5 / 2008

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Leseprobe:

Tagebuch Quatuor Ebène

Das junge französische Streichquartett Quatuor Ebène hat seit seinem Sieg des ARD-Wettbewerbs 2004 eine steile Karriere hinter sich gebracht und spielt in aller Welt, nicht nur traditionelle klassische Werke, sondern auch mit Vorliebe Jazz- und Pop-Musik in unterschiedlichen Formationen mit Gastmusikern. Hier berichtet das Quartett, das soeben einen Exklusiv-Vertrag mit Virgin Classics abgeschlossen und sein erstes eigenes Festival in Frankreich veranstaltet hat, wie sich ein Monat im Streichquartett-Leben abspielt.

Das Quatuor Ebène sind:

Pierre Colombet: Violine
Gabriel Le Magadure (Gab): Violine
Mathieu Herzog (Mat): Viola
Raphaël Merlin (Raph): Cello

Freitag, 1. August – Konzerte Verbier

Morgens sehr coole Probe von Schubert in unserem Chalet. Nicht viel geschlafen, Shani hat Eier zum Frühstück gemacht. Wir haben nur zwei Stunden, man darf das „Mädchen“ nicht hart angehen (den Tod auch nicht): Es erschließt sich viel intensiver, wenn man es nicht zu kraftvoll spielt. Verbier, das sind all die schönen Erinnerungen vom letzten Jahr, als uns Gabor Takacs am Bühnenausgang bewegt in die Arme nahm und mit seinem messerscharfen ungarischen Akzent sagte: „Ihr seid mein größter Stolz.“
Es ist ganz einfach auch ein unglaubliches Festival, wo man Angelika Kirschlager hören kann, die Barbara Bonney vertritt, alle vier erschauernd über einen der schönsten Momente des Gesangs, den man erlebt hat, wo man Mischa Maisky oder Thomas Quasthoff auf der Terrasse begegnen kann …
Das Konzert um 13.30 Uhr läuft sehr gut, wir haben viel Spaß, besonders bei Bartók 1. Als Zugabe „All Blues“ und „Pulp Fiction“ für ein sehr warmherziges Publikum. Unser erstes direkt im Internet verbreitetes Konzert!
Spät abends besuchen wir das Konzert des amerikanischen Popstars Rufus Wainwright; weder mitreißend noch befriedigend, aber eine sympathische Begegnung … Der Abschied kommt später, man darf sich erlauben zu feiern: Das nächste Konzert ist erst in sechs Tagen. So findet sich das ganze Quartett um drei Uhr morgens zu einem Glas Champagner (selten genug!) im gemieteten Appartement von Julien Quentin und macht eine Analyse der scheußlichen Tapete an den Küchenwänden. Die Stimmung ist gut, man macht neue Bekanntschaften, es ist Sommer, ein paar dem ein wenig wahnsinnigen Terminplan gestohlene Stunden. Pierre träumt von einem Konzert mit Julien auf Platine. Das Ebène Quartett elektronisch, warum nicht? Pierre liebt definitiv jede Musik …

Samstag, 2. August – Reise

Einige Stunden Schlaf, später schleppen Pierre und Raphaël mühselig die schweren Koffer zum Taxi, überrascht und ratlos, dass Gabriel, Shani und Mathieu beschlossen haben, übers Wochenende in Verbier zu bleiben: für weitere Konzerte und Treffen, speziell ein Abendessen mit Renaud Capuçon und seiner neuen Freundin. Pierre fliegt nach Paris, um Akiko wiederzusehen. Raph nimmt die Zugverbindung nach Clermont, wo er für ein anderes Festival proben muss. Im ersten Zug sind Frans Helmerson und der Manager von Rufus in voller Diskussion. Pierre und Raph sind zu müde, um sich in diesem Gespräch zu engagieren. Die drei anderen schlafen, Glückspilze …

Sonntag, 3. August – verstreut:

Pierre in Paris (turtelt und paukt), Gab und Mat in Verbier (Public Relations), Raph in Clermont (Probe mit Kevin Seddiki und Richard Héry für nächsten Donnerstag).

