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Leseprobe:

Ein Herz für die Kammermusik

Mirijam Contzen


Von: Carsten Dürer

Sie ist noch immer jung. Doch die Geigerin Mirijam Contzen ist schon so früh auf die Bühne gegangen, dass sie schon eine Art „alter Hase“ im Musikbusiness ist. Für sie ist – als Schülerin von Tibor Varga – die Kammermusik immer schon eine der wichtigsten Beschäftigungen im Rahmen ihrer Musikausübung. Ungewöhnlich für eine solch junge Solistin, dass sie sich so intensiv für die Kammermusik einsetzt, geben doch die Konzerte als Solistin immer noch eine leichtere Reputation in der musikalischen Welt, gerade für junge Musiker. Doch wie wichtig ihr die Kammermusik letztendlich ist, zeigt, dass sie im vergangenen Jahr erstmals ein eigenes Kammermusikfestival in der Nähe ihres Heimatortes auf Schloss Cappenberg im Münsterland ins Leben rief. Wir trafen uns mit der sympathischen und auch etwas scheuen Geigerin, um uns mit ihr über ihre Ideen und Ansichten in der musikalischen Welt zu unterhalten.

Eigentlich war das Festival im Jahre 2005 auf Schloss Cappenberg noch gar kein richtiges Festival: „Wir haben ja nur zwei Konzerte an einem Wochenende veranstaltet und gespielt“, erklärt Mirijam Contzen als künstlerische Leiterin und Spiritus Rector dieses neuen Anlaufpunktes für Kammermusikfreunde. Dennoch war dieses „Festival“ gleich ein voller Erfolg, weiß sie zu berichten. „Wir haben erst zwei Wochen vor dem Festival die Öffentlichkeit überhaupt informiert, dass man dort auf Schloss Cappenberg etwas Musikalisches zu erwarten hat. Und eine Woche danach waren die Karten schon ausverkauft.“ Ungewöhnlich, doch muss dazu gesagt werden, dass zum einen in den zum wunderschönen Konzertsaal umgebauten, ehemaligen Reitstall des Schlosses nur 250 Musikbegeisterte passen, zum anderen die Mundpropaganda schon zuvor auf die engsten Interessierten gewirkt hatte. Aber die Atmosphäre tut das ihrige, denn aus dem Konzertsaal schaut man durch eine große Fensterfront auf die Schlosskirche, das ganze Gelände wirkt wie ein wunderschöner Campus, auf dem sich die Besucher auch den gesamten Tag aufhalten können, sind sie erst einmal dort angereist. Und so fiel die Entscheidung nicht schwer, das Festival gleich auszuweiten.

Spätzündung mit Folgen

Statt den sicheren Weg des Orchestermusikers wählte Alban Gerhardt das unsichere Terrain des Solisten. Als „Spätzünder“ lernt er aber auch die Vorteile dieser Entwicklung kennen, wird nicht schon in ganz jungen Jahren auf dem Markt „verheizt“. „Ich habe Leute gesehen, die mit 25 oder 26 Jahren ganz toll waren und dann abstürzten, weil sie sich zu sehr im Erfolg sonnten.“ Alban Gerhardt verkörpert den Beweis dafür, dass ein erstklassiger Musiker neben ausreichender Begabung auch Fleiß, Ausdauer und Ehrgeiz mitbringen muss. Auch heute noch gehören zwei Stunden technische Basisarbeit zu seinem täglichen Arbeitspensum. „Man muss immer hart arbeiten, sich neue Maßstäbe setzen. Sonst wird es nichts.“ Zu seinen Vorbildern zählen Jacqueline du Pré und der Altmeister Mstislav Rostropowitsch, dem er als 12-Jähriger einmal vorspielen durfte. „Er ist einfach der wichtigste Cellist. Vieles von dem, was wir heute spielen, verdanken wir ihm. Er hat so viele Komponisten inspiriert. Wenn Casals so gewesen wäre oder wenn Beethoven und Mozart solch’ eine musikalische Persönlichkeit um sich gehabt hätten, könnten wir uns vor Stücken gar nicht retten.“ Zu Gerhardts Lehrern gehörten Boris Pergamenschikow und Frans Helmerson. „Pergamenschikow war super! Er hat unglaublich viel Zeit und Geduld investiert und war auch menschlich einfach da. Er hat sich auf seine Studenten ganz eingelassen. Obwohl er eine große Karriere hatte, war er sehr präsent.“ Auch der Meisterkurs bei Heinrich Schiff beeinflussten den jungen Musiker nachhaltig. „Aber letztlich“, so Gerhardt, „war ich schon immer sehr autark.“ Den eigenen Weg zu finden, sei das wichtigste Ziel. „Dieses ewige Vorspielen und Meinung einholen ist auf längere Sicht nicht ratsam.“ Trotzdem nimmt er Kritik sehr ernst, bekennt ganz uneitel: „Von einigen Konzertkritiken habe ich auch etwas lernen können.“

