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Leseprobe:

Kammermusik in Stavanger

Das International Chamber Music Festival in Südnorwegen


Von: Carsten Dürer


Eine alte Stadt hat man vor sich, wenn man im südnorwegischen Stavanger ankommt, eine Stadt voller Historie, aber auch eine moderne Stadt. Das sind zum einen die alten und liebevoll restaurierten Holzhäuser, die vom Beginn des Wohlstands in diesem Ort erzählen, der den reichhaltigen Fischvorkommen vor der Küste entsprungen ist. Zum anderen sind da aber auch die Neubauten, die modernen Geschäfte, die aufgeschlossene Bevölkerung. Seit dem Auffinden der riesigen Ölvorkommen kann auch Stavanger als eine der wenigen Städte in Norwegen vom Aufschwung erzählen, von dem Reichtum, der sich durch die staatliche Ölgesellschaft Statoil begründet. Nein, Stavanger ist kein verschlafener Ort am Ende der Welt, sondern eine Hafenstadt – wenn auch klein mit seinen 100.000 Einwohnern –, die zeitgemäß und offen, ja fast weltgewandt erscheint.

Hier hat der norwegische Cellist Truls Mørk vor 14 Jahren ein Kammermusik-Festival ins Leben gerufen, das in seiner Breite an weit bekanntere erinnert, vielleicht aber vor allem den vielen anderen Festivals in Skandinavien vergleichbar ist. Nach dem Festival 2003 hatte der Cellist und Gründer allerdings die künstlerische Leitung abgegeben, vielleicht, um dem Festival verantwortungsbewusst neuen Wind zu beschaffen, vielleicht auch, um auch einmal Kollegen in die Pflicht zu nehmen, das Programm interessant zu gestalten. Daneben hörte man auch, dass es vielleicht einige Unstimmigkeiten mit dem Organisations-Komitee des Festivals gegeben haben soll. Wie dem auch sei: Es war nicht einfach, einen adäquaten Nachfolger für dieses mittlerweile so renommierte Festival zu finden. Denn selbstverständlich waren in der Vergangenheit zahlreiche der besten Künstler aufgrund der Freundschaft zu Truls Mørk nach Stavanger gekommen – um ihn zu treffen, um mit ihm zu musizieren. Und zum anderen war es für den Cellisten ein Leichtes, hervorragende Musiker einzuladen, da er sie persönlich kannte. 2004, vom 10. bis zum 15. August, war also das Premierenjahr für die neuen Künstlerischen Leiter: das norwegische Grieg Trio. Wir machten uns auf den Weg nach Stavanger, um uns das Festival einmal genauer anzuschauen.

Die Domkirche, direkt im Herzen der Stadt Stavanger gelegen, unweit des Hafens, ist der zentrale Ort des Festivals, das offiziell auf den Namen International Chamber Music Festival Stavanger hört. Diese Domkirche stammt aus dem Jahre 1135. Nach einem Brand im Jahre 1272 wurden der Turm und der Chor wieder im gotischen Stil aufgebaut. Es ist einer der prächtigs-ten hochmittelalterlichen Bauten Norwegens. Hier also tummelten sich nun von Tag zu Tag Musiker und Ensembles wie das Grieg Trio, das Keller Quartett, das Rosamunde Quartett, Fabio Biondi, David Grimal, Michael Collins und sein Bläserensemble London Winds, etliche Pianisten und viele andere, um zu öffentlichen Proben zusammenzukommen und natürlich um Konzerte zu spielen. Direkt neben dem Dom befand sich in einem herrlichen alten Schulgebäude auch das Festival-Büro, in dem der ausführende Manager, Jens Thordal, ebenso wie Asmud Austvoll als ausführender Produzent, gemeinsam mit ihrer 83-köpfigen Mann-schaft aus Angestellten und Freiwilligen versuchten, all die Bedürfnisse der Musiker und Besucher zu befriedigen, die Probentermine zu koordinieren, die Gäste mit Getränken und kleinen Speisen zu versorgen. Eine Mammutaufgabe, wenn man bedenkt, dass innerhalb der sechs Tage des Festivals nicht weniger als 35 Einzel-Musiker und zwei Orchester innerhalb von 24 Auffüh-rungen zu koordinieren waren.

Warum die Konzerte so dicht gedrängt waren? Nun, eigentlich ist es in Stavanger immer so, dass man sich vollauf auf die Musik einlassen kann. Auf der anderen Seite war am Wochenende vor Start des Festivals ein anderes Touristen-Highlight als Attraktion nach Stavanger geholt worden: das Tall Ship Race, ein Rennen mächtiger Segelboote aus aller Welt. Damit wollte man selbstverständlich nicht kollidieren. So wurde die Dauer des Festivals kurzerhand auf sechs Tage verkürzt, nachdem zu Beginn des Festivals schon einmal 10 Tage, dann nur mehr neun und im vergangenen Jahr schon nur noch acht Tage veranschlagt wurden.