Montag, 4. August – zurück in Paris, Proben

Wir starten die letzte Phase der Vorbereitung unseres Festivals „Les Chaises Musicales“ („Die musikalischen Stühle“). In der Stiftung Polignac schließt sich uns der Altist Arnaud Thorette an, zur Probe der Quintette von Mozart KV 516 und Brahms Opus 111 im „klassischen“ Konzertprogramm. Wie immer verschmilzt er sofort mit der Gruppe, es ist eine Freude. Wie bequem, wie einfach! Man hat den Eindruck, nie getrennt gewesen zu sein.

Dienstag, 5. August – Paris

Kevin Seddiki und seine Gitarre sind in Polignac und Ebène defiliert: Jeder geht mit einem Stück seines Genres hin, mit Begleitung transkribiert für Gitarre, für das klassische Konzert am dritten Tag. Mathieu spielt „Salut d’Amour“ von Elgar, was sehr gut zu ihm passt, Gabriel das „Wiegenlied“ von Fauré, Pierre das Intro und das Rondo von Saint-Saëns, Raph ein Stück von Bogdanovic und eine Schubert-Transkription. Es ist nicht alltäglich, getrennt zu spielen, schon gar nicht Solostücke!
Gab und seinem armenischen Vibrato zuhörend, denkt man an Ivry Gitlis, man kostet die seltene Verantwortung, ein Tempo, eine Stimmung zu halten, ohne die Präsenz der drei anderen Mitstreiter. Das ist eines der Ziele dieses Festivals: den geladenen Musikern die Gelegenheit zu geben, ungewohnte Erfahrungen zu machen, von einem Genre oder Stil zum anderen, und indem sie die Grenzen zwischen den musikalischen Kategorien hinwegfegen. 3 Tage, 4 Konzerte, 3 Stilrichtungen: Klassik, Weltmusik und Jazz. Auf dass auch das Publikum eine bereichernde Reise mache … Das alles in einer ländlichen Region, die kaum an kulturelle Ereignisse gewöhnt ist. Was für ein Gefühl, als wir 2003 zum ersten Mal dort waren, um zu spielen – in einem so kleinen Dorf im Poitou eine Kirche voller Bauern im Ruhestand zu sehen, von denen einige zum ersten Mal Musik „in echt“ hörten!

Mittwoch, 6. August

„Les Chaises Musicales“, erster Tag, klassisches Konzert in Angles-sur-l’Anglin
Wir haben die letzte Nacht vor den kommenden 12 Tagen in Paris verbracht und das – wie so oft – noch ausgenutzt. Folglich sind dann im Zug alle müde, sogar Arnaud, der wegen der Fläschchen für seinen kleinen Anatol regelmäßig die Nacht durchmacht.
Der Zug hat anderthalb Stunden Verspätung, das heißt die doppelte Zeit für den Weg nach Poitiers. Mat: „Wenn das ein Nachtzug gewesen wäre, wären wir übermorgen angekommen!“ Die Festivalorganisation ist ein wenig unzureichend, normal fürs erste Mal, das Timing ist wegen des verspäteten Zugs durcheinander, wir verlieren vor der verschlossenen Kirche Zeit und beschließen erst mal Siesta zu machen und direkt vor dem Konzert zu proben. Pierre stirbt vor Hunger, wir machen eine etwas zu lange Imbiss-Pause; wieder zurück sind schon Leute in der Kirche: Wir müssen sie rausschicken, um die Probe zu beenden. Schließlich läuft alles gut, Überraschung in der Pause: Michel Michalakakos, der frühere Professor von Mathieu, kommt enthusiastisch in die Garderobe hereingeschneit. Aus der Nachbarschaft ist Jérôme Pernoo da, wir sind gerührt über seinen Besuch, die Eltern von Raph, Mat, Gab sind für das ganze Festival da …

