4 / 2008

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Leseprobe:

Schritt für Schritt zur Weltspitze

Pavel Haas Quartett


Von: Robert Nemecek

Die Geschichte des Pavel Haas Quartetts scheint eher im Reich der Märchen als in der Realität beheimatet zu sein. Im Jahr 2002 von einer jungen arbeitslosen Geigerin gegründet, trägt das Quartett nach einer dreijährigen Einspielphase gleich bei zwei hochrenommierten Wettbewerben – „Prager Frühling“ und „Premio Paolo Borciani“ – den Sieg davon. Seitdem reißt die Serie der Erfolge nicht ab.

 

2006 wird das Quartett ins „Rising Stars“-Programm der European Concert Hall Organisation (ECHO) aufgenommen und für Auftritte auf ECHO-Konzertbühnen gebucht. 2006 unterzeichnen die jungen Musiker einen Exklusivvertrag mit dem Label Supraphon, wo sie mittlerweile zwei CDs produziert haben, und seit September 2007 kann sich das Quartett mit dem Titel „BBC New Generation Artists“ schmücken. Als wir das Ensemble nach einer Probe in der Kölner Philharmonie Anfang März dieses Jahres zum Interview baten, konnten wir uns davon überzeugen, dass alle vier Musiker – Veronika Jarusková, 1. Violine, Maria Fuxová, 2. Violine, Pavel Nikl, Viola, Peter Jarusek, Cello – Menschen aus Fleisch und Blut sind, die mit beiden Beinen fest in der Realität verankert sind und dabei erstaunlich bodenständig geblieben sind.

Ensemble: Wie ist denn die Probe verlaufen? Sind Sie zufrieden?

Veronika Jarusková: Wir sind sehr zufrieden, auch wenn wir heute in der Umkleidekabine proben mussten.

Ensemble: In der Umkleidekabine?

Veronika Jarusková: Ja, im Saal fand zu der Zeit gerade ein Konzert statt. Also mussten wir in der Umkleidekabine proben. Aber es ging eigentlich ganz gut.

Ensemble: Wenn ich mir die Anfänge des Ensembles anschaue, dann ist die Entwicklung ja ganz klassisch verlaufen. Sie haben sich während des Studiums an der Prager Musik Akademie kennengelernt. Von wem ging eigentlich der entscheidende Impuls zur Bildung eines Quartetts aus?

Veronika Jarusková: Das war wohl ich. Die Entscheidung fiel zu einer Zeit, da Pavel und ich keine Arbeit hatten, während Peter, der übrigens mein Mann ist, beim Skampa Quartett spielte. Also entschloss ich mich, ein eigenes Quartett zu gründen, und Pavel war der Erste, der mitgemacht hat. Das war 2002. Aber so richtig angefangen hat es erst 2004.

Peter Jarusek: In dem Jahr kam ich dann dazu. Wie meine Frau schon sagte, war ich bis dahin Mitglied des Skampa Quartetts. Dann aber wurde mir plötzlich bewusst, dass das eine wunderbare Gelegenheit war, mit Veronika zu musizieren, und so bin ich dann dazugestoßen. Wir waren übrigens sehr erstaunt, wie gut es lief.

Ensemble: Das glaube ich Ihnen gerne, denn nur ein Jahr später haben Sie schon den Wettbewerb „Prager Frühling“ gewonnen.

Veronika Jarusková: Und kurz darauf den Premio Paolo Borciani. Wir hatten wirklich einen schönen Start! 2005 war für uns das Jahr des Durchbruchs.

Peter Jarusek: Das war auch deshalb gut, weil wir uns danach nicht mehr auf irgendwelchen Wettbewerben herumtreiben mussten und uns gleich auf die Konzertlaufbahn konzentrieren konnten. Als sich dann eine Konzertagentur für uns interessiert hat, konnte es gleich richtig losgehen.

Ensemble: Soviel ich weiß, ist gerade der Premio Paolo Borciani sehr gut ausgestattet, sowohl was die Preise angeht als auch von der Konzertplanung her.

Peter Jarusek: Ja. Der Preis war absolut ideal, weil er 40 Konzerte in Japan, Europa und in den USA beinhaltete. Die wurden vom Impresariat Simmenauer organisiert. Normalerweise bekommt man das Preisgeld ausgezahlt und wartet dann darauf, dass jemand auf einen aufmerksam wird.

Veronika Jarusková: Andererseits bedeutete diese Masse an Konzerten für uns eine derartige Herausforderung, dass wir uns gar nicht sicher waren, ob wir es schaffen würden oder nicht. Als ich mir noch während des Wettbewerbs den Tourneeplan angesehen habe, dachte ich, dass die Sieger ganz schön arm dran sind [lacht].

Peter Jarusek: Im Prinzip waren wir weder psychisch noch physisch darauf vorbereitet. Sie müssen bedenken, dass wir erst 2004 angefangen haben, richtig zu proben. Vorher haben wir kaum Konzerte gegeben, und wenn, dann kleine Gelegenheitskonzerte, für die wir nicht einmal Geld genommen haben.

