1 / 2008 PDF Drucken E-Mail

Image Ausgabe 1 / 2008

  Inhalt

 

bestellen

 

 

 

 

 

 

Leseprobe:

„Wir arbeiten nicht, wir spielen nur.“

Tin Alley String Quartet

Mit dem Sieg im Banff-Wettbewerb setzt das australische Tin Alley String Quartet zum Sprung in die große Karriere an.
Von: Isabel Herzfeld

 

Als die Krone der Kammermusik gilt allgemein das Streichquartett. Keine andere Gattung hat eine so bedeutende Tradition, so umfangreiche und anspruchsvolle Literatur vorzuweisen. Für ihre Interpretation, so nimmt man an, bedarf es reifer, erfahrener Musikerpersönlichkeiten. Schließlich braucht es seine Zeit, bis eine einheitliche Spielweise – so etwas wie ein „gemeinsames Ohr“ – entsteht. Umso erstaunlicher, dass in letzter Zeit junge, hochqualifizierte Streichquartette wie Pilze aus dem Boden schießen. Alle drei Jahre können sie in dem kanadischen Städtchen Banff, mitten im gigantischen Nationalpark des Bundesstaats Alberta gelegen, ihre Kräfte messen, bei einem der wichtigsten Streichquartett-Wettbewerbe der Welt. Den ersten Preis des 9. Banff International String Quartet Competition gewann im September 2007 das australische Tin Alley String Quartet, zu dem sich erst 2003 vier Studenten der Universität Melbourne zusammengeschlossen hatten. Der Preis bestand neben einem stattlichen Preisgeld in einem Satz hochwertiger Bögen und umfangreichen Konzerttourneen durch Kanada, die USA und Europa. Letztere führte durch 11 Städte in Deutschland, den Niederlanden und Luxemburg. Wir trafen die jungen Musiker zum Auftakt ihres ersten Preisträgerkonzerts in Berlin.

Die „vier vernünftigen Leute“, deren Unterhaltung Goethe zur Beschreibung der dialogischen Grundstruktur des Streichquartetts heranzog, stellt man sich vielleicht etwas anders vor, nicht so locker und fröhlich. Kristian Winther und Lerida Delbridge, Justin Williams und Michelle Wood würden auf einer Party, in einem Einkaufszentrum und natürlich einem Campus nicht weiter auffallen. Vier ganz normale junge Leute eben, weltoffen und aufgeschlossen, denen man die leidenschaftliche, tiefernste Beschäftigung mit klassischer Musik nicht unbedingt ansieht. Erst auf der Bühne geht eine Verwandlung mit ihnen vor, entsteht eine enorme Ausstrahlung, die in den Bann schlägt und jedem Ton die Aura des Einmaligen und Besonderen gibt. Dabei ist Leichtigkeit, Selbstverständlichkeit immer noch ein Kennzeichen ihrer Spielweise, in der perfekte Technik diskret im Dienst der Musik steht. Der lebendige Fluss des Musizierens ist das Wichtigste, dessen Geheimnis sich nicht so schnell in Worte fassen lässt – wie sich auch im Ge- spräch immer wieder zeigt: Reden ist Silber, aber Spielen ist Gold.