Donnerstag, 7. August

„Les Chaises Musicales“, zweiter Tag, Weltmusik-Konzert in Saint-Sauveur
Pause für Mat und Gab, die heute Abend nicht spielen. Den ganzen Tag Probe, leider in der Kirche, denn es regnet und windet zu sehr, um, wie geplant, draußen im Garten des Pfarrhauses zu spielen, was perfekt gepasst hätte. Stattdessen haben wir eine schwierige Akustik und Richard Héry muss die Percussion sparsam dosieren, was er übrigens wunderbar macht. Kompositionen und Arrangements mit argentinischem, indischem, bulgarischem, afrikanischem Einfluss, meist für Trio: Kevin Seddiki (Gitarre, Zarb) – Richard Héry (Percussion, Klarinette) – Raphaël (Violoncello). Dann großes Vergnügen, als Pierre zu Kevin auf die Bühne kommt für „Café 1930“ von Piazzolla. Wir vier enden mit der „Milonga della Auscente“ von Saluzzi und, als Zugabe „La Bohème“ (Aznavour …). Ein Erfolg, nicht im Voraus errungen! Die sogenannte „Weltmusik“ hatte inmitten des Ganzen im Vorfeld nicht die gleiche gute Presse wie der Rest des Programms.

Freitag, 8. August – Konzerte Vicq

Wir müssen früh aufstehen und uns der harten meteorologischen Realität stellen: Es herrscht immer noch starker Wind, und selbst wenn es nicht regnet, macht das die Arbeit unseres Tontechnikers Fabrice Planchat fast unmöglich. Wir zögern, beschließen, es drauf ankommen zu lassen. Der Bühnenaufbau dauert zwei Stunden, unterdessen proben wir in der Kirche die Stücke mit Gitarre.
Nach dem Mittagessen Abwägung: Der Wind verdirbt alles, aber wenn er sich beruhigt, ist der Ton hervorragend; wohl doch eher draußen, kein Schallkörper, also kein Rückkopplungsrisiko. Das ist ein praller Tag: ununterbrochen Proben, zwei Konzerte, sehr unterschiedliche Spielarten: Es ist schon ziemlich schwierig, um 18 Uhr Klassik zu spielen, nachdem man den ganzen Tag draußen Jazz geprobt hat. Schließlich laufen beide Konzerte sehr gut, die Götter sind nachsichtig und lassen am Anfang des zweiten Konzerts nur drei bis vier Tropfen fallen. Alle sind zufrieden … Noch zwei Stunden, um das ganze Equipment wieder einzupacken – das ist sehr lang, besonders wegen des Beleuchtungssystems, anschließend kurze Besprechung mit Fabrice und Richard wegen unserer Zukunftspläne, danach Bilanz im Quartett auf dem Zimmer: Julien ist da, Pierre schläft auf Raphs Bett, Mathieu macht die ersten Kritiken, man muss fürs nächs-te Jahr ordentlich seine Lehren ziehen … wir schlafen gegen 3 Uhr.