Doch warum überhaupt gründet man heutzutage ein Festival, in einer Zeit, in der es Festivals allerorten gibt, deren Anzahl vor allem in Deutschland kaum mehr überschaubar ist? Mirijam Contzen grinst und sagt belus-tigt und verlegen zugleich: „Man möchte ja auch einmal selbst bestimmen, was da passiert.“ Und auch wenn an dieser Aussage sicherlich etwas Wahres ist, wird sie sogleich wieder ernsthaft: „Nein, es ist die Idee, dass man die Erfahrungen, die man auf so vielen anderen Festivals gesammelt hat, ob nun bei Dietmut Poppen in Osnabrück, oder in Athen, natürlich in Leipzig und Moritzburg, innerhalb einer eigenen Idee aufgehen lassen will. Und dann ist es paradiesisch, wenn man plötzlich eine Woche lang mit anderen Musikern zusammen sein kann. Es hat etwas von gehobener Ferienlager-Atmosphäre.“ Ist es nicht auch bei den meisten von Musikern gegründeten Kammermusikfestivals so, dass es ein gemeinsames Musizieren und Treffen von Freunden ist? „Auch, aber man trifft ja auch immer wieder auf Musiker, die man noch nicht kennt. Aber noch einmal ganz genau gesagt: Es ist schon toll, wenn man die Ideen, die man hat, selbst auch umsetzen kann, dass man selbst bestimmen kann. Das war schon immer ein lange gehegter Wunsch von mir. Das bedeutet ja nicht, dass man sich die Vorschläge anderer Leute nicht anhört, sich nicht auch positiv beeinflussen lässt.“ Und sie spricht aus Erfahrung, weiß welche Doktrinen ein Musiker manches Mal bei Veranstaltern über sich ergehen lassen muss. „Da gefällt einem Veranstalter das Programm nicht und schon muss man etwas anderes anbieten. Da ist es schon ganz schön, wenn man selbst bestimmen kann.“ Doch nicht nur auf Schloss Cappenberg hat Mirijam Contzen das Sagen, sondern auch im Örtchen Iffldorf, südlich von München am Starnberger See gelegen. „Dass ich dort die künstlerische Leitung übernommen habe, ist ja auch erst 2005 gewesen.“ Dort sind es auch momentan nur zwei Konzerte an einem Wochenende, doch ebenso wie auf Schloss Cappenberg ist auch in Iffldorf geplant, die Serie auszubauen. Was genau heißt für Mirijam Contzen die künstlerische Leitung dieser Festivals? „Nun, in erster Linie heißt es, die Programmatik zu entwickeln. Natürlich auch, die Künstler, die auftreten, einzuladen.“

