1 / 2003

Image Ausgabe 1 / 2003

  Inhalt

 

bestellen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leseprobe:

Atlas der Moderne

Das Kronos Quartett

von: Guido Fischer

Vor genau 30 Jahren begann mit dem Kronos Quartet ein neuer Saitenwind. Für die Gattung des Streichquartetts und für die zeitgenössische Musik. ensemble sprach anlässlich des Ensemble-Geburtstages vor einem Konzert in Essen mit dem Kronos-Kopf und ersten Geiger David Harrington.

Sie sind fast alle ein Jahrgang. Das Alban Berg Quartett feierte 2001 sein 30-jähriges Bestehen, 1974 gründete sich das Arditti String Quartet und ein Jahr zuvor das Kronos Quartet. Drei Streichquartett-Formationen, deren Puls aber unterschiedlicher nicht schlagen könnte. Auch wenn die Vorliebe und ihr Einsatz für die zeitgenössische Musik alle drei verbindet. Doch im Gegensatz zu den Wienern vom Alban Berg Quartett und den Londonern um den Gründervater Irvine Arditti ist dem amerikanischen Phänomen Kronos Quartet das geglückt, woran Manager der Klassik-Branche mit aufwendigen Kampagnen kläglich gescheitert sind: Das Kronos Quartet hat mit seinem Repertoire von über 650 Werken den Schritt aus dem Insider-Zirkel geschafft. Und ist selbst jenen zum Inbegriff für musikalische Expeditionen, Erlebnisse und Ereignisse geworden, die sich jenseits der Kammermusik lieber mit Rock, Jazz oder World-Music beschäftigen. So wie es eigentlich auch David Harrington macht, wenn er nicht gerade direkt mit dem von ihm gegründeten Kronos Quartet an Projekten und Auftragskompositionen arbeitet: „In meiner Freizeit höre ich überhaupt keine Streichquartett-Musik. Es gibt schließlich genügend andere Musik zu entdecken. Zurzeit beschäftige ich mich mit Komponisten aus dem Irak, aus Afghanistan, den Philippinen und Kolumbien. Und erst vor kurzem hat mich ein Freund auf einen Werner Richard Heymann aufmerksam gemacht. Er komponierte Filmmusik und war Songwriter in den dreißiger Jahren für die Comedian Harmonists, bevor er Deutschland verlassen musste. Es sind großartige, später vom amerikanischen Jazz beeinflusste Werke, die zum Teil etwas von Cartoon-Musik haben.“

Wer wie Harrington derart seine Ohren aufsperrt und sie dann in jede noch so exotische Ecke und in jedes Archiv reinhält, der muss zwangsläufig zum musikalischen Enzyklopädisten werden. Was allein die Liste an Komponisten belegt, die in den riesigen Kronos-Katalog aufgenommen worden ist. Und in dem sich neben der Prominenz wie Terry Riley, Philip Glass oder Steve Reich Namen entdecken lassen, die selbst den fleißigsten Musikhörer unwissend verstummen lassen: Ellen Fullman, Guo Wenjing, Melissa Hui, Willem Jeths, John King, Matmos, Gabriela Ortiz, P. Q. Phan, Stephen Prutsman, Aleksandra Vrebalov. Es sind allesamt Komponisten, die sich auf das Abenteuer Kronos Quartet eingelassen haben. Die jedoch nur einen kleinen Ausschnitt bilden in der Flut aktuellster Partituren. Denn mittlerweile kann das Kronos Quartet stolz sein auf über vierhundert Werke, die speziell für sie geschrieben wurden. „Momentan entstehen wieder vierzig neue Werke für uns“, so Harrington. „Von Riley, Henryk Gorecki und von Komponisten aus u.a. Brasilien, Kanada, Japan und den Niederlanden.“ Enorm wichtig für diese Vielsprachigkeit des Repertoires, das vorrangig von Harrington zusammengestellt wird, ist das Funktionieren des eigens vom Kronos Quartet geschaffenen, in alle Himmelsrichtungen zeigenden Netzwerkes, das in der Kronos-Zentrale in San Francisco zusammenläuft. Überall haben sie ihre Sound-Scouts sitzen. Oder die Musiker werden während der Tourneen selber zu Spürnasen. Weshalb Harrington obligatorisch am Ende eines jeden Interviews den Spieß einfach umdreht und sich nach Tipps und Trends erkundigt. „Es ist schließlich eine aufregende Zeit für Musik.“

