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Leseprobe:

Erfolgsrezept: Ideenreichtum & Konsequenz

Apollon Musagete Quartett

Von: Carsten Dürer

Als ich dieses polnische Streichquartett erstmals hörte, nannten die vier jungen Streicher sich noch Camäleon Quartett. Doch da existierte dieses Quartett erst knapp ein Jahr. Nach zwei Jahren traten die vier Streicher dann 2008 als Apollon Musagete Quartett beim ARD-Wettbewerb in München in der Kategorie Streichquartett an – und gewannen den ersten Preis. Absolut berechtigt, denn mit ihrem ernsthaften, ausgewogenen und durchweg spannungsgeladenen Spiel hatten sie in jeder Hinsicht überzeugen können. Wieder war mehr als ein Jahr vergangen und wir trafen Pawel Zolejski, Bartosz Zachlod (Violinen), Piotr Szumiel (Viola) und Piotr Skweres (Cello) zu einem Gespräch. Soeben ist auch ihre Debüt-CD bei Oehms Classics erschienen, die aufgrund der Bandbreite des Repertoires zeigt, was dieses Quartett zu bieten hat.
Am Abend vor unserem Treffen haben die vier noch ein Konzert in Koblenz gespielt. Dennoch wirken sie ausgeruht und neugierig auf die Fragen, als wir uns am kommenden Morgen bereits um 10 Uhr treffen und sie schon mehr als anderthalb Stunden Zugfahrt hinter sich haben. Wie kommen denn eigentlich drei Polen dazu, sich in Wien zu einem Streichquartett zusammenzuschließen? Waren sie schon in Wien zum Studium? Pawel Zolejski: „Es war immer der Traum von uns allen, Kammermusik im Streichquartett zu spielen. Deshalb sind wir alle vier nach Wien gezogen. Wir haben auch daran gedacht, dass wir bei unseren Solo-Studien bei Kammermusikern studieren. So hat Piotr [Skweres] beispielsweise bei Valentin Erben studiert. Es sollte also ganz deutlich in Richtung Streichquartett gehen.“ Doch zuvor hatte jeder schon in Polen sein Studium begonnen. Hatten die vier denn da schon Kontakt zur Kammermusik bekommen? „Ich habe erst in Wien zu studieren begonnen, da ich ein wenig jünger war, als ich Warschau verließ“, erklärt Piotr Szumiel, der Viola-Spieler. Er war schon da, als die anderen drei nach Wien kamen. Als Pawel Zolejski zu studieren begann, war Piotr Skweres bereits im vierten Semester, und als Bartosz Zachlod begann, war derselbe Abstand zu Zolejski gegeben. „Und dann haben wir uns alle in Wien wiedergetroffen“, sagt Skweres. „Jeder von uns hatte schon viel Kammermusik gespielt, aber auch andere Dinge ausprobiert“, erklärt Zolejski, „und Piotr Skwe-res hat Komposition studiert und bereits in einem Streichquartett gespielt, mit dem er dann nach Wien gezogen ist. Noch war ich selbst in Warschau und wusste, dass Piotr Szumiel Bratsche spielt und in einem Streichquartett spielen will. Zur gleichen Zeit kannte ich bereits Bartosz. Die Beziehungen sind also irgendwie alt, aber irgendwie ist es nie dazu gekommen, dass wir alle gleichzeitig an einem Ort waren. Als Piotr Szumiel und ich dann gemeinsam in Wien waren, haben wir zwei andere Personen für ein Streichquartett gesucht. Und da erinnerten wir uns an die anderen beiden.“ Bartosz Zachlod gab bereits etliche Solo-Konzerte als Folge des Gewinns des Szymanowski-Wettbewerbs. Er hätte Solo-Karriere machen können, Piotr Szumiel hatte eine Solo-Stelle in einem Orchester, Piotr Skweres hatte sich auf sein Kompositionsstudium spezialisiert und Pawel Zolejski hatte ebenfalls eine Konzertmeister-Stelle. Pawel Zolejski war dann die treibende Kraft, rief Bartosz Zachlod an und sagte, er solle nach Wien kommen, um ein Streichquartett zu gründen. „Und das habe ich sofort gemacht“, sagt Bartosz Zachlod.
Wien war die Wunschstadt nicht nur aufgrund der immensen Streichquartett-Tradition, die diese Stadt in sich birgt, sondern auch aufgrund von persönlichen Bindungen: „Musiker, die wir als Mentoren und kompetente Personen in Bezug auf die Kammermusik bezeichnen können, befanden sich halt in Wien“, erklärt Piotr Skweres, „das war für uns vor allem das Alban Berg Quartett“, fährt er fort. Skweres hatte Unterricht bei Erben, Pawel Zolejski bei Gerhard Schulz. „Es ging also bei uns nicht darum, irgendwo einen Kurs zu besuchen, sondern das man beständig und vertraulich fragen kann, wie man bestimmte Streichquartett-Probleme lösen kann“, erklärt Skweres. Gleich nach der Gründung wurde das Streichquartett in die ECMA (European Chamber Music Academy) aufgenommen. „Das war auch eine Folge der Entscheidung, nach Wien zu kommen“, sagt Zolejski, „auf diese Weise hatten wir einfach den Zugang zu guten Lehrern wie Johannes Meissl oder Hatto Beyerle. Das hat uns in den ersten zwei Jahren sehr geholfen.“ „Der Vorteil bei der ECMA im Gegensatz zu anderen Einrichtungen ist, dass sie einem viele Ansichten und unterschiedliche Zugänge zu den Werken durch die unterschiedlichen Lehrer eröffnet. Auf der einen Seite ist das sehr gut, auf der anderen Seite hat es auch Nachteile, da man schon genau wissen muss, was man möchte.“ Als junges und frisch zusammenarbeitendes Quartett kann diese Vielfalt an Meinungen auch verwirren? „Nun, wenn man so viele Meinungen erhält, ist man dazu gezwungen, sich zu entscheiden. Und das hat uns auch geholfen: Uns zu entscheiden, was genau zu uns und unserer Spielweise passt“, erklärt Piotr Szumiel. So hat sich das Apollon Musagete Quartett sehr schnell selbstständig machen können.

