4 / 2011

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Leseprobe:

„Wir möchten authentisch sein.“

Boulanger Trio

Von: Hans-Dieter Grünefeld

Gefühlsintensität und homogene Klangbalance sind wesentliche Qualitäten beim Boulanger Trio. Sowohl klassischem als auch modernem Repertoire wenden sich die drei Musikerinnen aus der Haltung ihrer Namenspatroninnen zu: strikt am Notentext ein Maximum an Freiheit der Darstellung zu haben. Nach der Gründung im Jahr 2006 etablierte sich das Boulanger Trio zur professionellen Formation und wurde unter anderen beim „4th Trondheim International Chamber Music Competition 2007“ ausgezeichnet. Beim Heidelberger Frühling 2011 trafen wir Karla Haltenwanger (Klavier), Birgit Erz (Violine) und Ilona Kindt (Violoncello) zum Gespräch über ihre Trio-Konzeption.
Ensemble: Sie sind drei Frauen und haben Ihr Trio nach zwei Frauen benannt. Hat Musik aus Ihrer Sicht einen unterdrückten femininen Aspekt?

Birgit Erz: Unsere Namensgebung beruht nicht auf feministischen Motiven. Zunächst waren wir von Lili Boulanger inspiriert und haben erfahren, dass sie auch zwei Trio-Werke komponiert hatte, die wir in Deutschland als CD-Premiere veröffentlicht haben. Naheliegend war dann, uns ebenso mit Nadia Boulanger zu beschäftigen. Ihre immense Bedeutung für die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts – sie hat so viele Musiker und Komponisten ausgebildet und bei der Suche nach einem Personalstil unterstützt – hat uns komplementär so beeindruckt, dass wir uns entschieden, unser Trio mit dem Namen beider Schwestern zu verbinden. Zufällig ist unser Trio nur mit Frauen besetzt, denn als Ilona und ich jemanden für die Klavieraufgaben suchten und uns erkundigten, wer zu uns passen könnte, haben wir eben Karla gefunden.
 
Ensemble: Was hat Sie denn inspiriert, außer dass Nadia und Lili Boulanger Frauen sind?

Karla Haltenwanger: Faszinierend bei den Schwestern Boulanger ist, dass sie über ihren Zeithorizont hinausgeschaut haben, und wie sie mit ihrer Musik, ihrer individuellen Harmonik und Rhythmik und mit ihren unglaublich starken Persönlichkeiten die Musikentwicklung einer Epoche geprägt haben.

Ilona Kindt: Von Personen, die aus direktem Kontakt zu Nadia Boulanger, die ja länger als ihre Schwester gelebt hatte, oder solchen, die aus zweiter Hand etwas erzählen konnten, erfuhren wir, dass sie eine Aura um sich gehabt haben muss und so Musiker in ihren Bann zog. Außerdem haben Lili und Nadia Boulanger Musik so intensiv geliebt, dass ihre Leben davon erfüllt waren. Deshalb konnten sie für uns Vorbild-Charakter und Inspirationsquellen werden.

Ensemble: Nun sind die beiden Schwestern Boulanger aber nicht primär und ausschließlich Interpretinnen gewesen wie Sie. Wo ist da die Verbindung?

Ilona Kindt: Über die „Boulangerie“, den Salon von Nadia Boulanger in Paris, wo sich die Künstler trafen, wird erzählt, dass man dort nicht nur fachlich diskutierte, sondern durch die anwesenden Personen der Musik näher kam. Dieses Thema berührt uns, denn es vermittelt uns etwas von der Atmosphäre, wie man in direktem Kontakt zu Komponisten ihre Musik und Intentionen kennenlernen kann. Dadurch kann man analog auch klassisches Standardrepertoire wieder anders verstehen. Das beeinflusst sich gegenseitig und ist ein Aspekt, der unsere Namensgebung rechtfertigt.

