6 / 2006

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Leseprobe:

QNG - Quartet New Generation


Von: Manuel Rösler

Für manche mag die Überraschung groß gewesen sein: Gewinner des diesjährigen Deutschen Musikwettbewerbs in der Kategorie Kammermusik war kein Streichquartett oder Klaviertrio, sondern das Blockflötenensemble QNG – Quartet New Generation. Für Kenner der Szene keine Überraschung; Susanne Fröhlich, Hannah Pape und Heide Schwarz aus Berlin sowie die in Amsterdam lebende Andrea Guttmann zählen spätestens seit ihrem Konzertdebüt in der New Yorker Carnegie Hall zu den shooting stars der Klassikszene. Und das ausgerechnet mit einem Instrument, das bei einem Teil des klassischen Abonnementpublikums immer noch für Hausmusik und kirchliche Adventsfeiern steht: der Blockflöte.

Musiker wie Frans Brüggen und Hans-Martin Linde haben seit den siebziger Jahren viel für die Verbreitung der Blockflöte als Soloinstrument getan, doch Blockflötenquartette gelten immer noch als die Exoten unter den Kammermusikensembles – es gibt einfach zu wenige davon, als dass sich im Publikum eine Vorstellung entwickeln könnte, was man von einer solchen Formation zu erwarten hat.

Vielleicht sind gerade deshalb die Unterschiede zwischen den einzelnen Ensembles so groß – weil es keine „Norm“ gibt, muss sich jede Gruppe neu erfinden. Und immer wieder bricht dabei der in der Blockflötenszene verbreitete Hang zum Subversiven durch. Das bekannte Amsterdam Loeki Stardust Quartet verdankt seinen Namen einer Trickfigur des niederländischen Werbefernsehens – was sich seinerzeit in den Augen der meisten deutschen Konzertveranstalter ungefähr so seriös gelesen hat, als hätten sich die vier Stimmführer der Berliner Philharmoniker zum Mainzelmännchen-Quartett zusammengeschlossen. Und der englische Flötist Piers Adams leistet sich mit seiner Gruppe The Red Priest das Vergnügen, Vivaldis Concerti so sehr gegen den Strich zu bürsten, dass sich sowohl die Freunde der Alten Musik als auch das so genannte bürgerliche Konzertpublikum irritiert zeigen: Darf man das?

Man darf. Und wenn es nach den vier Musikerinnen vom Quartet New Generation geht, darf man sogar noch viel mehr. Man darf Konzerte von Telemann und C.P.E. Bach spielen und in Chiel Meijerings „Cybergirls Go Extreme“ wie eine girl group auftreten und mit reichlich sex appeal, stampfenden und keuchenden, rotzigen und röhrenden Flötentönen dem Instrument den letzten Rest von „Musizieren unterm Weihnachtsbaum“ austreiben. Man darf einem Publikum Konzertabende zumuten, die zu drei Vierteln aus Neuer Musik bestehen – woran dieses auch noch besonderes Vergnügen empfindet. Besonders groß ist das originale Repertoire für Blockflötenquartett ja ohnehin nicht. QNG vergibt mittlerweile Aufträge an junge Komponisten, die den vier Musikerinnen maßgeschneiderte Stücke schreiben.

Dass QNG großen Wert auf eine visuell überzeugende Performance legt und auch schon einmal einen Choreographen beschäftigt hat, um im Konzert nichts dem Zufall zu überlassen, ist von der immer noch etwas alternativ angehauchten Blockflötenszene mit Stirnrunzeln aufgenommen worden. Das sei ja alles ganz schön, lautete zuweilen das Urteil der „Großvatergeneration“, aber mit historischer Aufführungspraxis habe der Auftritt von QNG nur wenig zu tun. „Zu viel Show“ hieß es gerne – als ob sich die ernsthafte musikalische Auseinandersetzung mit der Partitur und eine durchdachte Inszenierung auf der Bühne ausschließen würden.