Hausmusik fördern

Bedeutet ein solches Kammermusikfestival für eine junge Geigerin wie Mirijam Contzen nicht auch, dass man dann endlich einmal wirklich die Werke spielen kann, die man ansonsten nur schwerlich einem Veranstalter anbieten kann? Und ist es nicht auch die Möglichkeit, überhaupt einmal intensiv Kammermusik zu spielen? „Es beinhaltet natürlich vieles. Zum einen ist es so, dass man niemals dazu kommt, Werke wie Streichquintett oder in noch größerer Besetzung wirklich zu spielen. Denn diese Besetzungen als feste Ensembles gibt es ja kaum, es sei denn, ein Quartett wie ‚aufgefüllt’. Und was extrem wichtig ist und was wirklich in den vergangenen Jahren mehr und mehr verloren gegangen ist: dass man Hausmusik macht. Ich denke, dass es vor 15 bis 20 Jahren auch in Deutschland noch anders ausgesehen hat. Als ich noch klein war, da gab es im Bekanntenkreis meiner Eltern immer wieder die Möglichkeit, sich privat zu treffen, um gemeinsam zu musizieren. Das gibt es heute nur noch selten, denke ich, das ist irgendwie verloren gegangen. Und genau diese Atmosphäre wieder aufleben zu lassen, ist eine der Ideen, die ich umsetzen will. Natürlich der Kammermusik einen Platz zu schaffen, den sie verdient, und das Publikum daran teilhaben zu lassen. Und im normalen Konzertbetrieb erhält die Kammermusik heutzutage diesen Platz nicht mehr. Es ist ja selten innerhalb der üblichen Konzertreihen, dass dort Aufführungen mit Streichquintett oder beispielsweise Streichoktett vorkommen. Es ist in jedem Fall ein schwieriges Unternehmen.“ Versucht hat sie es schon, wollte mit Freunden eine Oktettbesetzung zusammenstellen, um beispielsweise das wunderbare Schubert-Oktett einmal aufzuführen: „Es war so schwierig, mit solch einer Idee eine Art Tour zusammenzustellen, das kann man sich gar nicht vorstellen. Sehr wenige Veranstalter sind an so etwas interessiert. Natürlich ist es zum einen eine teure Geschichte, da man viele Musiker hat. Zum anderen wollen die Veranstalter immer mit solchen Programmen einen großen Saal füllen. Und das geht eigentlich nicht.“
Woran liegt es nach Meinung von Mirijam Contzen, dass ein Veranstalter mit dieser Art von Konzerten kein Geld mehr verdienen kann, woran, dass immer weniger Menschen an dieser Art von Musik interessiert zu sein scheinen? „Nun, das hat sicherlich vielfache Gründe. Zum einen, weil die Kammermusik nicht präsent genug ist. Viele Menschen kennen diese Musik auch nicht, so dass es eine Art Angst vor dem Unbekannten zu geben scheint, selbst wenn es Standardwerke der Kammermusik sind, die gespielt werden. Und das gesamte Kammermusikalische spielt sich auch auf einem Niveau ab, für das man ein bisschen Kenntnis haben müsste, denke ich. Diese Musik setzt auch einfach ein gewisses Interesse voraus, es ist halt nicht die große Orchestermusik, bei der man sich sehr leicht einfach einmal zurücklehnen und sie über sich ergehen lassen kann.“ Dennoch liegt es nicht an überhöhten Gagenforderungen, denn selbst wenn diese zurückgeschraubt werden, weiß Mirijam Contzen, wächst das Interesse bei den Veranstaltern nicht wirklich. Trotz dieser so eingeschränkten Möglichkeiten für die Kammermusik glaubt Mirijam Contzen daran, dass man dieses Interesse schüren kann, dass man den Wissensrückstand im Bereich der Kammermusik in jedem Fall aufholen kann: „Ich glaube, wenn man dieser Musik den Rahmen schafft und mit dem Publikum den Kontakt hat und mit ihm über diese Musik sprechen oder diskutieren kann, sich das Publikum informieren kann, dann ist diese Schwelle, die man überschreiten muss, um zu dieser Musik vorzustoßen, auch tiefer. Und das ist auch das Ziel, das ich habe.“

