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ensemble 2 / 2008 PDF Drucken E-Mail

Image Ausgabe 2 / 2008

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Leseprobe:

Aufrichtigkeit des Spielens:

Hilary Hahn

Von: Anja Renczikowski

Zart und mädchenhaft wirkt sie, als sie die Garderobe der Kölner Philharmonie betritt, in der wir uns zu einem Gespräch verabredet haben. Auf einmal verwundert es nicht, dass die mittlerweile 27-jährige Geigerin Hilary Hahn immer noch gerne als „Wunderkind“ bezeichnet wird.

Sie selber mag diese Bezeichnung schon längst nicht mehr hören und vertritt den Standpunkt, dass es manchmal auch viel schwieriger ist, mit viel Talent auf die Welt gekommen zu sein. „Wenn man nicht so talentiert ist und hart arbeiten muss, dann weiß man genau, wie man alles gemacht hat, und erinnert sich daran. Aber wenn man einfach sofort alles kann, dann gibt es oft später einen Punkt, wo man nicht mehr genau weiß, wie man dorthin gekommen ist, und wenn dann irgendetwas schiefgeht, kann das problematisch werden.“ Vielen Eltern hochbegabter Kinder dürfte diese Problematik bekannt vorkommen. Wie viel Talent ihre Tochter für die Geige mitbringen würde, hatten sich die Eltern von Hilary Hahn sicherlich nicht im Traum ausgemalt. Denn es war – wie so oft – ein kleiner Zufall, der sie zu ihrem Instrument führte. Mit vier geht sie eines Tages mit ihrem Vater in ihrer Heimatstadt Baltimore spazieren. An einem Haus hängt ein Schild an der Tür: „Musikunterricht für Vierjährige“. Sie treten ein und hören einen kleinen Jungen, der auf der Geige „Twinkle twinkle little star“ spielt. „Ich habe gedacht, das könnte Spaß machen“, so Hilary Hahn und fügt lachend hinzu: „Es hätte wahrscheinlich aber genauso gut eine Tuba oder Posaune sein können – dann wäre ich jetzt Tubistin oder Posaunistin.“

Bach als Prüfstein

Im Alter von sechs Jahren gibt Hilary Hahn ihr erstes Solokonzert. Gary Graffman, ihr späterer Lehrer im Bereich Kammermusik, erinnert sich an ein ernst wirkendes Mädchen, das zum Vorspiel im Curtis Institute of Music erscheint. Hilary Hahn ist 10 und wird an dem renommierten Musikinstitut in Philadelphia angenommen. „Wir haben ihr einfach zugehört und es genossen“, so Graffman. Ein Jahr später spielt sie schon mit dem Baltimore Symphony Orchestra. Ihr Debüt in Deutschland erfolgt mit der Unterstützung eines ihrer Mentoren, des Dirigenten Lorin Maazel, 1996, da ist sie 15 Jahre alt und wird als amerikanisches „Jahrhunderttalent“ gefeiert. Kurz darauf erscheint ihr Debütalbum, das gleich eine große Diskussion entfacht. Es geht um die Frage, was darf und kann eine so junge Künstlerin spielen. Denn Hilary Hahn verwirrt und entrüstet die Klassikwelt mit ihrem Eigenwillen und ihrer Risikobereitschaft: Sie entscheidet sich mit den Solo-Partiten und Sonaten von Johann Sebastian Bach gleich für den Olymp der Geigenkunst. „Ich habe Bach für meine erste Aufnahme gewählt“, so Hilary Hahn lakonisch, „weil ich Bach am meisten gespielt hatte. Warum sollte ich etwas machen, was ich noch nicht so gut kannte.“ Schon als Teenager hat sie ihren eigenen Stil gefunden. So schlicht im schwarzen Kleid wie sie sich auf dem CD-Cover präsentiert, so spielt sie auch Bach: klar und schnörkellos. Publikum und Kritiker sind von ihrer stupenden Technik und bemerkenswerten Interpretationsreife begeistert. „Bach“, so schreibt sie geradezu altersweise im Booklet, „ist für mich der eigentliche Prüfstein für die Aufrichtigkeit meines Spiels.“ Eine Maxime, die für sie nach wie vor Gültigkeit hat. Bach gehört auch heute noch zu ihrem täglichen Arbeitspensum einfach dazu. Ihr Debütalbum gewinnt aber auch noch in anderer Hinsicht an Bedeutung: „Es war auch für die Plattenfirma ein guter Deal. Sie hatten kein großes Risiko. Es gab kein Orchester zu bezahlen. Da war nur der Saal, die Crew und ich. Und das hieß, dass ich eigentlich viel Zeit hatte und lernen konnte, wie alles funktioniert, und vor allem zu hören, wie ich eigentlich klinge. Was die Welt der Aufnahmen betrifft, habe ich bei dieser ersten Einspielung sehr viel gelernt.“