Samstag, 9. August – Konzert Ambazac

Nach einem letzten Sonnenbad begleitet uns Julien bis zum nächsten Konzert in Ambazac bei Limoges. Wir machen einen Halt fürs Mittagessen bei Daniel Chauche, in einem mittelalterlichen Weiler aus fünf Häusern, perfekt renoviert und ausgestattet als Gästezimmer. Er lädt uns ein zu kommen, um „aufzutanken“, wann immer wir wollen. Großzügiges Angebot, schöner Platz. Das Dumme ist nur: Für uns ist der wahre Ort zum Auftanken … zu Hause!
Vorzügliches Quittengelee, Julien bekommt ein Glas geschenkt, das er dann ein paar Stunden später im Auto vergisst … (Mathieu wird es aufbewahren). Auf der Fahrt spielen wir alle zusammen ein Fußball-Lotto. Pierre sagt die Ergebnisse von Saint Etienne, seiner Heimatstadt voraus, er, der seit Jahren keine Ahnung von Fußball hat … Neben Fußball machen wir auch oft die ‚Paris Idioten’, wobei der Einsatz meist eine DVD ist. Wir stellen häufig unser Gedächtnis auf die Probe und lachen viel. In Ambazac angekommen, macht sich die Müdigkeit vom Festival bemerkbar. Wieder eine kalte Mahlzeit, wieder Schweinebraten mit Mayonnaise, wieder das „Mädchen und der Tod“. Großzügige Akustik, was immerhin etwas Gutes hat: Man hört sich selbst gut, auch wenn man seine Kollegen kaum wahrnimmt. Merlins holen Julien ab, wir stornieren das Hotel, machen uns um Mitternacht auf nach Paris, um dort am kommenden Tag einige Stunden zu verbringen, das hat immerhin was. Mathieu und Raph wechseln sich nach einem ordentlichen großen doppelten Espresso ab, sie sind’s gewohnt. Mathieu mault mal wieder über das Auto, immerhin verdiene man was Besseres als einen Berlingo. Zum Glück grummelt er so viel, sonst würden wir manchmal weniger lachen. Ankunft in Paris um 3.30 Uhr, Raph macht die Taxi-Tournee.
„Quartett-Leben, ich kenne das“, hat Gabor oft gesagt, wenn er uns total kaputt sah. Letztlich gewöhnt man sich dran. Aber trotzdem, es ist zu viel.

Sonntag, 10. August

Reise zum Lake Disrict Festival
Wiedersehen um 17 Uhr am Flughafen. Raphaël hat den Mietwagen zurückgegeben, Pierre hatte Zeit, Wäsche zu waschen, alle sind müde, Mathieu hat schlechte Laune: Er hat vergessen, das Glas Quittengelee zu Hause zu lassen, er hat es noch im Handgepäck: Schon wird es von einem völlig humorlosen Flic konfisziert.
Am Flughafen von Manchester vollbringen wir die Heldentat, einen Zug zu verpassen, obwohl wir seit 45 Minuten am Bahnsteig waren, ein Glas tranken und zu viert diskutierten, was selten geworden ist. Fehlleistung? Der Bahnhofschef war besonders rigide, wir waren vor der Tür. Pierre regt sich auf, Mathieu sucht eine Lösung. Die einzig mögliche, um am Abend in Windermere zu sein, ist ein Taxi zu nehmen, das uns in Preston absetzt, damit wir den Anschluss kriegen. Das Taxi ist kaum teurer als der Zug, selbst für die ziemlich weite Fahrt. Manchmal ganz rentabel, das Leben zu viert … Alles kommt in Ordnung, wir kommen gegen 23.30 Uhr in Ambleside an, nachdem uns jemand in Windermere vom Zug abgeholt hat. Lange Reise, langer Tag und zur Krönung ist der Empfang nicht gerade sympathisch. Andrew, der Chef, hat keinen guten Tag gehabt, die Zimmer sind rudimentär (aber W-LAN umsonst, Gab und Raph freuen sich), Mathieu schmollt. Morgen beim Frühstück werden wir wegen unserer Planung weitersehen.

Montag, 11. August – Lake District, „Unterrichtstag“

Enttäuschung. Nichts zu tun heute, kein Unterricht. Welcome Quatuor Ebène. Den Sonntag hätten wir noch schön in Paris verbringen können, Mathieu ist sauer auf Andrew: „Ich weiß nicht, warum ich hier bin.“ Er hatte schließlich bei unserem Agenten Romain heftig darauf bestanden, dass wir so früh wie möglich kommen. Der telefoniert, gestresste Verhandlungen … Lake District fängt nicht gut an, noch dazu regnet es unaufhörlich, das soll die ganze Woche so weitergehen. Niemals ein Konzert unter freiem Himmel in England geben!