Ziele und Ausweitungen

Der Erfolg beim ARD-Musikwettbewerb 2008 kam für die vier Polen nicht wirklich überraschend, auch wenn man nicht fest mit einem Sieg gerechnet hatte. Doch die Zielstrebigkeit war schon in der Vorbereitungsphase klar definiert, wie Piotr Skweres erklärt: „Wir wussten schon zuvor ganz genau, was wir machen wollen und wohin wir kommen möchten. Uns allen war beispielsweise wichtig, dass wir den Kontakt zu zeitgenössischen Komponisten bekommen wollen. Und dies nicht auf die Art, dass man ein Werk bestellt und die Noten zugeschickt bekommt, sondern dass man mit den Komponisten zusammen ein Werk erarbeitet, dass man mitkomponiert. Dabei hat uns der ARD-Wettbewerb natürlich auch geholfen, denn mittlerweile haben wir viele Werke, die uns gewidmet sind, im Repertoire. Das ist wunderbar. Die Vielfalt reicht von ganz jungen Komponisten bis zu etablierten wie Detlev Müller-Siemens. Doch es gibt noch andere Dinge, die wir verwirklichen wollen.“ Skweres übergibt den Stab an den Bratscher Piotr Szumiel, der aufgrund seiner Orchestertätigkeit gute Kontakte in die Orchesterlandschaft hat: „Wir wollen in Zukunft die Werke, die für Orchester und Streichquartett geschrieben wurden, häufiger spielen. Die Dresdener Philharmoniker werden mit uns arbeiten, das Stuttgarter Kammerorchester und auch andere. Das wollen wir auch machen, da es so viele gute Werke in dieser Besetzung gibt. Damit wollen wir auch das Publikum, das eher eines für Sinfonieorchester ist, an die Kammermusik heranführen.“ Ein hehres Ziel. „Die andere Sache ist, dass man ganz anders spielen muss, da man auf viele Klangfarben verzichten muss. Da sind zwar vier Solisten auf der Bühne, aber es sind andere Blickwinkel, als wenn man nur als Streichquartett spielt. Wir hoffen, dass uns das sehr bereichern wird im Spiel“, sagt Piotr Skweres. „Wir suchen also immer neue, andere Bereiche, die wir ausprobieren wollen, wir wollen unsere Tätigkeiten vertiefen und ausweiten“, erklärt Zolejski und erwähnt noch andeutungsweise: „Wir werden ein Werk für uns schreiben und auch aufführen.“ Doch an dieser Stelle ist der „Komponist“ des Quartetts, Piotr Skweres, gefragt, dieses Vorgehen näher zu erklären: „Es ist so, dass ein Projekt mit Deutschlandradio Kultur produziert wird. Es gab schon immer den Wunsch, dass Komponisten mit den Interpreten zusammenarbeiten wollten, so beispielsweise Brahms mit Joseph Joachim. Meist war dies aber bei mehreren Interpreten nicht in der Tiefe möglich, wie die Komponisten es sich vielleicht wünschten. Wir werden aber ein Stück schreiben und dann erarbeiten. Wir werden uns also einen dramaturgischen Ablauf überlegen, ich werde Skizzen zusammenstellen, die dann besprochen werden. Auf dieser Grundlage wird dann improvisiert und geprobt. Dabei wird sich dann detailliert herausstellen, was daraus wird. Wir nähern uns dem Werk dann immer und immer weiter von der Ferne bis zum kleinsten Detail. Es gibt natürlich Spielregeln, auch wenn wir einige Züge der Aleatorik integrieren. Das Tolle dabei wird sein: Wir können mit vier inspirierten Köpfen überlegen, analytisch vorgehen und alles erarbeiten. Wir machen das, damit wir letztendlich noch besser verstehen, wie die Verbindung zwischen den Komponisten und den Interpreten aussieht. Das wird uns dann letztendlich auch in der Zusammenarbeit mit großen Komponisten helfen.“
An dieser Stelle kommt nun Pawel Zolejski auf den Quartettnamen zu sprechen, da er in dieser Mannigfaltigkeit der Arbeit den Namen realisiert sieht: „Das Apollonische soll verwirklicht werden, dass alle Künste zusammenkommen, wir wollen mehrdimensional denken. Wir wollen gestalten, schauspielerisch, klanglich, von allen Seiten betrachtet.“ Aber sind dies nicht auch Vorgaben, die es in den großen Standardwerken der Streichquartett-Literatur gibt? „Natürlich“, gibt Piotr Skweres zu, „nur man muss sagen, dass bei unterschiedlichen Werken bestimmte Parameter stärker hervortreten. Und zudem gibt es aufführungstechnische Standards bei bestimmten Werken, die sich nur mit der Zeit verändern. Man kann zwar die Aufführungstradition durchbrechen, aber das wird nicht akzeptiert. Aber es gibt Werke, wo auch das darstellende Moment stärker hervortritt, wie beispielsweise im Lutoslawski-Streichquartett.“ Letztendlich manifestiert sich darin aber eine alte Weisheit: dass es natürlich auch innerhalb der Traditionen und bestimmter Parameter so viele Aufführungsmöglichkeiten gibt, wie es Streichquartette gibt.
Rigorose Entscheidungen