Pavel Nikl: Diese Tournee bekommt übrigens nur das Ensemble, bei dem sich die Jury absolut sicher ist, dass es den Strapazen gewachsen ist. Umso mehr hat es uns überrascht, dass die Jurymitglieder uns das zutrauten. Aber letztendlich haben sie Recht behalten. Wir haben die Strapazen ziemlich gut weggesteckt.

Veronika Jarusková: Na ja – es gab schon krisenhafte Momente, wo wir ziemlich fertig waren. Aber dann haben wir uns relativ schnell wieder berappelt, und es ging weiter.

Pavel_Haas_Quartet.jpgPeter Jarusek: Wir mussten zunächst in Europa innerhalb von 14 Tagen 11 Konzerte absolvieren, und nach dem letzten Konzert ging es tags darauf gleich nach Amerika, wo wir noch am selben Abend auftreten mussten. Dann kommt noch der Jetlag dazu. Aber irgendwie geht’s dann doch, und es hat sich ja auch wirklich gelohnt. Unsere Art zu musizieren kam gut an, und außerdem haben wir viele wichtige Kontakte knüpfen können.

Ensemble: Was behalten Sie davon in besonders guter Erinnerung?

Peter Jarusek: In Japan war’s interessant – die schönen Konzertsäle, die besondere Atmosphäre. Auch an die Konzerte in Deutschland erinnern wir uns gerne. Dort hatten wir immer das Gefühl, dass das Publikum die Musik besonders intensiv aufnimmt. Deshalb sind wir auch gerne wieder hier.

Pavel Nikl: An dieser Stelle sollten wir vielleicht doch sagen, dass das alles unserer damaligen zweiten Geigerin, Katerina Gemrotová, eben doch zu viel wurde, woraufhin sie abgesprungen ist.

Peter Jarusek: Ja. Katerina hat Familie, und sie hatte Probleme damit, Familie und Quartett unter einen Hut zu bringen. Wenn man so viel auf Reisen ist wie wir, dann kann man sich eben nicht ausgiebig seiner Familie widmen. Eine Orchesterstelle schien dann doch besser in ihr Lebenskonzept zu passen. An ihre Stelle ist dann Marie getreten.

Marie Fuxová: Der Kontakt kam über Pavel zustande, den ich vom Studium her kannte. Dann haben mich Peter, Pavel und Veronika zum Vorspielen eingeladen, und offensichtlich hat ihnen mein Spiel gefallen.

Ensemble: Hat es lange gedauert, bis Sie sich eingespielt und eingelebt haben?

Marie Fuxová: Eigentlich nicht. Es war natürlich nicht ganz einfach, direkt auf einem so hohen Level zu spielen. Aber ich habe das Gefühl, dass es bis jetzt gut funktioniert hat.

Pavel Nikl: Auf jeden Fall. Marie passt ja schon deshalb so gut zu uns, weil sie aus der gleichen Schule kommt und zum Teil die gleichen Lehrer hatte wie wir.

Ensemble: Über die sollten wir übrigens auch sprechen. Welcher Lehrer hat Sie am meisten geprägt?

Pavel Nikl: Da wäre an erster Stelle sicher Milan Skampa zu nennen, der uns von Anfang an unterstützt hat.

Veronika Jarusková: Ja. Das war sicher ein Glücksfall. Die Zusammenarbeit funktioniert bis heute sehr gut. Er hat uns natürlich vor allem einen Überblick über das Repertoire vermittelt. Darüber hinaus haben wir aber auch wertvolle Ratschläge bezüglich des Zusammenlebens im Quartett von ihm erhalten. Sie sind da ja ständig mit Menschen zusammen, mit denen Sie sich unter normalen Umständen nie zusammengetan hätten.

Peter Jarusek: Skampa hat uns natürlich vor allem in die Musik Janáceks, Dvoráks und Smetanas eingewiesen. Da er als Mitglied des Smetana Quartetts zu den weltweit renommiertesten Interpreten dieser Musik zählt, gibt es diesbezüglich wohl keinen besseren Lehrer als ihn. Bei russischer Musik hat uns Valentin Berlinsky sehr weitergeholfen, und im Falle der Wiener Klassiker verdanken wir Walter Levin sehr viel. Bis zur 2. Wiener Schule sind wir allerdings noch nicht vorgedrungen. Aber vielleicht kommt das ja noch.

Veronika Jarusková: Wir sagen unserem Agenten immer, dass wir a „little bit old fashioned“ sind [lacht].

Peter Jarusek: Ja, wir lieben nun einmal die große Streichquartett-Tradition und möchten einen großen Teil unserer Arbeit Beethoven, Schubert und den tschechischen Klassikern widmen. Aber wenn wir Lust auf Schönberg haben, rufen wir Herrn Levin sicher an.
Ensemble: Immerhin spielen Sie die Streichquartette von Janácek und Pavel Haas. Das ist ja auch keine leichte Kost.

