4 / 2014

Image Ausgabe 4 / 2014

Inhalt

bestellen  

ePaper

 

Leseprobe:

Immer wieder neu inspiriert

Carolin Widmann

Von: Monika Hildebrand

Vor 10 Jahren haben wir die Geigerin Carolin Widmann schon einmal porträtiert. Damals war sie gerade am Anfang und dennoch schon inmitten ihrer Karriere, hatte gerade den Belmont-Musikpreis für zeitgenössische Musik der Forberg-Schneider-Stiftung gewonnen und war voller Pläne. Wir haben die 10 Jahre zum Anlass genommen, um wieder einen Blick auf ihr Tun zu werfen, das ungebrochen von einer großen Lebendigkeit und Freude erfüllt ist. Bei einem Konzert mit ihrem Bruder Jörg Widmann (Klarinette) und Oliver Triendl (Klavier) im Wiener Konzerthaus im Juni 2014 trafen wir sie zu einem Gespräch.

Ensemble: Carolin Widmann, was hat sich denn nun in den letzten 10 Jahren bei Ihnen alles getan? Sie wirken nach wie vor voller Tatendrang, auch scheint Ihnen das Musizieren offensichtlich immer noch oder immer mehr riesigen Spaß zu machen. Sie waren damals schon bekannt dafür, ein breites Spektrum an Repertoire einschließlich viel Neuer Musik zu haben, haben sich noch aufgeregt, dass man mit nur einem zeitgenössischen Stück durchs Studium kommt und sich Konzertveran-
stalter meistens entweder Klassik oder Neue Musik wünschen, Sie aber von einer Verschmelzung träumen würden …

Carolin Widmann: Ja, es ist eigentlich interessant, zwischendurch mal zu überlegen, was man eigentlich schon alles gemacht hat und wie sich die Dinge entwickelt haben. Meistens schaut man ja nur vorwärts, was man alles noch machen möchte. Das mit der zeitgenössischen Musik hat sich inzwischen ja wirklich enorm geändert. Es ist eher umgekehrt geworden, nämlich dass Veranstalter beides haben möchten. Ich mache längst keine Trennung mehr zwischen Klassik und Neuer Musik.

Ensemble: Wir fragten Sie vor 10 Jahren auch, welche Art von Kammermusik Ihnen besonders gut gefallen würde. Ihre Antwort war, „einerseits das Klaviertrio“ und „andererseits das Streichquintett, weil es da so wunderbare Literatur von Brahms, Mendelssohn oder Bruckner gibt.“ Was ist aus diesem Wunsch geworden?

Carolin Widmann: Das Streichquintett-Spielen passiert schon immer mal wieder. Aber eigentlich nur bei Festivals. Dieses Jahr habe ich zum Beispiel das Quintett mit Kontrabass von Antonín Dvorák in Heimbach aufgeführt oder das Brahms-Sextett in Irland. Ich mag diese Literatur nach wie vor wahnsinnig. So eine Literatur kann man ja nicht so oft spielen und wenn, dann meis-tens nur bei Festivals. Und da bin ich aufgrund meines sonst sehr vollen Konzertplans nicht so oft, zudem ich ja auch mein eigenes Festival organisiere.

Ensemble: Wie stehen Sie zum Streichquartett?

Carolin Widmann: Davor habe ich einen sehr großen Respekt. Ich liebe es und höre es wahnsinnig gerne im Konzert. Für mich ist es das tollste Repertoire. Aber man braucht so lange, bis man überhaupt anfangen kann. Es bedarf einer harten gemeinsamen Arbeitsphase, bis man Fuß fassen kann. Das Streichquartett ist eine große Herausforderung in Bezug auf das Repertoire, die Perfektion, den Klang und die Intonation. Natürlich muss man auch die passenden Spielpartner finden. Außerdem hätte ich das Gefühl, dass ich solistisch so zurückstecken müsste, dass ich das so nicht realisieren könnte, wie ich mir das vorstelle, und das möchte ich auch nicht. Was ich viel mache, ist Klaviertrio spielen. Da können auch drei Individuen zusammenkommen und sich gut vorbereitet in kurzer Zeit finden. Ich spiele ja viel im Duo mit Alexander Lonquich und Dénes Várjon und wir verstehen uns sehr gut. Wenn wir uns dann ab und zu eine dritte Person hinzunehmen, mit der wir vielleicht auch schon einmal zusammengespielt haben, dann funktioniert das sehr gut.

Ensemble: Mit wem spielen Sie als Cellisten regelmäßig?

Carolin Widmann: Zum Beispiel mit der Cellistin Marie-Elisabeth Hecker oder mit Nicolas Altstaedt oder mit Jean-Guihen Queyras. Mit allen macht es unglaublich Spaß und es sind alles Leute, die mich sehr inspirieren und mich auf dem Instrument und in der Musik wesentlich weiter bringen.

Ensemble: Inwiefern?