Als sich die vier Streicher des heutigen Apollon Musagete Quartetts entschieden hatten, ein Streichquartett zu werden, gab es ganz bewusste, aber ebenso rigorose Einschnitte in deren Leben. „Wir haben alles aufgegeben, was wir bis dahin gemacht haben“, erklärt Pawel Zolejski. „Wir haben uns wirklich sofort fokussiert auf die Arbeit im Streichquartett“, sagt Bartosz Zachlod, „und dann haben wir sehr hart gearbeitet.“ Das scheint so gewesen zu sein, wenn man bedenkt, dass dieses Streichquartett überzeugend den ARD-Wettbewerb gewinnen konnte, nachdem es nur zwei Jahre existierte. Aber wie hart ist hart? „Hart war beispielsweise auch finanziell auf alles zu verzichten, was wir bis dahin machten und womit wir Geld verdienten, das war zeitweise sehr problematisch“, meint Pawel Zolejski. „Eigentlich wollten wir uns ja noch weiter vorbereiten, es war ja nicht geplant, dass wir den ARD-Wettbewerb gewinnen“, sagt Piotr Szumiel. „Eigentlich wollten wir uns drei oder vier Jahre Zeit lassen, um uns vorzubereiten. Der ARD-Wettbewerb war nur der geplante erste Schritt. Eigentlich wollten wir noch weitere große Wettbewerbe spielen.“ „Das hört sich komisch an, denn das eigentliche Ziel war ja immer schon, dass wir für das Publikum spielen können“, erklärt Piotr Skweres. „Und dass jeder auf viel verzichtet hat, war eigentlich schon eine Garantie dafür, dass wir auch Erfolg haben werden“, meint er. Denn wenn man auf so vieles verzichtet, und dann nichts mehr hat, dann muss etwas kommen, meint er lachend so ernst wie diese vier zu sein scheinen. „Klar war für uns auch: Wenn wir einen wichtigen Wettbewerb gewinnen, dann werden wir keinen weiteren Wettbewerb mehr spielen“, sagt er.
Ein weiteres Ziel der Ausrichtung des Repertoires, das das Apollon Musagete Quartett sich erarbeitet, heißt: die unbekanntere polnische Musik zu spielen. „Das ist einer unserer Punkte, die wir verwirklichen wollen.“
Doch ich will es konkreter wissen, will erfahren, wie die Vorbereitungen zum ARD-Wettbewerb in der täglichen Arbeit aussahen. „Sie wollen unsere Erfolgsrezepte wissen?“, meint Pawel Zolejski lachend. Das vielleicht nicht, aber mich interessiert schon, wie das Quartett, das so kurz bestand, sich zielstrebig auf seine neuen Ziele vorbereitet hat. Bartosz Zachlod ergreift das Wort: „Wir haben natürlich nicht nur motorisch gearbeitet, sondern uns intensiv mit den Partituren beschäftigt, das war und ist die Hauptarbeit. Zudem haben wir versucht, alle Hintergründe zu erfahren, haben Sekundärliteratur gelesen, um die ganzen gesellschaftlich-biografischen Hintergründe zu wissen.“ Doch ich will es noch konkreter wissen und hake nochmals ein: Wie sah ein Tagesablauf aus, war der klar strukturiert, vorgegeben, oder hat man mehr auf Zuruf gearbeitet? „Streichquartett ist natürlich ein Full-time-Job, man macht das also von morgens bis abends. Natürlich gehört dazu, dass man die Aufführungspraxis und die Tradition kennt. Zuerst analysieren wir die Partitur, erst jeder für sich, dann besprechen wir das gemeinsam, um die fünfte Ebene des Gemeinsamen herauszufinden. Dann arbeitet jeder für sich an seiner Stimme. Da nimmt man sich schon auf, um sich zu überprüfen. Dann erst kommen wir zusammen, um zu proben – dann auch jeden Tag.