Anderswo geht der Trend längst in Richtung multidisziplinärer Konzerte: Ein Künstler mit einem klar definierten Image ist der Traum jeder Plattenfirma und jedes Konzertveranstalters. Auf 20 Sopranistinnen, die ebenso gut singen, kommt eben nur eine Anna Netrebko, die es versteht, dabei gleichzeitig eine gute Figur auf der Bühne zu machen. Auch QNG versteht sich als Visual Artist – eine theatralische Inszenierung, ein passgenau abgestimmtes Bewegungskonzept und eine durchdachte Lichtinszenierung gehört für das Quartett zu den Feinheiten, die aus einem guten Konzert ein Erlebnis machen. Eine Erkenntnis, die sich beispielsweise bei Vokalformationen wie dem Hilliard Ensemble oder den King’s Singers (die mit ihrem zwischen U und E schwebenden Programm ebenfalls „zwischen den Stühlen“ sitzen) längst durchgesetzt hat.

Dass mittlerweile ein Großteil des modernen Repertoires eigens für Andrea Guttmann, Hannah Pape, Heide Schwarz und Susanne Fröhlich komponiert wurde, ist auch aus der Not geboren. Als QNG 1998 gegründet wurde, gab es einfach noch nicht genug zeitgenössische Literatur, die den hohen Ansprüchen der vier Musikerinnen genügte. Viele Kopfgeburten waren dabei und auch etliche Stücke, denen anzumerken war, dass ihre Komponisten sich mit den besonderen Klangmöglichkeiten der Blockflöte kaum beschäftigt hatten. Inzwischen schreiben junge Komponisten, die QNG bei Arbeitsphasen, Ferienkursen oder in Konzerten erlebt haben, dem Quartett neue Stücke auf den Leib. Für QNG eine Selbstverständlichkeit. „Wir leben heute – also spielen wir die Musik von heute.“ Und sie greifen den Komponisten auch gerne unter die Arme, wenn es darum geht, ihnen die neuen Spieltechniken und -möglichkeiten ihres Instruments nahezubringen.

Für die Mitglieder des Quartet New Generation bedeutet der Name ihres Ensembles auch eine Verpflichtung – aber keine Kampfansage an die Generation der Väter. Die Instrumente sind besser geworden und damit auch die Technik der Interpreten. Auf alten Aufnahmen ist immer noch zu hören, wie der niederländische Altmeister Frans Brüggen mit den Tücken seiner Flöte kämpft. Für die Vertreter der Neuen Generation ist klar: „Ein Frans Brüggen wird mit seinem Klangideal immer modern bleiben – aber so wie Hans-Martin Linde kann man heute natürlich nicht mehr spielen ...“

Dass die Blockflötistinnen dabei auch nach acht Jahren und unzähligen erfolgreich absolvierten Wettbewerben immer noch das Gefühl haben, um ihren Platz in der Szene und mit den Tücken des Konzertalltags kämpfen zu müssen, ärgert die vier dann doch ein wenig – aber was will man machen? Nicht jeder Wettbewerb löst im Nachhinein ein, was er in der Ausschreibung verspricht – etwa der Gaudeamus-Wettbewerb oder der Krakauer Wettbewerb für zeitgenössische Musik. Als Streichquartett mit der gleichen Menge an gewonnenen Wettbewerben, da ist sich Hannah Pape sicher, wäre man schon weiter. Zum Vergleich: Das ebenfalls in Berlin ansässige Kuss-Quartett zählte bereits nach zwei gewonnenen Wettbewerben zu den Senkrechtstartern der Klassik-Szene – was sie in erster Linie ihrer fabelhaften Spielkultur zu verdanken haben, aber eben auch dem Umstand, dass sich ein Streichquartett auch an weniger experimentierfreudige Veranstalter verkaufen lässt.

