3 / 2004

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Leseprobe:

Eine neue Kultur für die Kammermusik

Die neu gegründete European Chamber Music Academy

Von: Carsten Dürer

Es ist nicht leicht eine Lobby für die Kammermusik zu schaffen, heute nicht mehr. Aber was hilft alles Klagen, wenn man nichts dagegen tut. Und Hatto Beierle, Mitbegründer des legendären Alban Berg Quartetts und erfahrener Ausbilder von Kammermusik-Ensembles, hat soeben mit Kollegen und gleichgesinnten Freunden ein Projekt ins Leben gerufen, das als „European Chamber Music Academy“ neben einem europäischen Gedanken die Förderung begabter Ensembles zum Ziel hat – durch Unterrichten. Wir trafen Hatto Beierle an seiner alten Wirkungsstätte, der Hochschule für Musik und Theater Hannover, gemeinsam mit einem der für das Projekt Verbündeten: Martin Brauß, Vizepräsident der Hannover’schen Hochschule und Dirigent.

Hatto Beierle brennt für den kammermusikalischen Gedanken, für die Idee, dass diese Musik Inbegriff von Kultur in der Gesellschaft ist. Und er hat ganz klare Ansichten, wie Musik wirken und vorgebracht werden sollte, und geht dabei auch dem auf den Grund, warum es die Musik heutzutage so schwer hat: „Wenn man die Musik zu Gehör bringt, dann muss man die Magie dieses Mediums kennen und wollen. Das heißt – sachlich gesagt – Musik muss Inhalte vermitteln. Ich nenne es Magie, denn es ist Magie. Ich sehe nun seit 30 Jahren mit Bedenken, dass große namhafte Künstler so viele Konzerte im Jahr spielen, dass sie nur noch ihre Leistung darbieten, aber diese Magie gar nicht mehr in der Lage sind zu vermitteln. Ein Grund, warum ich das Alban Berg Quartett überhaupt gegründet habe, war, dass wir sagten: Wir müssen Inhalte vermitteln, wir müssen die Musik von innen her aufschlüsseln. Die Zuhörer bekommen gar nicht mehr das, was sie hören wollen. Der Hauptgrund liegt darin, dass die Zuhörer gar nicht wissen, was gut oder schlecht ist. Das gilt auch in der Unterhaltungsmusik. Denn die, die Inhalte vermitteln, die stehen auch noch mit 60 auf der Bühne. Ich glaube, dass sich das auch totläuft, dass die Magie der großen Namen sich totläuft. Dass die, die etwas hören wollen – und das sind ja die jungen Leute – nichts mehr erleben, also auch nicht mehr ins Konzert gehen. Und nur mit Inhalten, wie ich es sagte, kann man überhaupt etwas erleben. Es gibt da ganz zarte Pflänzchen, die in Jeva oder in Walsrode spielen, also dort, wo sie mit Inhalten auch jetzt noch Begeisterung wecken können, da das Publikum noch nicht mit großen Namen verdorben ist.“

Das ist die Grundlage von allem, das ist das Denken von Hatto Beierle in Kurzform, die noch ergänzt wird mit der Begründung, dass er aus dem Alban Berg Quartett unter anderem deswegen ausgetreten sei, da auch dort der Trend zu mehr Geld vorhanden gewesen sei, was Beierles Ideologie über Musik widerspricht. Und genau diese Idee versucht er auch seinen Studenten zu vermitteln.

Doch zurück zum Grund unseres Besuches: die European Chamber Music Academy. Wie kam es zu dieser Idee und was ist diese Academy? Hatto Beierle erzählt die Geschichte der Entstehung so: „Piero Farulli, der ehemalige Bratscher vom Quarteto Italiano, hat vor etlichen Jahren eine Bilderbuchschule für Kinder gegründet, die Scuola di Musica di Fiesole. Und seit einiger Zeit unterrichte ich dort auch. Im Januar 2002 treffe ich also Piero Farulli und er sagt: ‚Was würdest du davon halten, wenn wir hier eine europäische Quartett-Akademie gründen.? Ich sagte, dass man darüber sicherlich einmal nachdenken müsse. Und er wollte bereits im März beginnen. Ich empfand das als Desaster, da ich dachte, das müsste doch stärker geplant werden. Doch wir begannen also im März 2002 und hatten bereits acht Quartette, die ziemlich gut waren. Es war ein voller Erfolg. Es waren allerdings nur Quartette. Und es sollte weiter gehen. Man sagte, man wolle eine Session im Oktober und eine im März durchführen.“ Norbert Brainin unterrichtete Geige, mit von der Partie war noch Milan Skampa vom Smetana Quartett, und Beierle war auch dabei. Dann sagte Hatto Beierle: „Wenn wir uns schon europäische Streichquartett-Akademie nennen, dann sollten wir doch eine Kooperation mit anderen europäischen Hochschulen anstreben.“ Zudem strebte man Hilfe von der EU an. Doch das funktionierte nicht. Allerdings hatte man schon die Hochschulen in Hannover, in Zürich und Wien angesprochen, die sich bereit erklärt hatten, mitzumachen. Doch zuerst einmal schien der Faden durchbrochen zu sein, nachdem die EU mit Fördergeldern abgesagt hatte. Doch die Angelegenheit war bereits zu weit gegangen, und so entschieden Hatto Beierle und Martin Brauß gemeinsam in Hannover, die Akademie-Idee auch ohne den EU-Fördertopf in die Tat umzusetzen. „Wir entschieden als Erstes, dass wir uns nicht auf Quartettmusik beschränken, sondern Klavier-Kammermusik ebenfalls mit hineinnehmen. An erster Stelle natürlich Klaviertrio, da dies die eminenteste Gattung ist.“ Und schon war der neue Name gefunden: European Chamber Music Academy. Seppo Kimanen, der Leiter des Khumo Festivals in Finnland, war noch zu den genannten Hochschulen mit seiner Schule hinzugestoßen. Zudem kam noch das Festival in Pradez hinzu. Die europäische Idee nahm Gestalt an. „Mit diesen sechs Partnern sind wir nun dabei, diese Akademie mit Leben zu füllen.“

