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Leseprobe:

Der Mann mit dem goldenen Atem

Der Flötist Emanuel Pahud

von: Guido Fischer

Der Schweizer Flötist Emmanuel Pahud ist ein Konditionswunder. Ob als erster Flötist bei den Berliner Philharmonikern oder als Kammermusiker auf weltweiten Tourneen – Pahud macht überall seine Sache derart gut, dass ihm die Schallplattenpreise und Lobeshymnen nur so zufliegen. ensemble sprach mit Pahud über seine Verehrung für Mozart, über die neue Simon Rattle-Ära und über ein Musik-Werk, das Pahud so schätzt, dass er es eigentlich nie öffentlich spielen möchte.

Vor grauer Urzeit war es schon immer gefährlich, sich mit den Göttern anzulegen. Als der Faun Marsyas es wagte, Apollo auf einem hohlen Binsenrohr musikalisch herauszufordern, war der so neidisch über die herrlichen Töne, die Marsyas da auf dem Prototyp der späteren Flöte herausbrachte, dass er ihn gleich mit dem Tode bestrafte. Heute sind solche Methoden der Wettbewerbsverzerrung glücklicherweise längst passé. Und deshalb kann Emmanuel Pahud auf seiner Querflöte auch weiterhin so ungestraft brillieren, dass bisweilen selbst Flöten-Göttern wie James Galway und Aurèle Nicolet die Spucke weggebleibt. Denn was Pahud seit seinem sechsten Lebensjahr da aus dem Instrument hervor zaubert, ist nicht nur die „Verlängerung meines Atems“. Pahud besitzt einfach ein goldenes Händchen für das, was in den letzten drei Jahrhunderten das Ausdrucksspektrum seines Instrumentes erweitert hat. Solo-Werke von Johann Sebastian Bach, die Sonatine von Pierre Boulez oder die mit dem Pianisten Jacky Terrasson eingefangenen Blue Notes bilden daher nur einen kleinen Ausschnitt von all den Möglichkeiten, die noch vor dem 33-jährigen Pahud liegen und in Angriff genommen werden. „Wobei es mich weniger überrascht, dass ich bereits die unterschiedlichsten Schubladen geöffnet habe“, so Pahud. „Das Erstaunliche ist eher die ungeheure Belastbarkeit dieses Instruments. Wie die Flöte umschalten kann vom Barock über die Romantik und dann zum Jazz, verblüfft mich immer wieder. Denn eigentlich ist die Flöte ja im Gegensatz zu vielen anderen Instrumenten nicht gerade mit einer klanglichen Unendlichkeit gesegnet. Allein vier, fünf Lehrbücher mit verschiedenen Fingersätzen reichen uns aus, um das gesamte Spektrum des Flötenspiels so ziemlich im Griff haben.“ Doch den Schritt vom vielseitig Interessierten und technisch Versierten zu einem der ganz großen Interpreten überhaupt schafft man eben nur dann, wenn man eine Maxime befolgt: „Man muss sich vom Instrument befreien können, um jedes Werk zu dem Leben zu erwecken, das der Komponist ihnen gab.“ So wie eben Emmanual Pahud es vormacht. Und das für einen Flötisten mit beispiellosem Erfolg. Mit gerade 22 Jahren wurde er 1992 auf jenen Stuhl berufen, auf dem vor ihm schon ein Aurèle Nicolet saß: den des Chef-Flötisten bei den Berliner Philharmonikern. Fünf Jahre später bekam er dann als erster Solo-Flötist überhaupt einen Exklusiv-Vertrag bei einer Schallplattenfirma. Und sein CD-Debüt war natürlich Mozart: die Flötenkonzerte. „Für mich ist Mozart in doppelter Hinsicht ein Wegbereiter gewesen und geblieben. Einerseits wollte ich unbedingt alle seine Kompositionen eingespielt haben, bevor ich 30 Jahre alt bin. Es ist entscheidend, dass man für so ein gewichtiges Werk auch diese Jugendlichkeit mitbringt, die Mozart besaß, als er seine Konzerte und Flöten-Quartette komponierte. Zumal Mozart genau die Balance aus Komposition und Improvisation gefunden hat, die es bei keinem anderen Komponisten gibt. So wird denn auch jede Mozart-Interpretation sofort zu einem Spiegelbild des Interpreten und seiner Persönlichkeit, der sich nirgendwo verstecken kann. Ein Grund übrigens, warum Mozart so oft bei Wettbewerben gefordert wird.“ Für Pahud bildet Mozart neben Bachs „Konstruktionsvermögen und Intelligenz“ nicht nur das notwendige Rückgrat eines Flötisten. Mozart wurde für Pahud überhaupt zur Initialzündung, um sich fortan mit dieser Musik, diesem Instrument zu beschäftigen.