Carolin Widmann: Mit Alexander Lonquich mache ich zum Beispiel immer wieder einmal „Tabula rasa“ und wir versuchen einiges einfach wieder neu zu entdecken. Es ist eine ständige Neuentwicklung, bei der ich stets hinzulerne.

Ensemble: Ab und zu nehmen Sie sich auch Ihren Bruder Jörg (Klarinette und Komposition) mit dazu. Der ist Ihnen natürlich schon lange vertraut. Vor zehn Jahren erzählten Sie, dass er Sie gerne nachts um 2 Uhr aus dem Bett geholt hat, um etwas auszuprobieren. Wie ist das jetzt?

Carolin Widmann: [lacht] Das tut er jetzt natürlich nicht mehr, auch weil wir nicht mehr zusammen wohnen. Ja und wir sehen uns eigentlich viel zu selten und wenn, dann auf der Bühne. Wir machen aber viel musikalisch zusammen und verstehen uns auf dieser Ebene ganz besonders gut. Das ist ein Segen. So eine gemeinsame DNA ist schon etwas, was man nicht mit Üben und gemeinsamem Proben wettmachen kann. Was mich am meis-ten freut, ist, dass wir inzwischen auf der menschlichen Ebene eine sehr innige Beziehung haben. Es gibt so viele Dinge, die wir gemeinsam haben und die wir miteinander besprechen. Wir führen ja in gewisser Weise ein ähnliches Leben und haben dadurch einige Berührungspunkte. Manchmal braucht man auch einen Rat oder muss sein Herz ausschütten und da sind wir ganz besonders füreinander da, was ich wunderbar finde, dass ich da jemanden so nah bei mir habe. In unserem Beruf ist es durch das ständige Unterwegssein schwierig, enge Freundschaften zu pflegen und da ist es besonders schön, so jemanden wie Jörg zu haben.

Ensemble: Spiegelt sich diese Nähe auch in den Kompositionen wider, die Ihr Bruder für Sie komponiert?

Carolin Widmann: Das müsste man ihn fragen.

Ensemble: Vielleicht das Gefühl, dass er Sie ganz genau kennt, was Sie können, welche Energie Sie haben?

Carolin Widmann: Doch, natürlich! Das spüre ich allerdings sehr deutlich und da spüre ich auch eine große Freude. Auch äußerliche Dinge, wie die Mechanik des Instrumentes, die mich enorm fasziniert und wo wir immer wieder drüber reden, wie das alles funktioniert, welchen Einfluss eine bestimmte Haltung auf den Klang hat und warum es heute funktioniert und morgen nicht, solche Dinge fließen da schon mit hinein.

Ensemble: Spüren Sie einen Unterschied im Vergleich zu Kompositionen von anderen Komponisten, die für Sie komponiert haben?

Carolin Widmann: Ja, schon. Das liegt vielleicht an der Wahrnehmung, die man zueinander hat. Es ist klar, dass Jörg mich ganz anders wahrnimmt als jemand, mit dem ich nur dreimal Kaffee getrunken habe. Das sage ich aber wertfrei. Ich spiele sehr gerne auch andere Kompositionen. Ich finde es außerdem immer sehr interessant, wie Komponisten da überhaupt herangehen. Das geht ja bis dahin, dass ein Komponist mich vorher gar nicht kennen will. Im Grunde habe ich da schon alle Schattierungen erlebt, von ganz intensivem Austausch, wie zum Beispiel mit Rebecca Saunders, Marc Andre und Julian Andersson oder bis hin zu gar keinem Kontakt, wo die Noten dann einfach irgendwann im Briefkasten liegen. Aber das ist alles o. k., nicht weniger gut und alles wiederum spannend.
Ensemble: Haben Sie es selbst schon einmal gewagt, etwas zu komponieren?

Carolin Widmann: Ich habe sehr hohe Ansprüche an mich. Wenn, dann wollte ich so etwas auf fundierte Beine stellen und das erst mal ordentlich studieren. Einfach so draufloszukomponieren, ohne vorher die großen Komponisten studiert zu haben, finde ich nicht sinnvoll. Das fände ich zu dilettantisch. Die wirklich großen Komponisten von heute schauten sich alle erst mal die Geschichte an und haben dann entschieden, welche Richtung sie selbst gehen. Freilich improvisiere ich schon mal gerne für mich. Was ich jetzt schon immer wieder einmal gemacht habe, ist Kadenzen zu schreiben. Da habe ich sogar ein wenig modernere Elemente mit dabei. Zuletzt habe ich mich sogar an Beethoven gewagt. Die Resonanz war sehr gut. Viele meinten sogar, es wäre von meinem Bruder. Da dachte ich, dass ich weitermachen sollte, wenn das so gut ist! [lacht] Aber es gibt so viele tolle Stücke, dass mich die Welt da im Moment nicht braucht!

Das vollständige Interview lesen Sie in Ausgabe 4-2014 von ENSEMBLE.