3 / 2007

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Leseprobe:

ADE ZU VIERT

Das ALABN BERG QUARTETT hört auf

Von: Helmut Peters

Wenn die Idee schon früher Gestalt angenommen hätte, dann wäre vor zwei Jahren taktisch und organisatorisch der beste Zeitpunkt für das Alban Berg Quartett gewesen, seine Auflösung bekannt zu geben. Damals aber war man noch nicht so weit. Der Verlust eines Mitglieds war zu überraschend eingetreten. Man hatte die Einstellung der gemeinsamen Arbeit noch nicht an- und schon gar nicht zu Ende gedacht. Was war geschehen? Das Alban Berg Quartett, das im Laufe seiner außergewöhnlichen Geschichte von Fluktuation bestimmt nicht verschont geblieben ist, hatte im Juli 2005 durch den plötzlichen Tod seines Bratschisten Thomas Kakuska einen schwer auszugleichenden Verlust erlitten. „Natürlich hätten wir, als Tommi damals gestorben ist, eine bessere Gelegenheit zum Aufhören gehabt“, sagt Valentin Erben, eines der Gründungsmitglieder des Ensembles, in einem Exklusiv-Interview mit ENSEMBLE. In Isabel Charisius aber war plötzlich jemand gefunden, der den ausnahmslos hohen Anforderungen dieses Quartetts nicht nur entsprach, sondern auch keine Schwierigkeiten darin sah, sich mit den drei im Alter fortgeschrittenen Herren und Grandseigneurs der Kammermusik zu arrangieren. Die Bewunderung ihrer Kollegen war der jungen Bratschistin jedenfalls von der ersten Stunde an sicher.

Weit über 30 Jahre liegen zurück, als das Alban Berg Quartett gegründet wurde und seinen ersten Triumph 1971 im Wiener Konzerthaus feierte. Von Anfang an war es aber nicht der Konzertsaal allein, sondern vor allem das Aufnahmestudio, in dem die vier Musiker ihren ureigenen Stil entwickelten. Die Schallplatten- und später CD-Aufnahmen des Alban Berg Quartetts stehen bis heute im Mittelpunkt seiner Arbeit. Zu den Gesamteinspielungen der Quartette von Beethoven, Brahms, Berg, Bartók, der späten Quartette von Mozart und Schubert sowie einzigartigen Produktionen von Quartetten Schumanns, Ravels, Debussys, Strawinskys gesellen sich zahlreiche Werke von Klassikern der Moderne wie Witold Lutoslawski, Wolfgang Rihm, Luciano Berio und die Österreicher Gottfried von Einem und Erich Urbanner. Viele der zeitgenössischen Quartette sind dem Alban Berg Quartett gewidmet. Klar, dass kaum ein renommierter Schallplattenpreis am Alban Berg Quartett vorübergegangen ist: Grand Prix du Disque, Japan Grand Prix, Deutscher Schallplattenpreis, Edison-Preis, First International Classical Award und viele mehr. Auch die großen Klavierquintette aus Klassik und Romantik haben die vier im Repertoire. Dass sie sich bei der Wahl des Pianisten hierbei nur auf die Crème de la crème verlassen wollten, wird hierbei kaum jemanden überraschen. Die Pianisten Alfred Brendel und Philippe Entremont sind darunter, aber auch Elisabeth Leonskaja und Rudolf Buchbinder.

Heute nun also spielt das Alban Berg Quartett in folgender Formation: Günter Pichler, Gerhard Schulz (Violine), Isabel Charisius (Viola) und Valentin Erben (Violoncello). Heute noch also spielt das Alban Berg Quartett, morgen auch und im nächsten Monat, aber das nächste Jahr müssen wir schon einschränken, denn in der Saison 2008/09 wird endgültig Schluss sein. Die zunächst von einer Hamburger Konzertagentur anlässlich eines Konzertes in der Laeiszhalle verbreitete Meldung, dass das Alban Berg Quartett beschlossen habe aufzuhören, war in der Musikwelt ganz unvorbereitet eingeschlagen. ENSEMBLE ergriff sogleich die Gelegenheit und sprach ausführlich mit Valentin Erben, der nicht nur über die Geschicke seines Musikgeschichte schreibenden Quartettes, sondern auch über seine ganz persönlichen Ansichten zur Gegenwartsmusik und Aufführungspraxis sprach.

