1 / 2005

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Leseprobe:

Neue Wege für den Bass

Die Kontrabassistin Christine Hoock


Von: Carsten Dürer

Wer Christine Hoock trifft, kann sich kaum vorstellen, dass diese Frau von 40 Jahren eine absolute Sonderstellung in der musikalischen Welt und im Bereich der Kammermusik einnimmt. Sie wirkt bodenständig. Doch die aus Mainz stammende Kontrabassistin brennt für ihr Instrument, für die Musik, die sie auf diesem größten der Streichinstrumente spielen kann. Und sie ist offen für alle Möglichkeiten, um zu zeigen, wie viele Möglichkeiten es abseits der Funktion des Kontrabassspielers in einem Orchester gibt.

Wir trafen die seit 2002 am Mozarteum in Salzburg als Professorin unterrichtende Musikerin am Rande einer Produktion mit der Musikfabrik Nordrhein-Westfalen in Köln, um uns mit ihr über die Ansichten zum Kontrabassspiel und ihre Funktion in der Welt der Kontrabassisten als Frau auszutauschen.

Geboren ist sie in Mainz, studierte in Frankfurt am Main, kam dann nach Köln. Doch es reichte ihr noch nicht an musikalischer Ausbildung: „Ich ging noch einmal zum Weiterstudium nach Genf“, erzählt sie. Doch wurde erst in ihrem Studium die Grundlage für die Liebe zum Kontrabass und die – ungewöhnlich für dieses Instrument – Liebe zur Kammermusik gelegt? Das verneint Christine Hoock: „Von Anfang an hat mich eigentlich die Gemeinschaft interessiert, auch die in einem Orchester, hat mich auch die Position des Basses fasziniert.“ Mit 16 fing sie an Bass zu spielen „und dann ging alles ganz schnell“, sagt sie noch. Mit neun hatte sie allerdings bereits mit dem Klavierspiel begonnen. Doch schnell war ihr Musiklehrer aufgrund ihrer Größe in jungen Jahren davon überzeugt, dass sie bestens für den Bass geeignet wäre. „Zudem benötigte er natürlich Bassisten für sein Orchester“, fügt sie lächelnd hinzu und scheint für diesen Kunstgriff des Musiklehrers und seine Beeinflussung heute sehr dankbar zu sein.

Solistische Instrumente reizten sie nicht, wie sie sagt: „Ich kam von der unwissenden Seite. Der Bass oder das Schlagzeug sind die Basisinstrumente des Orchesters oder eines Ensembles, das reizt mich.“

Als sie in Frankfurt zu studieren begann, traf sie auf drei weitere Mitstudentinnen. Für damalige Zeiten eine echte Ausnahmeerscheinung: Vier junge Damen studieren Kontrabass an einer Hochschule! „Und bald schon haben wir dann das Frankfurter Kontrabass Quartett gegründet“, erklärt sie lapidar. Doch so lapidar war das Ganze gar nicht. Eigentlich war dies schon eine doppelte Sensation im Jahr 1984: Zum einen, da es bis dahin kein anderes festes Bassquartett gab, zum anderen, da es wohl niemals zuvor ein Bass-Ensemble ausschließlich mit Frauenbesetzung gab. Aber schon vor dem Quartett hatte Christine Hoock Kammermusik gespielt, in vielen „kleinen Barockbesetzungen“, wie sie sagt. Die Vielseitigkeit der Einsatzgebiete des Basses war einer der Gründe für die beständig erneuerte Faszination für dieses Instrument. „Am Anfang, als ich begann Bass zu spielen, wusste ich ja noch gar nicht, dass man neben dem Orchester auch andere Musik mit dem Bass spielen kann“, sagt sie und betont erklärend, dass sie ja nicht aus einer Musikfamilie stamme und es daher nicht wusste. „Dann stolperte ich über eine Schallplatte mit Dittersdorf-Konzerten und ich erkannte ansatzweise, was es da noch alles gab. Für mich begann sich ein ganz neues Universum zu erschließen.“

Doch bevor die Kammermusik intensiviert im Leben der Christine Hoock wurde, trat sie in Köln eine Orchesterstelle an: „Es war nach meinem Studium das erste Vorspiel auf eine Stelle, das ich machte. Und ich erhielt diese Stelle sofort“, sagt sie. Bis 2002 war sie für 14 Jahre die stellvertretende Solobassistin im Kölner Rundfunksinfonie-Orchester. „Bis dahin hatte ich niemals wirklich begriffen, dass es etwas Besonderes ist, als Frau Kontrabass zu spielen.“ Allerdings war sie die erste und bislang die letzte Kontrabassistin auch in diesem Orchester, gibt sie etwas nachdenklich zu bedenken.