Und die hält zumindest laut des Kronometers nun jetzt schon seit 30 Jahren an. Als David Harrington mit 22 Jahren von einem musikalischen Donnerschlag erfasst wurde, der bis heute in ihm nachschwingt. Es war während des Vietnam-Krieges, „als ich eines Abends im Auto-Radio zum ersten Mal das Streichquartett ‚The Black Angels’ von George Crumb hörte. Es war diese ungeheure Spannung aus Brutalität und versöhnlicher Stimmung, mit der Crumb 1970 auf den Krieg reagiert hatte. Es war genau diese Musik, die ich unbedingt einmal spielen wollte“. Harrington, der bereits im zarten Alter von 12 Jahren dank einer alten Schallplatten-Aufnahme mit Beethovens 12. Streichquartett von dem vierköpfigen Zusammenspiel infiziert wurde, kündigte daraufhin prompt seinen Job bei einem kanadischen Sinfonie-Orchester und gründete das Kronos Quartet. 1974 stand dann „Black Angels“ erstmals auf dem Programm. Bei einem Konzert im North Seattle Community College, dessen Publikum sich da noch nur aus Freunden und Familienanhang zusammensetzte. Und für das das Kronos Quartet neben Bartóks 3. Streichquartett und Weberns „Sechs Bagatellen“ seine erste Uraufführung spielte: die Auftragskomposition „Traveling Music“ von Ken Benshoof, der dafür von Harrington ein fürstliches Honorar von zwölf Donuts bekam! Aus dem Geheim-Tipp „Kronos Quartet“, der vorrangig in Universitäten, Museen und auf Hochzeiten mit Werken des 20. Jahrhunderts auftrat, wurde aber erst ab 1978 das Phänomen „Kronos Quartet“, als man einen Lehrauftrag als Artists in Residence am Mills College in San Francisco annahm. Und als Harrington mit John Sherba (Violine), Hank Dutt (Viola) und Joan Jeanrenaud (Cello) jene eigentliche Stammmannschaft gründete, die bis 1999 unverändert zusammenblieb. Bis zum Ausstieg von Jean Jeanrenaud, auf die Jennifer Culp folgte.

Geschadet hat die Umbesetzung aber weder dem Sound des Kronos Quartets noch dem Ur-Credo, die Musik als Seismographen auch von politischen und sozialen Veränderungen zu verstehen. „Als verantwortlicher Bürger ist es meine Pflicht, mein Potential als Künstler einzusetzen, um Wider- und Einsprüche deutlich zu machen.“ Das Kronos Quartet folgt da ganz und unbekümmert dem Geist der Hippie- und Flower-Power-Generation. Angefangen mit der Rock-Hymne „Purple Haze“ von Jimi Hendrix, die vor über 20 Jahren zum populärsten Gradmesser des Kronos-Lebens, -Denkens und -Spielens werden sollte. Bis hin zu Kompositionen, mit denen das Kronos Quartet Flagge zeigt. Ob „All The Rage“ von Bob Ostertag als Kommentar zu den Angriffen, denen Homosexuelle in San Francisco ausgesetzt waren; ob ein Stück des aus Zimbabwe stammenden Komponisten Thomas Mapfumo, „das den Hunger und das Elend in seiner Heimat reflektiert“ – die musikalische Basisarbeit, jede Aufnahme und jedes Konzert vom Kronos Quartet steht immer mitten im Leben. „Wobei es unterschiedlichste, musikalische Annäherungen gibt, um sich diesen Themen zu nähern“, so Harrington. „Beispielsweise besitzt der Finalsatz des 4. Streichquartetts von Peteris Vasks eine unglaubliche Schönheit. Als wir das Stück unmittelbar nach dem 11. September in New York spielten, herrschte danach eine unglaubliche Stille. Es war die längste Stille, die ich jemals gehört habe. Es war ein fantastischer Moment, den das Publikum geschaffen hat.“ Solche Trostpflaster gibt es im Kronos-Repertoire reichlich, mit Werken von Hildegard von Bingen bis zu Arvo Pärt. „Mit denen versuchen wir beim Publikum und bei uns einen Moment der Verinnerlichung zu schaffen.“ Da aber „jedes Konzert wie das Leben sein soll“, sorgen die Vier nicht nur für meditative Momente, sondern auch für Attacken auf den Hörnerv. Wenn das Kronos Quartet im 2. Streichquartett von Gorecki einem eine regelrecht körperliche Vehemenz entgegenschleudert. Oder wenn sie in einer Komposition von John Oswald ein riesiges Crescendo derart aufbauen, „als ob ein Kampfflugzeug starten und abheben würde“. Das musikalische Engagement ohne Grenzen zeigt sich beim Kronos Quartet da in einer erstaunlichen Bandbreite. Ohne jedoch ins Parolenhafte abzugleiten. Dass der Stoff dem Kronos Quartet noch lange nicht ausgeht, dafür sorgt Harrington im Zweifelsfall selber. „Zurzeit beschäftige ich mich mit Komponisten aus Irak, Afghanistan, den Philippinen und Kolumbien – also mit jenen Ländern, in denen die amerikanische Armee die Fäden zieht.“ Zudem plant Harrington eine Aufnahme mit dem amerikanischen Soziologen Howard Zinn, der Ausschnitte aus seinem Buch „Peoples History of the USA“ lesen soll. „Zinn ist nicht nur ein kluger Kopf, der mit seinem Buch die wohl wichtigste Bestandsaufnahme der amerikanischen Gesellschaft geschrieben hat. Er hat eine einfach nur schöne Stimme.“

