1 / 2004

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Leseprobe:

Modernes Ensemble aus Tradition

Tschechisches Nonett

Von: Robert Nemecek

Vor 80 Jahren von Studenten des Prager Konservatoriums gegründet, ist das Tschechische Nonett eines der ältesten Kammermusik-Ensembles der Welt. Seine ersten Sporen verdiente es sich als Motor der zeitgenössischen Musik. Und inspirierte so bedeutende Komponisten wie Prokofieff, Martinu und Lutoslawski zu Meisterwerken, die heute zum Grundbestand der Kammermusik des 20. Jahrhunderts zählen. Inzwischen ist das Tschechische Nonett Widmungsträger von mehr als 300 Kompositionen und immer noch kommen jedes Jahr neue Stücke dazu. Die Musik des 20. Jahrhunderts bildet freilich nur einen Bereich im weitgespannten Repertoire des Ensembles, das bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht und keineswegs nur auf die Gattung Nonett beschränkt ist. Als das Tschechische Nonett im Herbst vergangenen Jahres in Mönchengladbach gastierte, bat ensemble den Primarius Jan Nykrýn und den Bratschisten Martin Kos zu einem Interview.

Ensemble: Welche Werke stehen denn heute Abend auf dem Programm?

Jan Nykrýn: Zunächst spielen wir von Mozart das Divertimento Nr. 11, auch „Nannerl-Septett“ genannt, dann eines der ersten dem Ensemble gewidmeten Werke, das Nonett von Bohuslav Martinu, und nach der Pause wird dann Schuberts Oktett erklingen.

Ensemble: Sie spielen also nicht nur Kompositionen für die Nonett-Besetzung. Da, wie in Ihrer Homepage zu lesen steht, über 300 (!) Kompositionen für Ihr Ensemble geschrieben wurden, könnten Sie ja theoretisch nur damit auftreten.

Nykrýn: Könnten wir, machen wir aber nicht. Wir spielen meistens kombinierte Programme, bemühen uns aber selbstverständlich, der Nonett-Besetzung Geltung zu verschaffen.

Martin Kos: Die Zahl 300 ist übrigens eine etwas theoretische, da bei weitem nicht alle Kompositionen dankbar sind und auch keineswegs immer hochkarätig. Das gilt ja auch für die Orchesterliteratur. Da wird auch nicht alles gespielt, was es gibt.

Nykrýn: Ja. Deshalb haben wir auch eine ganze Reihe von Stücken aus dem 18. und 19. Jahrhundert in unserem Repertoire. Da es aus dieser Zeit kaum Stücke für Nonett gibt, sind wir dabei allerdings auf Bearbeitungen angewiesen. Zum Beispiel nehmen wir oft Dvoráks d-Moll-Serenade in einer Bearbeitung für Nonett in unser Programm auf. Das ist auch wegen des Publikums von Bedeutung. Wir können nicht nur Musik des 20. Jahrhunderts bringen. Wir müssen uns auch ein wenig danach richten, was das Publikum hören will. Und das sind eben auch die großen bekannten Namen des 18. und 19. Jahrhunderts.

Ensemble: Entstehen neue Werke für Sie vorwiegend durch die Vergabe von Kompositionsaufträgen oder machen die Komponisten das von sich aus?

Nykrýn: Eher Letzteres. Vor kurzem hat zum Beispiel der polnische Komponist Mark Kopytman ein Stück für uns geschrieben, ohne dass wir es bei ihm in Auftrag gegeben hätten. Es heißt „Music for Nine“. Woher der Impuls dafür kam, wissen wir nicht so genau. Allerdings spielte die Bekanntschaft unseres Kontrabassisten mit dem Komponisten wohl eine nicht unbedeutende Rolle. Wir haben das Stück im Juli im Beisein des Komponisten uraufgeführt. Herr Kopytman hat sich vor dem Konzert mit uns zusammengesetzt, und dann sind wir gemeinsam das ganze Stück bis ins letzte Detail durchgegangen.

Ensemble: Wie oft kommt es denn vor, dass jemand für Sie schreibt?

Nykrýn: Auf jeden Fall nicht mehr so häufig wie noch in den fünfziger und sechziger Jahren, als die Menge der Kompositionen sozusagen im Quadrat zunahm. Heute sind es ein bis drei Kompositionen im Jahr. Aber die Produktion hält an, und die Reduktion der Quantität hat den Vorteil, dass es durchweg Kompositionen von hohem ästhetischen Rang sind. Früher hatten wir es ja oft mit Stücken zu tun, in denen irgendein „großes“ Ereignis gefeiert wurde. Das ist total weggefallen. Also nur noch Musik pur.