Atmosphäre schaffen

Der Rahmen für die Kammermusik ist also letztendlich das A und O. „Wenn man den richtigen Rahmen schafft, wenn das Publikum weiß, worum es dort geht, mit welchen Leuten habe ich dort zu tun, dann denke ich, funktioniert es. Es reicht halt nicht aus, ein Kammerkonzert mit einigen Namen einfach in einer Jahresübersicht abzudrucken und sich dann zu wundern, warum sich ausgerechnet dieses Konzert schlecht verkauft.“ Zudem wurde in der Vergangenheit immer wieder versucht, die Kammermusik in die großen Säle der Städte zu integrieren, mit einer Musik, zu der man direkteren Kontakt nur in einem kleineren, einem intimeren Rahmen bekommt. Und dann auch schneller Spaß an ihr hat. „Ich denke nicht, dass dies überhaupt jemals möglich war, auch wenn dies zum Teil in den früheren Zeiten noch geklappt hat.“ Auf der anderen Seite zeigen die zahllosen Kammermusikfestivals, die gut besucht sind, dass ein grundsätzliches Interesse an dieser Musik bei der Bevölkerung vorhanden ist. „Die Kammermusik braucht einfach die Nähe, man muss nah an ihr dran sein. Man kann diese Musik nicht strecken, damit sie in die größeren Säle passt, indem man anfängt einfach lauter zu spielen. Das geht einfach alles nicht.“ Mirijam Contzen ist sich auch im Klaren darüber, dass man mit einem Kammerkonzert keine 2000 Besucher anziehen kann, mag dies auch hier und da einmal funktionieren. Und wenn das Interesse groß genug für diese Anzahl wäre, würde sie lieber sehen, dass man dieses eine Konzert gleich mehrfach in einem kleineren Raum mit der richtigen Atmosphäre stattfinden lässt.
Wie kann man ihrer Meinung nach eigentlich das Kommunikative, eine der Grundideen der Kammermusik, noch stärker integrieren in das Umfeld für diese Musik, wie kann man stärker auf das Publikum einwirken, ihm Kenntnis von dieser Musik geben? „Das, was meiner Meinung nach wichtig ist: dass die Leute das Gefühl bekommen, da entsteht etwas vor meiner Haustür. Es darf nicht so sein, dass da Musiker von außen kommen, sondern das Publikum muss das Gefühl erhalten: Das gehört zu uns. Das zeigt sich ja auch in vielen Werken, die für kammermusikalische Besetzungen geschrieben wurden. Da waren Musiker beisammen, die musizierten, und plötzlich kam der Einfall, für genau diese Besetzung nun etwas zu schreiben. Und dann wurde diese Musik auch gleich ausprobiert. Und genau dies haben wir in Cappenberg schon als kleinen Versuch im vergangenen Jahr gestartet. Wir hatten schnell die Resonanz. Und wir haben – für diese Region wirklich neu, auch wenn es dies andernorts schon länger gibt – öffentliche