Ensemble: Es gibt ja diese Geschichte über Astor Piazzolla, der bei Nadia studierte. Sie hat ihm geraten, er solle sich auf Tango konzentrieren. Haben Sie durch das Wissen über die Schwestern Boulanger einen speziellen Weg zu Ihrer Interpretationshaltung gefunden?

Ilona Kindt: Als wir die zwei eher kleinen Trio-Werke „D’un soir triste“ und „D’un matin printemps“ von Lili Boulanger das erste Mal im Konzert spielten, wurde ich davon ergriffen. Ich hatte das Gefühl, das ist eine Musik, bei der man sich als Interpretin fallen lassen muss, weil wir selbst und auch das Publikum da so tief hineingezogen wurden. Diese besondere Erfahrung lässt sich auch auf andere Werke übertragen, etwa wenn wir das Trio von Wolfgang Rihm aufführen.

Birgit Erz: Ich glaube, Nadia Boulanger wollte Astor Piazzolla dazu bringen, authentisch zu sein. Auch wir wollen authentisch sein und Musik auf eine möglichst authentische Art und Weise entdecken. Das ist eine sehr spannende Herausforderung.

Ensemble: Können Sie authentisch definieren?

Karla Haltenwanger: Nicht entfremdet oder distanziert zur Musik sein, sondern versuchen, sich in der Musik wiederzufinden.

Birgit Erz: Das bedeutet, dem Komponisten gerecht zu werden, ohne sich verstellen zu müssen. Wenn wir als Trio authentisch sein wollen, müssen wir eine originäre Klangsprache entwickeln, die durch unsere Persönlichkeiten entsteht. Das ist unser Ziel: einen unverwechselbaren Klang zu entwickeln, mit dem unser Trio identifiziert wird. Daran arbeiten wir.

Ensemble: Sie streben, wie in der Fachpresse zu lesen ist, Homogenität im Klang an. Nun ist Homogenität ja nicht nur eine Frage der Spieltechnik, sondern entsteht auch durch Interplay oder Kommunikation. Welche Methoden haben Sie?

ensemble-4-2011-boulanger-t.jpgKarla Haltenwanger: Wenn wir an ein Werk herangehen, versuchen wir es zuerst zu erspüren. Aber dann unterhalten wir uns darüber, wie wir auf einzelne Stellen reagieren. Und so ergibt sich sukzessive ein gemeinsames Gefühl für die Komposition. Als Pianistin möchte ich die eigentlich perkussiven Klaviertöne bestmöglich mit dem Streicherklang mischen. Nach einer gewissen Zeit fühlt man dann bei Konzerten, wie drei divergente Instrumente im Klang verschmelzen und wir, fast eine Utopie, zur Einheit werden können. Schon in der ersten gemeinsamen Probe – wir kannten uns vorher überhaupt nicht, das war ein Blinddate – hatten wir so ein gutes Gefühl, dass wir dachten, wir können als Klaviertrio Erfolg haben.

Birgit Erz: Wir verstehen und kennen uns menschlich sehr gut und vertrauen uns auf der Bühne. Nicht alles, was wir machen, ist strikt vereinbart. Wenn jemand von uns plötzlich eine Passage leiser als üblich beginnt, reagieren die anderen sofort. Wir passen auf, hören uns genau zu und verstehen unsere Körpersprache. Dieses Gefühl von Zusammengehörigkeit wächst kontinuierlich. Das ist unser Glück im Boulanger Trio und wir können uns nichts Schöneres vorstellen.

Ilona Kindt: Ohne diese Sympathie füreinander hätte das Trio wohl keine Perspektive.

Birgit Erz: Ich fand das so selbstverständlich, dass wir miteinander Musik machen, obwohl wir, Ilona und ich, aus völlig unterschiedlichen Schulen kommen. Aber durch unseren Gedankenaustausch ist der Streicherklang zu etwas Eigenem geworden und wir ergänzen uns.

Ilona Kindt: Ja, da gab es schon Anpassungsprobleme, weil ich andere Regeln fürs Vibrato oder für die Intonation gelernt hatte als Birgit.

