5 / 2006

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Leseprobe:

Mit Lust und Erfahrung

Das Heine Quartett

Matthias Buchholz (Viola)
Christoph Richter (Cello)
Ida Bieler (Violine)
Ulrich Gröner (Violine)


Von: Carsten Dürer

Es ist ein ganz eigenständiges Gebilde, dieses Heine Quartett, das sich erst 2003 gründete, aber aus vier Streichern besteht, die in der Welt der Streichquartette längst einen klangvollen Namen haben. Denn Ida Bieler (Violine 1) spielte im Melos Quartett, Ulrich Gröner (Violine 2) im Ravel Quartett, Matthias Buchholz (Viola) im amerikanischen Ridge Quartet und Christoph Richter (Violoncello) war Mitglieder des Cherubini Quartetts. Klangvolle Namen, doch wie es im Leben mit Beziehungen irgendeiner Art nun immer passieren kann, wurden alle Quartette irgendwann aufgelöst. Ida Bieler und die drei Herren spielten zwar auch weiterhin Kammermusik, aber niemals wieder Streichquartett in einem festen Ensemble. Warum nun endlich doch wieder ein Streichquartett gegründet wurde, was die Vorteile sind, wenn man sich erst spät zusammenfindet, um der Quartettliteratur zu frönen, erzählten uns die vier in einem lebendigen Gespräch.

Die Frage, die sich bei vier Streichern, die durchaus in vielfachen Bereichen einen Platz in der Musiklandschaft gefunden haben, aufdrängt: Warum beginnt man mit diesen vielen Erfahrungen, die Sie alle vier in der Kammermusik haben, noch einmal mit einem neuen Streichquartett? Doch es scheint eine überflüssige Frage, stelle ich bald fest, denn man schaut aus vier Augenpaaren doch etwas verwirrt, wie man so etwas überhaupt fragen kann. Christoph Richter platzt fast heraus: „Na, das ist nicht schwer zu sagen, oder?“ Ein wissender Seitenblick auf die Kollegen und dann fährt er fort: „Weil jeder, der mal Streichquartett gespielt hat und dieses Quartett endet – aus den unterschiedlichsten Gründen – der kann eigentlich nicht die Finger davon lassen, Streichquartett zu spielen. Und zudem waren wir alle zu jung, als unsere Quartette endeten, um das Streichquartettspiel aufzugeben“, sagt er lachend und fährt dann sofort ernst fort: „Es lässt einen nicht los: das Repertoire, das Zusammenspiel, die Arbeit miteinander, das Weiterlernen ...“ In diesen Enthusiasmus stimmt auch Matthias Buchholz ein, wenn auch weitaus verhaltener, aber dennoch deutlich: „Ich würde sagen: Man ist infiziert. Und dies ruhte zwar ein bisschen, bei uns allen, aber wenn man es einmal ein paar Jahre gemacht hat, dann empfindet man – so ging es mir – auch immer eine Sehnsucht nach dem Spiel zu viert. Das ist einfach etwas ganz Besonderes.“ „Man wird süchtig von dieser musikalischen Welt des Streichquartetts. Die Faszination wächst beständig, durch das bessere Verstehen und das Vertiefen des Repertoires. Es ist ja auch eine eigene Welt aller großen Komponisten, in der sie sich wirklich ausgetobt haben“, so sieht es Ida Bieler, die quirlige Frau im Ensemble, die ja schon mit Maria Kliegel (Cello) und Nina Tichman (Klavier) vor kurzem ein festes Trio, das Xyrion Trio, ins Leben gerufen hat. „Uns vier verbindet einfach die Leidenschaft, ja, das ist das richtige Wort: Leidenschaft – für diese Musik.“

Und nochmals fügt Christoph Richter hinzu: „Das ist sicher das Wichtigste, aber auch die menschlichen Beziehungen innerhalb eines Quartetts. Und auch der Austausch mit anderen Quartetten, das ist mir sehr wichtig. Es ist eine besondere Welt, diese Streichquartett-Welt, ebenso wie die Pianisten-Welt – allein schon, was das Repertoire betrifft. Und das gibt es einfach für keinen Solisten – außer dem Pianisten – in dieser Breite und Qualität – wie für das Streichquartett – und natürlich den Dirigenten ...“ Und Ulrich Gröner meint hinzufügend: „Wenn man beispielsweise Beethoven nimmt: Bei ihm haben wir nun einmal für Streichquartett seine gesamte Lebenszeit über Werke. Und das gibt es bei anderen Komponisten auch. Und diese Wege zu verfolgen, ist einfach auch sehr spannend. Es kommen immens viele Faktoren zusammen, um zu begründen, warum man das Streichquartettspiel so sehr liebt.“