Die Struktur

Die Struktur der Akademie ist noch nicht ganz eindeutig. Doch Gerhard Hildenbrandt, ehemaliger Direktor der Basler Hochschule für Musik, ist der immer währende Ansprechpartner für alle Belange. „Wir versuchen momentan nur noch das Notwendigste festzuschreiben, weil wir flexibel bleiben wollen.“ Man braucht Freiräume, um reagieren zu können, meint Beierle. Im Gespräch fällt das Stichwort Musikwissenschaft, und da hakt Beierle ein: „Wir möchten natürlich auch immer Musikwissenschaftler dabei haben, denn wir möchten mehr über die Hintergründe, die sozialen Umfelder und geschichtliche Dinge erfahren, das ist wichtig.“ Auch wenn er die Musikwissenschaft argwöhnisch betrachtet, will auch Beierle eine integrative Idee verwirklichen. „Wir müssen Dinge aufschlüsseln. Denn was ich immer wieder festgestellt habe: Wenn ein Ensemble weiß, was es da macht, Hintergründe erfahren hat, dann spielt es sofort besser. Da ein Musiker in der Regel in seiner Ausbildung keine Inhalte in der Musik vermittelt bekommt, spielt er nur sein Instrument. Und das liegt auch daran, dass die Studenten an unseren Hochschulen zu viel machen müssen und an diesem Betrieb ersticken. So wird eine Art der Oberflächlichkeit gepflegt. Und diese jungen Leute haben einen Hunger nach Inhalten. Und wenn man ihnen diese Inhalte gibt, dann spielen sie sofort besser. Das ist wichtig!“ Martin Brauß hakt ein und meint: „Ich glaube nicht, dass die Hochschule daran Schuld hat, sondern die Lehrer. Die Lehrer können die Inhalte nicht vermitteln. Wir sind auf Lehrer angewiesen, auf Lehrer wie Hatto Beierle.“

Genau dies ist einer der Beweggründe zur Gründung der ECMA (European Chamber Music Academy). „Es geht um Synergien“, sagt Martin Brauß. „Wichtig ist, welche Leute kommen und arbeiten an der Idee der Interpretation. Und dabei ist die Zusammenarbeit europäischer Art so bedeutend, da man auf diese Weise die unterschiedlichsten Gesichtspunkte zusammenbringen kann. Und da ist Hatto Beierle als Künstlerischer Direktor der Akademie entscheidend, da er weiß, wie man den Geist dieser Ideen zusammenhält. Zudem ist wichtig: Was kann eine Akademie leisten, was eine Hochschule nicht leisten kann?“ Momentan gibt es noch keinen festen Sitz der Akademie, aber die Idee ist im Fluss, eine Rechtsform auf europäischer Basis ist wichtig. Momentan ist die Hochschule in Hannover federführend. Die Quartett-Akademie aus Fiesole ist in die ECMA eingeflossen. Jedes Jahr gibt es sechs Sessionen, jeweils an jedem Standort der teilnehmenden Hochschulen und Festivals. Unterrichtet wird dort von den namhaften Stamm-Ideengebern und Gästen. „Es sind die Bürgen einer alten Kammermusiktradition. Diese ist nicht abgestanden, sondern die muss weiter an jüngere Musiker vermittelt werden. Natürlich wird es auch jüngere Dozenten geben, solche wie das Jean Paul Trio beispielsweise, oder das Szymanowski Quartett. Es ist also ein Stamm von illustren Namen.“

Organisation und Durchführung

Träger sind die Partner-Hochschulen und -Festivals. In Hannover wird die Anfangslogistik mit Hilfe eines privaten Sponsors vorgenommen. Im Oktober geht es offiziell los, mit Konzerten und viel Aufruhr. „Eingezäunt werden die Konzerte von interessanten Vorträgen, Begleitveranstaltungen, die nicht Appendix sind, sondern in die Thematik eingreifen.“ Die Hochschule Hannover wird der erste Austragungsort sein. Man hofft, dass danach die ECMA ein Selbstläufer wird.