Birgit Erz: Doch diese Unterschiede sind eigentlich irrelevant, weil die Musik keine genormten Interpretationen kennt.

Ensemble: Ist die Interpretation von historischem und zeitgenössischem Repertoire für Sie ein gravierender oder gradueller Unterschied?

Birgit Erz: Wir arbeiten an allen Werken mit der gleichen Haltung, egal, aus welcher Epoche sie kommen. Wir nehmen den Notentext von einem zeitgenössischen Komponisten genau so ernst wie ein Trio von Beethoven. Wir untersuchen immer die Spielanweisungen und Möglichkeiten zur Artikulation.

Karla Haltenwanger: Bei diesem Festival in Heidelberg hatte ich Schwierigkeiten, eine Komposition zu verstehen. Doch im Gespräch mit dem Komponisten habe ich mich für sein Werk begeistern lassen, weil ich sein Engagement spürte. Ich finde es spannend, sich vorzustellen, wie Beethoven oder Brahms damals ihre Trios zum ersten Mal gehört und mit den Musikern zusammengearbeitet haben.

Ensemble: Dennoch ist ein Unterschied da: Sie können Beethoven nicht mehr fragen, wie er bestimmte Stellen gemeint hat. Haben Sie bei einem lebenden Komponisten noch die Freiheit der Interpretation, wenn Sie mit ihm zusammenarbeiten?

Karla Haltenwanger: Gute Komponisten erlauben interpretatorische Freiheit. Sie sind auch dankbar, wenn Interpreten eigene Ideen haben, und manchmal beeindruckt davon, wie sich ihr Werk real anhört oder sogar unerwartete Klangfacetten haben kann. Daran kann man die Qualität eines Werkes erkennen.

Ilona Kindt: Bei der Musik der Gegenwart ist vieles ohnehin genauer notiert als bei den Klassikern, sodass sich manche Fragen erübrigen. Falls doch, hilft der Komponist, seine Intention zu erklären. Wenn etwas im Notentext nicht eindeutig ist, sind wir sehr froh über Anregungen. Aber das sind keine Einschränkungen für uns, sondern es wirkt eher befreiend, wenn man genau weiß, was man tun soll.

Birgit Erz: Für die Klassiker gibt es Interpretationsrichtlinien, die man kennen muss. Doch als Ensemble muss man einen individuellen Stil entwickeln und souverän etwa die frühen Beethoven-Trios interpretieren können. Dazu braucht man viel Erfahrung und Selbstbewusstsein für Entscheidungen, wie man ein Werk dem Ensemble gemäß annimmt. Und wir stehen dann hinter diesen Entscheidungen. Bei Komponisten der Gegenwart kann man natürlich nachfragen, wenn man sich traut. Als wir Herrn Rihm vorgespielten, waren wir schon sehr nervös. Da hatten wir großen Respekt, weil er ein renommierter Komponist ist. Und es war eine große Erleichterung, dass er so begeistert war und sich nichts anderes wünschen konnte als unsere Version. Mittlerweile haben wir so viele Erfahrungen mit verschiedenen Komponisten, dass wir wissen, wie wir uns zur zeitgenössischen Musik verhalten können.

Ilona Kindt: Darüber hinaus ist es natürlich sehr hilfreich, wenn man die Chance hat, eine Kapazität wie Alfred Brendel zu konsultieren, der sich sein ganzes Leben mit klassischem Repertoire beschäftigt hat. Wir haben mit ihm das Schubert-Trio Es-Dur erörtert. Vieles hat sich da-bei ganz neu erschlossen, auch für andere Werke der Epoche. Seine Einsichten haben für uns unschätzbaren Wert.

Ensemble: Hätten Sie genug Selbstvertrauen, Herrn Rihm zu sagen, das passt überhaupt nicht in ein Konzept von Klaviertrio?