Ensemble: Was hat Sie gerade zu diesem Zeitpunkt bewogen, das Alban Berg Quartett aufzulösen?

Valentin Erben: Erst mal würde ich nicht sagen, dass wir uns auflösen. Wir hören auf. Es ist ja nicht so, dass wir nicht mehr miteinander spielen wollen. Nur sind wir alle älter geworden und finden es gescheit, einen Zeitpunkt zu wählen, wo man hoffentlich noch auf der Höhe seines Könnens ist. Man sollte niemals so lange spielen, bis alle umfallen oder es unvermeidlich schlechter wird. Die Energie, die man braucht, um dieses Niveau zu halten, bleibt immer gleich groß. Leichter wird es nie. Da muss man sich dann entscheiden aufzuhören, so lange man’s noch gut macht. Sehen Sie, Günter Pichler ist Ende sechzig.

Ensemble: Ist die Entscheidung leicht gefallen?

Valentin Erben: Es war überhaupt kein einfacher Entschluss, schon allein die Vorstellung, dies auch wirklich zu tun. Mein jüngster Sohn sagte mir ganz spontan: „Papa, es ist einfach komisch, dass etwas aufhört, das so lange existiert, wie ich lebe. Ich kann es mir nicht vorstellen.“ Immerhin spielen wir jetzt seit 36 Jahren. Auf der anderen Seite ist es ein ganz natürlicher Prozess und ein viel besserer, als etwa krank zu werden, nicht mehr zu können und Termine absagen zu müssen.

Ensemble: Und warum haben Sie das nicht vor zwei Jahren getan, als Thomas Kakuska auf so tragische Weise ausgeschieden war?

Valentin Erben: Damals wollten wir, quasi als Reaktion, erst recht weitermachen. Das war auch Thomas Kakuskas Wunsch. Ja, es war sogar sein Ziel, dass wir mit der Isabel Charisius weiterspielen. Und wahrhaftig, wir hätten auch niemand Besseren finden können als sie. Sie ist eine hervorragende Bratschistin und hat sich so hervorragend eingepasst. Damals, zur Zeit von Thomas’ Krankheit hat sie zwei Tourneen ganz spontan übernommen. Der Schock über den Tod unseres Kollegen saß tief, aber unter den damaligen Bedingungen haben wir uns entschlossen, weiterzumachen. Nun soll es aber gut sein, wir wollen nicht mehr. Unser Markenzeichen ist doch ein ausnahmslos hoher Standard. Den wollen wir halten und den wollen wir am Ende auch ja nicht riskieren.

Ensemble: Eine andere Möglichkeit wäre ja gewesen, das Quartett allmählich und sukzessiv zu verjüngen. Warum haben Sie diese Art von Runderneuerung nicht probiert?

Valentin Erben: Ich glaube nicht, dass das gegangen wäre. Beim Alban Berg Quartett jedenfalls geht’s nicht. Dieses Ensemble ist so stark geprägt von den Personen. In dem Moment, als Thomas Kakuska – es war damals der zweite Wechsel – hinzukam, hat das Quartett eine ganz starke persönliche Prägung bekommen, die auf den ganz starken Gegensätzen der vier Persönlichkeiten beruhte. Wir haben damals einzelne Positionen nicht ausgetauscht, um frisches Blut hineinzubekommen, sondern weil die Gruppe seinerzeit so noch nicht funktionierte. Mit Gerhard Schulz und Thomas Kakuska wurde es endlich ein Ensemble, das wirklich funktionierte. Wenn jüngere Musiker unsern Namen übernähmen, wäre das nicht mehr das Alban Berg Quartett, das werden Sie verstehen. Wir haben uns viel zu sehr damit identifiziert, wir vier untereinander, auch mit Isabel.

Ensemble: Sie sagten, dass es einen bewussten und sorgfältigen Tausch von Mitgliedern im Laufe der Quartett-Geschichte durchaus gegeben habe. Wie haben Sie Ihre Neuankömmlinge ausgewählt?