Dienstag, 12. August – Lake District, Unterrichtstag

Der erste Kurs (ein einziger …!), den wir seit langem geben, was unsere Talente als Pädagogen wieder zum Leben erweckt. Frustrierend, dass es nur eine Stunde ist. Nachdem wir uns haben versprechen lassen, dass wir die nächsten Tage mehr zu tun bekommen, arbeiten wir langsam an Mozarts Divertimento F-Dur KV 138, bevor wir uns an das Arrangement von „Isobel“ von Björk machen, das wir Ende des Monats mit Yaron Herman aufnehmen sollen, einem in Frankreich sehr angesagten Jazz-Pianisten und seit Saint-Cosme guter Freund von Mathieu. Ankunft von Akiko, am Abend hört Raphaël die Manchester Camerata, schöne Serenade von Tschaikowsky, fürs nächste Jahr geplant. Wieder zurück, eine Stunde „vom Blatt spielen“ mit verdammt begabten Schülern, trotz der vorgerückten Stunde und Bier …

Mittwoch, 13. August – Konzert Ambleside, UK

Es ist grau. Morgens hat jeder einen Kurs, Pierre mit demselben Quartett wie gestern, das er zum Arbeiten mit nach Paris nehmen will … Gabriel ein Duo Violine-Violoncello, das ihn begeistert hat, Mathieu ein Mädchen-Quartett, das morgen einen Auftritt mit Haydns op. 76 Nr. 5 hat, und für das ein Check des Ausdrucks gemacht werden soll. Und Raphaël ist verblüfft über die 12-jährige erste Geige, die Opus 80 von Mendelssohn mit Ruhe und Autorität geführt hat. Es sind jedes Mal lange leidenschaftliche Erzählungen, die uns unsere Liebe zum Unterrichten vergegenwärtigen. Man lernt so viel! Man muss sich klarer ausdrücken, in der einen oder anderen Sprache, man entdeckt Musik, Temperamente, man versucht, jemanden schnell genug einzuschätzen. Das Gegenteil des Quartett-Lebens, wo die Arbeit langwierig ist, mit Kollegen, die man in- und auswendig kennt, von denen man manchmal mehr überrascht werden möchte. Konzert heute Abend, dasselbe Programm wie in Verbier und Ambazac. Es lässt sich ziemlich gut an, Pierre ist in Hochform. Wir haben das Vergnügen, viele sehr sympathische Schüler kennenzulernen.

Donnerstag, 14. August – Lake District, Unterrichtstag

Es entspannt sich! Heute kein Konzert, wir schlagen den Schülern ein bisschen mehr Unterricht vor, einige machen mit, speziell ein sehr vielversprechendes Quartett aus Manchester, die Benyunes. Vier super-sympathische Mädchen, die schöne Musik machen, bescheiden und so ehrlich! Lob ohne Ende und wir schlagen uns darum, sie zu unterrichten. Pierre will in Paris Kurse für sie einrichten … Wir wechseln die Generation, schon komisch. Beim Frühstück entschuldigt Andrew sich für die Organisation. Abends hören wir das Heath Quartett, das für den ARD-Wettbewerb von Janácek „Kreutzer“ und von Wolff die „Serenade“ vorbereiten. Mathieu mag keine Programm-Musik. Um 22.15 Uhr mit den Beyunes das Mendelssohn-Oktett vom Blatt gespielt, und ein passabler südaustralischer Wein (schwer, hier guten Wein zu finden). Zum ersten Mal spielen wir die ersten Stimmen, Pierre hat von Herzen Spaß daran. Ein paar Stunden später finden sich Gabriel und Raphaël beim Spiel des „Wiegenlieds“ von Fauré und des „Csardas“ von Monti wieder. Die Atmosphäre der Pubs macht England liebenswert.