Lyrische Ausdrucksfülle

Ihren musikalischen Eigensinn hat sie sich beibehalten. Seit 1997 macht sie fast jährlich mit einer neuen CD auf sich aufmerksam und spielt das Repertoire ein, das sie zuvor mit verschiedenen Partnern an unterschiedlichsten Orten schon aufgeführt hat. Nach ihrem Bach-Album erscheinen bei Sony Classics die Serenaden von Leonard Bernstein sowie Violinkonzerte von Beethoven, Samuel Barber, Edgar Meyer, Strawinsky, Brahms, Mendelssohn und Schostakowitsch. Im Jahr 2002 wechselt sie zur Deutschen Grammophon. Dort veröffentlicht sie die Violinkonzerte von Bach und von Edward Elgar, Niccolò Paganini und Louis Spohr. Gerne kombiniert Hilary Hahn unbekanntere oder weniger eingängige Konzerte mit den großen Klassikern der Violinliteratur. So wie bei ihrer letzten Einspielung mit den Violinkonzerten von Arnold Schönberg und Jean Sibelius. „Es ist mir wichtig, zu zeigen, wie sich verschiedene Werke beeinflussen können. Es sind oft ungewöhnliche Paare, aber für mich gibt es immer einen persönlichen Grund für diese Auswahl.“ Viel davon erfährt der Hörer in den ausführlichen Booklettexten, die Hilary Hahn stets selbst verfasst. Neben ihrer Vorliebe für Bach lässt sich noch eine Präferenz beobachten: „Ich suche immer nach einer lyrischen Ausdrucksfülle, auch in Werken, die nun nicht gerade für ihre lyrischen Qualitäten bekannt sind. Das Schönberg-Konzert beispielsweise – für viele Leute ist es sehr akademisch, für mich ist es romantisch. Schönberg ist sehr eng verbunden mit dem Romantischen in Herz und Seele.“ Hilary Hahn kann es sich leisten, denn niemals klingt ihr Spiel zu pathetisch, künstlich oder süßlich. Egal ob sie die Bach-Konzerte spielt oder Ralph Vaughan Williams elegisches Stück „The Lark Ascending“ – Hilary Hahn spielt mit viel Mut zur Klangsinnlichkeit, aber immer durchdacht und souverän. Und auch Paganinis halsbrecherische Eskapaden verleiten sie nicht zu affektierter Effekthascherei. Stets lässt sie den Eindruck entstehen, sie vertraue ganz dem Notentext, und daraus ergibt sich alles andere ganz natürlich.

