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Leseprobe:

Spielen wie im Rausch

Der Cellist Alban Gerhardt

Von: Anja Renczikowski

„Oben im Kaufhof kann man schön sitzen und frühstücken“, teilt uns die Dame am Bühneneingang des Dortmunder Opernhauses mit. Nun – für unser Gespräch finden wir dann doch noch einen anderen Platz: ein Café in der Dortmunder Innenstadt, etwas altbacken und plüschig, doch mit viel Ruhrgebietscharme. Alban Gerhardt nimmt es gelassen. Völlig unkompliziert und sympathisch plaudert der Musiker über die Anfänge seiner Karriere, das Cello, seine neueste CD und über sein Engagement für Schulprojekte.

Alles – nur kein Wunderkind

„Alban“ ist nicht gerade ein geläufiger Vorname. Auf die Frage, ob seine Eltern sich von Alban Berg inspiriert fühlten, antwortet er: „Angeblich sind sie im Namensbuch bei ‚Alban’ hängen geblieben. Mein Vater hat allerdings das Berg-Violinkonzert bei seinem Probespiel vorgespielt und meine Schwester heißt Manon. Also irgendwie schon – wahrscheinlich im Unterbewusstsein.“ In einer durch und durch musikalischen Familie aufgewachsen – der Vater ist Stimmführer bei den zweiten Geigen bei den Berliner Philharmonikern, die Mutter Sängerin – hätte die musikalische Laufbahn Alban Gerhardts in verschiedene Richtungen gehen können. Und so war der Weg zum Solisten auch nicht ganz geradlinig. „Ich bin alles andere als ein Wunderkind gewesen“, behauptet Gerhardt von sich selbst. „Meine Eltern waren keine ‚Eislauf’-Eltern, die mich zum Spielen gedrängt haben. Das war zunächst so eine Art Beschäftigungstherapie. Meine Mutter unterrichtete und so wurde ich bei einer Freundin ‚geparkt’. Da habe ich auf ganz spielerische Art Klavierspielen gelernt.“ Später kam das Cello hinzu: „Sie hätte mir auch jedes andere Instrument vorschlagen können, behauptet meine Mutter heute.“ Die Wahl war aber alles andere als zufällig, sondern eher eine glückliche Fügung. Dennoch spielten das Cello und das Klavier lange Zeit eine gleichwertige Rolle im Leben Alban Gerhardts. „Eigentlich war ich auf dem Klavier sogar besser. Das war dem Cellospiel weit überlegen“, erinnert sich der Musiker an die ersten Auftritte und Wettbewerbe. „Mit 17 oder 18 Jahren hätte man mit meinem Cellospiel keinen Hund hinterm Ofen hervorlocken können, das war einfach nicht gut.“ Erstaunlich, denn die meisten Solistenkarrieren werden doch heute schon in ganz jungen Jahren aufgebaut. Nachdem sich Gerhardt Anfang zwanzig dann endlich für das Cello entschieden hatte, dachte er aber zunächst in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und Orchestermusiker zu werden. Dann kam ein Wendepunkt, der schicksalhaft alle Pläne durchkreuzte: Gerhardt gewann 1990 den Deutschen Musikwettbewerb in Bonn. Damit verbunden waren 50 Konzerte in ganz Deutschland. Der junge Cellist lernte die Freiheit des Solisten kennen und lieben. „Ich habe das als Zeichen gesehen. Das waren furchtbar schlecht bezahlte Konzerte in teilweise katastrophalen Orten, Gemeindehallen, Büchereien. Und ich dachte, wenn das Spaß macht und ich da durchkomme, dann mache ich das einfach.“ Ein Probespiel bei den Berliner Philharmonikern kam danach für ihn nicht mehr in Frage. „Das wäre mir mit 21 auch noch viel zu früh gewesen, mich für immer niederzulassen.“

