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Leseprobe:

Ein Patchwork für die Kammermusik

ENSEMBLE stellt Kammermusikvereine vor


Von: Georg Büsch

Deutschland ist ein Land der Vereine. Gott sei Dank! Denn in Deutschland setzen sich zahlreiche Vereine für eine lebendige Kammermusikkultur ein. Unter „Kammermusikverein“ kann man nun so manches verstehen. Die selbst gestellten Aufgaben sind vielseitig: Sie reichen von der Vermittlung von Laienspielern und „Kammermusik -Rendezvous“ bis hin zum professionellen Konzertveranstalter oder der Organisation eines Festivals. Die Szene funktioniert patchworkartig und ist meist eher regional als überregional vernetzt. Dies bedeutet freilich nicht, dass es nicht auch Vereine gibt, die auf internationaler Ebene agieren. Allerdings scheint es keine ausgeprägte Dachstruktur in Deutschland zu geben. Das heißt, dass die Zusammenarbeit unter den Vereinen noch besser sein könnte. Ein Wissen darum, was eigentlich die anderen tun, fehlt. In unserer neuen Serie wollen wir das kammermusikalische Vereinswesen in Deutschland vorstellen. Hierbei leistet ENSEMBLE Pionierarbeit. Eine Übersicht über das Vereinswesen in Deutschland gibt es bisher nicht. Wir beleuchten die facettenreiche Szene aus verschiedenen Perspektiven. Um die aktuelle Kultur einer Institution zu verstehen, muss man ein Bild von ihrer Tradition haben und ihre Zielsetzungen kennen. Ebenso will man wissen, wie das Tagesgeschäft abläuft, und wer die Menschen sind, die sich hier für Musik und Musiker einsetzen.  
Die Leserschaft von ENSEMBLE besteht aus Musikern und Publikum. Dies auszusprechen mutet ein wenig tautologisch an, denn auch der Reiz eines Kammerkonzertes besteht ja teilweise gerade darin, dass das Publikum zu einem Großteil aus fähigen Musikern besteht. Ebenso begegnen uns in der Kammermusik, häufiger als in anderen Sparten, auch auf der Bühne leidenschaftliche Konzertbesucher. Auf welche Weise auch immer: Ziel der Kammermusikvereine ist es, für diese Szene da zu sein: als Vermittler, Konzertveranstalter, Festivalorganisation oder auf andere Weise.

Das Tor zur Welt der Kammermusik

Die Freie und Hansestadt Hamburg ist eine Kaufmannsstadt. Das bedeutet, dass hier eher gehandelt als produziert wird. Das bedeutet auch, dass das Tor zur Welt offen steht, damit Waren aus aller Welt herein und in alle Welt heraus kommen können. Und was für Waren gilt, gilt auch für die Musik: Für Hamburg ist nur das Allerbeste gut genug. In diesem Sinne ist die Hamburgische Vereinigung von Freunden der Kammermusik typisch für ihre Heimatstadt. Ihr erklärtes Ziel ist es, die Weltspitze der Kammermusik nach Hamburg zu holen.

Aktuelle Interpretationen auf internationalem Niveau

Ebenso typisch hamburgisch ist die Vereinigung in Hinsicht auf die Freiheit, die die Stadt sogar im Namen trägt: Klaus Brügmann, erster Vorsitzender des Vereins, hebt, wenn es um die Mission der Kammermusikfreunde geht, hervor, dass die Interpreten ihre jeweiligen Konzerte autonom gestalten. Es gibt keinerlei ästhetische oder musikalische Vorgaben. „Interpretationen wandeln sich. Man führt Beethoven oder Mozart heute anders auf als vor 40 Jahren. Die Künstler sollen bestimmen, wie sie spielen und was sie spielen. Wir achten nur darauf, dass es nicht zu Kollisionen und Wiederholungen im Programm kommt“, so Brügmann. „Um diese Aktualität und damit die Lebendigkeit der aufgeführten Stücke deutlich werden zu lassen, ist die historische Aufführungspraxis ein notwendiger Vergleichswert. Deshalb sind auch Konzerte mit alten Instrumenten und in historischer Interpretation Bestandteil der Programme“, ergänzt Dr. Alexander Odefey, der die Programme vorschlägt und zusammenstellt. Hierbei legt er großen Wert darauf, die Stücke mit den Ensembles zusammen auszusuchen, Alternativen zu erwägen und so eine in sich schlüssige und abgestimmte Konzertauswahl zu komponieren.

