2 / 2009

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Leseprobe:

Gewandhaus-Quartett im 200. Jahr

„Wir sind die Letzten einer Tradition.“

Von: Carsten Dürer

Kurz nachdem der damalige Konzertmeister des bereits renommierten Gewandhausorchesters in Leipzig, Heinrich August Matthäi, 1808 ein Streichquartett unter dem Namen des Hauses gegründet hatte, wurden die Abende des Quartetts ein Höhepunkt in der damaligen sächsischen Metropole Leipzig. Seither existiert das Gewandhaus-Quartett ununterbrochen. Eine lange Tradition, die sich durch die immer neue Besetzung des Quartetts beständig erneuerte. Heute sind es die Mitglieder Frank-Michael Erben (1. Violine), Conrad Suske (2. Violine), Olaf Hallmann (Viola) und Jürnjakob Timm (Cello), die diese Tradition fortleben lassen. Längst ist aus dem an das Gewandhaus gekoppelten Quartett ein weltweites Aushängeschild für die deutsche Quartettkultur geworden. Wir sprachen mit dem Quartett, das in der laufenden Saison 2008/2009 sein 200. Bestehen feiern kann. Und wir erfuhren dabei, dass die momentane Besetzung die letzte sein wird, die in der Leipziger Streichertradition ausgebildet wurde. Beim vergangenen Beethovenfest 2008 spielte das Gewandhaus-Quartett eine der Krönungen der Quartettliteratur: sämtliche Beethoven-Streichquartette. Eine Mammutleistung und eine Konzentrationsleistung zudem. Proben, Auftritte und weitere Proben reihen sich im Kammermusiksaal des Beethovenhauses Bonn aneinander. Wir besuchen eine der Proben, um uns im Anschluss mit dem Quartett zu treffen. Schnell merkt man: Obwohl es für das Gewandhaus-Quartett Standardrepertoire bedeutet, ist man hochkonzentriert bei der Sache, feilt an Details, als würde man diese das erste Mal entdecken. Aber die von einem der Mitglieder eingeworfenen Vorschläge werden derartig schnell umgesetzt, dass es einen erstaunt.
Das Quartett hat eine lange Tradition, eine, die so eng mit dem Gewandhausorchester verbunden ist, dass sich schnell die Frage stellt, ob den Mitgliedern wohl bewusst war, dass sie in diesem Streichquartett landen können, als sie sich auf die Stellung im Orchester bewarben und sich nach und nach zum Stimmführer vorarbeiteten? Conrad Suske: „Sie haben Recht, es ist einem nicht klar. Man bewirbt sich erst einmal auf die Stelle im Orchester und arbeitet sich dann nach und nach vielleicht zum Stimmführer hoch. Und dann besteht die Möglichkeit, ins Quartett zu gehen. Es ist aber nicht zwingend, dass man als Stimmführer gleich ins Quartett kommt. Wenn beispielsweise ein Orchestermitglied aus Altersgründen ausscheidet, dann wird ein anderes Mitglied für das Streichquartett gesucht. Erst einmal werden mögliche Kandidaten im Probenprozess, dann aber auch in der Konzertsituation ausprobiert. Und dann entscheidet das Quartett, ob der Kollege oder die Kollegin zu den anderen Quartettmitgliedern passt.“ Es ist also nicht zwingend, wie allgemein angenommen, dass man als Stimmführer auch zwangsläufig ins Quartett aufgenommen wird? Frank-Michael Erben: „Nein, es gibt ja auch einen Pool an möglichen Kandidaten, wir haben ja drei erste Konzertmeister, zwei Solocellisten, dann auch stellvertretende Konzertmeister und Solobratscher und so fort. Wenn man die alle mal zusammenzählt, sind das circa 20 Personen. Wenn also ein Mitglied aus dem Quartett ausscheidet, dann überlegen wir erst einmal, welche Personen aus diesem Pool passen könnten. Und dann kommt es zu dem angedeuteten Prozess.“ Der letzte Wechsel wurde durch das Ausscheiden des Bratschers Volker Metz verursacht, dessen Position nun seit einigen Jahren Olaf Hallmann innehat. Aber der Prozess war langsam, langwierig, hat man doch schon etliche Konzerte mit Hallmann gespielt, bevor man sich endgültig für ihn entschied. Die Auswahl wird aber wirklich in der Regel aus dem Pool der Stimmführer und ihrer Vertreter getroffen? Also würde man wohl kaum einen Spieler von den letzten Pulten der Streicher ins Orchester einladen? „Auch das ist nicht ausgeschlossen“, erklärt Erben, „wenn man feststellt, man passt nicht zusammen, dann hat man die Option, auch von den letzten Pulten zu wählen. Das stände vielleicht nicht so sehr in der Tradition des Quartetts, aber auch die Tradition hatte so ihre Lücken, so gab es einen Primarius des Quartetts, der nicht der Konzertmeister des Orchesters war, sondern Professor an der Hochschule in Leipzig; das war Adolf Protzky 1885, der auch das Tschaikowsky-Violinkonzert uraufführte.“ „Und Klengel war lange Zeit Solocellist und war dadurch Quartettcellist, verließ aber das Orchester und ging an die Hochschule, ohne seine Position im Quartett aufzugeben“, fügt Jürnjakob Timm hinzu und erklärt: „Ich habe in meiner langen Zeit im Quartett auch schon verschiedenste Fälle erlebt. Es ist zum Beispiel denkbar, dass ein Kollege als Tuttist ins Orchester kommt, sich in den nächsten Jahren vorarbeitet zum Konzertmeister oder dessen Stellvertreter und dann erst ins Quartett kommt. Aber es kann auch passieren, dass man gleich an eine Führungsposition im Orchester kommt und gleich ins Quartett kommt. So ist es mir passiert.“ Conrad Suske zu der heutigen Besetzung: „Früher war es in der Regel so, dass der Konzertmeister des Orchesters, der Stimmführer der 2. Geigen, der Stimmführer der Bratschen und der Cellisten die Quartettpositionen bekleideten. Heute hat sich das ein wenig verschoben: Ich spiele beispielsweise nicht in den zweiten Violinen, sondern auch in den ersten Violinen. Es gibt also keinen Automatismus, sondern es verschiebt sich beständig.“ Erben betont noch einmal: „Wichtig ist, zu erwähnen: Das Quartett darf autonom entscheiden, da redet keiner rein. Keine Direktion oder irgendjemand anders. Nur die verbliebenen Quartettmitglieder entscheiden.“ Die Autonomie ist dem Quartett wichtig, das spürt man.