Image Im Melbourne Kammerorchester fanden sie zusammen und benannten ihr Quartett nach der Straße, die über den Campus ihrer Universität führt. Bis dahin hatten sie trotz ihrer Jugend – das Durchschnittsalter der Gruppe liegt bei 26 Jahren – schon eine stattliche Reihe von Aktivitäten hinter sich. Lerida Delbridge, die „zweite Geige“, ist vielleicht die Erfahrenste und begann sehr früh. „Ich war drei Jahre alt, als mir meine Eltern zu Weihnachten eine Geige schenkten“, erzählt sie. „Vier Jahre lang lernte ich nach der Suzuki-Methode.“ Ihre Ausbildung (u.a. bei William Hennessey) vervollständigte sie in Europa, unter anderem in der Schweiz an der Menuhin-Akademie, und erwarb einen „Doctor of Musical Arts“ in Melbourne. Sie spielte im Tasmanian Symphony Orchestra, im Australian Youth Orchestra und im Geminiani Orchestra, trat als Solistin und in zwei Klaviertrios auf. Tin Alley ist bereits ihr drittes Streichquartett. Bis Kristian Winther sich vor einem knappen Jahr dem Ensemble anschloss, saß sie am ersten Pult – „aber jetzt genieße ich die Position der zweiten Geige. Es interessiert mich, diese Stimmen kennen zu lernen, und ich habe nicht die ganze Verantwortung. Ich kann entspannter sein“. Die Last der Verantwortung scheint Kristian Winther nicht sonderlich zu drücken – der 23-Jährige, der während unseres Ge- sprächs manchmal wie aus tiefstem Nachdenken auftaucht und Weniges, aber Gehaltvolles beisteuert, bewältigt alle Schwierigkeiten mit traumwandlerischer Sicherheit. Die erwarb er in Studien mit Josette Esquedin-Morgan, John Harding und Monica Curro, ferner in zahlreichen Meisterkursen unter anderem bei Pinchas Zukerman. Auch er hat reiche Orchestererfahrung, war Konzertmeister des Australian Youth Orchestra und begeisterte schon mit 18 Jahren etwa als Solist in Mendelssohns Violinkonzert. Der feinsinnige Justin Williams studierte ebenfalls bei William Hennessey, bevor er vor vier Jahren zur Bratsche wechselte. Seine Lehrer waren Caroline Henbest und Brett Dean – auch in unseren Breiten bekannt als Solobratscher der Berliner Philharmoniker und nicht zuletzt als Komponist von reizvoll undogmatischer, publikumsfreundlicher Modernität. Und die Cellistin Michelle Wood, last but not least für die sonore Basis des gemeinsamen Musizierens zuständig, ging in ihren Studien bei Christian Wojtowicz nicht minder ernsthaft zu Werke: Schon vor drei Jahren erhielt sie den Gwen-Prokter-Preis für das beste Cello-Examen.

Wie kommt es bei solchen Erfolgen, die sich noch durch eine stattliche Latte von Preisen aufwerten lassen, zur Entscheidung für das Quartettspiel? Solistenkarrieren wären doch durchaus denkbar gewesen. „Wir wollten ernsthafter werden“, meint Lerida, „und als wir 2005 den australischen Kammermusikwettbewerb gewonnen hatten, erschien es uns möglich, als Streichquartett unseren Weg zu machen.“ „Das Solistenleben ist sehr einsam“, ergänzt Justin, „und beim Medium Kammermusik geht es in jeder Beziehung um Kommunikation, in der Arbeit ebenso wie in der Musik selbst.“ Die vier wollten echte, nicht oberflächliche Beziehungen, in denen man sich gemeinsam entwickeln konnte, „lernen, die Sprache des anderen zu verstehen“. „Es bringt auch nichts, immer wieder mit neuen Leuten zusammenzuarbeiten“, betont Lerida. „Das ist zwar interessant und gibt einem immer neue Erfahrungen. Aber die kontinuierliche Entwicklung, in der man sich nicht immer neu einstellen muss, ist viel spannender.“ Eigentlich wollte man seriöser werden und zugleich mehr Spaß haben, korrigiert sie sich lachend. Michelle erzählt von der Zusammenarbeit mit berühmten Streichquartetten: Neben den „absolut fantastischen“ Tokyo oder St. Lawrence String Quartets beeindruckte sie am meisten das Keller-Quartett. „Von denen haben wir unheimlich viel in Balance und Artikulation gelernt, diese ‚sprechende’ Qualität des Quartettspiels. Es hat einen einzigartigen Sound und repräsentiert damit ganz die europäisch-ungarische Tradition. Wir haben mit ihnen wunderbar Kurtág und Bach gearbeitet.“ Dass Kurtág, bei dem jeder Ton in der Tradition verankert und symbolhaft aufgeladen ist, diesem wissbegierigen und hochsensiblen Ensemble viel zu sagen hat, leuchtet auf Anhieb ein. Nach dem Banff-Wettbewerb wurden die Musiker von vielen gefragt, warum sie in diesem „besonderen Stil“ spielen. „Das ist schwer zu beschreiben“, meint Kristian, „wir tun, was wir tun. Aber es ist doch klar, dass man Bartók nicht wie Schubert spielen kann.“ Die Partitur steht jedenfalls an oberster Stelle, wenn ein neues Werk erarbeitet wird; anderen Interpretationen geht man da lieber aus dem Weg. „Es ist gar nicht so schlecht, dass Australien so abgeschieden liegt“, findet Justin, „hier gibt es nicht so viele Einflüsse wie in den europäischen oder nordamerikanischen Musikzentren. So können wir einen ‚new look’ auf die Musik finden.“ Die eigene Sache machen, nicht so viel sprechen, mehr spielen, das ist auch im Sinne des wortkargen Primarius. Das gilt auch, wenn es mal Probleme gibt, Unstimmigkeiten in Interpretationsfragen etwa. „Probleme brauchen Zeit, sie können nicht sofort gelöst werden, schon gar nicht durch Reden.“ Respekt ist hier das Wichtigste, und so gibt es auch keine offene Dominanz einer Person, „das wechselt“.