Ein Teil der ehrenamtlichen Kultur

Eher untypisch für die Kaufmannsstadt klingt es, wenn man hört, dass die Gründer 1922 mit dem erklärten Ziel antraten, die Kammermusik „in völliger Unabhängigkeit vom kommerziellen Konzertbetrieb“ zu fördern. Aber das ist nur auf den ersten Blick merkwürdig, denn in Hamburg gibt es spätestens seit dem 18. Jahrhundert eine ausgeprägte Kultur des freiwilligen gemeinnützigen Engagements. Und als Teil dieser Kultur arbeiten auch die Vorstandsmitglieder ehrenamtlich. Klaus Brügmann, Dr. Alexander Odefey, Herbert Sedlacek und Frank Wrobel sind gleichzeitig Organisatoren, Programmmacher, Konzertveranstalter und Öffentlichkeitsarbeiter. Sie bespielen den Kammermusiksaal der Hamburger Laeiszhalle mit einem Programm, das sich liest wie das Inventar der kammermusikalischen Hall of Fame.

Konzertbetrieb seit 1922 – mit Unterbrechung

Seit dem ersten Konzertabend finden sich Weltklassemusiker zu den Konzerten ein. Am 14. September 1922 erklingen Max Regers d-Moll-Quartett (op. 74) und Ludwig van Beethovens cis-Moll-Quartett (op. 131). Es spielen Adolf Busch, 1. Violine, Gösta Andreasson 2. Violine, Karl Doktor, Viola, und Paul Grümmer, Cello. Die ersten Konzerte finden noch im Saal des Atlantik-Hotels statt. Guarneri, Busch, Bandler, das Budapester Streichquartett oder das Amar Quartett mit Paul Hindemith an der Bratsche: bis 1932 gastieren in Hamburg die wichtigsten und angesehensten Kammermusiker der Zeit. Diese erste Blütezeit der Hamburger Kammermusik findet ein jähes Ende, als 1933 die Rassengesetze der NS-Zeit in Kraft treten. Ohne jüdische Musiker ist die Kammermusik dieser Zeit undenkbar. Die NS-Zeit erstickt die Kammermusik in Hamburg, die Kammermusikfreunde müssen den Konzertbetrieb einstellen.
Aber die Muse war nicht tot, sie hatte nur geschlafen. Versetzen wir uns zurück in das Jahr 1945! Hamburg liegt in Schutt und Asche. Die Musikhalle ist von der britischen Militärverwaltung beschlagnahmt, alle anderen Konzertsäle sind zerstört. Es wird Herbst, die Abende werden kälter. Am 25. September ist der notdürftig beleuchtete und ungeheizte Saal der Handelskammer von erwartungsvollem Stimmengewirr erfüllt. Wir dürfen uns hung-rige und frierende Menschen vorstellen, vielleicht einen Verwundeten, sicherlich Menschen, die vor wenigen Wochen Angehörige verloren haben. Als Bernhard Hamann und Ferry Gebhardt die Bühne betreten, wird es still. Die Instrumente liegen in Händen, die von fingerlosen Handschuhen gewärmt werden. Vor der Bühne steht ein Stahlbecken mit glühenden Kohlen als Heizung. Die Musiker setzen an. Es erklingt die Sonate in A-Dur für Violine und Klavier von Beethoven, die Kammermusikfreunde haben ihren Betrieb wieder aufgenommen. In solchen Momenten wird klar, dass Musik lebensnotwendig sein kann.

Eine Erfolgsstory

Nach dem Krieg beginnt eine Erfolgsstory. Bis in die siebziger Jahre hinein ist der Kammermusiksaal ausverkauft, ja ausabonniert, wenn die Kammermusikfreunde ihn bespielen. Es wird sogar eine zweite Konzertreihe ins Leben gerufen. Wenn auch die Ausrichtung des Vereins eine explizit nicht kommerzielle ist, kann Dr. Odefey seinen Stolz nicht ganz verbergen, wenn er erzählt, dass sich der Verein ausschließlich aus eigenen Einnahmen trägt. Bis heute sind die Kammermusikfreunde praktisch der einzige Kammerkonzertveranstalter mit internationaler Strahlkraft in Hamburg. Die Kunst der Kammermusikfreunde besteht darin, ein Programm zu gestalten, das vor Ohren führt, was aktuell an der Spitze der internationalen Kammermusikszene los ist. Hierfür werden die Programme weit im Voraus geplant. Das Programm für 2009 ist schon fertig, das für 2010 ist im Entstehen.

Verwurzelt in der Hausmusik

Die Leidenschaft der Kammermusikfreunde zeigt sich übrigens nicht nur in ihrer organisatorischen Aktivität. Die vier Herren vom Vorstand sind allesamt selbst Instrumentalisten und einige von ihnen musizieren auch regelmäßig zusammen. Auch wenn sie gerne betonen, wie laienhaft und unvollkommen ihr Spiel ist, mag man dies nicht so recht glauben. Rudolf Jung zum Beispiel, der den Vorsitz des Vereins bis vor einigen Jahren innehatte, kann von Hausmusiken mit Ludwig Hölscher, Bernhard Greenhouse und Milos Sadlo berichten. Man kann mit Recht behaupten, dass die Vereinsarbeit tiefe hausmusikalische Wurzeln hat.