Quartett und Orchester

Besteht nicht aber auch eine Art von Druck, wenn die Mitglieder wissen, dass mit einem Fortgang aus dem Orchester auch ein Wechsel im Quartett stattfinden wird? Oder ist es eher so, dass die Orchestermitglieder, die einmal an einer bestimmten Position im Gewandhausorchester spielen, auch in diesem Orchester für den Rest ihres Lebens bleiben? „Die Geschichte hat gezeigt, dass die Wechsel im Quartett recht selten sind, was bedeutet, dass die Orchestermitglieder nicht allzu häufig wechseln“, erklärt Frank-Michael Erben. „Das Orchester ist kein Ensemble für Kollegen, die noch etwas ganz anderes im Kopf haben. Im bundesdeutschen Vergleich haben wir im Gewandhausorchester eine immens niedrige Quote an Wechseln. Es gibt kaum Kollegen, die nach anderen Orchestern streben, wenn sie einmal aufgenommen wurden.“ „Zumindest kann man sagen, wenn einer im Quartett ist, also einmal diese Position innehat, dann wird er nicht mehr wechseln wollen“, untermauert Timm diese Ansicht.
Die Mitglieder dieses Quartetts haben eine beständige Doppelbelastung zu tragen, spielen in ihren Positionen im Orchester und im Quartett, sind in der Kammermusikbesetzung auf Tournee, spielen CDs ein – das kostet Zeit. Erhalten die Quartettmitglieder Sonderbehandlungen im Orchester, damit die Zeit für das Quartettspiel ermöglicht wird? Erben: „Natürlich gibt es eine Reduzierung der Dienste, dass wir also nicht alles spielen müssen, das ist klar. Jetzt beispielsweise sind wir eine ganze Woche hier beim Beethovenfest. Das ist ja auch im Interesse des Orchesters! Ich sage immer, dass wir die kammermusikalische Speerspitze des Gewandhausorchesters sind. Wenn wir also hier positiv abschneiden und die Presse positiv reagiert, dann fällt das auch positiv auf das Orchester zurück. Es gab mal Überlegungen, das Quartett weiterbestehen zu lassen, aber nicht mehr ans Orchester gekoppelt zu haben. Aber das wurde niemals verwirklicht.“ „Ich denke, das ginge auch aus rein rechtlichen Gründen nicht, dass man als Quartett den Namen wohl kaum vollkommen losgelöst behalten könnte“, gibt Conrad Suske zu bedenken. Letztendlich hat das Quartett auch das Privileg der Sicherheit der Orchesterpositionen im Hintergrund, denn im Vergleich zu freien Quartetten, die allein vom Quartettspiel leben müssen, haben diese vier Mitglieder eine extreme Sicherheit, finanzieller Art. „Es hat Vor- und Nachteile“, meint Erben, „manchmal wünscht man sich vor allem noch mehr Terminfreiheiten. Oftmals gibt es Anfragen für Konzerte mit dem Quartett, die wir absagen müssen, da wir beispielsweise auf einer Tournee mit dem Orchester sind. Auf der anderen Seite sehe ich natürlich auch die freie Szene, mit den freien Ensembles. Es gibt da immer mal gute Jahre für die Quartette, dann aber auch wieder schlechte Jahre. Das ist natürlich hartes Brot. Und es gibt beständig neue Quartette, und die alten bleiben lange.“

