5 / 2013

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Leseprobe:

Einsamkeit, Liebe und Ungewissheit

Tine Thing Helseth und ihr erstes Festival

Von: Isabel Herzfeld

Sie sieht nicht gerade aus wie jemand, der über zu viel Zeit verfügt und aus Langeweile auf der Suche nach einer neuen Aufgabe ist. Die norwegische Trompeterin Tine Thing Helseth ist durchaus ausgelastet. Mit gerade einmal 26 Jahren hat sie die Zeit als Shooting-Star, der mit dem Gewinn des 2. Preises beim „Eurovision Young Musician Contest“ 2006 in eine internationale Karriere startete, längst hinter sich. Mittlerweile tritt sie nicht nur in aller Welt mit allen großen Sinfonieorchestern auf, spielt die Konzertliteratur von Albinoni bis Arutjunjan „rauf und runter“, sondern ist auch gefragte hochkarätige Kammermusik-Partnerin, die „nebenher“ noch zwei eigene Ensembles betreibt.

Ihre CD-Produktion läuft auf vollen Touren. Die Zahl der für sie geschriebenen und von ihr uraufgeführten Werke ist beachtlich. Momentan ist sie etwa 250 Tage im Jahr von zu Hause weg, an denen sie zwischen 160 und 200 Konzerten gibt. Soeben hat sie den begehrten „ECHO Klassik“ als Nachwuchskünstlerin des Jahres erhalten, was ihren Terminkalender bestimmt nicht leerer machen wird. Musikalische Botschafterin ihres Landes Norwegen, die schon mal zur Nobelpreisverleihung auftritt, ist sie sowieso. Doch damit nicht genug, führte Tine Thing Helseth im Juni erstmals ihr eigenes Kammermusikfestival im Munch-Museum Oslo durch, das sie – ganz optimistisches Energiebündel – in Zukunft jedes Jahr abhalten will.

Das Museum, das ausschließlich für den Nachlass von Norwegens größtem Maler Edvard Munch erbaut wurde, liegt in einem weitläufigen Park im Stadtteil Toyen im östlichen Teil Oslos, eine andere Welt inmitten des Bezirks, der zehn Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt von einer bunten Mischung von Läden und Restaurants in kleinen Holzhäusern gekennzeichnet ist. Nicht weit von einer uralten Autowerkstatt ist eine Moschee, es gibt rein arabische Straßenzüge, und die Bevölkerung scheint durchweg nicht gerade betucht zu sein, vergleichbar etwa einem potenzierten Berlin-Kreuzberg vor Mauerfall und aufhübschender Gentrifizierung. „Hier komme ich her“, sagt Tine, die mir backstage während einer Probenphase entspannt und freundlich gegenübersitzt, als gäbe es keine Festival-Hektik. „Das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, steht fünfzehn Minuten entfernt; als Kind bin ich hier jeden Morgen durchgelaufen.“ Dass sie eines Tages ein Festival machen würde, war der viel Beschäftigten schon immer klar: „Solisten reisen sehr viel allein und sind froh, wenn sie andere treffen, mit denen sie sich gut verstehen. Dann hat man eine gute Zeit miteinander, unterhält sich bis spät in die Nacht, genießt gutes Essen miteinander, eine anregende, inspirierende Atmosphäre. Ich wollte mich hier mit meinen Freunden umgeben, ihnen hier meine Heimatstadt zeigen und sie als internationale Künstler natürlich auch in Norwegen präsentieren.“ Zwar sind sie fast ausnahmslos keine Unbekannten mehr; der Cellist Truls Mork ist sicherlich einer der bekanntesten Künstler Norwegens; Mitglied der Norwegischen Oper ist die in Berlin ausgebildete Sopranistin Isa Katharina Gericke. Norwegische Wur-zeln hat auch der am Leeds College of Music als einer der jüngsten Professoren lehrende Geiger Charlie Siem, der mit unverkennbar „zigeunerischem“ Einschlag musiziert. Nur die Geigerin Nicola Benedetti, die wie Helseth bereits eine stürmische internationale Karriere hinlegte und vor allem in Großbritannien mit fast allen dort gewinnbaren Preisen ausgezeichnet wurde, war noch nie in Oslo. Dafür gehört der Pianist Leif Ove Andsnes wie Helseth selbst zu den Klassik-Stars des Landes. Der junge Pianist Gunnar Flagstadt dagegen, der auch der Rockband TTHQ (Tine Thing Helseth Quintett) angehört, zeichnet sich durch weitgefächerte Aktivitäten zwischen den Genres und Sparten aus. Mit Kathryn Stott verbindet sie eine langjährige musikalische Freundschaft: „Wir hatten sofort eine großartige Übereinstimmung, jede wusste sofort genau, was die andere meinte.“ Mit ihr hat sie auch ihre jüngste CD „Tine“ aufgenommen. Sie schmunzelt bei der Frage, warum so viele Pianisten bei einem zweitägigen Festival mit gerade einmal sieben recht kurzen Konzerten auftreten. „Ich präsentiere doch eine Menge sehr unterschiedliches Repertoire“, meint sie, „und ich war einfach heilfroh, dass ich es mit diesen Künstlern verwirklichen konnte und dass sie alle zu dem Termin Zeit hatten.“