Blind Dates

Diese Verwurzelung in der Hausmusik wird auch an den Tätigkeitsfeldern deutlich, die über die reine Konzertorganisation hinausgehen. In Kooperation mit dem ältesten noch aktiven gemeinnützigen Verein der Stadt, der Gesellschaft zur Förderung der Künste und nützlichen Gewerbe von 1765, richten die Kammermusikfreunde die so genannten „Blind Dates” aus. Einmal im Jahr treffen sich Laienmusiker, vorwiegend Streicher, um zusammen zu musizieren. Für jedes Instrument ist ein Profimusiker anwesend, um zu coachen. Aus diesen Rendezvous ist ein reger Austausch erwachsen und auch über die jährlichen Treffen hinaus finden Hausmusiker über dieses Forum zueinander. Wie wichtig dieser Beitrag für den Erhalt der Kammer- und Hausmusik ist, betont Dr. Reinhardt Schönsee, der zusammen mit den Kammermusikfreunden die „Blind Dates” organisiert: „Die Kammermusikszene braucht eine Vernetzung ‚von unten’. Viele gute Spieler haben keinen Partner; ‚Blind Dates’ führen die Spieler zusammen, so dass sich neue Quartette bilden können.“

Vermittlung der Faszination – moderierte Konzerte

Und noch ein weiteres Feld bestellen die Kammermusikfreunde: das Feld der Vermittlung dessen, wie Kammermusik entsteht und funktioniert. In der Reihe „Explica“ tritt das Kuss Quartett regelmäßig vor das Hamburger Publikum und gewährt einen Blick in die Kulissen der kammermusikalischen Arbeit. In der Vereinsarbeit wurde immer wieder klar, dass Kammermusik nicht nur gehört werden muss, um verstanden zu werden, sondern auch verstanden werden muss, um richtig gehört zu werden. Die intensive Auseinandersetzung mit den verschiedenen Ausdrucksarten der schöpferischen Kraft der Musik, ja mit ihrer Metaphysik – das macht einen großen Teil ihrer Faszination aus. Aber auch einen Einblick in avantgardistische Entstehungsprozesse zu erlangen, kann ein echtes Vergnügen sein.

Wünsche für die Zukunft

Angesichts gut besuchter Konzerte und auch ansonsten regen und geneigten öffentlichen Interesses an der Arbeit der Vereinigung könnte man auf den Gedanken verfallen, dass die Kammermusikfreunde wunschlos glücklich sind und sich für die Zukunft nur wünschen, dass alles so bleibt, wie es ist. Weit gefehlt! „Wir würden uns sehr gerne als Steigbügelhalter für den begabten Nachwuchs einsetzen!“, formuliert Klaus Brügmann. Angestrebt wird eine eigene Reihe für junge Ensembles, die über das Potenzial verfügen, sich an die Weltspitze emporzuspielen. Eine solche Reihe braucht mindestens einen zuverlässigen Hauptsponsor. Dieser wird momentan gesucht. Auch um den Nachwuchs auf der anderen Seite der Rampe zu erreichen, sind verschiedene Aktivitäten geplant. „Von alleine kommt ein Jugendlicher nicht auf die Idee, in ein Kammermusikkonzert zu gehen. Da sind wir gefragt und müssen jungen Menschen eine Hand reichen“, meint Brügmann.  

Konkurrenz belebt das Geschäft:

Die Kammermusikfreunde und die entstehende Elb-Philharmonie

Das musikalische Umfeld in Hamburg ist in Bewegung. Im Hafen entsteht die Elb-Philharmonie und auch hier wird es einen Kammermusiksaal geben. Ob es hier ein Engagement der Kammermusikfreunde geben wird, bleibt abzuwarten. Der Saal wird kleiner sein als der in der Laeisz-Halle. Durch die geringere Anzahl an Plätzen wird er auch nicht in dem Maße Eintrittsgelder generieren wie die Veranstaltungen der Kammermusikfreunde in der Laeisz-Halle. Einen solchen Saal kann sich nur leisten, wer aufgrund öffentlicher Förderungen nicht auf Kostendeckung angewiesen ist. Mit Sorge blicken Herr Brügmann und Herr Odefey auf die Zukunft der musikalischen Vielfalt in der Stadt. Wenn der Konkurrenzdruck zu hoch wird, könnte es erforderlich werden, verstärkt Programme anzubieten, die gefällig sind und sich an ein breites Publikum wenden. Dagegen ist so lange nichts zu sagen, wie gewährleistet ist, dass immer noch die Gelegenheit besteht, zum Beispiel auch zeitgenössische Komponisten aufführen zu lassen, die keinen so großen Zulauf versprechen. Nur so kann die Lebendigkeit und Aktualität der Musik vermittelt und erhalten werden. Aber die Kammermusikfreunde blicken auch dieser Aufgabe mit gewohnter Agilität entgegen.
 
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