1970 wurde Pahud in Genf geboren, von wo aus die Familie regelmäßig zu Firmenreisen aufbrach. Bei einem Italien-Aufenthalt hörte der vierjährige Emmanuel dann zum ersten Mal ein Flöte, als Nachbarskinder das 1. Flötenkonzert von Mozart einstudierten. „Sofort rannte ich zu meinen Eltern und sagte: Ich will dieses Stück spielen!“ Worauf Pahud zunächst zur Blockflöte und dann zur Querflöte griff. Danach folgten die üblichen Stationen einer fundierten Musikerausbildung, bis hin zur akademischen Weihe in Harmonielehre und Kontrapunkt am Pariser Conservatoire National Supérieur de Musique („Meine Versuche am Klavier scheiterten kläglich, ich war total unbegabt.“) Darauf ging es Schlag auf Schlag. Pahud studierte beim Meister-Flötisten Aurèle Nicolet, wurde gleichzeitig zum Solo-Flötisten beim Rundfunk-Symphonieorchester Basel berufen und ließ einen Wettbewerbserfolg auf den nächsten folgen. Pahud wurde u. a. mit acht von zwölf Preisen bei den internationalen Musikwettbewerben von Genf (1992), Kobe (1989) und Duino (1988) ausgezeichnet. Er erhielt den Solistenpreis des französischsprachigen Rundfunks in der Schweiz, den Juventus-Preis des Europarates und ist Preisträger der Yehudi Menuhin-Stiftung und des International Tribune for Musicians der UNESCO. In der Kategorie Kammermusik-Einspielung des Jahres wird ihm seit 1998 zudem regelmäßig der ECHO-Klassik verliehen.

Mit 22 Jahren dann war es eben dieser schon geschichtsträchtige Sprung, als ihn die Berliner Philharmoniker unter Claudio Abbado holten. „Die Orchestererfahrung bei den Berlinern waren enorm wichtig“, blickt Pahud zurück. „So habe ich Werke von Komponisten wie Bruckner und Mahler kennen gelernt, die zu meiner Zeit in Frankreich kaum gespielt wurden. Und nebenbei hatte ich von Anfang an die Möglichkeit, immer wieder meiner Vorliebe für die Kammermusik solistisch nachzugehen. Pro Jahr waren es zuerst 40 Konzerte, am Ende mehr als 80. Und irgendwann wurde die Doppelbelastung, das viele Reisen für mich zuviel. Zumal ich das gängige Repertoire mehrmals absolviert hatte und ich zudem noch eine Virtuositätsklasse an der Musikhochschule in Genf leitete.“ So kündigte Pahud im Jahr 2000 seinen Job in Berlin fristlos, um sich seine Zeit flexibler einzuteilen. Dass aus diesem Ausstieg ein inoffizielles Sabbatical werden sollte, ahnte Pahud damals natürlich noch nicht. Denn im April 2002 kehrte er wieder zu den Berliner Philharmonikern zurück, war seine Stelle doch noch nicht wieder besetzt: „Nur sechs Wochen nach meiner Kündigung wurde tatsächlich über eine Art Sabbatical bei den Berlinern abgestimmt. Wenn ich etwas bewirkt habe, dann vielleicht dies“, schmunzelt Pahud.