Heute besteht das Frankfurter Kontrabass Quartett nicht mehr: „Wir spielten alle vier mittlerweile in unterschiedlichen Orchestern, mussten uns beständig mit vier Dienstplänen rumschlagen, um überhaupt Probentermine finden zu können. Und es ist nicht so, dass Bassisten anders als andere Streichquartette mal eben zusammen spielen können und dennoch ein hohes Niveau erreichen. Wir mussten beständig proben, um einen entsprechend guten, tiefgründigen Klang kreieren zu können“, klärt sie uns auf. Danach versuchte sie mit neuen Kolleginnen ein neues Quartett auf die Beine zu stellen, was man aber mittlerweile ebenfalls wieder aufgegeben hat. „Nun, nach einer etwas längeren Pause, bin ich aber wieder so weit, mich mit dem Gedanken zu beschäftigen und überlege momentan, ob ich nochmals ein neues starte.“ Doch es gibt noch ein festes Duo, das „Duo Piasso“, ein Klavier-Bass-Duo, wie die Mischung der Worte beider Instrumentennamen schon erkennen lässt. Dieses Duo besteht nun schon einige Zeit mit der Pianistin Barbara Nussbaum, die in Köln lebt und in Düsseldorf an der Robert-Schumann-Hochschule für Musik unterrichtet.

Die Rolle der Frauen am Bass

Es war zwar Zufall, dass das Quartett aus Frankfurt aus vier Frauen bestand, doch die Rolle der Frau am Kontrabass ist immer noch eine besondere. „Ja, wir hatten eine Vorreiterrolle, wobei ich nicht weiß, ob ich das positiv finden soll oder eher negativ. Jedenfalls war es ungewöhnlich und in dieser Zeit auch das erste Mal, dass zeitgleich vier Frauen an der Hochschule in Frankfurt studierten. Heutzutage ist es eher üblich.“ Allerdings gibt es auch heute noch in führenden Stellen in Orchestern eher selten Damen am Kontrabass. Die Luft in den besten Orchestern für Frauen ist dünn. Aber das ist ein Generationsdenken, das sich momentan beständig ändert, so dass es immer leichter für Frauen werden wird. Dennoch meint sie, dass es Frauen in der Regel noch schwerer als Männer haben, sich aus der Masse hervorzuheben.

Als dann im Jahre 2002 eine Professur für Kontrabass an der Universität Mozarteum Salzburg ausgeschrieben wurde, bewarb sie sich und erhielt diese Stelle. Schon zuvor hatte sie Lehraufträge in Duisburg und in Düsseldorf, bei denen sie merkte, „dass mich das Unterrichten packt, dass ich die Gestaltung des Lebens der Studenten positiv beeinflussen kann. Diese Idee des Unterrichtens gefällt mir besonders gut“. Das Resultat: Die Kammermusik nimmt nun wieder einen größeren Raum ein, denn der Orchesterdienst ist erst einmal ad acta gelegt.

Repertoire und Unterricht

„Am interessantesten ist natürlich das Repertoire, das original für einen Bass oder mehrere Kontrabässe geschrieben wurde. Da gibt es natürlich hauptsächlich modernere Werke, vor allem auch von Komponisten aus den USA, die wiederum oftmals vom Jazz beeinflusst wurden.“ Gibt es einen Tipp von der heutigen Professorin für Bassisten, haben diese Interesse, Kammermusik ausschließlich für Bass zu spielen? „Man muss sich schon – wenn man mal die Mitspieler gefunden hat – selbst sehr viel kümmern, um Veranstalter, Kulturämter und so weiter. Auch das Repertoire muss man sich selbst suchen.“ Schnell kann man erkennen, dass der Wunsch nach mehr Offenheit bei Agenturen, Veranstaltern und der Öffentlichkeit ein deutlicher Wunsch ist, der Christine Hoock umtreibt: „Ein ganz aktuelles Beispiel: Für unser Duo Piasso würden wir uns gerne eine Agentur wünschen. Aber Kontrabass ist nun einmal immer noch ein ungewöhnliches Instrument, das die Veranstalter meist ablehnen, da sie kaum etwas darüber wissen.“ Und das, obwohl das Duo soeben zwei CDs veröffentlicht hat, eine mit Werken von Astor Piazzolla, eine mit moderner Musik. Dennoch gibt sie auch zu bedenken, dass momentan kein Ensemble im Bereich der Kammermusik keine Probleme hätte. Dennoch: „Ich weiß und bin auch froh darüber, dass ich Kammermusik als absoluten Luxus spielen kann. Denn mit der Professur bin ich ja nicht abhängig von den Musikjobs. Doch auf Dauer ist es meine Idee, dass das Unterrichten 50 Prozent meiner Zeit in Anspruch nimmt, denn das Musikmachen ist ja mein Brot, und das muss wenigstens die Hälfte meiner Tätigkeit ausmachen.“ Dabei soll die Kammermusik nicht zu kurz kommen.