Neben der Domkirche waren weitere Veranstaltungsorte das Konzerthaus mit großem und kleinem Saal sowie das Utstein Kloster, dessen Ursprünge bis in das 8. Jahrhundert zurückreichen und das ca. eine halbe Autostunde entfernt liegt, und weitere kleine Säle innerhalb der Stadt.

Die Programmatik

Zwar hat das Stavanger-Festival keinen thematischen Überbau innerhalb eines Jahres, aber immerhin doch thematische Schwerpunkte. Dazu zählten in der Vergangenheit auch immer die Aufführungen von Kompositionen unserer Zeit, deren Komponisten vor Ort waren. Dazu zählten so große Namen wie George Crumb, Henri Dutilleux, Magnus Lindberg, Witold Lutoslawski, Aribert Reimann oder auch Isang Yun oder Aaron Jay Kernis. In diesem Jahr hatte man den litauischen Komponisten Peteris Vasks eingeladen, aus dessen Œuvre denn auch zahlreiche Kammermusiken erklangen. So beispielsweise das vom Grieg Trio mit einer unfassbaren Dichte und Intensität gespielte Klaviertrio „Episodi e Canto perpetuo“ aus dem Jahr 1985. Peteris Vasks war sichtlich bewegt und angetan von den Aufführungen seiner Werke, stand den Musikern aber ebenso für direkte Auseinandersetzungen mit seinen Arbeiten zur Verfügung. So besuchte er auch die Probentermine, um direkt mit den Musikern seine Werke zu erarbeiten. Vasks Werke sind moderne Arbeiten, zu denen das Publikum aber aufgrund ihrer so emotionalen Aussagen einen direkten und leichten Zugang erhält. Damit hatte man eine gute Wahl getroffen. Faszinierend beispielsweise die Flöten-Solowerke wie die Sonate oder das Werk „Landscape with Birds“, die von Philippa Davies grandios wie virtuos vorgetragen wurden. Sie ist Mitglied von London Winds, die dann auch Vasks Bläserquintett „Im Andenken eines Freundes“ spielten. Ein Highlight der Aufführungen war sicherlich die Interpretation seines Violin-Konzerts „Distant Light“ von 1996/97, das von den immer ins Festival integrierten Mitgliedern des hervorragenden Stavanger Symphony Orchestra unter der Leitung des französischen Dirigenten Fabrice Bollon und mit dem faszinierenden Geiger David Grimal interpretiert wurde. Weitere Werke Vasks`, die zur Aufführung kamen, waren das Streichquartett Nr. 3 und „Musica dolorosa“ für Streicher, so dass das Publikum einen reichhaltigen und guten Überblick über das Schaffen dieses Komponisten erhielt.

Doch neben Vasks waren weitere Schwerpunkte im Festival vorgegeben. Da war im Dvorák-Gedenkjahr (100. Todesjahr) dessen kammermusikalisches Werk, das ebenfalls im Fokus stand, ebenso wie eine Reihe von Betrachtungen des kammermusikalischen Schaffens Johann Sebastian Bachs. Ein interessantes Spektrum, da mit diesen drei Komponisten auch gleichzeitig drei Entwicklungsperioden der Kammermusik beleuchtet wurden, deren Beeinflussung wie deren Sicht heutiger Interpreten im Zusammenhang anderer Werke. Dass daneben auch zahlreiche Kompositionen der bekannten und unbekannteren Literatur erklangen, versteht sich bei den so unterschiedlich gelagerten Interessen der Interpreten von selbst. Bemerkenswert auch die Idee, viele der Konzerte mit Auszügen aus den in den Jahren 1979 bis 1983 entstandenen Duetten für zwei Violinen von Luciano Berio zu beginnen.

Kaum zu überschauen war die Anzahl der Konzerte, die sich nicht nur nacheinander die Hand reichten, sondern zum Teil parallel stattfanden. Doch war da ein Konzert in der Domkirche anberaumt und zeitgleich eines in dem entfernteren neuen Kulturzentrum von Sandnes, waren die Künstler im südlich gelegenen kleinen Hafenstädtchen natürlich nicht gerade mit viel Publikum gesegnet.