Das sind selbstbewusste Töne eines jungen Ensembles, das das Besondere sucht, auf keinen Fall der gleichmacherischen Routine des Klassik-Business mit seinem Termin- und Erwartungsdruck anheimfallen will. Welche Qualitäten aus seiner musikalisch-menschlichen Haltung erwachsen, zeigte sich im Berliner Konzert am frappierendsten bei Schuberts „Rosamunde“-Quartett: Die für so junge Leute erstaunliche Geduld, das Wartenkönnen und Reifenlassen zeigte sich in der Ruhe, mit der Kristian Winther die Anfangsmelodik in großem melancholischem Bogen entfaltete, der wechselseitige Respekt in der sehr eigenen Farbigkeit, der Transparenz und Deutlichkeit der einzelnen Stimmen, die Übereinstimmung dennoch in einer einheitlichen, prägnanten Gestik. „Vernünftiger“ können Menschen sich nicht „unterhalten“. Wie wirkte sich die Vorbereitung auf den Wettbewerb darauf aus? „Auf jeden Fall ist es viel schwerer, in einem Wettbewerb als im Konzert zu spielen“, erklärt Lerida. „Man kann nicht wie gewohnt mit dem Publikum kommunizieren. Aber in Banff war doch eine wunderbare Atmosphäre, und für diese eindrucksvolle Jury war es einfach eine Ehre zu spielen.“ In Banff hatten 10 Angehörige weltberühmter Quartette – etwa vom St. Lawrence-, Artemis- oder Brentano-Quartett – über neun Bewerber (das niederländische Rubens-Quartett musste krankheitshalber absagen) zu befinden. Dass neben den Tin Alleys das tschechische Zemlinsky-Quartett den zweiten und das Ariel String Quartet aus Israel den dritten Preis erhielten, Formationen aus Dänemark, Russland, den Vereinigten Staaten etc. teilnahmen, unter denen letztere teils einen sehr asiatischen Touch aufwiesen, sagt einiges über die zu beurteilende Bandbreite aus. An Literatur war Wiener Klassik und deutsche Romantik, klassische Moderne à la Bartók und Webern sowie ein Auftragswerk des Kanadiers Kelly-Marie Murphy gefordert. Sechs Auftritte waren zu absolvieren, jeden Tag ein anderes Programm, unter anderen Bedingungen und mit anderem Publikum. Das ging durchaus an die Nerven – Vorgeschmack der künftigen Konzerttätigkeit? „Wir waren absolut auf die Musik konzentriert“, sagt Michelle dazu, „wir hatten überhaupt keine Erwartungen. Das war eine große Gelegenheit, das Wettbewerbsprogramm als Konzert zu spielen; es ging einfach um die gute Aufführung.“ Auch die Konkurrenz der ausgezeichneten Mitbewerber war kein Problem: „Wir hatten zu allen gute Beziehungen. Da waren einfach fabelhafte Quartette mit großen Kontrasten in der Spielweise. Das gab sehr interessante Erfahrungen und viel Spaß.“ Lerida fügt hinzu: „In der Musik geht es ja nicht wie im Sport darum, als Erster ins Ziel zu rennen. Das wäre eher unbequem und unproduktiv.“