Spätzündung mit Folgen

Statt den sicheren Weg des Orchestermusikers wählte Alban Gerhardt das unsichere Terrain des Solisten. Als „Spätzünder“ lernt er aber auch die Vorteile dieser Entwicklung kennen, wird nicht schon in ganz jungen Jahren auf dem Markt „verheizt“. „Ich habe Leute gesehen, die mit 25 oder 26 Jahren ganz toll waren und dann abstürzten, weil sie sich zu sehr im Erfolg sonnten.“ Alban Gerhardt verkörpert den Beweis dafür, dass ein erstklassiger Musiker neben ausreichender Begabung auch Fleiß, Ausdauer und Ehrgeiz mitbringen muss. Auch heute noch gehören zwei Stunden technische Basisarbeit zu seinem täglichen Arbeitspensum. „Man muss immer hart arbeiten, sich neue Maßstäbe setzen. Sonst wird es nichts.“ Zu seinen Vorbildern zählen Jacqueline du Pré und der Altmeister Mstislav Rostropowitsch, dem er als 12-Jähriger einmal vorspielen durfte. „Er ist einfach der wichtigste Cellist. Vieles von dem, was wir heute spielen, verdanken wir ihm. Er hat so viele Komponisten inspiriert. Wenn Casals so gewesen wäre oder wenn Beethoven und Mozart solch’ eine musikalische Persönlichkeit um sich gehabt hätten, könnten wir uns vor Stücken gar nicht retten.“ Zu Gerhardts Lehrern gehörten Boris Pergamenschikow und Frans Helmerson. „Pergamenschikow war super! Er hat unglaublich viel Zeit und Geduld investiert und war auch menschlich einfach da. Er hat sich auf seine Studenten ganz eingelassen. Obwohl er eine große Karriere hatte, war er sehr präsent.“ Auch der Meisterkurs bei Heinrich Schiff beeinflussten den jungen Musiker nachhaltig. „Aber letztlich“, so Gerhardt, „war ich schon immer sehr autark.“ Den eigenen Weg zu finden, sei das wichtigste Ziel. „Dieses ewige Vorspielen und Meinung einholen ist auf längere Sicht nicht ratsam.“ Trotzdem nimmt er Kritik sehr ernst, bekennt ganz uneitel: „Von einigen Konzertkritiken habe ich auch etwas lernen können.“

„Auf hohem Niveau zu spielen, verdirbt einen auch sehr.“

Nachdem Alban Gerhardt 1993 den Internationalen Leonard-Rose-Wettbewerb in den USA gewann, blieb der Cellist gleich für mehr als sieben Jahre in New York. Dort lernt er auch seine Frau, die Latin-American- und Jazz-Sängerin Katalina Segura, kennen. Vor einigen Jahren machte der Diebstahl seines wertvollen Lorenzo Guadagnini-Cellos Schlagzeilen. Das Instrument tauchte nie wieder auf. Inzwischen verfügt Gerhardt über ein ganz besonderes Violoncello aus der Werkstatt Matteo Gofrillers, mit dem er mit allen führenden Orchestern konzertiert. Eine besondere Liebe gilt aber nach wie vor auch der Kammermusik. Mit 18 Jahren studierte Gerhardt bei dem LaSalle Quartett in Cincinnati. Regelmäßig und doch „viel zu selten“ musiziert er heute mit Kollegen wie Cecile Licad, Lars Vogt, Christian Tetzlaff, Julia Fischer, Tabea Zimmermann oder Emmanuel Pahud. Im Dezember wird er in der Alten Oper Frankfurt gemeinsam mit dem Artemis Quartett spielen und im Januar mit dem Pianisten Steven Osborne eine Konzerttournee unternehmen. „Auf so hohem Niveau zu spielen, verdirbt einen auch sehr. Wenn man dann mit Leuten spielt, die nicht über so eine musikalische Extraklasse verfügen, macht es nicht mehr so viel Spaß. Manchmal hat man nur eine Probe, aber dadurch, dass wir alle so ein Verständnis für das Stück haben und wir uns gegenseitig zuhören, brauchen wir auch nicht mehr. Das klappt, ohne dass wir viel reden. Man ist wie mit einem elektrischen Draht verbunden und spürt, was der andere will. Da gibt es eine unglaubliche Sensibilität und Offenheit beim Spielen, die einen erahnen lässt, was der andere macht, ohne dass Einsätze und Zeichen nötig sind. Das ist einfach nur Genuss. Aber es passiert viel zu selten, weil wir alle so beschäftigt sind und zum gemeinsamen Musizieren zu wenig Zeit haben.“