Proben abgehalten. Und ich habe darauf geachtet, dass diese Proben nun nicht etwas Aufgesetztes waren, sondern wir wirklich normal geprobt haben, diskutiert haben, wie es üblich in solchen Proben ist, ausprobiert haben. Das war für das Publikum sehr interessant. Auf diese öffentlichen Proben, die bis ins Detail den Zuhörern im Gedächtnis geblieben sind, habe ich extrem viel positive Resonanz erhalten.“ Immerhin hatten pro Probe nicht weniger als 80 bis 90 Interessierte den Weg in den Saal gefunden. Es gab also den gesamten Tag über eine Art von Programm: Proben, ein Café, um zu verweilen bis zum Konzert, das Erfahren der gesamten Atmosphäre auf dem Schlossgelände. Das Konzept für die Kammermusik lautet für Mirijam Contzen: Alles um die Musik und die Musiker im Entstehen darzustellen und offen zu legen, damit dem Publikum nicht nur das Endergebnis zu präsentieren, mit dem es vielleicht Probleme hat. Transparenz ist wohl der richtige Ausdruck, der für die Entstehung bis zur Aufführung das ausdrückt, was man zu einer besseren und offeneren Rezeption von Kammermusik anstreben sollte. Letztendlich muss der Austausch zwischen Musikern und Zuhörern stimmen. „Ich denke, dass im heutigen Konzertbetrieb die Nähe der Zuhörer zu den Musikern abhanden gekommen ist“, meint sie. Doch das, so sage ich, liegt auch zum Teil an den Musikern, die nicht einmal Zugaben ansagen, um das Publikum in das Geschehen auf der Bühne zu integrieren, sondern sich darauf verlassen, dass da ein kenntnisreiches Publikum sitzt, das alles versteht und erkennt. Sie stimmt zu.
Für das Festival auf Schloss Cappenberg hat sie nun für dieses Jahr deutliche Erweiterungsideen, um diese kommunikative Ebene noch auszubauen: „Wir wollen ein Kinderprogramm für die Jüngsten anbieten, und dies auch mit zeitgenössischen Komponisten. Das ist allerdings auch wieder in Frage gestellt, da es eine finanzielle Anhebung unserer Mittel bedeuten würde.“ Für das Festival tritt der Verein „Pro Lünen“ an, um die Kammermusik in dieser Region stärker ins Bewusstsein zu bringen. Ob dieser Privatverein weitere Mittel zur Verfügung stellen kann, um die guten Ideen von Mirijam Contzen umsetzen zu lassen, wird sich zeigen. Insgesamt wird es dieses Mal vier Konzerte geben, zwei Veranstaltungen für Kinder, zuzüglich der öffentlichen Proben. Eine ganze Woche kann man sich in diesem Jahr also auf Schloss Cappenberg die Kammermusik zu Gemüte führen, in recht intensiver und angenehmer Form. Bei all diesen Ideen soll eines nicht aufkommen: „Das Gefühl, dass die Musik nun mundgerecht aufbereitet wird.“