Was wird sich durch den Sieg verändern? „Zuerst war uns gar nicht klar, dass wir gewonnen hatten; es gab nur auf einmal so viele E-Mails.“ Natürlich sieht man erst einmal die großen Chancen. „Wir haben jetzt die Möglichkeit, viele Konzerte zu spielen und damit unser Repertoire zu festigen und zu entwickeln. Der Preis eröffnet wirklich eine internationale Karriere.“ Dazu kommt das Interesse des Labels Melba Recordings, das demnächst eine erste CD herausbringen wird. Aber Justin sieht auch Gefahren: „Wir wollen nicht zu viele Konzerte spielen, denn das hohe Niveau ist uns das Wichtigste. Diese ‚winners tour’ umfasst 45 Konzerte mit einem ziemlich engen Repertoire. Immer das Gleiche fast jeden Tag zu spielen, dabei frisch und auch körperlich fit zu bleiben, nicht müde und abgestumpft zu werden, das ist wirklich schwierig.“ Es bleibt abzuwarten, wie diese ersten Erfahrungen, erster realer Konzertalltag, verdaut werden. Und es gibt auch noch so viel anderes zu tun. „Wir wollen unser Repertoire noch entwickeln. Einerseits sind wir noch so jung, wir wollen uns noch nicht so festlegen. Wir fühlen uns da wie Kinder, die unter lauter bunten Bonbons auswählen sollen. Gleichzeitig wollen wir keine Mainstream-Programme aufbauen – es ist uns wichtig, Purcell neben William Walton spielen zu können.“ Da scheinen die Tin Alleys schon ganz genau zu wissen, was sie wollen – durchaus kann es passieren, dass ein Programmpunkt rigoros gegen einen anderen ausgetauscht wird, „weil Berg und Bartók einfach nicht zusammenpassen und Anton Webern da einen viel feineren Akzent gibt“. Das Publikum in Baden-Baden nahm die hauchzart und überwältigend strukturklar gespielten „Sechs Bagatellen“ mit aufgestellten Lauschern entgegen, als konzentrierte Zuspitzung des folgenden, bei allem überbordenden Ausdruck ebenfalls erstaunlich dicht gebauten op. 13 von Felix Mendelssohn.

Gibt es neben so viel Musik überhaupt noch Platz für etwas anderes, ein Privatleben? Hier nicken alle vier mit einmütiger Überzeugung. Davon abgesehen, dass sie alle dick befreundet sind – „wir kochen gern zusammen“ – und intensivere Zeiten miteinander verleben als so manches Ehepaar, sind Erholung, Freude und Horizonterweiterung ein Muss. „Allerdings sind unsere Partner extrem verständnisvoll“, meint die frisch verheiratete Michelle. Hier wie da geht es eben um ernsthafte, aufrichtige Beziehungen. Und den utopischen Kern eines lustvollen Lebens und Arbeitens bringt Kristian auf den Punkt: „Wir arbeiten ja nicht, wir spielen nur.“

 
weiter >
JSN ImageShow - Joomla 1.5 extension (component, module) by JoomlaShine.com
JSN ImageShow - Joomla 1.5 extension (component, module) by JoomlaShine.com
JSN ImageShow - Joomla 1.5 extension (component, module) by JoomlaShine.com
JSN ImageShow - Joomla 1.5 extension (component, module) by JoomlaShine.com
JSN ImageShow - Joomla 1.5 extension (component, module) by JoomlaShine.com