“ So weit Pawel Zolejski. Piotr Szumiel erklärt dann den Tagesablauf: „Am Vormittag spielt sich jeder solistisch ein, probt für sich. Wir standen vor dem Wettbewerb um sechs Uhr auf, übten schnell, also Sevcik-Tonleitern zum Einspielen. Dann kam die Einzelstimme. Dann trafen wir uns, es folgte eine kurze Mittagspause, dann die zweite Probe am Nachmittag, dann Überprüfung des Einstudierten anhand einer Aufnahme.“

Alles für die Gruppe

„Natürlich muss man auch einen Ausgleich haben“, meint Pawel Zolejski: „Man kann nicht nur sitzen und Partituren studieren und proben. Daher ist für uns alle ein Schwerpunkt, Sport zu treiben. Der eine schwimmt, wir alle joggen, zwei von uns spielen Badminton.“ „Es geht um Kondition“, erklärt Piotr Skweres, „denn es kostet viel Anstrengung, wenn man immer sitzen muss, im Zug, im Flugzeug, bei der Probe. Im Hotel geht man gleich schlafen. Nach einem Konzert geht man noch essen, man kann dann nicht joggen gehen. Es erfordert also sehr viel Anstrengung, die Kondition zu haben, die man dann auf der Bühne braucht. Denn auch körperlich versuchen wir ja auf der Bühne alles von uns zu geben. Man ist konzentrierter, man erlebt alles viel intensiver, und auch das braucht Kondition.“ Als die vier das harte Programm ihres Streichquartettspiels anginge bemerkten sie, dass die Kondition nicht ausreichte, die sie naturgegeben haben, daher fingen sie die sportlichen Aus-gleichsaktivitäten an. Man spürt, wie wichtig ihnen das Erreichen ihrer Ziele ist, wie sehr fokussiert und wie konzentriert und durchdacht sie ihre Aufgaben angehen. Es ist faszinierend, zu erkennen, mit wie viel Eifer und Überzeugung das Apollon Musagete Quartett die Kammermusik, das Streichquartettspiel versteht. „Ich glaube, dass ein Streichquartett-Mitglied sich immer verbessern muss, sein Leben gezielt verändert, um in der Gruppe besser arbeiten zu können. Also es geht dabei auch um Rauchen und Trinken, das darf man dann einfach nicht“, meint Pawel Zolejski konsequent und erklärt noch, „denn wenn ich ungesund bin, da ich an einem Abend beispielsweise zu viel getrunken habe, dann hat das Auswirkungen auf das ganze Quartett, es zieht es nach unten. Wenn ich gut in Form bin und gute Laune habe, dann ist auch das Gruppengefühl viel besser.“ Das hört sich fast dogmatisch an, wie ein Zwang, den man sich auferlegt, wenn man in diese Art von Gruppe kommt. „Nein, so ist das nicht“, meint Piotr Skweres, „das muss jeder für sich erkennen und verstehen. Wenn wir nicht alle gleich überzeugt sind von einer Entscheidung, dann machen wir das auch nicht. Es gibt nur einstimmige Entscheidungen bei uns. Es gibt nicht Grau bei uns, sondern nur Weiß oder Schwarz. Und so ist das auch mit dem Sport, denn wir arbeiten ja nur dafür, dass wir anderthalb Stunden auf der Bühne so gut sind, wie es nur geht. Und dafür tun wir alles.“ Auch in diesem Fall gibt es einen Absolutheitsanspruch.

