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Leseprobe:

Inspirierende Kraft aus den Weinbergen

Mandelring Quartett


Von: Carsten Dürer

Immer wieder gibt es Beispiele für erfolgreiche Geschwister-Ensembles. Doch mit dem Mandelring Quartett hat Deutschland sicherlich eines der erfolgreichsten Quartette der noch jüngeren Generation zu bieten, das mit drei Geschwistern namens Schmidt ein echtes Familienensemble darstellt. Zudem hat dieses Streichquartett bereits im Jahre 1997 ein Kammermusikfest in der Pfalz ins Leben gerufen, unweit ihres elterlichen Hauses, das „Hambacher Kammermusikfest“. In diesem Jahr besuchten wir dieses im Hambacher Schloss und der Umgebung stattfindende Festival, um einen Eindruck zu erhalten – und wir unterhielten uns mit dem Quartett in einer der vielen Probenpausen beim Mittagessen über die Gedanken, den Werdegang, die Ideen zum eigenen Festival und die Quartettarbeit.

Als Erstes stellt sich natürlich die Frage, warum ein Quartett, bestehend aus Sebastian (1. Violine), Nanette (2. Violine) und Bernhard Schmidt (Violoncello), die mit Roland Gassl komplettiert eine Art Familienquartett darstellen, sich Mandelring Quartett nennt. Doch diese Frage ist schnell beantwortet, folgt man diesem Quartett zu seinem Wohnort: Am „Mandelring“, so ein Straßenname im Stadtteil Hambach von der Kleinstadt Neustadt an der Weinstraße, liegt der elterliche Hof. Ein ehemaliges Weingut am Mandelring ist die Heimat des Mandelring Quartetts. Dort sind die Geschwister Schmidt aufgewachsen und erzogen worden, dort und in umliegenden Häusern in der Nähe sind sie auch noch heute zu Hause. Wie war das eigentlich, als sie aufgewachsen sind? „Unser Vater war Musiklehrer hier am Gymnasium und spielte nicht nur Klavier, sondern auch Geige und Bratsche. So kamen auch immer schon Freunde meines Vaters ins Haus und spielten mit ihm Kammermusik. Unsere Mutter spielt ebenfalls Geige, war aber keine Musikerin. Auch unser Großvater war Musiker, genauer gesagt Sänger, der aber später auch Lehrer wurde, weil es in den 20er Jahren noch recht schwierig war, sich als Sänger eine Existenz aufzubauen“, erklärt Bernhard Schmidt. Für die Kinder war die Musik also mehr als normal im Alltagsleben. Angefangen haben dann allerdings alle drei Schmidts mit dem Klavierspiel. „Als zweites Instrument kamen dann für uns alle die Streichinstrumente hinzu“, sagt Nanette Schmidt, „das haben wir dann eigentlich bis zum Abitur jeweils parallel gespielt“, erinnert sie sich. Eine regelrechte Aufteilung der Instrumente seitens der Eltern fand nicht wirklich statt, aber Bernhard sagt: „Nun, sie haben schon darauf geachtet, dass ich und Sebastian nicht beide gleichzeitig mit Geige begannen“, und Nanette fügt hinzu: „Warum ich dann allerdings auch mit Geige begonnen habe, weiß ich auch nicht mehr.“ Das spielt heute auch keine Rolle mehr. Recht früh machte man natürlich im Familienkreis Hausmusik. „Wir haben zwar auch von Anfang an Quartett gespielt, aber wir hatten das Quartettspiel nicht all Berufsziel, das kann man ja auch nicht haben“, erklärt Sebastian Schmidt, der eine Zeit lang in den USA, an der renommierten Indiana School of Music in Bloomington studierte.