Susanne Fröhlich: „Man braucht als neues Ensemble einfach wahnsinnig viel Geduld. Bis jetzt hatten wir Schwierigkeiten, in die Programme der großen Festivals aufgenommen zu werden. Aber vielleicht hilft uns ja der gewonnene Deutsche Musikwettbewerb.

Dass man mit Kammermusik nicht reich werden kann, ist jedem Musiker bekannt. „Man kann auf bescheidenem Niveau davon leben“, erklärt Hannah Pape, „aber wir haben eben auch eine Menge Ausgaben, zum Beispiel für unsere CD.“ Die wirtschaftliche Stagnation der letzten Jahrzehnte hat auch vor dem Kultursektor nicht Halt gemacht. Honorare, wie sie noch vor 15 Jahren üblich waren, sind bei vielen Veranstaltern heute kaum noch zu vermitteln. Heide Schwarz: „Wenn wir nach unseren Gagenvorstellungen gefragt werden, nenne ich einen Betrag, von dem wir denken, das ist wohl das Mindeste – und die Veranstalter fallen regelmäßig aus allen Wolken und sagen ‚Um Gottes Willen – so viel!’ – und dann weiß man nicht: Soll man sich jetzt herunterhandeln lassen oder lieber auf das Konzert verzichten?“ Hannah Pape: „Bis jetzt haben wir immer einen Kompromiss gefunden. Finden müssen – man will ja auch auftreten.“

Heide Schwarz: „Auf mittlere Sicht macht man sich ja auch den eigenen Markt kaputt, wenn man sich immer herunterhandeln lässt.“ Susanne Fröhlich: „Manchmal kommt die Gage auch ein halbes Jahr später. Wenn man zwei oder drei Konzerte im Monat spielt, reicht es eigentlich zum Leben. Aber wenn man dann seinem Geld monatelang hinterherrennt, weil man ja von irgendwas seine Miete bezahlen muss, dann ist das einfach peinlich für beide Seiten. Keine Ahnung, was die Leute sich dabei denken – ob sie unsere Arbeit nicht zu schätzen wissen oder sich denken, das sind Musiker, da kürzen wir mal ein bisserl die Gage oder überweisen einfach ein paar Monate später ... ist ja nur so ein bisschen Musik ... Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Leute nicht kapieren, dass Musik machen unser Beruf ist. In keiner anderen Branche könnte es sich ein Arbeitgeber leisten, seine Leute nicht pünktlich zu bezahlen. Das könnte man ruhig mal schreiben!“ (Was hiermit geschehen wäre.)

Beim Publikum kommt die besondere QNG-Mischung gut an – und das, obwohl das Quartet New Generation ausdrücklich angetreten ist, um sich intensiv der Neuen Musik zu widmen. Dass dabei auch immer wieder zeitgenössische Werke mit Kompositionen aus Renaissance und Barock kontrastieren, zeigt zugleich reizvolle Perspektiven auf: So manches Klangstück aus vergangenen Jahrhunderten gewinnt durch die Begegnung mit Neuer Musik an Kontur – so kann auch die „Alte Musik“ neuartig und aufregend erscheinen. Mit seinen ungewöhnlichen und zuweilen sperrigen Programmen und seinem unkonventionellen Image hat das Quartet New Generation bei den Veranstaltern keinen leichten Stand. Gut zu wissen, dass wenigstens die inneren Werte stimmen. Susanne Fröhlich: „Wir sind eben auch total gut befreundet. Das muss man auch sein, wenn man so viel unterwegs ist wie wir. Meistens teilt man sich ein Doppelzimmer und kann sich nicht zurückziehen ... oder schläft zu viert auf der Matratze im Wohnzimmer ... oder man kann die Tür zur Toilette nicht schließen ... oder man kann krank werden. Man muss eigentlich immer für einander da sein – das ist schon so etwas wie eine Beziehung. Und das muss man natürlich auch hüten.“ Heide Schwarz: „Klar gibt es auch immer mal Spannungen. Aber ich habe den Eindruck, die werden immer weniger. Man kennt sich einfach zu gut.“