Ensemble: Haben Sie mal in Erfahrung bringen können, was die Komponisten an dieser Besetzung reizt?

Kos: Es ist wohl vor allem die Farbigkeit der Besetzung, die ja ein Orchester im Kleinen darstellt. Auch ein Kammerorchester bietet ja eigentlich nicht mehr Möglichkeiten. Ich denke, das ermöglicht den Komponisten eine äußerst farbige Klanggestaltung, ohne dass sie gleich für ein Orchester schreiben müssten.

Nykrýn: Im Tutti erzielen wir den Klang eines Kammerorchesters, zugleich kann man mit der Besetzung aber ganz kammermusikalisch umgehen. Duo und Trio sind ja immer ein selbstverständlicher Bestandteil des Ensembles. Der Komponist kann also problemlos zwischen einem orchestralen und einem genuin kammermusikalischen Klang hin- und herwechseln.

Kos: Hinzu kommt, dass wir – meines Wissens – das einzige Nonett sind, das ganzjährig in dieser Form professionell tätig ist. Es gibt selbstverständlich noch andere Nonett-Ensembles, Amateur-Nonette zum Beispiel, aber auch solche mit Profimusikern, die aber nur gelegentlich zusammen kommen. Das Suisse-Nonett bildet zu uns ein Äquivalent, aber meines Wissens ist nicht einmal dieses hochprofessionelle Ensemble das ganze Jahr über aktiv.

Ensemble: Da Sie alle noch anderweitigen Verpflichtungen nachgehen müssen, ist es sicher nicht so einfach, eine solche Kontinuität herzustellen.

Kos: Das geht eben nur, indem das Nonett wirklich Priorität vor allem anderen hat, die Lehrtätigkeiten und die Arbeit in anderen Orchestern dem untergeordnet sind. Das heißt, dass ein Mitglied uns auch schon mal entgegenkommen muss. Wenn das nicht so wäre, dann würden wir wohl nie zusammenkommen.

Ensemble: Sie sind auch viel im Ausland unterwegs. Hat sich durch die Öffnung nach der Befreiung 1989 die internationale Konzerttätigkeit des Ensembles intensiviert?

Nykrýn: Eigentlich nicht. Seitdem ist es durch die Privatisierung des Kulturbereichs eher schwieriger geworden, weil wir nicht mehr vom Staat unterstützt werden und dadurch selbst die Initiative ergreifen müssen. Daran waren wir nicht gewöhnt, und so ist die Zahl der Engagements vor allem im Ausland zunächst einmal stark zurückgegangen. Wir mussten in gewisser Weise wieder von neuem anfangen, haben das aber mittlerweile im Griff.

Ensemble: Wie viele Konzerte geben Sie denn im Durchschnitt im Jahr?

Nykrýn: Dadurch, dass wir ein freies Ensemble sind, ist das sehr unterschiedlich – so in etwa 30 bis 70 Konzerte im Jahr. Dabei konzertieren wir natürlich weltweit und mir fällt im Moment kein Land ein, in dem das Tschechische Nonett noch nicht gespielt hat. Da inländische Engagements allein nicht ausreichen würden, um uns am Leben zu erhalten, sind wir ja letztlich auf Gastspiele im Ausland angewiesen.

Ensemble: In Ihrem Ensemble-Flyer werben Sie mit der uralten, mittlerweile aber doch zum Klischee verkommenen Bezeichnung „Böhmische Musikanten“. Ist das denn überhaupt noch werbewirksam?

Kos: Auf jeden Fall! Selbst da, wo man noch nie etwas vom Tschechischen Nonett gehört hat, verfehlt es nicht seine Wirkung. Natürlich nur im Ausland, nicht bei uns. Da hat es seine Aura verloren. Aber wenn wir uns im Ausland als Ensemble aus Tschechien vorstellen, dann verbindet man damit immer noch so etwas wie gesundes, urwüchsiges Musikantentum, und das hilft uns natürlich.

Ensemble: Wie sieht denn Ihr eigenes Klang- und Musizier-Ideal aus?