Peter Jarusek: Nein, sicher nicht. Aber diese Musik liegt uns einfach, und sie ist zwar modern, aber nicht unverständlich. Am schwierigsten ist vielleicht noch das 3. Streichquartett von Haas, das sehr dicht gearbeitet ist. Aber wenn man sich etwas eingehört hat, ist die Tonsprache völlig klar. Dass unsere beiden CDs mehrfach prämiert worden sind, ist meiner Meinung nach auch dem Umstand zu verdanken, dass es einfach ganz tolle Musik ist. Vor allem das 2. Streichquartett ist ein ebenso originelles wie effektvolles Stück, mit dem wir überall auf der Welt große Erfolge feiern konnten.

Ensemble: Es ist dennoch sehr mutig, sich am Anfang seiner Karriere mit unbekannter Musik des 20. Jahrhunderts zu präsentieren. Wie sind Sie eigentlich auf Haas gekommen?

Veronika Jarusková: Das war die Idee eines Freundes aus Brünn, dessen Freundin die Tochter von Pavel Haas kennt. Er hat uns einmal das 2. Streichquartett vorgespielt, und wir waren einfach hingerissen von dieser großartigen, uns bis dahin völlig unbekannten Musik. Und so haben wir uns dann für diesen Namen entschieden. Ich glaube, das war eine gute Idee.

Pavel Nikl: Wir sind auch sehr froh, auf diese Weise die Erinnerung an diesen wunderbaren Komponisten, der unter so schrecklichen Umständen ums Leben gekommen ist, wachzuhalten. Wir haben uns übrigens mit seiner Tochter angefreundet, von der wir viel über das Leben ihres Vaters erfahren haben. Als sie uns erlaubt hat, den Namen ihres Vaters im Titel zu führen, war das ein großer Vertrauensbeweis. Denn damals standen wir ja noch ganz am Anfang, und schließlich hätten wir ja auch alles falsch machen können. 
Ensemble: Wollen Sie eigentlich das Thema Musik in Theresienstadt noch weiter ausbauen? 

Peter Jarusek: Im Moment nicht. Natürlich kennen wir auch die anderen Komponisten, die zu diesem Kreis gehören, und wir mögen auch ihre Musik. Aber wir haben eigentlich nicht vor, uns darauf zu spezialisieren. Dafür sind unsere Interessen einfach zu breit gestreut. Irgendwann werden wir aber sicher auch die Streichquartette von Komponisten wie Viktor Ullmann oder Erwin Schulhoff in unser Repertoire aufnehmen.

Ensemble: Sie haben diese Streichquartette nicht, wie so viele andere Newcomer, bei irgendeinem kleinen Indie-Label aufgenommen, sondern gleich beim größten Label Tschechiens und dürfen sich Exklusivkünstler von Supraphon nennen. Wie ist Ihnen denn dieses Kunststück gelungen?

Peter Jarusek: Das ging eigentlich gar nicht von uns aus, sondern von Supraphon. Wahrscheinlich haben die Macher des Labels gespürt, dass wir das gut machen würden. Die Aufnahmen sind uns, glaube ich, auch wirklich gelungen. Der „Daily Telegraph“ zählte die CD zu den besten des Jahres, und BBC nominierte sie für die Grammophone Awards 2007. Das war natürlich eine fantastische Reklame für uns. BBC hat uns außerdem für zwei Jahre zu New Generation Artists gekürt, was wiederum mit Konzerten und Aufnahmen verbunden ist. Wir haben für die BBC bereits Beethovens op. 132 und ein Stück von Peter Maxwell Davies aufgenommen. Opus 95 von Beethoven und Smetanas Streichquartett „Aus meinem Leben“ sollen bald nachfolgen.

Ensemble: Gibt es für Sie noch einen bislang unerfüllten Traum, den Sie in naher Zukunft wahr machen möchten?

Peter Jarusek: Irgendwelche bombastischen Pläne haben wir eigentlich nicht. Wir gehen einfach Schritt für Schritt weiter, wobei wir selbst sehr gespannt sind, wie sich alles weiterentwickelt.

Ensemble: Und wie sieht Ihr nächster Schritt aus?

Peter Jarusek: Als Nächstes werden wir die beiden Streichquartette von Prokofiew aufnehmen, und wir möchten viel Beethoven und Schubert spielen. Davon kann man nie genug kriegen. Außerdem freuen wir uns auf unsere Auftritte in der Wigmore Hall, beim Edinburgh Festival und in der Carnegie Hall. Unser Terminkalender ist jedenfalls ziemlich voll.

Ensemble: Dann wünsche ich Ihnen viel Glück, und vielen Dank für das Gespräch.


Diskografie Pavel Haas Quartett

Leos Janácek
Streichquartett Nr. 1 „Kreutzer Sonate“
Pavel Haas
Streichquartette Nr. 1 op. 3 und Nr. 3 op. 15
Supraphon 3922-2

Leos Janácek
Streichquartett Nr. 2 „Intime Briefe“
Pavel Haas
Streichquartett Nr. 2 „Von den Affenbergen“
Schlagzeug: Colin Currie
Supraphon 3877-2