Freitag, 15. August – Lake District, Unterrichtstag

Die Nachricht des Tages: Romain Descharmes ist ein wunderbarer Pianist, ein großer Musiker. Die Probe von Franck für morgen war höchst einfach, selbstverständlich, angenehm und konstruktiv. Die Schüler beginnen aufzubrechen, der Lehrgang löst sich auf, heute Abend Konzert der Schüler. Gab möchte die spanische Symphonie des 12-jährigen Wunders in Kniehosen hören. Die Abschlussfete ist angenehm, wohlerzogen, aber es ist auch schwer, sich gehen zu lassen, morgen Vormittag ist Konzert. Julien ruft an, sein Vater ist an seinem dritten Krebs gestorben. Wir tun, was uns möglich ist, um ihn von ferne zu stützen, man fühlt sich idiotisch, so weit weg von den Freunden …

Samstag, 16. August – Konzert Ambleside, Rückkehr nach Paris

Schwer, so früh aus dem Bett zu kommen! Trotzdem müssen wir: für ein Konzert um 11 Uhr, Anschluss um 9 Uhr, Klavierstimmen um 10 Uhr. Der Klavierstimmer, sehr autoritär und unangenehm, fordert uns auf, die Bühne um Punkt 10 Uhr zu verlassen, damit er stimmen kann. Wir lassen uns darauf nicht ein (Pierre: „Großartig, das Konzert wird schlecht sein, aber das Klavier gestimmt, vielen Dank!!“) und hören um 10.10 Uhr auf zu proben. Wortlos nimmt der Klavierstimmer seinen Platz ein, um ihn fünf Minuten später wieder zu verlassen … Die Kirche menschenleer, Probe beendet, Müdigkeit … der Sommer war schon lang. Aber vor allem, vor allem … ES IST KALT! Das Konzert läuft sehr gut, als Zugabe beschert uns Romain eine wunderbare Barkarole von Fauré. Komisch, sich in der Kirche hinzusetzen, um dann für die Verbeugung zurückzukommen. Ein Taxi zum Flughafen Manchester für alle sechs (Quatuor Ebène + Akiko + Romain), einige graue Stunden des Wartens, im Schwebezustand. Gastronomische Analyse von „fish & chips“ (nicht gerade fabelhaft), Duty-Free-Einkauf, Versuch eines Schläfchens … Wir mögen Flughäfen nicht besonders. In Paris um 20 Uhr, es ist schön, frühlingshaftes Wetter. Wo sind die Augustmonate von einst geblieben?

Sonntag, 17. August – Paris

Seit 2007, Sonntag in Paris = keine Proben, nur im Notfall. Jeder ruht sich ein wenig aus … Für Mathieu und Raphaël chaotisches Privatleben.