Vertrauen und Kontinuität

Selbstbewusst steht Hilary Hahn zu ihren ästhetischen Überzeugungen. „Es hat sehr viel mit Technik zu tun. Auch wenn es etwas kalt erscheint, wenn ich das so sage, aber die Expressivität ist mit der Technik sehr eng verbunden. Mit der Technik ist eigentlich definiert, wie man spielt. Wie weit man dann mit dieser Technik irgendwelche Dinge macht, das zeigt dann, inwieweit man mit der Musik geht.“ Spricht die junge Geigerin über die Musik, klingt es sehr sachlich und kontrolliert– man könnte auch sagen: professionell und typisch amerikanisch. Doch redet sie über ihre musikalischen Partner, zeigt die Geigerin eine ganz andere Seite. Mit ihrer Kammermusikpartnerin Natalie Zhu verbindet sie eine langjährige Freundschaft. „Ich war 12 Jahre alt und hatte meine erste eigene Wohnung in Philadelphia und Natalie hat über mir gewohnt. Jeden Morgen um sieben habe ich sie beim Einspielen gehört. Sie hat oft mein Meerschweinchen gehütet, wenn ich unterwegs war.“ Am Curtis Institute erarbeiten sie sich die Sonate für Violine und Klavier von Claude Debussy, die als eine der schwierigsten des Genres gilt, und sie spielen neben den Werken von Brahms und Beethoven immer wieder gemeinsam die Violinsonaten von Mozart. Einige Sonaten versahen sie mit kleinen Sternchen, was so viel bedeutete wie: „Diese wollen wir irgendwann lernen!“ Nicht nur einstudiert, sondern auch wunderbar interpretiert haben sie eine Auswahl der Sonaten für ihre 2005 erschienene CD. Gerade sprechen wir über Freundschaften und Kammermusikpartner, da steckt der Pianist Jonathan Biss seinen Kopf durch die Tür der Garderobe der Kölner Philharmonie, in der er an diesem Abend ein Konzert spielen wird. Die Freude ist groß, als Hilary Hahn ihren ehemaligen Kommilitonen überraschend wieder sieht. Gerne denkt die Geigerin an ihre Studienzeit zurück. Auf der DVD „Hilary Hahn – A Portrait“ macht sie stolz einen Rundgang durch die Lehranstalt und erzählt achtungsvoll von ihrem Lehrer Jascha Brodsky, einem Schüler des legendären Eugène Ysaye. Sieben Jahre, bis zu seinem Tod im Jahr 1997, studierte Hilary Hahn bei ihm. „Am Curtis Institute war für mich alles im Gleichgewicht, ich habe Solo-Unterricht gehabt und genauso viele Orchesterproben und Kammermusikunterricht. Ich dachte sogar, dass ich einmal mit meinem Quartett eine Karriere machen würde, aber dann hat sich die Hälfte der Musiker für eine Orchesterkarriere entschieden. Letztlich hat es sich einfach so ergeben, dass ich öfter Solokonzerte spielen konnte.“ Eines schätzt Hilary Hahn aber besonders: Bei einem Soloabend mit einem großen Orchester kann sie meist nur ein Stück spielen. Ein Kammermusikkonzert – so wie sie es zurzeit mit ihrer zweiten Klavierpartnerin Valentina Lisitsa gestaltet – kann an einem Abend die ganze Bandbreite verschiedenster Musikstile präsentieren. Da steht Musik von César Frank, Mozart, Ives, Brahms und Eugène Ysaye auf dem Programm. Trotz ihrer Liebe zur Kammermusik ist Hilary Hahn, die Mitglied der renommierten Chamber Music Society of Lincoln Center in New York ist, zurzeit eher selten auf dem Kammermusikpodium zu sehen. „Das hat einen ganz einfachen Grund. Ich könnte – vor allem im Sommer bei verschiedenen Festivals – sehr viel Kammermusik machen. Eine Woche mit einem Trio da, einem Quintett dort und mit einem Duo wieder ganz woanders. Aber es gibt keine Kontinuität. Und die brauche ich, um mit den anderen Musikern zu spielen und zu lernen. Zurzeit ist das mit meinem Terminkalender nur sehr schwer vereinbar. Aber für die Zukunft wäre es schön. Vielleicht ergibt es sich einfach einmal.“ Neben der Kontinuität schätzt Hilary Hahn auch den persönlichen Kontakt. „Man muss sich auch mit seinen Partnern wohl fühlen. Es muss eine Übereinstimmung hinsichtlich der Arbeitsweise und der Interpretation geben. Man verbringt so viel Zeit miteinander und es ist wichtig, zu wissen, was kommt. Es geht nicht um Berechenbarkeit, aber dass man Dinge ähnlich empfindet. Sonst diskutiert man ewig über seine Vorstellung und das ist auf Dauer nicht sehr produktiv.“