Karla Haltenwanger: Ein Prinzip in unserem Trio ist, zuerst uns selbst zu fragen. Wenn es irgendwo nicht gut klingt, dann denkt man: Ich muss das anders machen. Das macht Sinn in der täglichen Arbeit.

Ensemble: Die Autorität des Komponisten ist für Sie also wesentlich?

Karla Haltenwanger: Nein, falsche Noten korrigieren wir, so viel Erfahrung haben wir. Auch in den Klassiker-Ausgaben sind ja immer noch Druckfehler.

Birgit Erz: Ich nehme Komponisten generell sehr ernst und möchte die Werke so getreu wie möglich erarbeiten. Aber auf der Bühne ist das anders. Da möchten wir spielen und das Publikum begeistern. Die Voraussetzung ist allerdings, dass man den Notentext gewissenhaft studiert hat.

Ilona Kindt: Wir empfinden uns ja auch als Dienende dem Komponisten gegenüber. Er gibt uns Musik und wir wollen sie so gut wie möglich aufführen. Dazu kommen unsere Persönlichkeiten und was aus dem Moment des Konzerts entsteht. Was auf der Bühne durch die Kommunikation untereinander und mit dem Publikum passiert, kann man kaum beschreiben und auch nicht proben.

Birgit Erz: Ein Komponist hat uns gesagt, wenn ein Werk fertig ist, gebe ich es an die Interpreten weiter. Und so sehe ich uns nicht unbedingt als unterwürfig Dienende, sondern als ebenbürtige Partner des Komponisten, die kompetent mit ihm diskutieren können.

Ensemble: Welche Eigenschaften muss Musik für Sie haben, dass Sie sagen können, sie gehört zu uns?

Birgit Erz: Für mich muss Musik vor allem Emotionen transportieren können. Außerdem liebe ich Musik, die Sprachgesten hat.

Karla Haltenwanger: Die „Verklärte Nacht“ von Schönberg ist pure Emotion. Dann das Es-Dur-Trio von Schubert, das ist schwingende Musik.

Birgit Erz: Die Klaviertrios von Schostakowitsch sind eine emotionale Tour de Force. Beethoven und Mozart haben alles in Sprachrhythmen gestaltet, sodass man sogar Silben darauf sprechen kann und der Duktus zur Klangrede wird.

Karla Haltenwanger: Ich bin mit der deutschen Klavierschule aufgewachsen. Deshalb schätze ich die deutsche Sprache so. Ich bin in Rumänien geboren und habe Deutsch ab dem Alter von 14 Jahren gelernt und erst viel später als eigene Sprache empfunden. Für mich war das unglaublich, wie sich die Musik aus der deutschen Tradition mit der Sprache verbunden hat. Gerade die „Dichterliebe“ von Schumann ist dafür ein hervorragendes Beispiel.

Birgit Erz: Interessant ist ein Vergleich mit französischem Repertoire, da gibt es eine völlig andere Satzmelodie. Also, bestimmte Musik ist synchron mit der Sprache des Komponisten entstanden.
Ilona Kindt: Das Es-Dur-Trio von Schubert ist ein Lieblingswerk von mir, weil man in einen Schwebezustand versetzt wird. Wenn man das Trio von Wolfgang Rihm durchlebt, wird eine wilde und aggressive Kraft freigesetzt, sodass man sich hinterher ganz anders fühlt.

Ensemble: Fallen Sie manchmal von der Musikwelt in die Realität?

Karla Haltenwanger: Als wir „Verklärte Nacht“ spielten, konnte ich an nichts anderes denken. Der Alltag hat dann keinen Platz mehr.

Ilona Kindt: Der Wechsel von Alltag und Musik ist nicht einfach. Musik entrückt.

Birgit Erz: Man lernt umzuschalten. Deshalb sind wir nicht weltfremd. Doch Musik ist ein geschützter Raum, da sind wir uns einig.

Ensemble: Vielen Dank für das Gespräch. 

www.boulangertrio.de