Die Tradition

Die Tradition der vergangenen 200 Jahre, die hinter diesem Quartett steht, ist eine immense Geschichte, eine, wie es sie nicht noch einmal in der Kammermusik gibt. Doch wie empfinden die heutigen Mitglieder des Quartetts diese Geschichte? Ist es eine Lust oder eher eine Bürde? Jürnjakob Timm: „Das ist nun einmal die Geschichte, die immens viel zu bieten hat. Aber es ist keine Bürde!“ „Es ist keine Last, sondern eine Lust“, meint Erben, „es kommt natürlich darauf an, was man daraus macht. Ich denke, dass jede Gewandhaus-Quartett-Besetzung ihren eigenen Weg in Bezug auf den Klang gefunden hat. Wir beispielsweise spielen in unserer heutigen Besetzung anders als die Besetzung der achtziger oder der sechziger Jahre. Auch wie es unsere Väter noch getan haben. Es gibt also Dinge, die sich lohnen erhalten zu werden, so beispielsweise die Klangkultur, die ja auch das Orchester auszeichnet, und was wir bis zu einem Stück weitertragen. Wir kommen ja alle vier aus der Leipziger Streicherschule, wurden an dem damaligen Konservatorium ausgebildet. Und klar spielen wir dann Mozart und Haydn heut doch ganz anders, mit einem schlankeren Klangbild, als man das noch in den sechziger Jahren machte. Da hat sich im Orchesterklang viel getan, und in unserem Quartett auch.“
Drei der heutigen Quartettmitglieder haben auch noch eine familiäre Tradition innerhalb des Quartetts. Frank-Michael Erben stammt aus einer Leipziger Familie mit Musikhintergrund und folgte seinem Vater, Friedemann Erben, auf den Chefsessel des Quartetts. Conrad Suskes Vater, Karl Suske, spielte ebenfalls lange im Gewandhaus-Quartett. Seit 2006 ist Olaf Hallmann im Quartett und bekleidet die Bratscher-Soloposition im Orchester; er folgte ebenfalls seinem Vater, Dietmar Hallmann, im Quartett. Dennoch ist Cellist Timm der momentan ältest gediente Spieler im Quartett. Wie kam das zustande? Conrad Suske: „Das ist wirklich Zufall, auch wenn man den Eindruck von Vetternwirtschaft erhalten könnte.“