Montag, 18. August – Konzert Salzburg

Ein enormer Tag. Aufstehen um 5 Uhr, Flugzeug um 7 Uhr, Ankunft in München.
Mathieu hat gestern in einem romantischen Anfall Wien gebucht, so lässt er Raphaël als Chauffeur von München nach Salzburg allein. Kleine Probleme mit den Autovermietern, Frühstück (Omelett, leider haben sie keinen Möhrensaft), großer Kaffee für Raph. Wir verpassen die Ausfahrt zur Umfahrung von München (man landet immer wieder in diesem guten alten München), verlieren Zeit auf dem Ring, um uns dann auch in Salzburg wieder zu verfahren, von dem Raph doch glaubt, es gut zu kennen. Wenn die Stimmung gut ist, ist es fast lustig, sich gemeinsam zu verirren. Wir treffen Mathieu im Hotel wieder, nach dem Mittagessen gesellen sich zwei Journalisten mit unserem österreichischen Agenten Mark zu uns. Um 3 Uhr unbedingt Mittagsschlaf … Umfangreiches Programm heute Abend, Debussy – Bartók 1 – Webern „Langsamer Satz“ – Ravel; für die Vorpremiere dieser lang erwarteten Platte, deretwegen wir zu einem anderen Label gewechselt haben, das uns schließlich Ravel aufnehmen ließ, den wir ohne Unterlass seit der ersten Probe 1999 spielen! Diese so expressive französische Musik, bei Letzterem keusch, aber offen amourös bei Debussy, unendlich melodisch bei Fauré, der im Programm des heutigen Konzerts nicht erscheint. Wir sind schließlich in Salzburg, da muss man schon ein bisschen Wiener Musik spielen … Wir widmen Webern fast die ganze (kurze) Probe, die von einem kurzen Zank zwischen Pierre und Mathieu unterbrochen wird. Wir sind alle kaputt, die Nerven liegen blank, aber schlussendlich wissen wir, dass wir einen weiteren Sommer durchgehalten haben, und sind stolz aufeinander. Das Konzert läuft, trotz des anfänglichen Lampenfiebers, gut, exzellente Gefühle bei Bartók, Momente großer Intensität, wir genießen das letzte Konzert für die nächsten zwei Wochen. Enthusiastisches Publikum, drei Zugaben, „Spain“ – „Pulp Fiction“ – „All Blues“. Offizielles Dinner auf Einladung von Virgin Classics, mit Presse-Attachés, dem Geschäftsführer von EMI, dem Produzenten Alain, Gabriele, unsere liebe Gabriele, die in der Pause mit Ingeborg in die Loge kam, total aufgedreht, Klaus war auch da, unser so kostbarer Münchner Fanclub … Langes und gutes Dinner, gute Begegnung, die Projekte sind angeschoben, der Wein fließt und wir müssen noch morgen früh fahren, um das Flugzeug um 10.25 Uhr in München zu bekommen. Es ist verrückt.

Dienstag, 19. August – zurück nach Paris

Diesmal fährt Mathieu, wir verfahren uns wieder in Salzburg, kriegen aber trotzdem das Flugzeug in München. Klar, weil Mathieu sein Hinflug-Ticket nicht genutzt hat, lassen sie ihn auch für den Rückflug nicht mit uns einsteigen. Er wird also sechs Stunden am Münchner Flughafen verbringen, der allerdings angenehmer ist als der von Manchester. In Paris kurze Probe des ersten Quartetts mit Klavier von Fauré, ohne Mathieu … Akiko ist genervt, das ist die letzte Probe vor Wissembourg, wir haben alle Löcher im Kalender gestopft. Sie hat das kleine Schmuckstück Opus 15 noch nie gespielt, an dem sie und Pierre sich immer wieder ergötzen, wenn sie hier oder da eine flüchtige, unerwartete höhere Harmonie entdecken. Raph verlässt sie, um in Clermont Julien zu treffen, nach dem Begräbnis.

Mittwoch, 20. August – Limoges

Einzige Probe mit dem Yaron Herman Trio. Welche Ruhe, welches Niveau, welche Präzision beim Schlagzeuger, welche Genauigkeit beim Kontrabassisten, welcher Erfindungsreichtum bei Yaron, die sprechen mit uns durch ihre Töne und ihre Grimassen, welches Glück, diese Jazz-Momente zu teilen. Das war die sechs Stunden des Tages im Zug wert, oder die fünf auf der Straße …

Donnerstag 21. August – Paris

Hochzeit von Antoine Tamestit, dem König der Bratsche, dem Gefährten 2004 beim Wettbewerb in München, mit seiner Jugendliebe Eliette in Paris. Kurze Zeremonie im Rathaus, Raph improvisiert zwei Minuten im Stil von Bach über das Thema des Hochzeitsmarsches von Mendelssohn. Ein paar Stunden später treffen wir uns auf dem Kahn wieder, nur Mat fehlt, Paris by night, die Fete wird für die einen oder anderen mehr oder weniger lang, schöne Ferien Quatuor Ebène, ihr habt sieben Tage, euch auszuruhen …