Nicht vergessen werden sollte aber auch, dass zahlreiche Komponisten erst im Alter sich der hochgeachteten Form des Streichquartetts annäherten, bei denen man dann nicht eine Lebensentwicklung innerhalb dieser Gattung nachvollziehen kann. „Sie meinen da solche Komponisten wie Verdi“, wirft Bieler ein. Und Matthias Buchholz führt fort: „Sie sprechen eine Generation an, die stand noch erdrückt vor dem Schaffen durch Beethoven. Schubert hat sich darum noch nicht so gekümmert, der war einfach zu nah dran, aber alle anderen, die später kamen, hatten Probleme, da sie sich dachten: Was soll man da noch draufsetzen?“ Recht hat er, und Christoph Richter sieht eine Veränderung erst im 20. Jahrhundert: „Kurtág hat zwar immer sehr lange an seinen Streichquartetten geschrieben, aber er hat erst im letzten Jahr sein viertes vollendet, also auch sein gesamtes Leben mit dieser Gattung zugebracht.“ Und Ulrich Gröner fällt zu diesem Thema auch noch Wolfgang Rihm ein, der sich seit langen Jahren mit dieser Gattung müht.

Ida Bieler kommt auf einen anderen Themenbereich: „Es ist einfach jedes Mal faszinierend, weil da ein Komponist vier so vollkommen unterschiedliche Leute zusammenbringt, die vielleicht individueller nicht sein können, um dann wieder etwas Gemeinsames daraus zu entwic-keln. Und ich denke, dass dies auch die Komponisten versuchten, die mit der rechten und linken Hand am Klavier dies nicht mehr ausdrücken konnten. Mit Vertrauen auf die individuelle Herausforderung, die eine neue, eine gemeinsame Perspektive hervorbringen sollte.“ Aber, gerade wenn man über die großen Komponisten der klassischen und der romantischen Periode spricht, ist es dann nicht auch eine recht verbrämte Sichtweise aus heutiger Zeit, anzunehmen, dass die Streichquartette damals überhaupt in der Lage waren, ein einheitliches, ein geschlossenes Klangbild, wie man es sich heute so oft wünscht und auch erhält, zu produzieren? Und dennoch waren die Komponisten – wie wir wissen – zu einem Großteil befriedigt mit den Aufführungen. Also war es nicht vielmehr die Herausforderung des Kompositorischen, nach dem die Komponisten strebten? „In der ganzen Zeit der Emanzipation in der Streichquartett-Spielkultur haben sich die beiden Mittelstimmen extrem gelöst. Das war früher, eigentlich bis einschließlich zum Vegh Quartett, anders, nämlich absolut vom Ersten Geiger geleitet“, meint Matthias Buchholz.

Doch zurück zur Genese des Heine Quartetts. Warum hat es bei aller Lust auf das Streichquartett denn länger gedauert, bis diese vier Streicher wieder ein Quartett bzw. Quartettpartner fanden? Oder war es reiner Zufall, dass sich das Heine Quartett in dieser Formation gegründet hat? „Nun, da kommen wieder einmal mehrere Faktoren zusammen“, erklärt Ulrich Gröner, „wir haben ja alle unsere Kammermusikprojekte, zwei spielen in festen Triobesetzungen, Christoph ist immer überall dabei.“ Eine Anspielung, die allerdings alle zum Lachen zwingt, und so fährt er ohne Erwiderung fort: „Es gab keinen wirklichen Hohlraum, aber man hat es gefühlt, dass etwas fehlt. Bei einem Klaviertrio kann man beispielsweise über einen langen Zeitraum im Musikalischen mitgestalten, auch wenn man nicht immer 100-prozentig einer Meinung ist. Im Streichquartett setzt das Spiel allerdings einige Stufen mehr voraus. Das heißt: Irgendwann ist man einfach auch mal geneigt, nicht aktiv nach einer neuen Möglichkeit zu suchen. Und dann kommt plötzlich alles zusammen, ohne dass man es erwartet hätte. Und so war es ja auch ein bisschen bei uns. Als sich bei Ida abzeichnete, dass das Melos Quartett dem Ende entgegengeht, fing man doch noch einmal an, strategisch zu überlegen, wie man ein Quartett auf die Beine stellen kann.“ Christoph Richter: „Bei mir war es so, dass ich ein paar Mal versucht habe, in ein Quartett einzusteigen, bei dem der Cellist ausgefallen war. Aber ich hatte immer Probleme damit, in ein festes Ensemble einzusteigen. Ich bin zwar auch damals in das Cherubini Quartett eingestiegen, aber damals waren wir zwei Einsteiger und die anderen beiden waren sehr offen, so dass es funktionierte.“ Ida Bieler bringt es auf den Punkt: „Hier kommen nun endlich viele glückliche und günstige Lebensumstände zusammen: Wir alle haben einen bestimmten Lebensabschnitt erreicht. Wir sind Professoren und sind damit verantwortlich für Erziehung und die Zukunft anderer. Wir kennen uns alle vier in unterschiedlichen Konstellationen sehr lange. Dieser spezielle Moment in unserem Leben brachte uns aber nun in die Lage, etwas Neues zu entwickeln. Etwas, in das nun viele, viele Erlebnisse und Erfahrungen mit einfließen. Wir haben ja schon alle die Werke, die in der Streichquartettliteratur wichtig sind, erlernt und auf der Bühne gespielt. Nun aber können wir diese Dinge mit einem neuen Blickwinkel und mit Frische wieder angehen. Und ich muss sagen, dass die drei Herren extrem inspirierend sind“, lacht sie herzlich auf. „Seitens der kreativen Basis ist für uns einfach etwas Unglaubliches eingetreten: dass wir mit unserer Erfahrung nun etwas Neues aufbauen können, neue Interpretationen entwickeln können.“