Veränderungen

Conrad Suske aber spricht eine Thematik an, die die Zukunft dieses Quartetts betrifft: „So eine Tradition wie mit uns und unseren Vätern wird es natürlich nie wieder geben. Wir sind die letzte Leipziger Besetzung“, sagt er und erklärt, warum: „Wenn Herr Timm beispielsweise gehen sollte, dann kann es schon passieren, dass beispielsweise ein Mitglied aus einem anderen Land ins Quartett kommt. Das hat auch etwas mit der Internationalisierung im Bereich der Musik zu tun.“ Und Timm weiter: „Natürlich spielt da nicht nur das Technische eine Rolle, sondern auch, dass man eine Ader für diese Art von Quartettspiel hat. Und bei unserer Besetzung haben das die Söhne natürlich von Anfang an aus dem Elternhaus mitgekriegt.“ Das bedeutet: Auch bei dem Leipziger Gewandhausorchester sieht es heute wie weltweit in vielen Orchestern aus – die Orchestermitglieder kommen mittlerweile aus aller Herren Länder und nicht nur mehr aus Deutschland oder beispielsweise sogar Leipzig. Erben zu dem Thema: „Das bedeutet in den kommenden Jahren nicht nur für uns, sondern auch für das Orchester eine Riesenherausforderung, nämlich den Klang, für den man weltweit bekannt ist und wegen dem man auch gehört werden will, diesen sächsischen Klang des Gewandhausorchesters – der auch noch anders ist als der der Staatskapelle Dresden – weiterzuführen. Dafür brauchen die Musiker einen Nerv. Und jetzt haben wir bei offenen Stellen bis zu 200 Bewerbungen aus aller Welt. Diese Bewerber sind erst einmal technisch gut ausgebildet. Aber ob sie den Klang des Orchesters erkennen und auch einen Gefallen daran haben, das ist eine andere Sache und zeigt sich immer erst mit der Zeit. Wenn man plötzlich zu viele von diesen Fällen hat, dann kann das den Klang sprengen.“ Und das wird sich natürlich auch auf das Quartett auswirken. Bedeutet dies, dass es vielleicht in Zukunft fast nur mehr eine glattgebügelte, eine international gleiche und gültige Klangidentität bei den Klangkörpern geben wird? Diese Frage muss noch unbeantwortet bleiben.
Wäre dies nicht auch eine Herausforderung, eine Aufgabe eines Gewandhaus-Quartetts, diese Spiel- und Klangkultur frühzeitig weiterzugeben an jüngere Spieler, diese zu unterrichten? Die Antwort ist klar, die Zeit für solch eine Aufgabe fehlt einfach. Natürlich unterrichten einige der Quartettmitglieder im Lehrauftrag in Leipzig an der Hochschule. Früher allerdings war das anders. Olaf Hallmann: „Früher waren die Lehrer an der Hochschule ja auch gleichzeitig die Stimmführer im Orchester und spielten auch im Quartett.“ Erben erläutert, warum dies heute nicht mehr möglich ist: „Das war zu DDR-Zeiten noch möglich, dass man diese zwei Positionen nebeneinander haben konnte. Nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung kam das neue Hochschulgesetz, was dies verhinderte. Man kann nur eine Vollzeitstelle haben.“ Die Auswirkungen: In der Hochschule in Leipzig sind die Professoren meist als Solisten tätig, keine Orchestermusiker mehr. Dabei war eine der Grundideen bei der Gründung dieser Hochschule durch Felix Mendelssohn Bartholdy, dass man aus der Ausbildung auch wieder die Orchestermusiker des Gewandhauses rekrutiert. Und das alles kann sich in Zukunft auch auf das Quartett auswirken. Doch so weit ist es noch nicht. Momentan gibt das Gewandhaus- Quartett vor allem im Ausland im Umfeld von Konzerten immer auch wieder Meisterkurse. Aber dies ist nur ein Schlaglicht auf eine nicht wiederbringbare Tradition, die mit den Veränderungen endgültig verloren gegangen zu sein scheint.