Vielseitigkeit und Neugier

Zu ihrem Konzert in der Kölner Philharmonie mit dem WDR-Sinfonieorchester Köln im Januar 2008 erscheinen auffällig viele junge Leute. An den Niedergang der klassischen Musik glaubt Hilary Hahn nicht. Enthusiastisch berichtete sie einmal in einem Zeitungsinterview, dass sie in ihren Konzerten immer mal wieder einen Punk oder Hippie entdecke, und dass gerade in den USA viele Leute begännen sich für Klassik zu interessieren, weil sie die Komplexität und Unmittelbarkeit dieser Musik zu schätzen lernten. Vielleicht ist es aber die Tatsache, dass der Hörer spürt, dass hinter ihrem Spiel auch immer etwas mehr steckt, dass sie sich ständig auf die Suche nach etwas Neuem macht. Dabei scheut sie sich nicht, Grenzen zu überschreiten. Im vergangenen Jahr spielte sie gemeinsam mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unter der Leitung von Gustavo Dudamel zum 80. Geburtstag von Papst Benedikt im Vatikan. Kurz zuvor hatte sie einen Gastauftritt für die neueste Einspielung der texanischen Indie-Rockband „And you will know us by the trail of dead“. Furore machte auch ihre Einspielung der Filmmusik von James Newton Howard zu dem oscarnominierten Film „The Village“. Seitdem ist ihr Name auch den Zuhörern ein Begriff, die sich bislang nicht mit klassischer Musik auseinandergesetzt haben. Ständig sucht Hilary Hahn den Kontakt zu ihrem Publikum. Neben ihrer Muttersprache beherrscht sie Französisch und Deutsch fast perfekt und lernt gerade – weil sie so oft in Japan ist – Japanisch. Begeistert erzählt die aufgeschlossene Geigerin in unserem Gespräch von einem Ikebana-Kurs, den sie neben dem Sprachunterricht besucht hat. Und selbst beim Blumen Arrangieren erwacht die Perfektionistin in Hilary Hahn: „Es gibt bestimmte Regeln und Proportionen“, ergänzt dann aber: „Es ist ungemein meditativ.“ Nach dem Konzert nimmt sie sich die Zeit zum Signieren ihrer CDs. Hier paaren sich Professionalität und PR-Qualitäten. Doch mit ihrer entspannten Art und
geradezu müheloser Freundlichkeit scheint es so, als würde ihr auch dieser Teil ihrer Arbeit immer wieder Spaß machen. Sehr persönlich ist ihre Homepage im Internet gestaltet, auf der sie regelmäßig von ihren Konzert- und Reiseeindrücken berichtet, damit ihre Fangemeinde auch einen Eindruck davon bekommt, wie es hinter den Kulissen zugeht. Unter anderem finden sich auf ihrer Homepage auch Links zu Künstlern, mit denen Hilary Hahn zusammengearbeitet hat. Darunter der Filmemacher Peter Miller. Das, was in der Popmusik-Branche längst üblich ist, haben beide Künstler auf ihre Weise umgesetzt: ein Video, in dem Hilary Hahn zu ihrer Paganini-Interpretation agiert. „Für mich ist die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern so wichtig wie mit klassischen Musikern. Ich möchte nichts im Sinne eines Crossover vermischen. Es geht darum, etwas zu lernen von jemandem, der eine andere Sicht auf die Dinge hat. Das wiederum hilft mir sehr bei der Zusammenarbeit mit anderen Musikern in der klassischen Musik. Ich bringe gerne alles zusammen. Es ist so eine Art Quilt. Es kann sein, dass das Publikum das spürt.“

Amerikanische Folk-Music

Mit ihrer legendären spontanen Fiddle-Einlage am Ende des zweiten Satzes des Beethoven-Violinkonzerts bei einer Japan-Tournee mit der Bremer Kammerphilharmonie unter der Leitung von Paavo Järvi outete sich Hilary Hahn als eingefleischter Fan amerikanischer Bluegrass und Folk-Music. Neben dem Spiel des klassischen Violinrepertoires sucht sie daher auch nach anderen Möglichkeiten, ihre musikalische Neugier auszuleben. Besonders gerne spielt sie zurzeit mit dem Gitarristen und Songwriter Josh Ritter, mit dem sie zum wiederholten Male auf Tournee geht. „Erst einmal haben wir in Europa zusammen gespielt. Es ist schwierig, so ein Programm mit Gesang, Gitarre und Geige den Konzertveranstaltern zu präsentieren. Es ist sehr ungewöhnlich.“ In den USA treten sie regelmäßig auf, waren schon beim Verbier Festival zu Gast und spielen im April 2008 im New Yorker Metropolitan Museum of Art. „Es ist nicht schwer, die Grenze von der Seite der nicht-klassischen Musik zu durchbrechen. Wir haben kein Problem, in Clubs aufzutreten, das könnten wir ständig machen, da gibt es ein großes Angebot. Mir ist es aber wichtig, die Wand zwischen der klassischen Musik und der anderen Musik in den typischen Bereichen zu durchbrechen, und daher möchte ich mit Josh gerne in traditionellen Konzertsälen auftreten.“ Eine Asien-Tournee ist geplant und in naher Zukunft auch eine CD-Aufnahme. Das dürfte das begeisterte Publikum freuen, denn „nach dem Konzert fragen sie immer, wann wir endlich eine Aufnahme herausbringen“. Einen Eindruck davon, wie es klingt, wenn Hilary Hahn ihrer Liebe zur amerikanischen Folk-Musik Ausdruck verleiht, gibt es auf der CD „Grand Forks“ des amerikanischen Songwriters Tom Brosseau – mit ihm hat sie neben vielen anderen nämlich auch schon gemeinsam musiziert.

 
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