4 / 2013

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Leseprobe:

Die Kraft der Gefühle

Meccorre String Quartet

Von: Hans-Dieter Grünefeld

Der Konzertbetrieb für Kammermusik in Polen ist nach einer langen Periode kultureller und politischer Stagnation noch eine Brache, die seit einiger Zeit von jungen Musikern und Ensembles mit nachhaltigem Effekt wieder kultiviert wird. Zu den interessantesten dieser innovativen Formationen gehört das im Jahr 2007 gegründete Meccorre String Quartet aus Poznán (Posen), das sowohl mit internationalem Radius der Präsenz auf den Konzertpodien als auch dem eigenen Festival Q’arto Mondi die Aufmerksamkeit zur klassischen Szene nach Polen lenkt.

Das Q’arto Mondi Festival ist 2009 mit echtem Pioniergeist entstandene  – der Eintritt ist (immer noch) frei: „Es war unser Traum, weil der Kosmos Streichquartett in Polen kaum bekannt ist. Wir haben auch Klaviersolisten und andere Besetzungen engagiert, aber im Wesentlichen ist es ein internationales Kammermusikfestival mit dem Fokus auf Streichquartetten, bei dem auch eine Kooperation mit dem Penderecki Festival in Krakau besteht. Doch die Entwicklung in diesem Bereich ändert sich sehr schnell, sodass wir sehr bald gleichberechtigt mit anderen etablierten Standorten von Kammermusikfestivals sein können“, erzählt Wojciech Koprowski...

Durch die erfolgreiche Teilnahme an Wettbewerben und Meisterkursen vor allem in Deutschland konnte das Meccorre String Quartet nicht nur sein künstlerisches Niveau perfektionieren, sondern auch Kontakte zu anderen Quartetten knüpfen, die dann bereit waren, zum Festival Q’arto Mondi nach Polen zu kommen, die meisten davon zum ersten Mal überhaupt. Glücklich darüber, berichten Wojciech Koprowski und Aleksandra Bryla (Violinen), Michal Bryla (Viola) und Karol Marianowski (Cello), dass sie wegen „dieser persönlichen Beziehungen als Veranstalter stolz sind, weil unter anderen schon das Artemis Quartett, bei dem wir an der Universität der Künste in Berlin studiert haben, sowie das Leipziger Streichquartett, das Borodin Quartett aus Russland, das Arcadia Quartet aus Rumänien, das Cuarteto Casals aus Spanien und, als punktueller Kontrast, das Signum Saxophonquartett aus Köln in Poznán aufgetreten sind“. Die eingeladenen Ensembles haben die Freiheit, das Repertoire, selbstverständlich in Absprache mit den Veranstaltern, auszuwählen, um sich in den Konzerten „bestens vorzustellen“.

„Im Übrigen achten wir bei der Programmgestaltung auf eine ausgewogene Mischung aus traditionellem und modernem Repertoire“, sagt Aleksandra Bryla, sodass im April 2013 die Werke von Witold Lutoslawski zu seinem 100. und von György Ligeti zu dessen 90. Geburtstag aufgeführt wurden. Das Meccorre String Quartet selbst kümmert sich beim Festival mehr um die Pflege der polnischen Tradition, also etwa Kompositionen von Karol Szymanowski oder Kzysztof Penderecki. Darüber hinaus ist das Q’arto Mondi Festival durch „MecCorrespondences“ gekennzeichnet, wobei ein Zyklus mit Beethoven-Streichquartetten, begleitet von Lesungen aus Briefen, aufgeführt wird, „um die Persönlichkeit hinter der Musik zu zeigen“. Ähnlich ist auch die Kunst der Fuge von Bach als Kombination von Medien konzipiert, nämlich umrahmt mit einem Film, einer Pantomime und einem Essay des Musikwissenschaftlers Bohdan Pacieja, der eigens für diese Präsentation geschrieben wurde.

Die erste Ausgabe des Q’arto Mondi Festivals war von einer Privatfirma finanziell unterstützt worden, dann hat das nationale Kulturministerium und die Stadt Poznán Zuschüsse bewilligt: „Wir hoffen, dass wir weiter vom Kulturministerium gefördert werden.“ Andere (indirekte) Sponsoren sind die Musikakademie, die den Konzertsaal zur Verfügung stellt, und einige Firmen übernehmen Aufgaben wie den Druck von Plakaten. Auch die Ensembles haben bei ihren Gagen Zugeständnisse gemacht, sodass ambitionierte Programme trotz begrenztem Budget möglich sind.  
Um ein Fundament für eine bessere Rezeption der Kammermusik in Polen zu schaffen, hat das Meccorre String Quartet ein Projekt ausgearbeitet, das vom Kulturministerium im Kontext der Initiative „Mloda Polska“ (Das junge Polen) unterstützt wird. In diesem Kontext bringen die Musiker als Kulturbotschafter Kindern und Jugendlichen in Hospitälern, Schulen und Kindertagesstätten geeignetes Repertoire nahe.
Als besondere Herausforderung versteht das Meccorre String Quartet die Aufgabe, die polnische Tradition der Kammermusik, „mit der wir uns natürlich intensiv beschäftigt haben und für die wir uns nicht zu schämen brauchen, im Ausland wieder bekannt zu machen. Es ist nun Zeit, dieses Manko auszugleichen. Viele Musiker in Polen sind auf diesem Gebiet aktiv geworden, und wir beteiligen uns mit innerer Überzeugung daran“, meint Mihal Bryla.