Eigenwillig war auch teilweise die Dramaturgie einiger der Konzerte. Der Anspruch war klar: Man wollte jeden Musikfreund zufrieden stellen, man wollte abwechslungsreich agieren und vielen unterschiedlichen Besetzungen innerhalb eines Konzertes Rechnung tragen. Doch leider blieb dabei eine Art roter Faden innerhalb eines Konzertes zeitweise auf der Strecke. Ein Beispiel: Drei Violin-Duette von Berio zu Beginn, gefolgt von Johann Sebastian Bachs Partita Nr. 5 auf dem Cembalo (Ketil Haugsand), weiter mit Peteris Vasks Flötensonate (Philippa Davies), gefolgt von Franis Poulencs Lieder-Zyklus „La courte paille“ (Miranda van Kralingen und Stefan Veselka). Weiter ging es mit Dvoráks Klaviertrio Nr. 3 f-Moll Op. 65 mit dem Grieg Trio. Welch ein Wechselbad der Emotionen, auch für das Publikum. Und das nicht nur in Bezug auf die Musik, sondern auch auf das Einstellen auf den Klang eines Ensembles, eines Instruments. Es schien zwanghaft zu sein, dass fast in jedem Konzert ein Werk von Vasks, von Bach und von Dvorák eingebunden werden sollte. Aber es gab ja auch die anderen Konzertprogramme, die, in denen der historische Abriss, die innere Spannung auch zwischen den so unterschiedlichen Werken durchaus passte. Und einmal abgesehen von den Leistungen des Geigers Fabio Biondi waren die Aufführungen insgesamt von einem extrem hohen Niveau. Gerade der Austausch zwischen den Künstler untereinander, dass auch die festen Ensembles sich aufteilten, um mit anderen Musikern oder solo zu konzertieren, ließ neue Impulse entstehen. Für die Musiker ist diese Woche eine der intensivsten überhaupt gewesen: Eine Probe jagte die nächste, eine Aufführung die andere. Das Keller Quartett war vielleicht das Ensemble, das am meisten leistete: Gewaltig war der Probenplan, täglich spielten sie mindestens ein Werk der großen Literatur, seien es Dvoráks Streichquartett Nr. 12, dessen Streichquintett Nr. 3, Brahms` Klarinetten-Quintett mit Michael Collins, Auszüge aus Bachs „Kunst der Fuge“ oder Ottorino Respighis „Il Tramonte“ für Sopran und Streichquartett. Und zwischendurch spielten die Mitglieder des Quartetts zudem in anderen Besetzungen. Eine Extremleistung, die aber allen Spaß zu machen schien. (Lesen Sie über diese Thematik auch das Interview mit den Künstlerischen Leitern des Festivals, dem Grieg Trio in der Ausgabe 5-2004 von ENSEMBLE.)

Die Akademie

Neben den Konzerten war da auch noch die so genannte Akademie. In diesem Jahr war sie für Tänzer und Pianisten ausgerufen, die in Meisterklassen unterrichtet wurden. Und im Bereich des Klaviers hatte man das Glück, dass man Jirí Hlinka verpflichten konnte, der mittlerweile schon die norwegische Staatsbürgerschaft angenommen hat. Der gebürtige Tscheche Hlinka, der in Oslo unterrichtet, hat viele bekannte Schüler gehabt, unter denen auch Leif Ove Andsnes ist.

Insgesamt ist dieses Festival eines der besonderen in der Welt und auch in diesem Jahr sicherlich eines der Sonderklasse aufgrund der niveauvollen Aufführungen. Solange solche Ensembles wie das Keller Quartett, London Winds oder das Rosamunde Quartett nach Stavanger kommen, um in unterschiedlichsten Besetzungen zu musizieren, sich neue Werke in kürzester Zeit zu erarbeiten, lohnt sich ein Besuch immer. Denn dann gibt es unvergessliche Momente der Kammermusik.

Sicherlich mag dies auch an dem Ort des Geschehens liegen, denn Stavanger hat schon aufgrund der Küstenlage und der untypisch urbanen Struktur etwas Exotisches. Doch auch die Qualität und die immense Dichte der Aufführungen, die Offenheit der Künstler und die Breite des Repertoires machen dieses Festival an der Südküste Norwegens zu einem exquisiten Ort für Kammermusik im Sommer.

Wer geradezu eintauchen will in einen Strudel, in ein Meer hochrangiger Kammermusikaufführungen, wer diese Musik in zahlreichen Facetten ohne Kompromisse besser kennen lernen und tiefer verstehen will, der sollte sich einmal nach Stavanger begeben.

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Kontakt:
International Chamber Music Festival Stavanger
Sanvigå 27
4007 Stavanger
Norwegen

Tel.: 0047 / 51 84 66 70
Fax: 0047 / 51 84 66 73
www.icmf.no

 
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