Nach dem Wettbewerb

Wie hat sich das Leben des Apollon Musagete Quartetts nach dem Gewinn des ARD-Wettbewerbs verändert? Denn auf einmal war man im Fokus eines Interesses, das es so vorher nicht gab. „Konzerte hatten wir ja auch schon vorher etliche gespielt, in den zwei Jahren zuvor sicherlich 50 Stück“, meint Piotr Skweres, „uns war einfach klar, dass wir bestimmte Dinge nur beim Spiel auf der Bühne lernen können. Unser erster Auftritt war nach drei Wochen des Zusammenspiels.“ Das waren die Erfahrungs-Konzerte, aber plötzlich waren es andere Säle, und man verdiente Geld. Der Anspruch war gewachsen. Verspürte das Quartett niemals nach dem Wettbewerb eine Art von Druck? „Wir hatten immer die höchsten Ansprüche an uns selbst. Es war immer egal, ob da drei Leute saßen oder 300 Zuhörer“, so Pawel Zolejski. „Natürlich ist es toll, wenn ein Traum wahr wird, das freut einen natürlich, und der Gewinn war der erste Schritt zur Verwirklichung eines Traums. Natürlich wissen wir um die Verantwortung, auch in Bezug auf die Tradition dieses Wettbewerbs. Aber es war unser Ziel und es wäre ja komisch, wenn wir uns jetzt unwohl fühlen würden.“ „Wir fühlen überhaupt keinen Druck“, sagt Bartosz Zachlod, „wir wollen immer das Beste von uns zeigen und unsere Interpretation und unsere Ideen verwirklichen.“ Der Druck, den das Quartett empfindet, wird nur aus der Gruppe selbst geboren. Und auf diese Weise kann man einfacher und selbstkritischer an den Dingen arbeiten, um diesen Druck abzubauen. „Dabei geht es nicht mal um technische Präzision“, erklärt Piotr Skweres, „sondern es ist wie bei einem Schauspieler: Man will seine Sicht eines Werks darstellen, den Charakter herausarbeiten. Wenn man eine Stelle in einem Schubert-Quartett so schön spielt, dass man nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll, dann ist es gelungen. Wenn dies nicht gelingt, dann müssen wir daran arbeiten, um die Idee der charakterlichen Darstellung zu verwirklichen, so wie wir sie sehen.“
Geändert hat sich aber auch der Tagesablauf, denn natürlich ist das Apollon Musagete Quartett weitaus mehr auf Reisen, kann nicht so gezielt wie vor dem Wettbewerb jeden Tag proben. Dennoch meinen die Streicher, dass es kein Problem ist, genügend Zeit zum Proben zu haben. Pawel Zolejski: „Wir legen auch Wert darauf, dass wir immer einen Tag vor dem Konzert am Veranstaltungsort anreisen, um gut zu schlafen, dann in Ruhe zu proben, um dann am Abend die beste Leistung bringen zu können.“ Machen das alle Veranstalter mit? Piotr Skweres: „Wenn man ihnen erklärt, dass die Qualität dadurch leicht gesteigert werden kann, ist das bislang nie ein Problem gewesen.“ Nur einmal, erinnern sie sich, hat ein Veranstalter dem Wunsch nicht entsprochen, da eine weitere Übernachtung auf ihn zukam. „So haben wir dieses Konzert nicht gespielt, da sind wir konsequent“, sagt Piotr Skweres. Konsequenz ist anscheinend der Schlüssel zum Erfolg bei diesem Quartett. Und selbstbewusst fügt Pawel Zolejski hinzu: „Wenn man schon das Apollon Musagete Quartett bestellt, dann bestellt man auch ein gewisses Maß an Qualität, und dem müssen und wollen wir gerecht werden, daher fordern wir das.“
Auch was die „Büroarbeit“, wie sie es nennen, am Abend nach einem Probentag angeht. Denn dann setzen sich die Einzelmitglieder hin und arbeiten das Organisatorische ab. Bartosz Zachlod hält den Kontakt zu dem polnischen Agenten, Pawel Zolejski mit der deutschen Agentur, Piotr Skweres mit dem österreichischen und Piotr Szumiel mit der spanischen Vertretung des Quartetts. Aber alle Absprachen werden beständig kommuniziert, und es kommt erst nach einer gemeinsamen Besprechung zu einer Entscheidung.