„Romantisches Cello“

Das Repertoire des Cellisten ist äußerst umfangreich. So hat er bereits über 40 verschiedene Cellokonzerte aufgeführt, darunter natürlich die großen Werke von Dvorák und Schumann. Interessant ist fast alles, „das Lieblingsstück ist, so wie Rostropowitsch auch einmal gesagt hat, immer das Stück, das man gerade spielt“. Seine Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponisten wie Unsuk Chin, Peteris Vasks, Brett Dean, Jörg Widmann und Matthias Pintscher dokumentiert sein Interesse an der Erweiterung des Repertoires. Daneben beschäftigt er sich auch immer wieder mit musikalischen Raritäten: Konzerte von Anton Rubinstein, Frederick Jacobi und Frank Bridge hat er eingespielt. Zum Auftakt einer langfristigen Zusammenarbeit mit dem britischen Label Hyperion hat Alban Gerhardt mit dem BBC Scottish Symphony Orchester und Carlos Kalmar die Cellokonzerte von Eugen d’Albert, Ernö von Dohnányi und George Enescu aufgenommen. Nach der Reihe „Das romantische Klavierkonzert“ mit über 50 Ausgaben beginnt das Label damit nun auch die Reihe der „romantischen Cello-Literatur“. „Ich wollte nicht unbedingt Dvorák oder Schumann aufnehmen, das kann eigentlich noch warten. Das muss dann wirklich die Krönung sein unter perfekten Bedingungen mit einem großartigen Orchester und einem tollen Dirigenten. So etwas nimmt man nicht zwei, drei Mal auf.“ Die Symphonie concertante op. 8 des vor 50 Jahren in Paris verstorbenen rumänischen Komponisten Enescu ist nicht sehr bekannt. Gerhardt spielte das Stück auch im September 2005 im Dortmunder Konzerthaus, und das mit so viel Sanglichkeit und Brillanz, dass man den Eindruck gewinnen konnte, ein kleines Juwel der Celloliteratur endlich wieder entdeckt zu haben. Dass es so klingt, ist viel Arbeit. Gerhardt lernt jedes Stück auswendig. „Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass das für mich wichtig ist. Durchs Auswendigspielen kann ich mich auch von der bei uns manchmal etwas zu wichtig genommenen ‚Texttreue’ lösen, die den Hörer doch erst in zweiter Linie interessiert. Der Hörer will auf eine Reise mitgenommen werden, ob das nun mit dem zu tun hat, was der Komponist wollte oder nicht, ist dann in gewisser Weise zweitrangig.“ Natürlich steht auch für Alban Gerhardt die Arbeit mit dem Material, den Noten, an erster Stelle, aber wenn er es auswendig spielt, kann etwas Eigenes daraus werden, fügen sich einzelne Teile, „Versatzstücke“ zu einer Form. „Man muss sich befreien“, erklärt Gerhardt. „Wenn ich Bach spiele, habe ich ein grobes Konzept, aber dann wird frei improvisiert.“ Auch mit den Bogenstrichen verfährt er ex tempore, verzichtet auf Eintragungen in den Noten: „Bei mir stehen keine Bogenstriche drin. Früher war alles vollgekritzelt, jetzt ist alles ganz blank. Und wenn in der vorliegenden Edition schon welche eingetragen sind, dann übermale ich sie mit Tipp-Ex.“ So vermeidet Gerhardt ein starres Gerüst, bleibt auch offen im Spiel, spürt, ob er das Publikum mitzieht. Beim Konzertieren versucht er, alle Gedanken, die nicht mit der Musik zu tun haben, „wegzublocken“, versucht in jedem Augenblick kreativ zu sein, „Emotion und Farbe spontan über die Rampe zu bringen“. Gedanken an Technik sind dann auf ein Minimum reduziert und es geht darum, Gedanken und Gefühle in Musik zu übersetzen. „Wenn allerdings zu viele Huster kommen, weiß ich, dass die Spannung nachlässt.“