Valentin Erben: Die Neuwerbungen haben sich fast immer von selbst ergeben. Gerhard Schulz war schon immer ein Freund von uns, vor allem von Günter Pichler. Er gehörte zu einer Wiener Familie, na eigentlich kommen sie ja aus Linz. Die Brüder Schulz sind alle Musiker. Wolfgang Schulz zum Beispiel ist der Soloflötist der Wiener Philharmoniker und Walter Schulz ist Solocellist bei den Wiener Symphonikern. Wir kannten die Familie schon lange, und als es galt, einen zweiten Geiger zu finden, der in unser Quartett passt, haben wir nicht lang gesucht. Wir hatten das Glück, dass der Gerhard gerade in Wien studiert hatte, dann nach Amerika ging, wieder zurück- kehrte und suchend, was er denn eigentlich machen könnte, bei uns landete. Damals haben wir eine Probe zusammen gemacht und es war gar keine Frage, dass er zu uns stoßen musste.

Ensemble: Und wie war das bei Thomas Kakuska?

Valentin Erben: Der Thomas Kakuska, der gleich alt war wie Günter Pichler, kannte Pichler schon von der Aufnahmeprüfung an die Wiener Musikakademie, als sie 14 Jahre alt waren. Auch ich kannte Thomas Kakuska als Konzertmeister des Niederösterreichischen Tonkünstlerorchesters. Und als wir daran dachten, auch einmal die Bratsche auszuwechseln, hörte ich den Thomas in einem Konzert Bratsche spielen – ich glaube, es war der „Schwanendreher“ – und bin sofort zu ihm hingegangen. Es war mir sofort klar: Der spielt super, wir kennen ihn, und er kannte auch uns. Insofern wusste er auch, was auf ihn zukommt. Von der ersten Probe an war es ein Schritt nach oben. Nein, auch mit ihm war es kein echtes Suchen, es hat sich vielmehr einfach ergeben.

Ensemble: Bleibt noch Isabel Charisius.

Valentin Erben: Isabel war eine Schülerin von Thomas Kakuska, die für eine junge Bratschistin eine bereits großartige Karriere hinter sich hatte. Sie war damals Solo-Bratscherin bei den Münchner Philharmonikern. Als der Thomas wegen seiner Krankheit damals seine Teilnahme an einer unserer Tourneen absagen musste, sagte er schlicht: „Entweder ihr sagt die ganze Tournee ab, oder ihr macht das mit der Isabel. Das geht sicher.“ Bei den ersten Proben war Thomas noch dabei, und wir sahen sofort, dass das gehen würde. Kurz, wir hatten einfach immer Glück.

Ensemble: Wie wollen Sie die auslaufende Saison, wollen wir sagen die letzte, denn nun gestalten?

Valentin Erben: Wir haben uns, soweit man das steuern kann, entschieden, in solchen Städten zu spielen, die uns in den vergangenen 36 Jahren besonders ans Herz gewachsen sind. Darüber hinaus haben wir uns ein Programm ausgesucht, wo recht eigentlich unsere ureigenen Stücke drin sind. Das sind die „Lyrische Suite“ von Alban Berg und sein Opus 3 und unsere Hauptwerke: Beethovens Opus 132 und Schuberts G-Dur-Quartett. Schuberts G-Dur ist einfach ein Werk – das sage ich als Wiener –, das der Wiener Seele unglaublich entspricht. Es ist ein ganz unerhörtes Stück. Es ist auch ein sehr schweres Werk und erfordert viel Energie, aber es war für uns immer ein besonderes Glück, gerade dieses Stück zu spielen. Mit Beethoven war es ähnlich. Opus 132 ist unter den späten Beethoven-Quartetten ein Höhepunkt. Und Beethoven ist für uns ein Komponist, der uns das ganze Leben lang begleitet hat. Deswegen: Das haben wir uns vorgenommen zum Abschluss zu spielen, so wollen wir das machen.

Ensemble: Glauben Sie, dass das Alban Berg Quartett der Quartettkultur ganz extreme Impulse gegeben hat und dass es auch mitverantwortet, dass heute so viele erstklassige Ensembles auf dem Markt sind?