Der Weg bis zum Festival

Wie kam es eigentlich dazu, dass für Mirijam Contzen die Kammermusik heute einen solch wichtigen Stellenwert hat? 1986 gewann sie bereits mit einem Klaviertrio den Charles Hennen Kammermusik-Wettbewerb. Aber so richtig begonnen hat ihre Karriere erst mit dem Gewinn des renommierten Tibor Varga-Violinwettbewerbs, als sie 16 Jahre alt war. Hat Varga, bei dem Contzen studierte, ihr schon die Kammermusik so deutlich im Studium näher gebracht, oder war es doch eher eine Ausbildung der klassischen Art für eine Solo-Violin-Karriere? „In gewisser Weise war es schon so. Aber Tibor Varga hatte immer die Ansicht, dass man erst dann ein kompletter Musiker wäre, wenn man alle Facetten der Musik kennen gelernt hat. Denn wer weiß schon, ob er mit 10 oder 12 Jahren wirklich eine Solistenkarriere machen möchte. So musste man im Kammerorchester spielen, und es wurde viel Kammermusik gespielt. Um die Schule in Sion in der Schweiz, wo er unterrichtete, gab es all diese kleinen Bergdörfer. Und wir wurden vom Duo bis zum Quartett in alle Dörfer geschickt, um so früh wie möglich viel, viel Erfahrung zu sammeln. Und das war toll von ihm, dass er uns dazu angehalten hat, und es war natürlich für uns auch sehr wichtig.“ In Contzens Ausbildung wurde also nicht nur eine Linie verfolgt, sondern Varga achtete darauf, dass man das Repertoire für Violine in seiner Gesamtheit zumindest ansatzweise kennen lernte: „Und, mein Gott, was gibt es da an tollem Repertoire. Ehe man das nicht kennt, weiß man doch eher gar nichts. Natürlich sind die Solokonzerte toll, aber von der Substanz ist die Kammermusik doch noch einmal etwas vollkommen anderes. Und Varga hat ja selbst sehr viel Kammermusik gespielt. Er spielte mit Schülern und vielen Freunden alles in dem Festival, das er in Sion gründete.“ In dieser Atmosphäre hat Mirijam Contzen nicht nur das Repertoire aufgesogen, sondern auch lieben gelernt.
Wie groß sind ihrer Meinung nach heute überhaupt die Chancen für einen jungen Geiger oder eine junge Geigerin, mit einer Solokarriere durchs Leben zu kommen? „Ich könnte menschlich so sicherlich nicht leben. Man könnte sicherlich überleben, denn ich bin mit Orchestereinladungen sehr beschäftigt. Aber es ist ja auch sehr anstrengend, wenn es zwischen 70 und 80 Konzerte im Jahr sind. Dann ist das schon ein Pensum, das anstrengend zu erfüllen ist, wenn man nicht das ganze Jahr über nur zwei oder drei unterschiedliche Konzerte und zwei Recitalprogramme spielt. Aber nur Solokonzerte zu spielen, könnte ich mir gar nicht vorstellen, denn mir würden das Repertoire und die Menschen, mit denen ich dieses Repertoire musiziere, fehlen. Wenn ich mit anderen Musikern probe, oder mit ihnen unterwegs bin, dann gibt es nicht einmal diesen Moment, in dem ich fragen könnte, ob das Sinn macht, was ich da mache. Man ist einfach von der ganzen Musik vollkommen erfüllt.“ Sie hat sogar einmal versucht ein Quartett aufzubauen, musste aber feststellen, dass es ihr mehr liegt, mit unterschiedlichen Musikern Kammermusik zu spielen. „Ich hatte dann auch einen unglaublichen Respekt davor, mit drei anderen Musikern die gesamte Zeit sehr eng zusammenzuleben. Da bin ich doch lieber freier und mache unterschiedliche Dinge in der Musik. Das liegt mir einfach mehr.“ 2005 war sie sehr viel auf Kammermusikfestivals, in 2006 sind es nun etwas mehr Recitals mit Klavierpartner und Solo-Engagements. Mit dem Cellisten Peter Hörr hat sie nun doch noch ein Oktett-Projekt angeschoben, das sie über die Agentur versuchen anzubieten. „Und es gibt auch schon einige feste Termine. Eine andere Idee werde ich mit Oliver Triendl, Christian Poltera und mit Eddie Brunner verfolgen. Wir wollen Messiaen und andere wenig gespielte Werke zusammen spielen. Wir werden noch sehen, wohin dies führt, aber immerhin haben wir uns schon feste Probenzeiten gesetzt.“ Mit diesen Projekten versucht Mirijam Contzen in jedem Fall die Kammermusik auch in die allgemeinen Kammermusikserien der Welt zu tragen.
Heute unterrichtet Mirijam Contzen selbst in der Schweiz, an der Schule, an der sie selbst ausgebildet wurde. Mittlerweile ist diese Schule in Sion allerdings nicht mehr privat, sondern in die Hochschule integriert. Dort hat sie sieben Schüler. „Das nimmt eine Menge Zeit in Anspruch, vor allem, da man ja sehr viel Verantwortung übernimmt. Der Gang in die Geigenstunde ist ja auch ein bisschen der Gang zum Psychologen. Das war auch bei mir schon so. Allerdings habe ich da bei Tibor Varga schon sehr viel gelernt und bekomme nun immer größere Hochachtung vor der Selbstverständlichkeit, wie er alle Bereiche des Musiklebens leicht zusammenhielt.“

Der Link zum Festival: www.pro-luenen.de

 
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