Erst ab einem bestimmten Zeitpunkt stand die Frage nahc dem Berufsziel zur Disposition. Wann war das der Fall? „Es kam, glaube ich, durch das Bartholdy Quartett, die überwiegend an der Karlsruher Musikhochschule unterrichteten. Nanette und Sebastian hatten bei dem zweiten Geiger Unterricht und ich bei der Cellistin dieses Quartetts. Und so haben wir recht hautnah erleben können, wie es ist, mit dem Quartettspiel seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und was es für eine tolle Sache ist“, erklärt Bernhard Schmidt. Das war, als die Geschwister gegen Ende ihrer Schulzeit waren und sich Gedanken über ihr Studium machten. Anders als bei anderen Quartetten war es nicht die Abfolge: Orchestermusiker oder Solist und dann zurück zur Kammermusik; wahrscheinlich eine Folge der frühen Erfahrungen. Aber es gab natürlich Unterbrechungen: „Während unseres Studiums gab es auch einmal ein Jahr, in dem wir gar nicht miteinander gespielt haben“, erklärt Nanette Schmidt. Die Folge des Studiums von Sebastian Schmidt in den USA. Nanette Schmidt hatte allerdings an der Hochschule bereits ein reines Frauen-Quartett gegründet. Doch eine berufliche Beschäftigung mit dieser Art Musik ohne den Geige spielenden Bruder stand anscheinend nie zur Disposition. Roland Gassl als Nicht-Familienmitglied stieß erst später hinzu, als das Quartett bereits erste Erfolge verzeichnen konnte. Als der ehemaliger Bratscher Michael Scheitsbach ankündigte, das Quartett verlassen zu wollen, um andere Dinge zu tun, wandte man sich als Vertrauensperson erst einmal an den Geigenbauer des Quartetts, erinnert sich Sebastian Schmidt: „Es ist ja immer ein bisschen heikel, wenn ein eingeführtes Quartett Personalwechsel vornimmt, da immer gleich gemunkelt wird, ob man nach einem Wechsel immer noch so gut wie zuvor sein wird. So wollten wir das nicht an die große Glocke hängen. Der Geigenbauer fragte durch Zufall Hariolf Schlichtig, ob er nicht einen Bratscher für ein renommiertes Quartett wüsste. Und Hariolf Schlichtig fragte direkt: Die Mandelrings?“ Er hatte den entscheidenden Tipp: Roland Gassl war noch studienmäßig in den USA, doch man fragte ihn, ob er nicht einmal mit dem Quartett spielen wolle. Er selbst erinnert sich, wie es war, von einem fast reinen Familienquartett gefragt zu werden: „Ich hatte bei Hariolf Schlichtig einen Kurs besucht und er hatte mich erst kurz zuvor gefragt, was ich denn als Ziel so machen wollte. Ich hatte geantwortet: Unterrichten und Kammermusik. Ich habe nach den ersten Proben mit dem Quartett dann auch schnell zugesagt, da ich spürte, dass es gut funktionieren könnte. Ich hatte schon in den USA ein Streichquartett, mit dem ich spielte, allerdings damals noch als Geiger. Vor allem ist es natürlich gut, wenn man in ein bestehendes Quartett einsteigen kann, da dort dann doch schon viel Voraussetzungen für das Berufsleben gegeben sind.“ Er gibt dann aber schnell zu, dass es ihm wichtig war, dass keine der Mitglieder verheiratet sind, als er die Namen hörte, denn bei Geschwistern gibt es mehr Ehrlichkeit und weniger Probleme bei Reibereien während der beruflichen Auseinandersetzungen, meint er. Roland Gassl stammt aus einer Geigenbau-Dynastie von mehr als 200 Jahren. Sein Vater ist ebenfalls Geigenbauer, der in Ingolstadt arbeitet. Die Nähe zum Streichinstrument lag da nahe, und Gassel witzelt: „Nach 200 Jahren des Baus musste auch einmal einer anfangen, die Instrumente zu spielen“, grinst er.

Dass es immer eine Veränderung bedeutet, wenn ein Ensemble eine Umbesetzung vornimmt, ist klar, aber es befruchtet auch die bestehenden Ideen. „Wechsel müssen allerdings nicht sein, denn sie sind natürlich auch mit wahnsinnig viel Arbeit verbunden“, meint Bernhard Schmidt. „Ich möchte allerdings auch immer nebenbei etwas anderes machen“, sagt Roland Gassl, „denn auch die Zusammenarbeit mit anderen Musikern befruchtet dann ja wieder das Spiel im festen Quartett.“ „Ja, man muss immer auch etwas anderes machen“, pflichtet Sebastian Schmidt bei.

„Es ist auch eine wichtige Sache, wie man das Quartett und die Arbeit mit ihm organisiert, ob man beispielsweise beständig zusammen ist und probt, oder ob man es so macht wie wir, dass man phasenweise probt“, sagt Nanette Schmidt. „Dadurch bleibt alles frisch und man geht sich niemals auf die Nerven“, meint sie. Dennoch wohnt man direkt nebeneinander, probt nach wie vor in der herrlich ausgestatteten ehemaligen Kelterei des heimischen Hofes, wo man auch immer wieder kostenlose Konzerte für die Hambacher Musikenthusiasten gibt. „Das geht gar nicht anders“, meint Gassl. „Insgesamt kommen schon bis zu 120 Probentage zusammen“, sagt Bernhard Schmidt, „aber durch unsere Organisation gibt es dann auch einmal Tage, ja auch schon mal eine ganze Woche, in denen wir nicht proben“, fügt er hinzu. Das ist wichtig, denn mittlerweile unterrichtet Gassl an der Frankfurter Musikhochschule, Sebastian Schmidt mit einem Lehrauftrag an der Mainzer Hochschule, so dass man sich die Zeit auch auf diese Weise besser einteilen kann.