Mit dem Programm hat Helseth sich etwas Besonderes vorgenommen; Kammermusikfestivals der großen Stars, die sich zur Entspannung vom hektischen Betrieb „with friends“ umgeben, gibt es ja wie Sand am Meer, an den attraktivsten Orten der Welt. Da ist sie schon bodenständiger und, über das reine Musizieren hinaus, auf Thematisches gerichtet. Wie so oft im Leben und in der Kunst kam ihr da der Zufall zu Hilfe. „Ich saß im Flugzeug auf dem Weg von Berlin nach Oslo zufällig neben dem Direktor des Munch-Museums, Stein Olav Henrichsen. Wir kamen ins Gespräch, und er meinte, dass er gerne wieder Konzerte wie vor dem Umbau im Museum hätte. Das war für mich fast ein Wink des Schicksals, ich hatte meinen perfekten Platz gefunden, und der 150. Geburtstag Edvard Munchs bot sich für den Start natürlich geradezu ideal an.“

Tatsächlich verfügt das Museum über einen schönen Konzertsaal, der mit etwa 100 Plätzen den richtigen intimen Rahmen für Kammermusik bietet. Die besondere Atmosphäre erhält er durch ein riesiges Wandgemälde Edvard Munchs, das unter dem Titel „Alma mater“ eine fast madonnenhaft im Mittelpunkt thronende Mutter mit Kind zeigt, während größere Kinder allerlei spielerischen Beschäftigungen nachgehen – ein Sinnbild für freie, den ganzen Menschen fördernde Entwicklung. Vor allem die Farben erzeugen eine fröhliche, inspirierende Stimmung, und es ist ein Verdienst des Museums, den früher dunklen Raum zu Ausstellung und Festival noch einmal mit einem neuen lichtblauen Anstrich versehen zu haben, der den Farbeindruck noch steigert. Aber in Oslo ist sowieso alles vom Feinsten, gediegen und – teuer! Ein Cappuccino für fünf Euro ist nicht nur im Museumscafé etwas völlig Normales. Doch das vergisst man gern, wenn man hier mit offensichtlich einmal sinnvoll angelegten Steuergeldern ermöglicht sieht, in welch stimmungsvollem Ambiente sich hier die Musiker bewegen, wie eine Wechselwirkung zwischen Kunst und Musik hier augen- und ohrenfällig vorgeführt werden kann. Dies mit einem Programm, das der Beziehung des Malers zur Musik Rechnung tragen will, in direkter und manchmal auch sehr verschlüsselter Weise. „Munch war ein Künstler, dessen Bilder oft sehr düster sind, Problematisches oder sogar Katastrophales wiedergeben, Krankheit und Tod, scheiternde Beziehungen zwischen Mann und Frau, Einsamkeit. Mindestens sind sie oft sehr gedankenschwer. Er war ja wohl manisch-depressiv [heute nennt man das „bipolare Störung“], und das bedeutet, dass er eben auch eine sehr fröhliche, vielleicht sogar zwanghaft lustige Seite hatte. Er war ein Eigenbrötler, liebte es, allein zu sein. Andererseits feierte er große Feste, hatte Legionen von Freunden, unheimlich viele Frauen, Tonnen von Frauen, egal ob verheiratet oder was weiß ich, da muss es entsetzliche Dramen gegeben haben. Diese Spannung wollte ich im Eröffnungskonzert zeigen.“ Dieses wirkte auf den ersten Blick äußerst bunt, zumindest von starken Gegensätzen geprägt. Helseth und Andsnes zelebrierten Paul Hindemiths monumentale Sonate für Trompete und Klavier mit großer Ernsthaftigkeit und Ausdruckskraft. Anspruchsvoll ging es weiter: „Three Pictures“ für Trompete, Violine und Klavier ist ein Auftragswerk, das Helseth an den norwegischen Komponisten Gisle Kverndokk (geb. 1967) vergab. Den Stil dreier Bilder, die Munch mit etwa 27 Jahren in Paris malte, versuchte der Komponist musikalisch wiederzugeben. In „Rue Lafayette“ zeigt sich die pointillistische Malweise als Tonpunkte, die sich erst allmählich zur Klangfläche verdichten. „Nacht in St. Cloud“ will die düstere Atmosphäre mit ebensolchen, langgezogenen Klängen, aber auch mit der weichen Melancholie einer Violinkantilene einfangen. „Am Spieltisch in Monte Carlo“ ist natürlich die dramatischste Nummer, kleidet die fieberhafte Erregung, die man beim Roulette empfindet, in heftige Bewegung. Das ist durchaus „neutönerisch“ gefasst, dabei durchaus einfallsreiche, gar nicht plakativ abbildende Musik, die in der spannungsreichen Wiedergabe durch Helseth, Siem und Stott auch lebhaft zustimmenden Beifall hervorrief. Und dann der totale Break: Bühne frei für die Entertainerin Ingrid, die in Norwegen jeder zu kennen scheint und etwa alle 30 Sekunden für ihre – natürlich auf Norwegisch vorgetragenen – Sketche einen Lacher einfuhr. Nach Art des dänischen Pianisten und Komödianten Victor Borge zog sie allerhand Klassik durch den Kakao und zeigte mit durchaus fähig vorgetragenen Klaviermusikschnipseln, dass sie als „abgebrochene“ Pianistin hier eine Art unerfüllte Liebe hegen muss. Andsnes, Benedetti und Mork durften danach mit Beethovens Klaviertrio c-Moll wieder in ernstere Dimensionen führen, drei Musiker, die nach kurzer Zeit zum homogenen, profilierten Ensemble gefunden hatten.