Aufnahmen und Repertoire

Seit den 60er Jahren gibt es Aufnahmen des Gewandhaus-Quartetts. Die alten Aufnahmen sind bei Edel auf dem Label Berlin Classics vielfach wieder erschienen, in unterschiedlichen Quartett-Besetzungen. Doch das heutige Quartett ist das erste Quartett, das Aufnahmen direkt auf CD veröffentlichen konnte. Das Label NCA kam Mitte der 90er Jahre auf das Quartett zu. „Man wollte erst einmal Nischenrepertoire mit uns machen, russische Werke. Danach wollten wir dann gerne Beethoven spielen. Man sagte uns: Ach nein, das machen doch alle. Aber dann spielten wir Op. 95 ein und es erhielt viel Lob, dann machten wir den ganz späten. Wir haben uns dann von hinten nach vorne vorgearbeitet, bis wir alle Beethoven-Quartette eingespielt hatten.“ So Frank-Michael Erben. Wollte man ganz gezielt – und im direkten Vergleich – gegenüber der Vorgängergeneration der Väter das Standardrepertoire noch einmal einspielen, anders machen? „Das liegt in der Natur der Sache, dass man auch nach Wechseln im Klangkörper immer wieder neue Impulse bekommt, neue Einflüsse, dass sich auch dadurch die Spieltechnik verändert. Zudem haben sich in den vergangenen Jahrzehnten auch die Aufführungspraktiken verändert, so dass man bestimmte Dinge immer wieder hinterfragt.“ So sagt Conrad Suske. Und Jürnjakob Timm fügt hinzu: „Das betrifft den Gesamtprozess, aber es stand niemals der Wille im Vordergrund, es nun einfach anders machen zu wollen. Das hat sich so ergeben.“
Als Olaf Hallmann vor vier Jahren begann, mit den drei langjährigen Mitgliedern zu spielen, und er dann 2006 endgültig die Position von Volker Metz übernahm, war für ihn dann doch letztendlich vieles neu: „Ich habe natürlich viel gelernt, als ich mich in eine solch fertige Truppe hineinbegab. Aber es war auch von Anfang an eine tolle Zusammenarbeit.“ Natürlich haben alle vier auch vor ihrer Tätigkeit im Gewandhaus-Quartett schon Erfahrungen in der Kammermusik und im Quartettspiel sammeln können, meist aber doch eher im studentischen Miteinander als auf professioneller Ebene wie heute. Timm: „Ich bin auch zu meiner Studienzeit immer schon in die Konzerte des Gewandhaus-Quartetts gegangen, die damals noch in der Alten Handelsbörse stattfanden. Ich habe niemals gewagt zu denken, dass ich da mal mitspielen würde“, schmunzelt er.
Traditionellerweise, vor allem wenn man auf die lange Geschichte schaut, hat das Gewandhaus-Quartett immer auch viel Neue Musik gespielt, Musik, die damals neu war. So ist die Zahl der Uraufführungen kaum zu übersehen. Darunter Werke von Reger, David, Dehnert.
Diese Tradition soll auch vom heutigen Gewandhaus- Quartett fortgeführt werden. Aber berühmt ist dieses Quartett doch viel eher durch die Interpretationen des Standardrepertoires der Klassik und Romantik, oder täuscht das? „Ja, das ist richtig“, sagt Frank-Michael Erben, „aber damals war es ja auch anders, denn es gab ja außer Haydn und frühen Mozart-Quartetten eigentlich gar nichts, man spielte also immer Neue Musik. Heutzutage wollen die Veranstalter natürlich das Gewandhaus-Quartett vor allem mit dem klassischen und romantischen Repertoire hören.“ „Dieses Repertoire kommt ja auch unseren Neigungen entgegen“, meint Timm. „Wir sind natürlich kein Ensemble, das sich auf die Moderne Musik spezialisiert hat, aber wir haben genug Uraufführungen und moderne Werke gespielt, so dass es sich sehen lassen kann. Man muss nur immer abwägen, wo man diese Werke spielt und anbietet.“ Vor allem in Übersee werden kaum Programme akzeptiert, die nicht allein das Standardrepertoire, vor allem aber die klassischen Meisterwerke beinhalten, namentlich die USA und Japan wissen die vier zu nennen. Nicht einmal Ravel sei dort unterzubringen, grinsen die Streicher.
Aber natürlich gibt es innerhalb der sechs Konzerte, die man traditionell in einer eigenen Abonnement-Reihe im Gewandhaus veranstaltet, auch immer Uraufführungen und Neue Musik zu hören, eingerahmt in die großen bekannten Meisterwerke. Vom Traditionspublikum in Leipzig wird dies akzeptiert. Allerdings findet sich bei dieser laufenden Reihe eine andere Herausforderung. Erben: „Wir haben in Leipzig ein sehr treues Publikum. Und da muss man bei der Planung schon einmal überlegen, was man die vergangenen Saisons auf die Programme gesetzt hat, um sich nicht zu wiederholen.“ Daneben spielt das Quartett aber auch vielfach mit Gästen innerhalb einer thematischen Reihe. Sabine Meyer, Lars Vogt, viele, viele wären zu nennen. Auch hier ein Vorteil für das Quartett. Wenn ein Solist für das Gewandhausorchester eingeplant wird, fragt das Quartett dann schon mal an, ob dieser Solist nicht auch im Anschluss mit dem Quartett spielen möchte. Eine preisgünstige Variante, denn solche Solisten ausschließlich für die Kammermusikauftritte einzuladen, wäre kaum finanzierbar. Und da ist man frei: Streichsextett, Klavierquartett oder Klavierquintett und so fort. Auf Tournee geht man mit Gästen nur, wenn die Veranstalter das anfragen.
Frank-Michael Erben verbindet noch einmal die Zusammenhänge: „Wenn ein Quartett sich gründet, passiert das meist, wenn die Mitglieder noch recht jung sind. Gemeinsam beginnt man an einem Anfang und baut darauf auf. Zwar kann es mit der Zeit mal zu Wechseln kommen, aber es ist doch etwas anderes als bei unserem Quartett. Hier ist es so, dass die Wechsel immer versetzt geschahen. Das bedeutete: Die alten Hasen hatten immer schon das gesamte Repertoire drauf, so dass man von der Erfahrung profitieren konnte. Und der Klang, von dem wir gesprochen haben, wurde immer ein Stück weitergetragen. So haben sich Tradition und neue Sichten verbunden. Und so wird es der Generation nach uns auch gehen.“