Ein Ausprobieren mit diversen Mitgliedern gab es nicht. Vielmehr war es ein musikalisches Ausprobieren mit den richtigen Kollegen. „Ein Ausprobieren ist es immer, denn im Endeffekt muss man ja extrem ehrlich miteinander umgehen. Und in unserem Alter um die 50 Jahre überlegt man solch einen Schritt ganz anders, als wenn man gerade aus dem Studium kommt“, sagt Ulrich Gröner. Heine Quartett heißt das im Mai 2003 gegründete neue Streichquartett, da Schumann Quartett schon belegt war. Alle vier Mitglieder haben eine starke Bindung ins Rheinland und haben alle vier eine Sicht von außen auf diese Art der „Heimat“, mochte sie dies auch nur zu Studienzeiten sein. Und so schlug Ida Bieler irgendwann Heine als Namenspatron vor – und wurde schnell bejaht, denn Heine hatte eine herrlich sarkastisch-virtuose Sicht von außen auf seine Heimat Deutschland.

Die vier Mitglieder haben das Privileg, durch die Professuren einen gestützten finanziellen Hintergrund zu besitzen („Das kann man so sagen“, pflichtet Matthias Buchholz bei und grinst sichtlich erleichtert, dass es nicht mehr anders ist). Das bedeutet, dass die vier Mitglieder extrem viel zu tun haben.