Man spürt, dass Christine Hoock etwas bewegen will, etwas pro Bass, wenn man so will. Doch beim Unterrichten von Studenten, sagt sie, muss man geradezu darauf achten, die Musiker an das Orchesterspiel heranzuführen: „Das ist nicht unüblich, denn es gibt gerade im Hochschulorchester immer sehr viele Probentermine für letztendlich eine Aufführung. Das war bei uns auch nicht anders. Und das versuchen die Studenten zu vermeiden. Also möchten alle Kontrabassisten am liebsten in kammermusikalischen Ensembles spielen. Und das wird zudem vom Hochschulbetrieb gut aufgefangen, da gibt es genug Angebote.“ Eine eher überraschende Erklärung, müssen sich doch die meisten Bassisten später im Orchester verdingen, um ihr Brot zu verdienen. Frauen kommen natürlich gerne in die Klasse von Frau Hoock. Kein Wunder, ist sie neben einer Kollegin in Polen doch die einzige Frau, die Kontrabass an einer Hochschule als Professorin unterrichtet. Sieben ihrer 12er-Klasse sind Frauen. Und lachend fügt sie hinzu: „Ich muss langsam aufpassen, dass ich nicht irgendwann eine reine Damenklasse habe.“
Ausblicke

„Ich habe ja in Salzburg den Ruf, absolut ‘crazy` zu sein. Das mag aber an dem eher konservativen Umfeld liegen. So habe ich beispielsweise mit meinen Studenten im ZIP, der Mall, in dem die Unterrichtsräume des Mozarteums auch untergebracht sind, ein Konzert gespielt. Für andere wäre das undenkbar gewesen. Aber ich finde, wenn man an diesem Ort schon unterrichtet, dann muss man solche Möglichkeiten auch direkt nutzen“, sagt sie und wehrt sich damit auch der Klage, dass die Besucher der Mall gar nicht wissen, welche namhafte Institution hier untergebracht ist: „Dagegen kann man ja was tun. Und das versuche ich!“

Christine Hoock ist eine „Macherin“ im besten Sinne, ist eine Vorreiterin für den Kontrabass. Selten genug, dass sich überhaupt einmal ein männlicher Bassist als Solist oder Kammermusiker profilieren konnte. Früher war das vor allen Ludwig Streicher. Doch eine Frau war bisher nicht unter ihnen. „Eigentlich fühle ich mich ganz normal, nicht als etwas vollkommen Besonderes. Ich weiß, dass ich eine Art Vorreiterstellung habe. Und irgendwie scheint das zu mir zu passen. Auch wenn ich die Emanzipationsschiene nicht mag. Ich musste mich allerdings immer durchsetzen, auch früher schon. So war ich immer geübt in diesen Dingen und wollte eigentlich immer genau und vollkommen frei nur das tun, wozu ich Lust hatte.“ Mit den Worten „aus Versehen“ kennzeichnet sie ihre hervorgehobene Stellung und kommentiert: „Was mich immer angetrieben hat, war die Lust am Instrument und der Musik. Es tut mir dabei weh, wenn ich durch unlogische und ungerechte Dinge auf meinem Weg aufgehalten werde. Wenn mich das dann auch noch betrifft, weil ich eine Frau bin, dann muss ich etwas dagegen tun. Und so habe ich es immer gehalten.“

Was wünscht sich eine Christine Hoock für ihr Instrument und die, die es spielen? „Ich wünsche mir, dass die Veranstalter und alle anderen auch den Leidenschaftsweg gehen würden, nicht nur den des Profits. Und in diesem Moment würden auch mehr Bassisten die Möglichkeit für Auftritte erhalten.“ Allerdings gibt sie zu bedenken, dass man als Solist oder Kammermusiker genau überlegen sollte, was man spielt. Man muss konzeptionell interessante Programme entwickeln, denkt sie. „Die sind natürlich anspruchsvoll zu spielen, so wie überhaupt der Anspruch auch für das Können der Kontrabassisten in den vergangenen Jahren immer mehr gestiegen ist.“

Es wäre wünschenswert, dass der Kontrabass dieselbe Akzeptanz erhält, wie sie seit einigen Jahren auch der Gitarre oder der Harfe zuteil geworden ist. Mit einer Künstlerin wie Christine Hoock stehen die Chancen nicht schlecht.

www.christinehoock.de