Instrumente

Spielen die vier Quartettmitglieder im Quartett dieselben Instrumente wie im Orchester? „Ja“, sagen alle. Wie aber ist es, wenn nun ein Mitglied wechselt und dadurch eine Verschiebung in der Klanglichkeit aufgrund des anderen Instrumentes entsteht? „Das muss man dann ausprobieren“, sagt Erben. Jürnjakob Timm hat ein ganz besonderes Instrument: Sein Cello spielte bereits Julius Klengel, der Ende des 19. Jahrhunderts im Gewandhaus- Quartett Cello spielte. Es war früher im Besitz von Siegfried Palm und ist über viele Wege vor zwei Jahren zurück ans Gewandhaus gelangt. Aber man probiert schon aus. So hatte Erben vor einiger Zeit eine wunderbare moderne Violine, die vor allem für seine Solokonzerte mit einem großen Ton perfekt war. Aber im Streichquartett passte dieses Instrument nicht, und so gab er sie wieder zurück.

Über 200 Werke führt das Gewandhaus-Quartett heute im Repertoire. Doch viele Werke sind – zumindest in der heutigen Besetzung – noch nicht gespielt, vor allem etliche Haydn-Quartette. In diesem Jahr will man zum 200. Geburtstag von Felix Mendelssohn alle Quartette des großen Mitbegründers des Gewandhausorchesters und der Hochschule in Leipzig spielen und hat sie soeben auch aufnehmen. Schumann hat man bereits eingespielt, aber Busoni steht beispielsweise auf dem Plan. Kaum zu übersehen ist die Flut der Aufnahmen, die vom Gewandhaus- Quartett existiert, aber ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Und immer wieder fasziniert beim Anhören der Konzerte und der Einspielungen vor allem der Klang, das Streben nach der Verschmelzung der Stimmen, wobei die Agogik doch immer eigen, aber einleuchtend ist. Auf diese Weise behält das Gewandhaus-Quartett einen eigenen Klang, eine eigene Aussagequalität – ganz im Sinne der großen Tradition.