Die Quartette und Ensembles werden von den Dozenten angesprochen. „Die Dozenten haben immer schon aufgrund ihrer Tätigkeit interessante Ensembles um sich geschart. Auf diese können wir jetzt natürlich zurück- greifen.“ Die Studenten sind eigentlich vorhanden, und so ist die erste Session im Oktober schon gesichert. Das Besondere: Nun werden sie von allen Dozenten der europäischen Partner-Hochschulen unterrichtet. Was aber ist mit den Ensembles, die nicht bei einem der teilnehmenden Dozenten studieren und dennoch in diesen Sessionen dabei sein wollen? Martin Brauß: „Am 8. Juni wird es in Hannover eine Audition für alle europäischen Studenten geben. Eine Jury mit den Dozenten wird dann die Ensembles auswählen. Die ausgewählten Trios und Quartette werden dann eingeladen an der ECMA teilzunehmen.“ Die Teilnahme läuft ein bis zwei Jahre innerhalb der gesamten Akademie. Die Sessionen finden dann an den unterschiedlichen Orten der Partner statt. Doch auch die Ensembles, die bereits mit den Dozenten zusammenarbeiten, müssen die Aufnahme durch ihr Vorspiel bestätigen. Drei bis vier Ensembles werden nach dem Vorspiel direkt in die Akademie aufgenommen. Jeder der Partner in der ECMA hat zudem die Möglichkeit, ein weiteres Ensemble zu den Sessionen zu schicken. Das ist im Interesse jeder einzelnen Hochschule. „Zur Session an einer bestimmten Hochschule können dann aus den Reihen der Hochschule noch weitere Ensembles eingeladen werden, die vielleicht noch jung sind und nicht den Standard der anderen erreicht haben. Die dürfen dann nur an dieser einen Session teilnehmen. Wir wollen ja die Leute dabeihaben, wir wollen ja die Kammermusik ankurbeln“, sagt Beierle. Passive Hörer werden natürlich auch zugelassen, damit auch die Ensembles, die nicht aufgenommen wurden, an den Unterrichten durch Zuhören partizipieren können. „Auf diese Weise partizipiert auch die jeweilige Hochschule selbst an den Möglichkeiten der ECMA, da auch durch diese passive Teilnahme der kammermusikalische Bereich der Hochschulen gestärkt wird“, meint Brauß.

Die Sessionen werden jeweils eine Woche lang ausgetragen. „Letztendlich liegt es aber im Ermessen der Hochschule“, sagt Beierle. Bis zu vier Mal im Jahr sollen die Sessionen stattfinden, an den unterschiedlichen Orten der Partner. Auch Pianisten haben zugesagt: Beispielsweise Krystian Zimerman oder András Schiff, auch der Dirigent und Komponist Jürg Wyttenbach ist mit von der Partie. Neben den streichenden Kammermusikgrößen also auch Input aus anderen Bereichen.

Es soll vorangehen mit der Kammermusik, das ist das Wichtigste. So hat man schon überlegt, dass auch jüngere Teilnehmer als Tutoren an späteren Sessionen teilnehmen und eingebunden werden. Beierle drückt das so aus: „Es soll eine Kammermusikkultur aufgebaut werden. Und diese Kultur soll ganz eindeutig europäisch sein.“ Viele Dinge sind noch im Fluss. So beispielsweise die zukünftige Frage nach dem Abschluss, danach, ob eine Teilnahme an der ECMA einem Masters Degree gleichkommt, oder andere. Doch diese Fragen können erst später entschieden werden, wenn die ECMA ihre Tätigkeit aufgenommen hat und die ersten Sessionen vonstatten gegangen sind. Erweitern will man die Partnerschaft erst einmal nicht, aber man will sich nicht verschließen und bei Interesse anderer Hochschulen von Fall zu Fall entscheiden. Beierle zum Abschluss: „Ich glaube, dass wir in einer Zeit, in der Ensembles sinnloses Zeug spielen – ich drücke es einmal durchaus provokant aus – wir Inhalte vermitteln müssen, um zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Ich will Inhalte vermitteln, weil ich glaube, dass Ensembles, die Inhalte vermitteln können, die Geschichten erzählen können, die das Publikum am dramatischen und lyrischen Geschehen eines Stückes teilhaben lassen, auch ankommen. Die brauchen Charisma, aber diese Musiker brauchen mehr. Diese Musiker werden dann auch Karriere machen. Und das ist das, was wir hier wollen, darum haben wir diese Akademie gegründet.“

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Kontakt:
Hochschule für Musik und Theater Hannover
Prof. Martin Brauß
Emmichplatz 1
30175 Hannover

Tel.: 0511 3100-230/231
Fax: 0511 3100-300