Instrumente

Beständig probiert das Quartett neue bzw. andere Instrumente aus. Nach und nach haben die vier herausgefunden, welche Art von Instrumenten ihren klanglichen Zielen entsprechen würden: „Alte italienische Instrumente kämen unseren Vorstellungen am nächsten“, sagt Piotr Skweres und überrascht damit nicht sonderlich. Aber er erklärt, dass es ja auch französische hätten sein können. Nach dem Wettbewerb hat das Quartett beispielsweise entschieden, ein neues Cello zu kaufen, ein französisches, mit dem man momentan zufrieden ist. Doch das Ziel anderer Instrumente für das gesamte Quartett lässt man nicht aus den Augen. „Das Cello wurde angeschafft, da der Klang des Cellos so wichtig als Stütze für das gesamte Quartett ist“, erklären die vier.
Auch für die Ersteinspielung bei Oehms hat man andere Instrumente gespielt: „Die wurden uns von einigen Unterstützern zur Verfügung gestellt. Wir konnten aus einer Anzahl der besten Instrumente überhaupt auswählen“, sagt Zolejski.

Neue Ansätze

Soeben hat das Apollon Musagete Quartett auch zu unterrichten begonnen. In Goslar haben sie einen Ort gefunden, wo sie Meisterkurse organisieren können und die notwendige Unterstützung erfahren. Dabei folgen sie allerdings einem System: „Wir wählen vier Quartette aus“, erklärt Zolejski, „und jeder gibt Einzelunterricht. Allerdings nach zuvor unter uns abgesprochenen Vorgaben, nach einem System. Wir wollen dabei besonders die Quartette fördern, die ansonsten keine Möglichkeit oder kein Geld haben, um sich weiterzubilden.“ Und so wählt das Apollon Musagete Quartett vor allem bedürftige junge Streichquartette aus Polen und Osteuropa aus, die dann nach Goslar eingeladen werden, ohne dass sie einen Cent zuzahlen müssen. Damit will man auch die polnische Kammermusik fördern. Vorbild war ein Meisterkurs beim Emerson String Quartet, das die vier Streicher besuchten.
Demnächst wird aus diesem jährlichen Mitte August stattfindenden Meisterkurs ein Apollon Musagete Quartett-Festival werden. Das Quartett wird nicht nur unterrichten, sondern auch konzertieren. „Und natürlich auch nach der Idee von Apollon Musagete, also mit unterschiedlichen Ebenen, nicht nur musikalisch, sondern auch darstellerisch, mit Sprechern bei den Konzerten und anderen Aspekten.“

Zielstrebigkeit, Konsequenz, Ideenreichtum und Engagement: Das sind alles Eigenschaften, die das Apollon Musagete Quartett in sich vereint. Und das hört man, wenn man diese vier Polen auf der Bühne erlebt. Dass dieses Quartett auch in Zukunft mit spannenden Gedanken und Aufführungen von sich reden machen wird, steht eigentlich schon jetzt außer Frage.

Aktuelle Termine

4. 3. Wien
6. 3. Tegernsee, Schloss
9. 3. Berlin, Philharmonie
26. & 27. 3. Dresden, Philharmonie
11. 4.  Bünde
13. 4. München, Herkulessaal
15. 4. Kaiserslautern

 
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