So hat denn Pahud rechtzeitig den Wechsel am Chefdirigenten-Pult mitbekommen, von seinem Ziehmaestro Claudio Abbado zu Simon Rattle. „Noch ist die Beziehung zu frisch, als dass man schon von radikal neuen Pfaden reden könnte. Aber Rattle ist genau dieser Typus von Dirigent, den ich immer geschätzt habe. Er fordert die Vielseitigkeit eines Musikers, stellt Rameau, Haydn und Ligeti wie selbstverständlich nebeneinander. Jedes Programm wird so zu einer Entdeckungsreise.“ Ähnlich wie jeder der Ausflüge, die Pahud seit fast einem Jahrzehnt unternimmt, wenn er sich mit unterschiedlichsten Musikerfreunden verbündet. Mit Hélène Grimaud und Eric Le Sage hat Pahud zwei Gleichgesinnte auf einer Augen- und Ohrenhöhe gefunden – „wobei auch hier das Prinzip der Gleichberechtigung gilt. Wir entscheiden gemeinsam über das Repertoire. Und da bei es mir keinen Begleiter gibt, ist das Honorar immer Hälfte-Hälfte. Obwohl ich manchmal denke, dass der Pianist mehr bekommen müsste. Schließlich spielt er mehr Töne und hat zudem keine Atempausen wie ich“. Wenn es dann in den Quartett-Bereich geht, kann Pahud mittlerweile auch auf feste Freundschaften zählen. Wie etwa auf Christoph Poppen und Hariolf Schlichtig, die beide zum legendären Cherubini Quartett gehörten, sowie auf Jean-Guihen Queyras, der hauptamtlich als Cellist im Ensemble Intercontemporain beschäftigt ist. Gerade in diesem Kollektiv, das sich – wen wundert’s – schon früh auf Mozart stürzte, findet sich denn auch das schwierige Bemühen um die kammermusikalische Formvollendung wieder. Pahud: „In diesen Quartetten herrscht ein gegenseitiges Kontrollieren, Hinhören, Aufpassen. Wir Flötisten müssen genauestens auf unseren Atem achten, wenn wir uns an dem Einsatz der Streicherbögen orientieren. Umgekehrt ist es ähnlich: Die Streicher erleben nun mit, wie jemand erst Luft holen muss, um eine Phrase zu spielen. Es geht also tatsächlich auch im wahrsten Wortsinne um ein gemeinsames Atmen. Auch das macht die Kammermusik für mich zu einem größeren Abenteuer als beispielsweise ein Solo-Konzert, wo die Aufgabenverteilung doch leichter zu handhaben ist.“ Und wenn man erst einmal diesen Atem gefunden hat, dann geht fast alles wie von selbst. Selbst die „Sonatine“ von Pierre Boulez musste Pahud mit Eric Le Sage nur zweimal proben – was angesichts der Wertigkeit dieses Werkes schon außergewöhnlich war. Überhaupt scheinen Pahud die Stile und Jahrhunderte nur so entgegenzupurzeln, bemüht er sich „stets am Ball zu bleiben“. Dafür studiert er jedes Jahr drei bis fünf neue Stücke ein, entstehen zurzeit Werke des Franzosen Bruno Mantovani und des Australiers Carl Vine sowie ein Trio für Flöte, Geige und Cello von Wolfgang Rihm für Pahud. Wichtig und notwendig für den künstlerischen Erfolg ist für Pahud die Distanz zum Komponisten: „Wenn ich ein Stück studiere, will ich selber die Welt und die Phantasie der Komponisten erkunden und aufschlüsseln. Wenn natürlich ein Komponist mit einer Partitur ankommt, die aussieht wie der elektrische Schaltplan meiner Wohnung, da muss ich mir das ein wenig erklären lassen.“ Ansonsten dominiert in Emmanuel Pahuds Karriere das Prinzip des Suchens und reichlichen Findens. Mit dem Jazz-Pianisten Jacky Terrasson war das so, „als er Debussys ‚Syrinx’, das ich ihm vorgegeben hatte, in ‚Autumn Leaves’ versteckte und ich es plötzlich erst nach gewissem Spurenlesen wieder ausmachen konnte“. Das Suchen und Finden Pahuds – dahinter steckt aber auch eine musikalische Weltreise. „Ich will die Flötenmusik aller Erdteile kennen lernen, besonders ihre Anfänge. Von den weltweit 200 Flöten habe mich bisher an 50 bis 60 Flöten versucht. Und irgendwann möchte ich daraus ein Flöten-Festival organisieren, mit regionalen Schwerpunkten jedoch.“ Ob sein Terminkalender bis dahin abgearbeitet sein wird, um sich ganz diesem Projekt zu widmen, dürfte fraglich bleiben. Denn mit den Berliner Philharmonikern gibt Pahud rund 75 Konzerte im Jahr, auf ähnlich viele kommt Pahud bei seinen kammermusikalischen Aktivitäten. Gibt es denn für ihn eigentlich auch musikalische Glücksmomente, die nicht für die große Konzertbühne oder die breite Öffentlichkeit bestimmt ist? „So ein Werk ist für mich die Sonate für Flöte, Harfe und Bratsche von Debussy. Hier entwickelt man eine intime Beziehung zu den Vibrationen und zwischen den Menschen. Weshalb jede Generalprobe immer etwas Magisches besitzt: Man fühlt sich einfach wohl. Und dann, wenn das Publikum nun vor einem sitzt, fühlt man sich fast ein wenig in seinem Privatleben gestört.“ 

 
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