Die Örtlichkeit in der Pfalz ist für das Quartett optimal. „Die Gegend hier ist nicht nur schön, sondern liegt auch günstig, da man schnell in Frankreich ist und auch ansonsten gute Anbindungen durch die Nähe des Frankfurter Flughafens hat“, meint Bernhard Schmidt und fügt hinzu, dass zudem im Süden Deutschlands mehr Konzertveranstalter zu finden wären als im Norden. Dabei sind natürlich auch die hervorragenden Bedingungen der elterlichen Räumlichkeiten nicht von der Hand zu weisen. Nanette beispielsweise kann sich kaum etwas Idealeres vorstellen: Sie wohnt vis-à-vis des elterlichen Hofes und kann auch bei langen Proben den Kontakt mit ihrer Familie problemlos halten. Das Gefühl, dass man sich besser in einer Großstadt als musikalischem Zentrum aufhalten könne, verneinen alle und meinen, dass man dort ja eh oft sei, da man dort ja Auftritte habe.

Als das Quartett den ARD-Wettbewerb gewann, danach den Evian Wettbewerb und den Premio Paolo Borciani, war die Karriere endlich geebnet. Welcher war da wirklich wichtig? „Der ARD-Wettbewerb war schon der wirklich wichtigste“, meint Sebastian Schmidt. Und wie sieht man überhaupt Wettbewerbe heutzutage? „Es tun sich natürlich plötzlich Türen auf, die zuvor eher verschlossen blieben“, meint Nanette Schmidt. Zudem, so Sebastian Schmidt, wollen sich auch Veranstalter eher auf die Wettbewerbs-Meinung stützen können, da sie zum Teil selbst nicht so viel Fachwissen haben, um sich die Qualität vor Ohren zu führen.

Man liest, dass das Mandelring Quartett mehr als 150 Werke im Repertoire führt. Was bedeutet das? Dass die Werke nach einem Probentag aufgeführt werden können? „Mittlerweile sind es mehr als 220 Werke. Es kommt auf das Werk an, aber mit einer Probe von zwei bis drei Tagen lassen sich alle diese Werke wieder spielen“, erklärt Bernhard Schmidt. Zwei bis drei Programme bietet das Quartett pro Saison an, doch aufgrund von Wünschen seitens der Veranstalter kann man halt mit einem breiten Repertoire diese Programme auch schnell ändern. „Ich habe einmal am Ende meines ersten Jahres im Quartett die unterschiedlichen Werke gezählt, die ich lernen musste, und kam auf die Zahl 70“, erinnert sich Roland Gassl. Repertoire-Schwerpunkte gibt es eigentlich nicht, auch wenn man mit Onslow und Dessoff Einspielungen von modernen Komponisten aufzuweisen hat. Mittlerweile liegen aber auch die gesamten Streichquartette von Schubert vor und man hat soeben die erste CD mit Streichquartetten von Schostakowitsch eingespielt, die in den folgenden Jahren komplettiert werden soll mit allen 15 Quartetten. Die Bandbreite ist riesig. „Das hält auch das Repertoire und die Aufmerksamkeit frisch, als würde man immer und immer wieder die gleichen Werke spielen“, meint Nanette Schmidt. Mittlerweile spielt das Mandelring Quartett über 70 Konzerte im Jahr, eine immense Anzahl für ein Streichquartett. Dies bestätigt nicht nur die Argumentation für die Organisation des Quartetts und für die Lage im heimischen, pfälzischen Dorf, sondern vor allem auch für die Qualität, von der sich immer wieder das Publikum überzeugen kann. Und natürlich die Presse auch, die beständig besonders die CD-Einspielungen mit Preisen auszeichnet und mit höchstem Lob versieht.

Schon immer hat das Mandelring Quartett im heimischen Probensaal Konzerte gegeben. 1997 bereits entstand daraus das Hambacher Musikfest. Ein Kammermusikfest, das in den Weingütern der Umgebung sowie auf dem Hambacher Schloss stattfindet. Mittlerweile ist es extrem erfolgreich, mit einer Publikumsauslastung von mehr als 90 Prozent. Warum wollte man ein eigenes Musikfest initiieren? „Zum einen sicherlich, das man bestimmte Werke bei den üblichen Veranstaltern nicht verkauft bekommt“, erklären die Schmidts. Unbekanntere Repertoire-Ideen erhalten sie zum Teil vom Vater, Jörg Sebastian Schmidt, der seit langem Noten sammelt und auch durchsieht. Doch mittlerweile gibt es auch ein Netzwerk für zeitgenössische Werke. Und im Hambacher Musikfest wird zudem jedes Jahr eine Auftragskomposition vergeben. So werden hier nicht nur befreundete Ensembles und Einzelinterpreten eingeladen wie in diesem Jahr das Trio Jean Paul, der Gitarrist Volker Höh oder den Kontrabassist Reinald Schwarz, sondern auch interessante Repertoire-Werke aufgeführt. Es ist – wie dies immer der Fall zu sein scheint – ein eigeninitiiertes wie egoistisch zu sehendes Festival, das aber dem Publikum einmal die größere Bandbreite von Repertoire vor Ohren führt. 

 
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