Andere Streichquartette spielen sich die Seele aus dem Leib, um auf ein bestimmtes Niveau zu kommen. Hilft da die Erfahrung? Wie ist das zeitlich zu vereinbaren? „Es macht schon einen ganz großen Unterschied, ob man direkt nach dem Studium mit dem Quartettspiel anfängt und dies dann ausbaut – und vielleicht wird es dann eine Formation, die bestehen bleibt –, oder man macht es so, wie wir es jetzt gemacht haben“, sagt Christoph Richter und fährt fort: „Ich glaube, da spielt die Erfahrung im Quartett vorher eine immense Rolle. Das betrifft nicht nur das Spiel, sondern es sind auch die menschlichen Erfahrungen. Man weiß, wie man miteinander umgehen kann, da jeder in dieser Richtung seine Erfahrungen gemacht hat. Aber auch streichquartetttechnische Dinge sind da wichtig, die die Erfahrung mitbringt.“ Und er gibt unumwunden zu, dass auch die geschäftlichen Beziehungen, die man sich über die vielen Jahre im Musikgeschäft aufgebaut hat, eine wichtige Rolle spielen, gründet man nun wieder ein Kammermusikensemble als feste Formation. „Wir wissen natürlich, wen man ansprechen kann, wohin wir gehen können mit unseren Ideen. Wir sind natürlich auch schon ein Begriff für andere, was man als junges Streichquartett natürlich noch überhaupt nicht ist. Das alles zusammen ergibt, dass wir uns auch leisten können, nicht jeden Tag zu proben, sondern uns in Blöcken zu treffen, um dann zu arbeiten.“ Und Ida Bieler: „Wir sind ja alle durch die Wettbewerbe und durch die Erfolgsschienen gelaufen, als wir jünger waren. Diese Erfahrung hat ihre Vorteile und dadurch wird die Phasenarbeit vielleicht intensiver, als würde man jeden Tag zusammen proben. Und es birgt auch nicht die Gefahr, dass wir uns verbrauchen. Wenn man als junges Quartett probt und probt, und bemerkt dann, dass bestimmte Dinge immer noch nicht so im Spiel funktionieren, wie man es sich vorstellt, dann weiß man auch nicht mehr weiter. Und dann kommt der emotionale Stress untereinander auf, der bei uns natürlich nicht mehr gegeben ist, da wir längst über diesen Punkt hinaus sind.“ Ein interessantes Argument. Zudem sehen die Mitglieder des Heine Quartetts durch ihre Arbeit in den Hochschulen mit jungen Quartetten, wie anstrengend und gefährlich die Arbeit in jungen Jahren ist. Aber man bewundert diese Arbeit und den Mut, sich zur Kammermusik zu entschließen auch immer noch. Matthias Buchholz: „Idealismus gehört zum Streichquartettspiel zwar immer dazu, aber es gehört immens viel Mut dazu, ein Streichquartett aus dem Nichts zu gründen. Eigentlich hat es ja jeder viel einfacher, wenn er gut spielt, eine Orchesterstelle zu suchen und seinen Dienst zu versehen. Und es ist vor allem ein viel gesicherteres Einkommen, vor allem in Zeiten, in denen viele Kammermusikauftrittsmöglichkeiten einfach weggefallen sind.“ Früher haben alle sichere Orchesterstellen verlassen, die Sicherheit zugunsten der Kammermusik aufgegeben.

Es bedarf einer wichtigen und intensiven Organisation, um die anderen Tätigkeiten der Musiker des Heine Quartetts zu koordinieren. Wo ist der Stellenwert des Quartettspiels im Leben der Mitglieder angesiedelt? „Wenn man sich dazu entschließt, so war es am Anfang, und dann in seinen Kalender guckt und feststellt, dass man kaum Zeit dazu hat, dann ist man schon erstaunt“, sagt Ulrich Gröner und meint weiter: „Wir haben dann sehr bald ganz weit im Voraus geplant, so dass die Termine im Vordergrund stehen und sich die anderen Dinge und Aktivitäten diesen unterordnen müssen.“

„Es werden ja auch immer mehr Blöcke, in denen wir uns treffen“, sagt Christoph Richter, „aber jeder will auch ein vielseitiger Musiker bleiben und daher seine anderen Verpflichtungen nicht aufgeben, die ja auch die Quartettarbeit positiv beeinflussen.“ Matthias Buchholz: „Für mich ist es oberste Priorität, Streichquartett zu spielen. Das ist wahrscheinlich so und so für einen Bratscher das Beste, was man machen kann. Aber wir haben ja wirklich den Vorteil, dass wir uns mit der Erarbeitung Zeit lassen können, zum einen, weil wir viele Stücke schon kennen, zum anderen, weil wir nicht den Druck haben, bis zu 80 Konzerte im Jahr zu spielen, um überleben zu können. Wir machen das, woran wir Lust haben.“ Alle anderen Mitglieder pflichten bei. Natürlich will auch das Heine Quartett auftreten, will auf die Bühne. „Unsere Kunst ist eine, die man teilen will, auch mit anderen Menschen, also mit einem Publikum“, sagt Ida Bieler. Zudem wollte man natürlich schauen, wie das Interesse an dieser Quartettarbeit in der Außenwelt eigentlich ist. Doch die Zeichen standen gut und schon heute kann man ein deutliches Interesse an Auftritten mit dem Heine Quartett feststellen. Mittlerweile kann man sich rühmen, dass man in der Saison schon 20 Konzertauftritte hat, kleine wie große Bühnen. „Zudem haben wir soeben unsere erste CD eingespielt und es ist einfach toll, dass es so funktioniert“, sagt Ulrich Gröner. „Wir sind auch gerührt von dem Vertrauen, das uns die Leute entgegenbringen, die wir aus früheren Zeiten kennen“, fügt Bieler als Erklärung hinzu.

Die Weitergabe aus dem Wissen um das Streichquartettspiel heraus will man natürlich ebenfalls als leidenschaftliches Pädagogenteam gesichert wissen. Und so hat das Quartett an der Guildhall School in England eine Position „in residence“, eine internationale Position für Quartettausbildung. Zudem führt das Heine Quartett ein Mal im Jahr an der Landesmusikakademie Ochsenhausen einen Kammermusikkurs durch. Doch das ist nur eine Seite der Aktivitäten. Eine kleine Konzertserie in Bergisch Gladbach wird ebenfalls von dem Heine Quartett gestaltet.

