichnet von BBC Radio, auf CD bannt. Doch mittlerweile ist man einen Schritt weiter gegangen, um eine weltweit größere Zuhörerschaft zu befriedigen: Man überträgt die BBC Coffee-Concerts, die montags um ein Uhr mittags stattfinden, live über das Internet. Immerhin weiß man, dass genau zu diesem Zeitpunkt 250.000 Zuhörer das Radio einschalten oder die Website besuchen, um zuzuhören. Doch man will weitere Dinge arrangieren, wie Gilhooley erklärt: „Wir arbeiten gerade an Podcasting, an Downloads für unsere Website und auch an weiteren internetgestützten Präsentationen unserer Konzerte.“
Weitere Ideen von John Gilhooley sind klar in seinem Kopf definiert: „Ich will die Alte Musik in jedem Fall stärker einbeziehen, daher spreche ich momentan mit etlichen Alte Musik-Ensembles. Und dann spreche ich mit einer Leitfigur der internationalen Jazzszene, der hier als Kurator engagiert werden soll, um eine Jazz-Serie zu installieren. Wissen Sie, ich komme von der klassischen Musik, daher benötigt man ein anderes Gesicht für die Öffentlichkeit, um den Jazz zu promoten. Zudem wird dieser Mann auch auf der Bühne integriert. Ich hoffe, dass ich dies bald veröffentlichen kann.“ Momentan ist Jazz nur hier und da in Wigmore Hall vertreten. „In diesem Saal ist akustischer Jazz wunderbar zu verwirklichen“, bemerkt Gilhooley noch, um seine Argumentation zu unterstreichen.
Wigmore Hall ist ein magnetischer Anziehungspunkt, wenn es um die Kammermusik in London geht, ein Zentrum der Musik in der Metropole. Jedenfalls erhält man diesen Eindruck, wenn man sich unter den Gästen im Foyer herumtreibt. Kurz zuvor werden noch Verabredungen getroffen, trinkt man eine Tasse Tee. Es ist eine große Familie, die sich zu den Konzerten trifft, die aber auch neue Gesichter zulässt, ja sogar gerne begrüßt. Es ist ein magischer Ort, den man besuchen sollte, wenn man in diese Stadt kommt, und wenn man Kammermusik liebt.

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