Ohnehin sind Konzerte fürs Meccorre String Quartet vor allem emotionale Ereignisse, wie schon das Geheimnis des Akronyms enthüllt: „Diesen Namen haben wir uns selbst ausgedacht. Es ist eine Mixtur aus drei Elementen: ‚me‘ ist das lateinische Wort für ‚mein‘, ‚ccorre‘ mit zwei c und zwei r ergibt eine doppelte Bedeutung des Wortes, nämlich Herz und auch Saite. In einer sehr freien Übersetzung bedeutet Meccorre also ‚meine Saite ist mein Herz‘“, erklärt Karol Marianowski. „Außerdem ist der Name ein Unikat und erfüllt dadurch einen kommerziellen Zweck, denn mit einer Internet-Suchmaschine wird man keine Mehrfachnennungen bekommen. Unsere Absicht war und ist, dass sowohl unser Name als auch unsere Musik einzigartig wie ein Label oder Emblem wirken und so eine unverwechselbare Signatur haben.“ Indem das Meccorre String Quartet stehend spielt, wird dieser Anspruch schon optisch betont. Gerade Standardrepertoire erscheint dabei mit individuellen Akzenten, insbesondere wenn das Prinzip ist, „niemanden zu kopieren, sondern zuerst und vor allem uns selbst durch unsere Herzen, unseren Verstand und unsere Instrumente so persönlich und perfekt auszudrücken, dass unser Klang einzigartig wird“, sagt Aleksandra Bryla. Karol Marianowski ergänzt noch: „Wir haben keine Angst davor, Regeln zu brechen. Denn wir betrachten Musik als eine spezielle Sprache, die helfen kann, Gefühle zu transportieren. Natürlich versuchen wir so viel Wissen wie möglich zu erlangen, um korrekt zu spielen. Aber am wichtigsten für uns ist die Kraft unserer Gefühle. Das macht uns einzigartig, weil nicht alle Ensembles diese Priorität haben.“

Um Regeln brechen oder modifizieren zu können, sind umfassende Kenntnisse notwendig, die vom Meccorre String Quartet bei Meisterkursen erworben wurden. Eine exzeptionelle Erfahrung waren die Lektionen mit Alfred Brendel: „Er ist ein Beethoven- und Schubert-Experte. Bei ihm haben wir gelernt, wie man diese Musik interpretiert. Anhand der Klaviersonaten hat Alfred Brendel die Charaktere in der Musik von Beethoven analysiert, die er mit dessen Biographie in Beziehung setzte, indem er am Klavier die Zusammenhänge darstellte. Uns wurde so unmittelbar der Sinn von Interpretation bewusst, denn Alfred Brendel hat die Fähigkeit, von der ersten bis zur letzten Note seine Einsichten klar mitzuteilen. Wir haben daraus gelernt, dass wir sowohl bei Proben als auch bei Konzerten die Musik mit größtem Respekt interpretieren müssen. Das war eine wirklich tolle Woche der Arbeit mit ihm, denn seine Persönlichkeit und auch der Ort, Räume im Obergeschoss des Beethovenhauses in Bonn, waren sehr inspirierend. Wir haben da in der Nähe der Originalmanuskripte studiert und diese Atmosphäre eingesogen. Alfred Brendel hat uns erklärt, wie man die Notentexte lesen und die Spielanweisungen verstehen kann. Das war neu für uns. Und dann war es aufregend, dass man nach unten zu dem großen Safe gehen und die Handschriften ansehen konnte“, erzählt Wojciech Koprowski.

In der Zukunft möchte das Meccorre String Quartet ein bereits fertig gestelltes Debüt-Album herausbringen, bei dessen Produktion kompetente Freunde wie ein talentierter Toningenieur und das renommierte Artemis Quartett geholfen haben. Noch ist nicht klar, auf welchem Label die CD erscheinen und wie der Vertrieb gesichert wird. Doch: „Wir sind sehr zufrieden mit diesen Aufnahmen und wollen sie bestmöglich an die Öffentlichkeit bringen.“ Außerdem sind weiteres Repertoirestudium auf dem Plan sowie Verpflichtungen als Dozenten in Poznán an der Ignacio Paderewski Akademie für Aleksandra Bryla, Mihal Bryla und Karol Marianowski sowie Wojciech Koprowski an der Frédéric Chopin Universität in Warschau.

Darüber hinaus sind viele Konzerte auf der Agenda, insbesondere eine USA-Tournee zum Ende des Jahres 2013, wobei das Meccorre String Quartet diese Momente der Magie auf der Bühne und auch während der Proben sucht, „die wir emotional gemeinsam erleben möchten, um sie dann an das Publikum weiterzugeben“.

www.meccorrequartet.com
www.quartomondi.com