Von der Pflicht zur Kür – Engagement in Schulen

Herausforderungen sucht Alban Gerhardt aber nicht nur im Cellospiel. In New York wurde er von seiner Agentur in den New Yorker Stadtteil Bronx geschickt. Eher unfreiwillig nahm er an „residence“-Projekten teil. Ein Pflichtprogramm, bei dem Künstler auch etwas für die Nachwuchsarbeit leisten müssen. Am Anfang war er skeptisch, doch dann erkannte er, wie viel man mit nur wenig Aufwand erreichen kann. „Die Kinder sind ja ganz perplex, wenn sie so ein akustisches Instrument hören. Die kennen nur Musik aus der Büchse oder verstärkt.“ Auch in Deutschland setzt er sich jetzt für Jugendprojekte ein, darunter das von dem Pianisten Lars Vogt initiierte „Rhapsodie in School“: „Ich muss sagen, ich hasse dieses Wort ‚Projekt’, es ist eher ein Engagement in Schulen. Ich bin in die Schulen gegangen und habe gemerkt, wie groß das Interesse ist, wenn die Kinder nur richtig angesprochen werden. Im regulären Musikunterricht werden die Seelchen oft eher abgeschreckt“, so Gerhardt. Aber wie macht man das? Wie findet man den richtigen Draht? Der Cellist bereitet sich nicht groß vor, sondern stellt sich ganz unprätentiös vor die Klassen, packt sein Instrument aus, spielt einfach ein bisschen Bach und wartet ab, was passiert. Meist kommen die Fragen von ganz allein und es wird über die Musik, aber auch andere Dinge wie Sport gesprochen. „Das große Geheimnis ist, dass man bloß nicht mit erhobene Zeigefinger dorthin kommt oder nur Spaß macht. Ich finde unsere heutige Spaßgesellschaft sowieso doof. Ich mach’ da ja auch keinen Spaß, auch wenn wir viel lachen. Das ist eine Ernsthaftigkeit und musikalische Tiefe. Die finden das toll, auch wenn ich fast nur Bach und Ligeti spiele.“ Mittlerweile gehören Kinder- und Jugendprojekte zum guten Ton eines jeden Orchesters, eines jeden Konzerthauses. Die meisten Veranstaltungen zielen darauf hin, den musikalischen Nachwuchs zu fördern und auch für das Publikum von morgen zu sorgen. Für Gerhardt ist dies jedoch ein weit entferntes Ziel. Vielmehr möchte er die Kinder einfach inspirieren, ein Instrument zu erlernen – auch ganz ohne professionellen Hintergrund. „Man muss das später nicht beruflich machen. Es ist einfach gut für die Entwicklung, das Selbstbewusstsein und die Konzentration.“ Der Cellist spricht aus Erfahrung. Auch er selbst war ein eher schüchternes Kind und „in der Schule ging es, nachdem ich mit dem Klavier angefangen hatte, plötzlich auch viel einfacher“.

„… wie ein Rausch.“

Etwas, was im heutigen Musikbusiness viel zu selten wahrnehmbar ist, strahlt Alban Gerhardt aus: eine faszinierende Lebensfreude. Eine Eigenschaft, die sich auch auf sein Musizieren überträgt, die man erlebt, wenn man ihn auf der Bühne sieht und hört. „Vor einiger Zeit habe ich mich mit dem Motorroller ‚hingelegt’. Da hat sich die Schulter verschoben, das tut immer noch weh. Aber beim Spielen vergesse ich die Schmerzen. Da werden bestimmt irgendwelche Drogen im Gehirn freigesetzt. Vieles wird ja auch automatisiert, geht in Fleisch und Blut über. Wenn man gut genug geübt hat, dann kann man es wirklich genießen, dann ist es wie ein Rausch.“

www.albangerhardt.com

 
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