Das Aufstehen in der sitzenden Streichquartett-Haltung ist nur eines der Markenzeichen vom Kronos Quartet. Das andere ist die Inszenierung, mit der aus dem steif gefrackten Musiker ein bunter Vogel geworden ist. Zwischen riesigen Monitorboxen nehmen die vier Musiker in grellem, Jean Paul Gaultier nachempfundenen Outfit dann schon mal auf ihren Desigern-Stühlen Platz, perfekt ausgeleuchtet von einer Lightshow. Dass so was Schule macht, belegen nicht nur die Kollegen des Brodsky-Quartetts. Dass so etwas auch da ankommt, wo sich ansonsten kein Klassik-Musiker reintrauen würde, hat das Kronos Quartet auf seinen unzähligen Tourneen, mit ihren 100 Konzerten pro Jahr längst bewiesen. „Es ist dieser Reiz und diese Herausforderung, unsere Musik unter den unterschiedlichsten Bedingungen zu präsentieren. Avantgarde-Festivals interessieren uns deshalb schon nicht, da dort alles zu verbissen ist und wir kaum für Überraschungen sorgen können.“ Statt nach Donaueschingen oder nach Witten zum Kammermusik-Festival fährt das Kronos Quartet daher lieber zum niederländischen North Sea Jazz Festival, um zwischen 150 verschiedenen Bands und Solisten aufzutreten. Am nächsten Abend gastiert man dann bei einem Open-Air-Rock-Festival in Dänemark („Das gesamte Publikum war komplett betrunken.“) und am übernächsten in der Wiener Staatsoper, in der Carnegie Hall oder in der Mailänder Scala: „Und obwohl wir dort auch das nicht gerade leicht verdauliche Stück ‚Forbidden Fruits’ von John Zorn sowie Thelonious Monks ‚Round Midnight’ spielten, sind weder die Carnegie Hall noch die Scala danach zusammengebrochen.“

Die entgegengesetzten Musik-Sprachen auch jenseits von Nationalitäten zueinander zu führen, sie in Dialoge zu verwickeln, zeigt allein deswegen erstaunliche Wirkung, weil sogar hart gesottenste Verteidiger des klassischen Abendlandes sich vom Kronos Quartet bekehren ließen. Wobei gerade der strenge Hörfilter von Harrington dafür sorgt, dass selbst die im knietiefen Musikarchiv verschwundenen Komponisten wie Harry Partch rehabilitiert werden. „Ich höre mir fast wie ein Süchtiger einfach alles an. Natürlich sind darunter immer wieder Stücke, die nicht funktionieren. Aber zunächst ist jedes Stück erst einmal ein Abenteuer, gibt es keine Note, die für mich schlecht ist. Höchstens fehlt es ihr an Fantasie. Noten müssen zum Hinhören zwingen, müssen etwas erzählen wollen. Bei solch einer intensiven Beschäftigung wird natürlich auch der Erfahrungsschatz entsprechend größer, wie ein Werk einzustudieren ist. Man bekommt ein gewisses Vokabular, um Charles Mingus, Igor Strawinskys ‚Le Sacre du Printemps’ und Morton Feldmans 2. Streichquartett zu spielen. Wichtig bei all dem ist, dass mir das Quartett alle Freiheiten lässt und mir schon fast blind vertraut.“ Wer sich somit wie das Kronos Quartet ständig weiterbildet und dafür selbst für Monate in Ländern wie Mexiko ausführliche Feldstudien in den Konservatorien und Clubs betreibt, den kann so schnell nichts erschüttern. Irrtum. Einmal musste das Kronos Quartet tatsächlich kapitulieren. 1995 klopfte Karlheinz Stockhausen bei Harrington an, ob man nicht dessen „Helikopter-Quartett“ in Amsterdam uraufführen wolle. Wofür die vier Musiker jeweils mit einem eigenen Hubschrauber in die Luft hätten gehen müssen. Harrington: „Das war mir aber einfach zu gefährlich.“ Und in welcher Zeit würde David Harrington gerne leben? „In der ich heute lebe. Musiker können eine wichtige Rolle in der Zukunft spielen. Schließlich haben wir zwei Augen und zwei Ohren.“ So einfach und doch so universell ist eben die Kronos-Philosophie.