Nichts gegen musikalischen Klamauk, der ein Programm auflockert und vielleicht sogar neue Sichtweisen auf ein ernstes Klassikprogramm ermöglicht. Aber musste dem noch einmal ein komplettes „Late Night Special“ gewidmet sein? Wenn alle Pianisten, Ingrid Bjarnov inbegriffen, sich nahtlos bei Bachs C-Dur-Präludium aus dem Wohltemperierten Klavier I, besser bekannt wahrscheinlich als „Ave Maria“ von Gounod, ablösen, wenn Tine dann den glanzvollen C-Dur-Schlussakkord spielen darf, dann wirkt das doch ein wenig albern. Immerhin, sie hatten alle ihren großen Spaß. Auch dass das Finale von Haydns Trompetenkonzert rückwärts gespielt noch irgendwie nach Haydn klingt – geschenkt. Vielleicht war das ja auch wirklich nur ein Extra für norwegische Besucher. „Ich wollte mit solchen Extremen eine Beziehung zu Munchs Persönlichkeit herstellen“, erklärt Helseth ihr Vorgehen, „einfach darauf eingehen, dass er sehr aufgeschlossen und experimentierfreudig war, einen offenen Geist für alles Mögliche hatte. Auch Munch tat Dinge, die von den ‚normalen‘ Menschen nicht verstanden oder für unschicklich gehalten wurden. Und ich wollte die Schwere von Hindemiths Sonate und der modernen Komposition brechen, etwas Leichtes, vielleicht sogar Verrücktes dagegensetzen. Mich interessierte auch, wie Beethovens Trio danach wirkt, sehr viel fröhlicher als im Allgemeinen wahrgenommen.“ Die bunte Mischung blieb auch in den folgenden Konzerten erhalten, in sehr unterschiedlicher Qualität. „Einsamkeit, Liebe und Ungewissheit“ war der nächste Auftritt überschrieben, wollte damit wesentliche Elemente von Munchs Lebensgefühl ausdrücken …

Den vollständigen Artikel lesen Sie in ENSEMBLE 5-2013.