Die Vorstellung eines eigenen Klangbildes, das das Heine Quartett produzieren will, umschreibt Christoph Richter so: „Eine Mischung zu finden, eine Mischung aus dem Esprit von alten Ensembles – und jeder von uns hat so seine Lieblingsquartette unter den legendären großen Namen – und der Beschäftigung mit dem Spiel von heute, der Genauigkeit und Perfektion, die früher vielleicht nicht immer eine solch wichtige Rolle spielte.“ Ein interessanter Ansatz. „Wir setzen beispielsweise bei Haydn weniger persönliches Vibrato ein, was man bei Brahms schon wieder in einem deutlicheren Maße machen kann. Das sind so die Arbeiten, mit denen wir uns intensiv in unserer Zusammenarbeit beschäftigen.“ Man spricht sehr viel über Vibrato, wie Sforzati gespielt werden, für welche Epoche man wie viel Bogenmenge im Strich einsetzt, man arbeitet an zahlreichen Detaillösungen, um zu einem individuellen Klangbild zu kommen. „Ich habe auch in meiner pädagogischen Arbeit festgestellt“, so Ulrich Gröner, „dass junge Ensembles einfach nicht mehr das Klangbild alter Ensembles im Kopf haben, sondern ein verändertes Ideal haben, das stark von Perfektion geleitet ist.“ Ein Dogma lehnt das Quartett ab, um immer wieder offen zu sein für neues, lebendiges und spannendes Spiel. „Ich denke, Zeit ist ein unglaublich wichtiger Faktor. Mit Beginn der CD-Produktion – habe ich den Eindruck – sind Solisten und auch Ensembles weniger identifizierbar geworden. Und das Spiel auch; es richtet sich viel nach Perfektion. Ich weiß nicht, wie die großen, berühmten Quartette in dem Denken von heute aufgenommen werden würden, denn meist ist es ein seelenvolles Spiel, das nicht immer perfekt ist. Und als Musiker überlegt man sich dann, ob da nicht auch eine Spur an ganz Wichtigem verloren gegangen ist.“ So meint Matthias Buchholz. „Dabei kommen wir immer weiter weg von aller Perfektion, je perfekter wir spielen“, meint Ida Bieler aus Erfahrung hinzufügend und sagt zudem: „Wir versuchen in den Bereichen Artikulation und Ausdrucksintensität eine Art von Perfektion zu erlangen. Dort setzen wir den Akzent, dort feilen wir. In diesen Gebieten experimentieren wir auch.“ Und das Quartett weiß, dass man eine wirkliche Perfektion niemals erreichen kann, dass ein Quartett sich auf dem Weg befindet. „Wenn man perfekt spielen will, dann würde man niemals auf die Bühne gehen, da man niemals eine wirkliche Perfektion erreicht. Und außerdem lernt man erst so richtig effektvoll durch das Konzerterlebnis“, so Ulrich Gröner.

Das Heine Quartett hat soeben eine CD mit Werken von Brahms (a-Moll-Quartett) und Janácek (2. Streichquartett) eingespielt. Eine interessante wie gewagte Kombination. Ida Bieler: „Es ist eine Mischung von Werken, die uns emotional sehr nahe sind.“ Warum ist dies so und warum braucht solch ein Quartett überhaupt noch eine CD? „Als Visitenkarte braucht man immer eine CD. Wir hoffen ja nicht auf wahnsinnige Verkäufe, sondern auf Werbung für uns“, so Ulrich Gröner und Christoph Richter fügt hinzu: „Wir haben ja auch bei der CD-Aufnahme unheimlich viel gelernt. Das ist auch sehr wichtig.“ Diese zwei Werke lieben alle vier ebenso leidenschaftlich, wie die Werke selbst auch klingen.

Wenn man das Quartett im Konzert hört, dann stellt man fest, dass der Klang nicht nur extrem geschlossen wirkt, verbunden mit einem individuellen Klangbild jedes Einzelnen, sondern dass das Quartett einen warmen, einen vollmundigen Klang hervorbringt, wie man ihn ansonsten nur selten hört. Hier ist ein neues Quartett entstanden, das die Ruhe und die Überzeugungskraft in sich birgt, die es zu einem ganz großen Streichquartett werden lassen kann.

www.heinequartett.de