Nykrýn: Ich würde sagen, dass es darum geht, ein Stück ganz natürlich aus sich heraus zu entfalten und alles gewollt Spektakuläre und Gekünstelte zu unterlassen. Wenn das Publikum den Eindruck gewinnt, dass unsere Darbietung sehr eigenwillig ist, dann haben wir was falsch gemacht.

Ensemble: Hat sich in den vergangenen 80 Jahren etwas an Ihrer Spielweise geändert?

Kos: Durchaus, aber nicht im Sinne eines radikalen Paradigmenwechsels. Dafür gab es bislang einfach keinen Grund. Wenn ich mir historische Aufnahmen des Tschechischen Nonetts anhöre, dann bin ich immer wieder erstaunt darüber, wie gut das ist. Wir spielen heute bestimmt nicht besser als unsere Kollegen vor 70 oder 80 Jahren. Selbst unser Interpretationsansatz unterscheidet sich nicht grundsätzlich von dem früherer Zeiten. Die Unterschiede bewegen sich deshalb eher auf einer persönlichen Ebene. Die Musiker des heutigen Nonetts sind eben andere als damals, und insofern gibt es auch gewisse Unterschiede in der Interpretation, sei es nun im Tempo, im Ausdruck oder in der Artikulation.

Ensemble: Ich dachte bei meiner Frage auch ein wenig an die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis. Es gibt ja mittlerweile eine ganze Reihe von Ensembles, die sich diese Ideen angeeignet haben und damit zu interessanten Resultaten gelangt sind.

Nykrýn: Sicher. Jeder von uns hat damit schon zu tun gehabt. Allerdings nicht im Nonett. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass der größte Teil der für uns in Frage kommenden Kompositionen im 20. Jahrhundert entstanden ist und folglich auch für ein modernes Instrumentarium. Damit würde letztlich auch der ursprüngliche Sinn des Ensembles zerstört werden. Der zentrale Impuls bei der Neugründung bestand ja darin, den Komponisten ein neues Feld der Möglichkeiten zu eröffnen. Aus dem 19. Jahrhundert sind gerade mal drei Stücke für Nonett überliefert, was nicht gerade viel ist. Das erste Nonett-Ensemble stand deshalb vor der Aufgabe, ein ganz neues Repertoire zu initiieren. Emil Leichner, der erste Primarius des Tschechischen Nonetts, hat sich kontinuierlich darum gekümmert, dass neue Stücke entstanden sind. Dadurch wurde das Tschechische Nonett zu einem wichtigen Faktor der zeitgenössischen Musik.

Ensemble: Aber ist das Ensemble nicht mittlerweile vorwiegend historisch orientiert?

Nykrýn: Das stimmt natürlich. 80 Jahre nach der Gründung stellt sich die Aufgabe für uns in der Tat etwas anders. Wir sind einfach keine Novität mehr. Der Reiz des Neuen ist verflogen, und darum ist es ja auch für die Komponisten nicht mehr ganz so spannend für uns zu schreiben. Es geht heute also eher darum, das Publikum mit den bereits existierenden Werken bekannt zu machen. Aber auch darin sind wir doch in erster Linie ein modernes, dem Geist des 20. Jahrhunderts verpflichtetes Ensemble. Und das soll auch so bleiben.

Ensemble: Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

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Tschechisches Nonett
Auswahl-Diskografie
Alle Produktionen sind bei Praga erschienen. (Vertrieb: Harmonia Mundi)

Ludwig van Beethoven
Quintett Es-Dur op. 16
Septett Es-Dur op. 20
Tschechisches Nonett
Harmonia Mundi PRD 250 194

Johannes Brahms
Serenade D-Dur op. 11 (Urfassung für Nonett)
Horn-Trio e-Moll op. 40
Tschechisches Nonett
Harmonia Mundi PRD 250 148

Antonín Dvorák
Oktett-Serenade E-Dur op. 22 (mit Ivan Klánský, Klavier)
Serenade d-Moll op. 40 (Transkription für Nonett)
Slawische Tänze
Tschechisches Nonett
Harmonia Mundi PRD 250 129

Florent Schmitt
Suite en rocaille op. 84
À tour d´anches op. 97 u.a.
Tschechisches Nonett
Harmonia Mundi PRD 250 156

Louis Spohr
Nonett op. 31
Oktett op. 32
Tschechisches Nonett
Harmonia Mundi PRD 250 160

Bohuslav Martinu
Kammermusik Nonetto
Streichquartett Nr. 7
Quartett für Klarinetten, Horn, Cello
Tschechisches Nonett
Pracák Quartet PRD 250 097